AtlantikAuf Kollisionskurs mit dem Schattentanker

Ursula Meer

 · 27.02.2026

Atlantik: Auf Kollisionskurs mit dem SchattentankerFoto: KI
Unheimlich: Der Tanker hat die Segelyacht mitten auf dem Atlantik mit nur geringem Abstand passiert. In der angespannten Situation haben die Eigner keine Fotos gemacht; das Bild stellt die Szene nach.

Unheimliche Begegnung auf hoher See: Wenn aus einem entspannten Segeltörn auf dem Atlantik eine Begegnung mit der russischen Schattenflotte wird. Ein Gespräch über sabotierten Funkverkehr, Mittelfinger-Höflichkeit und einen 280-Meter-Tanker, der mitten in der Nacht einer Yacht viel zu nahe kommt.

Im September 2025 sind Jens Gerdau und seine Frau Heidi mit ihrer Bavaria C42 von der Algarve nach Madeira unterwegs. Nach der Passage des Verkehrstrennungsgebiets vor Cabo de São Vicente beginnt eine fünfstündige Begegnung, die das Paar noch Monate später nicht loslassen wird: Russische Volksmusik auf Kanal 16, eine gepfiffene "Internationale" über eine Pan-Pan-Meldung, kompletter Blackout der UKW-Kommunikation – und schließlich die bedrohlich nahe Passage der "Swiftsea Rider" in mondloser Nacht. Ein 280-Meter-Tanker, der später als Teil der russischen Schattenflotte identifiziert wird, ausgestattet mit spezieller Funkausrüstung.

​YACHT: Sagen Sie mal, Herr Gerdau, warum hören Sie mitten auf dem Atlantik Lieder auf Kanal 16?

Jens Gerdau: Das hat uns auch überrascht! Wir waren am südwestlichsten Zipfel Europas unterwegs, auf dem Weg von der Algarve nach Madeira. In diesem Seegebiet herrscht enormer Schiffsverkehr – bedingt durch den Knotenpunkt am Cabo de São Vicente hört man dort ständig Funkverkehr. Schiffe rufen sich auf Kanal 16 an, verabreden sich auf Arbeitskanälen, meist um Überholvorgänge abzusprechen.

Als wir gerade das Verkehrstrennungsgebiet passiert hatten, fing es plötzlich an, russisch aus dem UKW-Funkgerät zu tönen – jedenfalls das, was wir für Russisch hielten. Zunächst war das nicht weiter auffällig, auch auf Kanal 16 wird mal ein, zwei Minuten lang kommuniziert. Aber diesmal mutierte das Ganze zu einem Dauergequatsche. Nach etwa einer halben Stunde wurde das Gespräch von Musik abgelöst – volksliedartige Musik. Da war uns klar: Das ist kein Zufall mehr, das ist Absicht.

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Was genau hörten Sie denn da?

Über etwa fünf Stunden zog sich das hin – Palaver mit viel Gelächter wechselte sich mit Musik ab, unterbrochen nur von kleinen Pausen. Wir fragten uns: Warum überlagern die nicht einfach alles mit einem Dauerrauschen? Das war komplett antisubtil – wie eine Visitenkarte. Der Funkverkehr wurde immer lauter und deutlicher, und währenddessen näherte sich uns die "Swiftsea Rider", ein 280 Meter langer Tanker mit Zielhafen Murmansk – jenem bekannten russischen Ölverladehafen im Nordmeer. Wir vermuteten dort die Quelle der Störungen.

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War dann auf Kanal 16 kein weiterer Funkverkehr mehr zu hören?

Kaum. Aber in einer der Pausen kam eine Dringlichkeitsmeldung durch – dreimal "Pan Pan" war zu hören. Wir hatten das Funkgerät fast komplett ausgedreht, drehten es in dem Moment wieder lauter. Aber der Rest der Meldung verschwand unter einer durchaus kunstvoll gepfiffenen Version der "Internationalen". Wir schauten uns fassungslos an. In so eine Meldung hineinzustören – das fanden wir unglaublich. Da waren wir negativ verwundert, um es mal so auszudrücken.

Wie fühlten Sie sich in dieser Situation?

Mit dem Näherkommen des Tankers wurde es immer mulmiger. Es war kein anderes Schiff in der Nähe, auf das die Störungen hätten zutreffen können. Uns wurde klar: Da drüben sitzt ein Kollege, der sich nicht an die Regeln hält. Das empfindet man als sehr ungut. Einem Tanker kann man eigentlich immer noch irgendwie ausweichen, aber uns war klar, dass die das gesamte GMDSS lahmgelegt haben. Wir haben keine anderen Funkmeldungen mehr gehört. Und wenn dann noch eine Dringlichkeitsmeldung plattgemacht wird – wir fühlten uns hilflos. Wir waren sauer. Und dann kommt dieses Schiff auch noch auf uns zu. Die Situation war alles andere als erfreulich.

Wie waren denn währenddessen die übrigen Bedingungen?

Wir fuhren extrem tief vor dem Wind, hatten einen Schwell aus nordwestlichen Richtungen von drei Metern und dazu eine Windsee von achteraus mit zwei Metern. Das Boot hat stark gegeigt, da verlässt man ungern das Cockpit.

Wir hatten schon im relativ hohen Abstand gesehen, dass uns das Schiff sehr nahe kommen würde – der CPA - der dichteste Punkt der Annäherung - lag deutlich unter einer Meile. Auf dem Atlantik ist man es gewohnt, dass Berufsschiffe sich professionell verhalten und schon weiträumig den Kurs ändern. Das war hier nicht der Fall. Wir nahmen also Fahrt raus, hofften, dass er vor uns durchläuft. Wir hätten ihn gerne angefunkt, um zu fragen, ob er uns überhaupt auf dem AIS sieht – das ging aber nicht wegen der permanenten Störung.

