GlosseAnkern als Paar – warum daraus so oft ein Drama wird

Steffi von Wolff

 · 12.08.2026

Glosse: Ankern als Paar – warum daraus so oft ein Drama wirdFoto: Michael Amme
Wenn sich die Crewmitglieder im wahrsten Wortsinn nicht verstehen, ist Streit programmiert.
​Wenn der Rudergänger die Kommandos vom Vorschiff nicht versteht, kann das Ankermanöver nicht gelingen, weiß Autorin Steffi von Wolff aus leidvoller Erfahrung.

Themen in diesem Artikel

​Ankern ist ja eine wundervolle Sache. Normalerweise. Ich bin ein großer Fan davon und mein Mann auch. Nur leider klappt das bei uns nicht immer so gut, wie es klappen sollte, oder normalerweise klappt oder bei anderen klappt, nur bei uns nicht, was daran liegt … Ich greife vor.

„Wollen wir ankern?“ Wie ich diesen Satz liebe. Wenn es erst mal so weit ist, dass man ankert. Es ist nämlich so, dass bis dahin manch eine Hürde zu meistern ist, bevor es heißt: „Motor aus, Eiswürfelmaschine an!“ Dieser eine herrliche Moment, wenn alles verstummt, auch wir.

Mein Mann und ich haben nur ein kleines Problem: Er nuschelt, was das Zeug hält, und ich höre nicht mehr so gut und trage auch ein Hörgerät, das ich aber auf dem Boot eben nicht trage, weil der Wind so laut pfeift und ich dann permanent unter gedachtem Tinnitus leide. Außerdem, und das sollte man bitte nicht vergessen, bin ich, die ich am Rad stehe, in einer absolut miserablen Situation, denn das Motorgeräusch steht zwischen meinem Mann und mir, und das ist nicht leise. Soll heißen, mehrere tragische Komponenten fußen ineinander, bevor es ans Genießen der Ankerbucht geht.

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Wenn zwischen Cockpit und Vorschiff niemand mehr etwas versteht

​„Larüwens!“ – „Was?“– „Larüwens!“ – „Drüben ist was?“ Er fletscht die Zähne und sieht aus wie ein Steinbeißer mit Wut im Bauch. „La-rü-wens damoma!“ Es ist zum Verzweifeln. „Ich versteh dich nicht!“ Nun wird die Hand zur Faust geballt und die Wut des Steinbeißers verdoppelt sich. Zähne sind zu sehen. Und dann passiert das, was mich grundsätzlich zur Weißglut bringt: Er dreht sich von mir weg und schreit – für mich nun komplett unverständliche – Befehle, Anweisungen und was weiß ich nicht noch was. Man muss doch nicht Physik oder von mir aus auch Linguistik studiert haben, um zu begreifen, dass es jetzt erst recht nichts mehr zu verstehen gibt.

„Wilauuuuuuuuuuuuuuf!“, kommt es leicht abgehackt bei mir an. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich weiß nur, dass mittlerweile der Grund der Ankerbucht zu erkennen ist, und das, so scheint es mir, ist nicht so gut, denn wenn man den Boden und eventuell sogar kleine Krebse krabbeln sieht, heißt das, dass es flach ist und vielleicht sogar noch flacher wird. Und ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll! „Jetzt sag mir doch mal, was ich tun soll!“, rufe ich verzweifelt nach vorn. „Was?“, kommt es zurück. Was auch sonst. Er wartet die Antwort nicht ab, sondern kommt giftzwiebelig nach hinten getrampelt, wo ich immer noch verzweifelt auf verstehbare Anweisungen warte.

Und dann das Schlimmste: Dusch! Wir setzen auf! „Aaaaargh! Ich hab doch gesagt: Leicht rückwärts! Und wir laufen auf, das hab ich gesagt!“, wird geschrien. „Ich hab das nicht verstanden“, verteidige ich mich. „Der Wind, der Motor, und du nuschelst und sprichst nicht in meine Richtung, obwohl ich …“

​„Vorwärts jetzt und steuere backbord, los!“ In meiner Verzweiflung lenke ich rechtsherum. „Backbord!“ Wenigstens hab ich das verstanden, wenn auch nicht umgesetzt. „Das darf ja wohl nicht wahr sein. Wie lange segeln wir zusammen? 25 Jahre? Genau, 25 Jahre! Wieso weißt du nie, was du machen musst?“ – „Weil es immer anders ist.“ – „Ich sag dir, bei allen anderen klappt es, nur bei dir nicht. Weil du nicht zuhörst.“ – „Und du sprichst undeutlich und in die verkehrte Richtung.“ – „Lass mich ans Rad!“ Dankbar gehe ich zur Seite, und irgendwie kriegt er das Boot wieder frei. „Mach jetzt, was ich dir sage.“ Er stapft wieder nach vorn. „Nur bei uns ist das so“, höre ich ihn noch herumgiften.

