Atlantic Kite CrossingWind, Wellen und Willenskraft

Martin Hager

 · 16.04.2026

Koen Darras trainiert aktuell für sein neues Abenteuer. Er möchte als erster Mensch kitesurfend den Atlantik überqueren.
Fotos: Atlantic Kite Crossing Project/Koen Darras

Januar 2027: Wenn die Passatwinde richtig stehen, startet der Belgier Koen Darras zu einer Expedition, die es so noch nie gegeben hat – 3.000 Seemeilen mit Kite und Board über den Atlantik, zwei Monate auf offener See. Die Route folgt den klassischen Segelwegen: von den Kanarischen Inseln über die Kapverden bis in die Karibik.

​Während Tausende Segler jährlich den Atlantik im Rahmen der ARC oder anderen Regatten überqueren, plant Koen Darras etwas, das selbst erfahrene Blauwassersegler für Wahnsinn halten dürften: Die gesamte Strecke stehend auf einem Board, gezogen von einem Kite, über zum Teil meterhohe Wellen und wechselnde Winde der Passatzone.

Begleitet wird der 45 Jahre alte 7-Summits-Bezwinger von der Expeditionsketsch „Windfall“ mit Skipper Thomas van Thiel – als Sicherheitsplattform, Schlafinsel und maritime Absicherung. Doch die Überquerung selbst muss Darras aus eigener Kraft schaffen. Die Atlantic Kite Crossing-Expedition ist das nächste Kapitel in seinem "7 Summits & 7 Seas"-Projekt, das Bergexpeditionen mit Ozeanabenteuern verbindet.

Wir sprachen mit Koen Darras über die Vorbereitung auf das Unmögliche, seinen typischen Tag auf dem Wasser, die größten Risiken – und warum er sich ausgerechnet den Atlantik ausgesucht hat.

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Sagen Sie mal, Herr Darras, wie schläft man eigentlich auf einem Kiteboard?

Natürlich gar nicht! Ich werde tagsüber Kitesurfen – je nach Wind und Tagesform zwischen neun und 12 Stunden lang. Nachts schlafe ich dann auf meinem Begleitboot, der 50 Jahre alten Expeditionsketsch „Windfall“, die mir mit Skipper Thomas van Thiel und Crew auf dem Weg über den Atlantik folgen wird.

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Wie bleiben Sie auf der Stelle, um am nächsten Tag an gleicher Position weiterzukiten?

Nachts, wenn ich schlafe, segelt „Windfall“ weiter – aber ein paar Stunden vor Sonnenaufgang kehrt die Crew zur exakten GPS-Position zurück, an der ich am Vorabend gestoppt habe. Erst dann gehe ich wieder aufs Wasser. Ich will das ehrlich machen, mit GPS-Daten, voll transparent. Mental wird das hart sein: Jede Nacht verlieren wir wieder an Strecke, die wir bereits gesegelt sind. Aber so ist es die einzige ehrliche Art, den Atlantik mit dem Kite zu überqueren.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee den Atlantik mit Kite zu bezwingen?

Das war eigentlich die Idee meiner Frau. Ich wollte ursprünglich den Ärmelkanal überqueren – das hatte zu dem Zeitpunkt noch nie ein Belgier gemacht. Wir hatten alles Monatelang vorbereitet, die Website stand, und zwei Wochen vor dem Start kitesurften drei junge Typen vor uns über den Ärmelkanal. Beim Familienessen sagte meine Frau dann: „Wenn du schon immer einen Ozean überqueren wolltest, warum nicht gleich den Atlantik?" Drei Tage lang konnte ich nicht schlafen. Ich habe das ganze Internet durchforstet, ChatGPT befragt, ein Dossier erstellt. Und dann habe ich gesagt: Los geht's. Es ist mein Traum seit Kindertagen.

Wie sieht die Route konkret aus?

Wir starten Anfang Januar von den Kanaren, wahrscheinlich auf Teneriffa. Von dort geht es erstmal 1000 Kilometer zu den Kapverdischen Inseln – das ist sozusagen die Generalprobe, die etwa eine Woche oder zehn Tage dauert. Dort können wir noch mal die Ausrüstung checken, Probleme beheben, Proviant bunkern. Danach kommt die große Überquerung in die Karibik, nach Martinique, St. Lucia oder wohin auch immer uns der Wind trägt. Insgesamt rechnen wir mit etwa 60 Tagen auf dem Atlantik.

Das dauert ja doppelt so lang wie mit einem Segelboot.

Stimmt, aber mein Begleitboot-Skipper und ich haben uns dazu entschieden, dass ich nur am Tag kitesurfen werde. Und dass wir aus Sicherheitsgründen immer Blickkontakt halten.