Das heißt, sie haben einander passiert, ohne sich über Funk abzusprechen?

Nicht ganz. Auf drei Meilen Entfernung hörte die Musik plötzlich auf. Nur Sekunden später hatten wir den Anruf: "DeePee, DeePee, Swiftsea Rider!" Wir meldeten uns sofort, wechselten auf Kanal 10. Und dann fragt der Captain in perfektem, akzentfreiem Englisch: "Sir, good morning, Sir. What is your intention, Sir?"

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Was meine Intention ist? Wir werden auf seinen Geräten als Segelboot angezeigt, wir fahren keine merkwürdigen Kurse. Stattdessen fährt er uns unter Missachtung sämtlicher Vorfahrtsregeln fast über den Haufen und nennt mich dreimal sehr freundlich "Sir". Wenn man dort unten dem Funkverkehr zuhört, ist das Englisch normalerweise sehr von den jeweiligen Akzenten beherrscht. In dem Fall war das, als würde ein Oxford-Englischlehrer reden. Vom Duktus her würde ich sagen: eine gepflegte Mittelfingerfreundlichkeit. Ich blickte meine Frau an und sagte: "Der verarscht uns!"

Was haben Sie dann geantwortet?

Nun, unser Boot misst 12 Meter, sein Tanker ist 269 Meter länger. Der sollte jetzt bloß nicht anfangen rumzukurven. Ich sagte ihm, dass wir die Segel reduziert haben, um die Fahrt zu verringern, und er bitte Kurs und Fahrt beibehalten soll. Wir würden hinter ihm durchgehen. Er wiederholte meine Bitte, fragte, ob er richtig verstanden habe, und bedankte sich für die Kooperation.

Wie verlief die Passage?

Es wurde doch knapper als gedacht. Von einer auf die andere Sekunde dröhnte das Wummern seiner Maschine herüber, und der zunehmende Wind schob uns leider viel zu schnell voran. Wir luvten an, fuhren einige Minuten parallel zu seinem Kurs – unser Manöver des letzten Augenblicks. Es war mondlos, komplett schwarz, keine Umrisse zu sehen, nur Lichter. Langsam holte der Tanker uns ein. Seine Maschine dröhnte bedrohlich nahe. Dann war er durch. Die Entfernung war letztlich unter einer Meile bei der Passage. Wir fielen wieder ab und sahen ihn direkt über dem Widerschein unserer Positionslaternen – nur wenige hundert Meter entfernt. Ich habe dieses Steuerhaus vor Augen und den Schriftzug "No Smoking".

Nie haben wir uns auf See so verletzlich gefühlt, waren wir so froh, einem Schiff aufs Heck zu blicken. Auf UKW blieb es danach ruhig. Mitten in der Nacht kochte ich Kaffee – das passiert sonst nie. Langsam fingen wir uns wieder, aber diese Nacht ist in den kommenden Wochen noch häufig Thema bei uns gewesen.

Wie sicher sind Sie, dass es sich bei dem Tanker um einen von der russischen Schattenflotte handelt?

Wir haben nach der Begegnung recherchiert: Lloyd's List führt die "Swiftsea Rider" – wie vermutet – als Teil der russischen Schattenflotte. Das von EU und UK sanktionierte Schiff wird neben einem anderen Tanker für Spionageaktivitäten gegen See- und Luftstreitkräfte der NATO eingesetzt und soll über spezielle Funkausrüstung verfügen, die das ermöglicht. Der andere Tanker war die "Eagle S" – bekannt vom Estlink-Vorfall im Finnischen Meerbusen. Die ist inzwischen verschrottet.

Das derzeit in Kamerun registrierte Schiff ist laut Lloyd's List teilweise auch mit gefakten IMO-Nummern unterwegs, um das Tracking zu erschweren. Es fährt derzeit als "Nosu" herum, verwendet aber immer wieder unterschiedliche Namen. Nach unserem Zusammentreffen ist es tatsächlich nach Murmansk gefahren, hat ein Seychellen-Atoll angesteuert und lag lange in Oman. Momentan liegt es vor Tallinn und Helsinki vor Anker – mitten in der Ostsee.

Ist ein mulmiges Gefühl geblieben?

Das war ein absoluter Einzelfall, davon gehen wir aus. Uns war nicht bekannt, dass in der Ecke, wo wir rumsegeln, sowas passieren konnte. Schattentanker, GPS-Jamming – das hatten wir immer irgendwo auf die Ostsee beschränkt. Wir hatten übrigens kein GPS-Jamming, es waren wirklich nur Funkstörungen. Aber hier unten hätten wir damit nicht gerechnet.

Wir haben mit anderen Seglern darüber gesprochen, aber von ähnlichen Vorfällen haben wir nichts gehört. Ein anderer Segler, den wir auf dem AIS sahen, wird das mitbekommen haben, aber wir haben ihn nachher nicht mehr erwischt.

An unserem direkten Verhalten haben wir nichts geändert. Wir schauen uns jetzt schon genauer an, was für Schiffe uns passieren. Und wir haben uns ein Starlink zugelegt. Eigentlich wollten wir das nicht, aber noch einen weiteren Kommunikationskanal zu haben und auch die lokale Position über Satelliten abrufen zu können, die durch GPS-Jamming nicht beeinträchtigt werden – das ist ein kleines Stück Sicherheit, falls wir noch einmal in so eine Situation kommen.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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