Das Nachbarboot hat exakt dasselbe Problem

„Langsam steuerbord!“ Danke, das hab ich verstanden. Da kommt ein anderes Segelboot angefahren. Auch hier: ein Mann am Steuer, die Frau hinten, abwartend. Er brüllt etwas nach hinten: „Ich lass jetzt fallen!“ – „Da sind Quallen? Also wenn das Feuer­quallen sind, dann nicht mit mir!“ – „Nein, jetzt noch kein Bier.“

Oh. Ich lausche, während ich steuerbord steuere. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr alleine. Wie schön das ist. „Jemäpdjeäelldoooooooos!“, höre ich von vorne, also von meinem Mann, aber das interessiert mich nicht. ​Viel interessanter finde ich, dass der Mann nun „Du Planschkuh!“ schimpft, während die Frau laut vernehmlich schreit, dass sie einen nachträglichen Ehevertrag einfordert. „Und zwar direkt morgen!“, keift sie. „Jawohl, einen Ehevertrag!“ – „Jever? Wir haben kein Jever. Wir haben Astra-Bier“, krakeelt der Mann, und ich schlussfolgere, dass das Wort Ehevertrag komplett falsch verstanden wurde. Warum mich das jetzt freut, weiß ich nicht. Das ist ja nicht gerade nett von mir.

„Hallo!“ Mein Mann steht wieder vor mir, ich hab ihn gar nicht kommen gehört. „So wird das – mal wieder – nichts. Dass du auch nie deine Hörgeräte reinmachst.“ – „Dass du auch immer in die falsche Richtung nuschelst!“

„Nun mach doch einfach mal was richtig!“, kreischt der Mann vom Nachbarboot, und mein Mann hebt den Daumen in seine Richtung, was allerdings die Frau sieht und nun Vollgas nach vorn gibt. „Stooooopp!“ Der Nachbar stolpert und fällt fast ins Wasser, dann geht er nach hinten und schreit was von Unverantwortlichkeit. Die Frau deutet auf meinen Mann und sagt: „Du hast gesagt, Daumen hoch heißt schnell vorwärts fahren!“ – „Ja! Aber du musst diesen Befehl von mir kriegen und nicht von diesem Heiopei vom Nachbarboot.“

„Buhuuu!“, macht die Frau. Ich ahne Schreckliches. „Ich bin kein Heiopei!“, kreischt mein Mann. „Das ist eine Beleidigung sondergleichen!“ – „Schlappschwanz!“, ruft mein Mann jetzt und dann, ich weiß nicht, warum und weshalb und wieso, springen beide Männer zeitgleich ins Wasser. Ein Handgemenge beginnt. Das Gebaren der Männer erinnert mich an den Film „Der weiße Hai“. Da strampeln auch Leute im Wasser.

​Am Ende helfen die, die auch nichts verstehen

Ich fahre dichter zu der Frau, die auch nichts kann. „Schlimm, oder? Es ist jedes Mal dasselbe.“ – „Bei uns auch.“ – „Ist es sein Links oder mein Links, was ist richtig, was ist falsch, und vor allen Dingen wäre es schön, würde man es verstehen.“ Wir nicken gleichzeitig. „Es ist auch jedes Mal anders“, klagt die Frau. „Mal macht er kreisförmige Bewegungen mit den Armen, und das heißt dann: Alles okay! Beim nächsten Mal aber heißt das: Du fährst direkt auf einen Felsen zu. Hatten wir in den Schären.“ Ich nicke bekräftigend, während unsere Männer so was Ähnliches wie „Wer kann wen länger untertunken?“ spielen.

„Einmal bin ich auch ins Wasser gesprungen“, erzähle ich. „Weil er seinen Kram alleine machen sollte. Ich sag dir, da lässt der den Anker fallen. Einen Zentimeter von meinem Kopf entfernt. Das war versuchter Mord. Zumindest in Kauf genommener. Angeblich hat er mich nicht verstanden und dachte, ich sei noch an Bord.“

„Wir machen schon was mit“, sind wir uns einig und stellen uns schließlich ­einander vor. „Machen wir doch einfach Leinen fest und gehen an die beiden Tonnen“, schlägt die nette Frau vor. Und das machen wir dann auch. Erschöpft kommen die beiden Männer angeschwommen. „Wieso sind denn hier Tonnen?“, werden wir gefragt. „Haben wir doch die ganze Zeit gesagt“, sage ich und frohlocke innerlich. „Aber ihr habt ja nicht richtig zugehört.“ ​Die beiden bleiben dann noch ein bisschen im Wasser. Und trinken später zusammen noch ein kühles Jever. Bei uns. Denn sie haben ja nur Astra.

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Steffi von Wolff

Steffi von Wolff

Freie Autorin

Steffi von Wolff, geboren 1966, arbeitet als Autorin, Redakteurin, Moderatorin, Sprecherin und Übersetzerin. Sie wuchs in Hessen auf, lebt aber seit vielen Jahren mit ihrem Mann in Hamburg. Dank ihm entdeckte sie auch ihre Liebe zum Meer und zum Segeln. Ihre Erlebnisse hält sie fest in Büchern und in regelmäßigen Kolumnen, die Sie für YACHT und BOOTE schreibt.

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