AutobiografieSo wurde der Gewinner des Seamaster Awards Craig Wood zum Solosegler

YACHT-Redaktion

 · 21.01.2026

Craig Wood an Bord des auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen 41-Fuß-Aluminium-Katamarans.
Foto: dpa/pa
In seiner Autobiografie schildert Craig Wood, der dreifach Amputierte und Preisträger des Seamaster Awards 2026, seinen Weg zum Solosegler. Hier folgt ein Vorabdruck des Kapitels über paralympisches Segeln.

F​ünf Tage später erreichte ich den Yachthafen. Das Thermometer kletterte kaum über 5 °C. Mein Atem bildete vor mir eine kleine, heiße Wolke. Es war eiskalt. Alle Sonar-Boote lagen am Steg bereit, Segel und Leinen waren bereit zum Aufriggen. Ich roch Salz in der Luft und den Geruch von angespültem Seetang. Allein die Nähe zum Wasser verursachte ein Kribbeln in mir.

Ich blickte auf und sah meinen Trainer im paralympischen Segeln auf mich zukommen – trotz breitem Grinsen sah er mich sorgenvoll an. „Mit den Wundnähten deiner Nase kannst du nicht segeln, Craig. Das kann ich nicht zulassen“, sagte er und rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. „Okay“, sagte ich, dachte aber, dass mich heute nichts vom Segeln abhalten könnte.


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Während der Trainer die anderen in meiner Gruppe schon einwies, ging ich zu den Herrentoiletten. Wenn ich mit den Nähten nicht segeln durfte, gab es eben keine andere Wahl. Die Fäden mussten raus. Ich hatte alles dabei – wer im Krankenhaus ist, hat ja immer alles dabei –, ich brauchte nur noch einen Spiegel. Im Badezimmer lehnte ich mich an die Scheibe, um genauer hinzusehen. Es war schnell erledigt, und die Wunde war sowieso fast verheilt. Ich nahm meine chirurgische Pinzette, hob die Knoten der Fäden an, schnitt sie mit der Schere durch und zog sie nacheinander heraus. Fertig. Mein Trainer hatte die Besprechung fast beendet, als ich zurückkam.

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„Ich habe die Fäden entfernt“, sagte ich und zeigte ihm stolz mein Werk. „Im Ernst?“, fragte er fassungslos. „Ja, ich sollte eigentlich ins Krankenhaus, um sie ziehen zu lassen, aber ich habe ja das gleiche Set hier, es war also kein Problem.“ „Nicht zu fassen, dass du das gemacht hast.“ Der Trainer wusste nicht, was er sagen sollte. Ich sah ihm zu, wie er kurz nachdachte und überlegte, was er tun sollte. „Na gut. Sobald dir kalt wird, hören wir auf“, sagte er. Ich glaube, er hatte gemerkt, was mir das Training bedeutete.

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​”Ich konnte ja nicht ständig ins Krankenhaus rennen, sobald etwas Ungewöhnliches passierte.”

Wir waren zu dritt in dem sieben Meter langen Kielboot, mit mir die zwei beidseitig beinamputierten Kriegsveteranen Luke und Steve, gesponsert von „Help for Heroes“. Ich war für den Großsegeltrimm zuständig, Luke sollte steuern und Steve die Fockschot fahren und den Wind ansagen. Wir legten vom Ponton ab und nahmen schnell Fahrt auf. Schon bald sausten wir über die Wellen, wendeten und halsten und segelten Achten. Es war herrlich. Ich durfte sogar selbst ans Steuer.

Nach etwa anderthalb Stunden wurde mir plötzlich furchtbar kalt, aber ich sagte nichts. Ich wollte nicht von Bord. Wenige Minuten später sah mich mein Trainer aus der Ferne und raste mit seinem Motorboot heran. „Oh mein Gott! Craig, du musst aus dem Boot, spring in mein Rib!“, rief er. „Das ist ein bisschen riskant, oder?“, erwiderte ich, denn ein Sprung vom Kielboot in sein Rib hätte für mich leicht im Wasser enden können. „Okay, ich werfe euch ein Schlepptau zu, ihr holt die Segel runter und kommt alle rein.“

„Ach, alles gut, Coach, ich kann auch segeln“, antwortete ich. Aber er bestand darauf, also nahm ich den Tampen an.

