Nach Weite! Viele der Stimmungen, die ich in “Aer Maris” beschreibe, sind eher vom festen Ufer aus gesehen, aber beim Segeln bin ich ja noch weiter draußen und habe oft gar keinen Blickkontakt mehr zum Land. Es ist diese Farbstimmung, das Licht, aber auch Geräusche wie das Pfeifen an den Tampen, das ist schon fast eine Melodie, die man beim Segeln hat.
Eigentlich ist es keine Sinfonie, weil dann alle Instrumente, die man im Orchester hat, mitspielen würden. Bei “Aer Maris” sind aber nur die Streichinstrumente beteiligt, insofern ist es fachlich richtig eine Suite, in diesem Fall mit acht Teilen.
Zum einen bin ich selber studierter Streicher, ich habe Kontrabass studiert und war auch zehn Jahre selber im Orchester. Und zum anderen wollte ich das geschlossen halten. Der Streichersound ist für mich der, mit dem ich die Stimmung der Tage am Meer am besten ausdrücken kann.
Ja, absolut, diese Art von Mantras habe ich auch! Aber bei der Musik, die ich komponiere, ist es eher so, dass ich nach dem Tag auf dem Wasser nach Hause gekommen bin und noch mal Revue passieren gelassen hab, was mich so an diesem Tag begeistert hat. Das kann auch ein windloser Tag gewesen sein, wo ich umsonst zum Wasser gefahren bin, es hat gehagelt, es war Nebel oder was auch immer. Und das war das, was mich inspiriert hat - eher die Natur als der Akt auf dem Wasser. Die Musik beschreibt eher die Stimmungen. Es passiert musikalisch nicht sehr viel, aber es ist das, was diese Sensation vom Segeln und vom Surfen ausmacht, dass wir eben immer der Natur ausgesetzt sind. Wir müssen damit leben, was uns die Natur bietet am jeweiligen Tag.
Genau. Es sind sieben Abschnitte wie sieben Wochentage. Dort sind verschiedene Stimmungen zu finden, einmal ein nebliger Morgen, dann ein Tag mit Sturm. Und dann gibt es noch eine Art Wunschtag zum Schluss, wie man ihn gerne hätte. Aber das Ganze ist nicht konkret, man kann nicht genau identifizieren, welcher Klang etwa der Nebel ist. Das muss sich jeder selber vorstellen.
Ich habe mich nach einem Tag auf dem Wasser abends zuhause an den Flügel gesetzt und improvisiert. Das war die Grundstimmung, und die habe ich dann für Streichinstrumente umgesetzt. Irgendwann kam die Idee, dass ich selber ja eine Person innerhalb dieser Welt bin, also kam noch eine Solo-Violine dazu, die in jedem Stück ihren Part in dieser Natur spielt. Das ist schon sehr, sehr abstrakt, aber so hat es sich dann entwickelt.
Ich fahre öfter mit einem Leihkatamaran bei uns auf dem Cospudener See nahe Leipzig, für größere Segelboote ist es dort einfach zu klein. Hin und wieder bin ich auch auf der Ostsee unterwegs, aber nur als Mitsegler, nicht als Skipper. Ich habe immer geliebäugelt, das zu machen, aber ich habe schon so viele Hobbies: die Musik, das Surfen, das Katamaranfahren. Würde ich mir dazu noch eine eigene Yacht hinstellen, mit Wartung und Vereinsleben und allem was daran hängt, das würde dann die Musik wieder einschränken, das geht nicht.
Auf jeden Fall! Viele denken, die Musik entsteht für einen fertigen Film, aber ganz häufig ist es andersherum. Man kriegt vom Regisseur die grobe Geschichte erzählt und komponiert dann die Filmmusik vor dem Film. Insofern ist dieses Imaginieren von Stimmungen oder vom Wasser eine Sache, die einem als Filmkomponist gegeben ist. Sonst hätte ich ja tatsächlich den Flügel mit auf eine Yacht nehmen oder an den Strand stellen müssen, um sozusagen die Umgebung vertonen. Aber das muss ich nicht. Das spielt sich immer im Kopf ab.
Die waren von der Idee total begeistert. Ich hatte anfangs mal angekündigt, mit allen gemeinsam Surfen zu gehen, um ein Gefühl für diese Musik zu bekommen. Dazu ist es zwar bis jetzt leider nicht gekommen, aber es waren viele interessiert, weil sie dieses Gefühl, das sie mit ihren Instrumenten ausgedrückt hatten, selber erleben wollen. Die haben normalerweise immer Angst um ihre Finger und dass sich die Hornhaut aufweicht, die sie zum Spielen brauchen.
Wir haben es aufgenommen, man kann es auf meinem YouTube-Kanal „Only Philipp“ hören. Aber die Hoffnung ist, dass es noch Aufführungen mit diesem oder einem anderen Orchester geben wird, da laufen zurzeit noch Verhandlungen. Am liebsten wäre es mir in Hamburg in der Elbphilharmonie - nur mit Seglern und Surfern im Publikum. Und dann wäre ich gespannt, ob die Leute ihre Gefühle wiedererkennen!
Geboren in Lübeck, verschlug es den Wassersportler zum Studium nach Leipzig. Dort komponiert er unter anderem Musik für „Soko Leipzig“, „Terra X“ und diverse Fernsehfilme.
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.