PorträtAge Nissen – Der Mann, der für die YACHT malte

Marianne Nissen

 · 08.08.2026

„Age“ Nissen in seinem Element: Auf dem Wasser, schöne Segelyachten vor den Augen, Block und Pinsel in den Händen.
Foto: DHH Archiv
​​Wie kaum ein anderer hielt Arndt Georg Nissen alle Facetten des Segelsports seiner Zeit mit Aquarell und Tusche auf Papier fest. Als Hochseesegler legte er Tausende Seemeilen zurück und versuchte dabei ständig zu malen – obwohl das auf See oft störte. Über Jahre waren seine Illustrationen auch das Gesicht der YACHT. Seine Tochter Marianne Nissen erzählt über ihren Vater.

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​Es war Jahr für Jahr der wichtigste Termin: Kieler Woche Ende Juni. Mit Seesack, grauem Kleppermantel, weißer Mütze und dem blauen Blazer mit den Knöpfen vom Royal Ocean Racing Club machte mein Vater sich auf den Weg von Rinkenis auf der Nordseite der Flensburger Förde nach Kiel. Im Gepäck sein großer Aquarellkasten, eine stattliche Zahl kostbarer Pinsel, mehrere Aquarellblöcke und seine Konservendose. Die hatte einen Bindfaden, mit dem er sich die mit Wasser gefüllte Dose um den Hals hängte. Pinsel auswaschen musste überall möglich sein, auch auf den Regattabahnen. Und, da er mit „Wasserfarben“ malte, mussten die Pinsel nass sein. Das war in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.


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Zehn Tage lang hörten wir nichts von meinem Vater, bis er wieder auftauchte, braun gebrannt, seine Ausbeute unterm Arm. Auf Begleitbooten hatte er auf der Kieler Förde nonstop aquarelliert oder mit schwarzer Tusche gearbeitet. Man nahm ihn gerne mit, obwohl er mit seinem Malkram gelegentlich nervte. Ihn störte es nicht, wenn man ihm über die Schulter sah, und manches Blatt wurde sofort, noch feucht, verkauft.

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Auf den Regattabahnen arbeitete er für die YACHT. Mein Vater berichtete sozusagen live von den Regatten, auch wenn erst später gedruckt wurde. Als Segler erfasste er das Geschehen auf dem Wasser, er wusste, was passieren würde, arbeitete extrem schnell. Seine mit leichter Hand aufs Papier gebrachten Szenen hatten eine Lässigkeit, die seine Arbeiten, die am Schreibtisch entstanden, nicht besaßen. Auch den zahlreichen Yachtporträts, die Eigner bei ihm in Auftrag gaben, fehlte dieser geniale Strich, der direkt auf dem Wasser entstand – obwohl natürlich alles stimmte, Rumpf, Segelstellung, die Lage im Wasser.

Wie Nissen die frühe YACHT mitprägte

Seine Arbeit für die YACHT begann schon vor dem Krieg, als die Redaktion in Berlin residierte. Mein Vater hatte auf der Kunstgewerbeschule studiert und lebte in der Hauptstadt als Künstler und Grafiker. Die Aufträge der YACHT waren für ihn wie maßgeschneidert: Er war Segler und Künstler, die perfekte Kombination. Über Jahre prägten seine Illustrationen die Seiten der YACHT.

​Eng war die Zusammenarbeit mit dem Chefredakteur Günter Grell. Grell schrieb, mein Vater illustrierte. 1943 wurde die YACHT kriegsbedingt eingestellt. Mein Vater kehrte zurück in sein Geburtshaus im dänischen Rinkenis, Grell zog nach Schleswig. Schon 1949 produzierten die beiden die erste YACHT nach dem Krieg, auf bescheidenem Papier, mit wenigen Seiten und einer Auflage von 3.000 Exemplaren. So ging das zu zweit weiter bis in die 60er-Jahre, durch lange Nächte mit viel Kaffee und Tabak. Als die YACHT nach Hamburg umzog, die Redaktion vergrößert wurde und die Seiten mit Fotos bebildert wurden, war diese Epoche für meinen Vater vorbei.

Geboren wurde er 1907 in Rinkenis an der Flensburger Förde, seine Eltern, Maria und Anton Nissen, waren beide Künstler. Schon als Kind malte mein Vater Segelschiffe. Segeln lernte er im Flensburger Segelclub.