Wir fuhren direkt zurück und legten an. Der Coach verschwand voraus, während ich von der Slipbahn in Richtung Parkplatz ging. Sekunden später tauchte er mit einer silbernen Rettungsdecke wieder auf. „Na, was soll das denn, Kumpel?“, fragte ich, aber er ließ sich nicht aufhalten und begann, mir vor dem Rest des Teams die Decke umzuwickeln. Ich kam mir blöd vor. Das Ganze war ein bisschen übertrieben. „Du musst mal in den Spiegel schauen“, sagte der Trainer und deutete auf meine Nase. Ich zog mein Handy aus der Tasche und schaltete in den Selfie-Modus. „Ah“, sagte ich. Meine Nase war ganz blau. „Ich glaube, wir müssen dich ins Krankenhaus bringen.“ Ich lachte. Er dachte wohl, das Fädenziehen hätte meine Nase absterben lassen. „Ach was, Kumpel, natürlich nicht. Das ist nur eine Durchblutungsstörung wegen der Kälte.“ Ich nahm meine Armprothese ab, um es ihm zu zeigen. Der Stumpf war lila.

„Das ist normal für Amputierte“, sagte ich. Und es stimmte. Ich konnte ja nicht mein Leben lang ständig ins Krankenhaus rennen, sobald etwas Ungewöhnliches passierte. Drei Jahre hatte ich auf diesen Tag hingearbeitet, und nun war es auch an der Zeit, mich nicht mehr in Watte zu legen oder legen zu lassen.

​„In Afghanistan in die Luft gesprengt zu werden, war das Beste, was mir je passiert ist.“

Während mein Trainer an diesem Tag seine Lektion in Sachen Durchblutung bei Amputierten bekam, ergatterte ich einen regelmäßigen Trainingsplatz mit Luke und Steve als Dreier-Sonar-Team. Ich war überglücklich. Das bedeutete regelmäßige Trainingseinheiten mit dem Ziel, Teil des Teams Great Britain bei den Paralympics 2020 in Tokio zu werden. Ich sollte der Steuermann werden, Luke die Großschot trimmen und Taktik machen, und Steve sollte die Fockschot fahren und Windrichtung und -stärke ansagen.

Die paralympischen Trainingslager haben mir viel Spaß gemacht. Ich war oft unterwegs und traf viele interessante Menschen. Während eines dieser Lager im Jahr 2013 etwa lernte ich einen blinden Segler kennen, der ungefähr so alt war wie ich. Er inspirierte mich später dazu, mich weiterzuentwickeln und von kleinen Kielbooten auf größere Schiffe umzusteigen. Sein Name war Liam.

Liam nahm an den paralympischen Segellagern teil, nachdem er die Blinden-Segelweltmeisterschaft gewonnen hatte. Ich lernte ihn bei einem geselligen Beisammensein in einem irischen Pub in Cowes kennen. „Lass uns reihum gehen und uns besser kennenlernen“, sagte einer der Jungs. „Liam, du fängst an!“ Alle Blicke wanderten zu dem stattlichen, etwa 1,80 Meter großen, braunhaarigen Mann Anfang zwanzig, der neben mir am Tisch saß. „Wie bist du zum Segeln gekommen?“, fragte ich. Er nahm einen Schluck San Miguel, bevor er antwortete: „Ich segle, seit ich vor fünf Jahren als Teenager erblindete.“ Liam war sympathisch, wirkte aber nervös. Er nahm noch einen Schluck Bier, hielt seine Vorstellung kurz, und die Gruppe setzte ihre Runde fort, bis ich an der Reihe war.

„Ich heiße Craig“, sagte ich mit meinem üblichen starken Yorkshire-Akzent. „In Afghanistan in die Luft gesprengt zu werden, war das Beste, was mir je passiert ist.“ Alle verstummten. Liam rückte etwas zur Seite und richtete sich auf, um zu hören, was ich zu sagen hatte. „Wenn ich nicht meine Beine und meinen Arm verloren hätte, säße ich jetzt gelangweilt im Büro, aber stattdessen bin ich hier und versuche, mich für die Paralympics zu qualifizieren“, sagte ich und grinste. Ich sah, wie Liam nickte; er verstand, was ich meinte.