Sie werden mit dem Kite deutlich schneller unterwegs sein, als die 30 Tonnen verdrängende „Windfall“. Wie soll das funktionieren?

Ich werde voraus kiten, bis ich das Boot gerade noch sehe und dann halsen und wieder zurück surfen. Das ist auch gut für meine Körperhaltung, da ich so nicht nur in eine Richtung fahre und nicht immer ein Bein stärker belaste als das andere. Dadurch werde ich aber deutlich mehr Seemeilen zurücklegen als das Segelboot. Rund 4500 Seemeilen statt 3000.

107 Seemeilen, also 200 Kilometer haben Sie bisher im Training schon am Stück geschafft. Wie war das?

Das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich war 8 Stunden und 25 Minuten auf dem Wasser, bei ziemlich unruhigem Wasser und kabbeligen Wellen. Danach fühlte ich mich überraschend gut. Aber das Entscheidende ist nicht die Distanz, sondern die Zeit: Kann ich so lange durchhalten? Mittlerweile habe ich fünfzehn 100-Kilometer-Sessions hinter mir. Ich habe einen sehr guten Sportcoach, der mich vorbereitet. Aber klar, bis Januar ist noch ein langer Weg. Ich bin noch nicht bereit.

Auf der von Ihnen geplanten Strecke dominiert der Nord-Ost-Passat. Fluch oder Segen?

Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Auf der einen Seite bläst der Passat sehr verlässlich, andererseits kommt der Wind sehr achterlich – für Kitesurfer schwierig. Ich werde die meiste Zeit auf raumen Kursen fahren und viel kreuzen müssen, anders geht's nicht. Thomas und seine „Windfall“ geben übrigens die Richtung unserer Route vor, ich bleibe in Sichtweite.

Was ist Ihre größte Angst?

Dass ich im Ozean verschwinde. Dass wir nach einem Monat alle ein bisschen unaufmerksam werden, mein Kite ins Wasser fällt und sich nicht mehr starten lässt, während die Segelboot-Crew gerade bei einem Manöver in großen Wellen und bei viel Wind abgelenkt ist und nicht auf mich achtet.

Gibt es Sicherheitsvorkehrungen für solch eine Situation?

Ich werde mindestens zwei, vielleicht sogar drei GPS-Tracker am Körper tragen. Thomas, der Kapitän, teilt meine Angst. Für ihn ist es das Schlimmste: 60 Tage lang, neun bis zwölf Stunden täglich hat er eine MOB-Situation.

Welches Material fliegen und fahren Sie?

Ich fliege North Kiteboarding-Equipment und habe alle Kitegrößen zwischen 6 und 15 Quadratmetern dabei, abgestuft in Ein-Quadratmeter-Abständen. Von jeder Größe drei Stück, sollte einer kaputt gehen. Dazu zahlreiche Bars und neue Steuerleinen, der Verschleiß wird erheblich sein.

Werden Sie foilen oder benutzen Sie normale Kiteboards?

Ich werde beides nutzen. Die Belastung auf dem Körper und die Gelenke ist deutlich größer, wenn die Beine mit normalen Boards die bewegte Meeresoberfläche direkt abfedern und ausgleichen müssen. Mit dem Foilboard schwebt man über das Kabbelwasser, zudem bin ich deutlich schneller unterwegs. Allerdings muss ich Kitefoilen noch ein bisschen üben bis zum 3. Januar, unserem aktuell geplanten Startdatum.

Was kommt nach der Ankunft in der Karibik?

Erst mal hoffe ich, dass wir überhaupt ankommen! Aber danach segelt Thomas mit der „Windfall“ weiter in die Arktis. Er will das Boot im Eis einfrieren lassen und dort überwintern – ein komplett verrücktes Abenteuer. Ich freue mich dann erstmal auf meine Familie und dann geht es für mich weiter mit meinem "Seven Summits, Seven Seas"-Projekt: ich möchte die höchsten Berge und die größten Ozeane der Welt bezwingen.

Martin Hager

Martin Hager

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv

Martin Hager ist Chefredakteur der Magazine YACHT und BOOTE EXCLUSIV. Er segelt seit seiner Kindheit, Surfen, Kitesurfen und Wingfoilen ergänzen seit vielen Jahren seinen sportlichen Horizont. Die Liebe zum Wassersport führte ihn zum Schiffbaustudium und von dort im Jahr 2004 in die Hamburger Redaktion des Delius Klasing Verlages. Seine Leidenschaft für den Bootsbau, die Yachtbranche und die spannenden Charaktere, die das Yachting prägen, gibt er mit Freude weiter – sei es in seinen Artikeln, als auch im Gespräch mit Lesern und der Branche.

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