​„Und du, Craig – willst du eines Tages die Welt umsegeln?“

Ein paar Stunden später kamen wir ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass wir beide auf Sonars segelten. Da ­Liam gerade Gold gewonnen hatte, löcherte ich ihn mit Fragen, wie er das Maximum aus dem Boot herausholt. „Ich bin ja nur der Focktrimmer“, erklärte Liam. „Es ist alles Teamwork. Gute Kommunikation, solche Sachen. Segeln ist perfekt für mich. Ich spüre den Wind und höre, wenn das Segel getrimmt werden muss.“

Liam litt an der seltenen genetischen Netzhaut-Erkrankung Retinitis pigmentosa (RP). Die Spezialisten stuften sein Sehvermögen mit „weniger als 10 Grad“ ein, da er auf einem Auge vollständig blind war und auf dem anderen nur noch 15 Prozent seines peripheren Sehvermögens hatte. Liam selbst beschrieb seine Lage so, dass es sich anfühle, als würde er durch einen Strohhalm schauen, und dass er schließlich ganz erblinden würde. RP betrifft Männer und Frauen unterschiedlich. Männer können von Geburt an einen schweren Sehverlust erleiden, während Frauen, wenn überhaupt, erst später betroffen sind, da die Erkrankung auf dem X-Chromosom liegt. Manchmal wird dieses zusätzliche X-Chromosom bei Frauen im Laufe des Lebens jedoch inaktiv, was zu einem späteren Sehverlust führt. So geschah es bei Liams Mutter, die mit Mitte vierzig erblindete und drei Söhne bekommen hatte, bevor sie von ihrer Erkrankung überhaupt wusste.

„Was möchtest du sonst noch machen?“, fragte Steve Liam. „Ich meine, abgesehen von den Paralympics.“ Liam dachte kurz nach. „Eine Weltumsegelung wäre der Wahnsinn. Das möchte ich irgendwann mal machen. Ich habe immer gedacht, ich sollte reisen, solange ich noch etwas sehen kann.“

Liam sah mich an und kratzte sich am Kinn. „Und du, Craig – willst du eines Tages die Welt umsegeln?“ Ich kippte den Rest meines Getränks hinunter und atmete langsam aus, während ich über die Frage nachdachte. „Keine Ahnung. Ich segele viel zu gern Regatten“, antwortete ich nach einer Weile. „Die Sonars sind einfach zu handhaben. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das auf einer Yacht genauso anfühlt.“

„Oh, das stimmt“, erklärte Liam. „Nicht ganz dasselbe, aber trotzdem ein Riesenspaß.“

Um Craig Wood formiert sich ein Paralympics-Team

Wir unterhielten uns den Rest des Abends und ich blieb mit Liam in Kontakt. Als Luke uns mitteilte, dass er mehr Zeit mit seiner jungen Familie verbringen wolle, bot es sich an, Liam seinen Platz bei der nächsten Regatta anzubieten. Liam war begeistert. Das war seine Chance, ins paralympische Team zu kommen. „Auf jeden Fall!“, sagte er, ohne zu zögern.

Ein paar Wochen später reisten wir nach Medemblik in Westfriesland, Niederlande, um zu sehen, ob wir als Team funktionieren würde. Ich sollte an der Pinne bleiben, aber Lukes taktische Rolle übernehmen, während Liam für den Großschottrimm zuständig wäre. Steve blieb vorne, bediente die Fockschot und sagte den Wind an. Liam fühlte sich anfangs fehl am Platz, da er als Einziger seine Gliedmaßen voll bewegen konnte und kein ehemaliger Soldat war. Steve und ich bemühten uns jedoch, ihm das Gefühl zu geben, willkommen zu sein.

Nach einiger Zeit auf dem Segelboot entdeckten wir Gemeinsamkeiten, auch wenn wir nicht die gleiche Behinderung hatten. Jeder hatte seine Stärken und Schwächen, aber die Kombination funktionierte gut. Wo Liam Schwierigkeiten hatte, etwas zu sehen, rief ich Anweisungen. Und wenn wir körperlich nicht so schnell waren, packte Liam sofort mit an, griff nach einer losen Leine oder wechselte die Seite, um den Gewichtstrimm zu ändern. Gemeinsam hatten wir die Fähigkeiten eines gesunden Menschen.

Echte Teamarbeit. Genau darum geht es beim paralympischen Segeln. Behinderungen werden anhand eines Punktesystems von eins bis sieben eingestuft, wobei eins die schwerste ist. Liam hatte fünf Punkte für seine Sehbehinderung, Steve vier für seine beidseitigen Oberschenkelamputationen, und ich wurde aufgrund meiner dreifachen Amputationen in der Sportklasse drei eingestuft. Zusammen kamen wir auf zwölf Punkte, wobei 14 Punkte das Maximum in der Dreier-Sonar-Klasse waren.

Vom Regatta- in den Langfahrtmodus

Es war eine unglaubliche Woche. Wir landeten, wie erwartet, ziemlich weit hinten in der Rangliste, aber die Dynamik im Team funktionierte, und ein paar Wochen später rief ich Liam erneut an, um ihn zu fragen, ob er Vollzeit bei uns mitsegeln und um die Teilnahme an den Paralympics 2020 in Japan kämpfen wolle. „Help for Heroes“ würde uns sponsern, und wir würden sofort drei Wochen später in Weymouth mit dem Training beginnen. Rund ums Jahr, mit nur drei Wochen Urlaub. Für die nächsten sieben Jahre. Weltreisen und Wettkämpfe. „Verdammt ja, Mann! JAAA!“, rief Liam fast ins Telefon. Er war außer sich vor Freude. Doch unsere Begeisterung währte nicht lange. Ein Jahr später, während einer Regatta in Florida, erfuhr ich, dass unsere Segelklasse nicht mehr für die Paralympics 2020 qualifiziert war.

Was für eine Katastrophe! Die einzige Chance auf paralympisches Segeln wären die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro gewesen. Bis dahin fit zu werden, wäre aber kaum möglich gewesen, da unser Trainingsprogramm um vier Jahre verkürzt worden wäre. Zudem gab es bereits ein britisches Team, das schneller war als wir. Ich gab trotzdem mein Bestes und sicherte mir sogar die Finanzierung für einen privaten Trainer, aber letztendlich sollte es nicht klappen. Das endgültige Aus kam bei den Weltmeisterschaften 2015 in Melbourne, Australien, nachdem wir drei zwar gute Platzierungen erreicht hatten, aber nicht schnell genug waren, um uns zu qualifizieren. Mein Traum, für das Team GB in Rio zu fahren, war geplatzt. Ich war am Boden zerstört und ertränkte meinen Kummer mit Liam in einer Kneipe.

„Alter, was machen wir jetzt?“, fragte ich und spielte nervös an meiner Armprothese herum, die wie ein Pilzkopf aus Gummi aussah und die ich oft zum Segeln benutzte. „Keine Ahnung. Vielleicht kaufst du dir ein Boot und segelst um die Welt“, witzelte Liam. „Ja, was soll’s“, lächelte ich. Ich war immer noch nicht überzeugt, dass größere Boote mir denselben Kick geben würden wie der Sonar. „Jetzt, wo 2020 raus ist, gibt’s kein Ziel mehr.“

„Hmmm.“ Ich dachte über die Idee einer Weltumsegelung nach. „Ich weiß nicht. Ich sehe den Reiz nicht so ganz.“

Nur ein paar Tage später bekam ich durch puren Zufall die Gelegenheit, auf einer 17 Meter langen Ferrocement-Yacht mitzusegeln. „Du hattest recht, Kumpel“, sagte ich zu Liam, als wir wieder an Land waren, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Das war der Wahnsinn! Um die Welt zu segeln, ist einfach eine verdammt geniale Idee.“ Liam lachte. „Ich wusste, dass es dir gefallen würde.“

„Los geht’s!“, sagte ich. „Vergiss die Paralympics. Ich kaufe mir eine Yacht und zeige dir stattdessen die Welt.“ Es war an der Zeit, wirklich an meine körperlichen und mentalen Grenzen zu gehen.


Über Craig Wood

**VIDEO AVAILABLE: CONTACT INFO@COVERMG.COM TO RECEIVE** Afghan war veteran Craig Wood is sailing over the entirety of the Pacific Ocean despite being a triple amputee. The British hero is currently, as of 23 April. well over 3000 nautical miles intoFoto: dpa/pa

​Der britische Afghanistan-Veteran verlor bei einem Einsatz beide Beine und den linken Arm. Beim Kampf zurück in ein lebenswertes Leben hilft ihm seither der Segelsport. Eine Begeisterung, die ihn trotz der Handicaps zu Höchstleistungen antreibt. In seiner beispiellosen Karriere erklimmt Wood einen Gipfel nach dem anderen. Zuletzt segelte er als erster Dreifachamputierter solo über den Pazifik. Jetzt wurde er dafür mit dem Titel „Seamaster des Jahres 2026“ ausgezeichnet.

Über das Buch „Finding My Sea Legs“

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​In seiner Autobiografie beschreibt Craig Wood, wie er trotz Verletzungen seinen Traum vom Hochseesegeln lebt und so Körper und Seele wieder vereint. Eine wahre Geschichte von mentaler Stärke, auf Englisch mit britischem Humor. Bonito Books, 26 Pfund Sterling. bonitobooks.com

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