Zwischen deutscher Minderheit und Hochseesegeln

Geboren wurde er 1907 in Rinkenis an der Flensburger Förde, seine Eltern, Maria und Anton Nissen, waren beide Künstler. Schon als Kind malte mein Vater Segelschiffe. Segeln lernte er im Flensburger Segelclub. Auf die Welt kam Arndt Georg Nissen – genannt A. G. oder kurz Age – als Deutscher. Nach der Volksabstimmung 1920 kam Nordschleswig zu Dänemark, die Nissens bekamen einen dänischen Pass. Die Familie wurde dadurch allerdings nicht dänisch. Sie bewegte sich in der neu entstandenen deutschen Minderheit und blieb bewusst deutsch.

Ich vermute, dass mein Vater deshalb 1925 – mit 18 Jahren – an einem Lehrgang in der neu gegründeten Hanseatischen Yachtschule des Deutschen Hochseesportverbandes „Hansa“ (DHH) in Neustadt teilnahm. Es handelte sich um eine paramilitärische Einrichtung, in der junge Männer hartes Segeln lernen sollten. Unterrichtet wurden sie von ehemaligen Marineoffizieren – Disziplin, Morgenappelle und laute Kommandos inklusive.

​1932 schickte die Yachtschule die 24,60 Meter lange Ketch „Hamburg“ auf eine Reise ins Mittelmeer. Erklärtes Ziel war es, im Ausland die deutsche Flagge zu zeigen. Mein Vater bewarb sich als Crew, wurde aber nur mit Bedenken angenommen, weil er sich ausbedungen hatte, an Bord auch malen zu dürfen. „Ihr Wunsch, mit Rücksicht auf Ihre künstlerische Tätigkeit von Anfang an eine Sonderstellung an Bord eingeräumt zu erhalten, ist mir nicht sympathisch“, schrieb ihm der Geschäftsführer des DHH.

Mein Vater dokumentierte die in Teilen stürmische Reise ausgiebig, auch in dem Buch mit dem schönen Titel „Wir segeln dem Teufel ein Ohr ab!“, verfasst von Mitsegler Ludwig Dinklage. Der beschreibt, wie mein Vater Weihnachten in der Messe einen Baum schmückte und als Knecht Ruprecht an Deck stiefelte, den Bart aus Manilatau gerupft.

Die „Hamburg“ startete im Dezember in Cuxhaven, nach 226 Tagen, 990 Seemeilen und dem Besuch von acht Ländern kehrte sie im Juli 1933 in ihren Heimathafen Neustadt zurück.

Seit dieser viel beachteten Reise gehörte mein Vater zur Hochseesegler-Elite, die seltsamerweise die Zeit hatte, wochenlang auf See unterwegs zu sein. Mein Vater war unter ihnen der einzige Künstler und hatte an Bord immer eine Sonderstellung als „painter“, wie man ihn nannte. Wobei er wie alle anderen Wache ging, trotz seiner schmächtigen Figur bei schwerer See Reffs in bleischwere Segel band, festgezurrt in durchnässtem Ölzeug Ruder ging und nie seekrank war. Die anderen erfahrenen Segler dieses Netzwerks waren Unternehmer, Akademiker, Ärzte und auch Journalisten.

Atlantikregatten, Aquarelle und eine Szene mit Nähe zur Macht

​Im Sommer 1936 gab es mit der Olympia-Regatta von Bermuda nach Cuxhaven eine Herausforderung ganz nach dem Geschmack dieser Clique. Seit 1905 nahmen wieder deutsche Yachten an einer Transatlantik-Regatta teil, insgesamt acht. Mein Vater heuerte auf der „Aschanti II“ von Werftbesitzer Ernst Burmester an.

Der Transatlantik-Regatta ging das berühmte Bermuda Race voraus. Vor dem Start wurde im US-Ostküsten-Segelmekka noch getrimmt, und diese einzigartige Kulisse mit ihren großen Schonern der US-Tycoons brachte mein Vater auf zarten Aquarellen mit nach Hause.

Eine durchsichtige Kugel an Deck der „Aschanti II“, die mein Vater sich erbeten hatte, um darin in Ruhe malen zu können, bekam er natürlich nicht. Die „Aschanti II“ belegte den dritten Platz. Alle Crews des Rennens wurden in der Reichskanzlei in Berlin von Adolf Hitler empfangen. Die braun gebrannten Segler waren genau das, was den Führer begeisterte.

Mein Vater hat immer mal wieder davon erzählt, er war beeindruckt von diesem Ambiente und vom Führer, der sich unter die Segler mischte. Das Rennen und auch den Empfang bei Hitler beschrieb Wolfgang Frank im Stil der Zeit in dem Buch „Die Jagd über den großen Teich“, mein Vater hat es illustriert.

1938 wurde der Gewinner der Transatlantik-Regatta „Roland von Bremen“ in die USA verkauft. Übergabeort war New York. Hans von Lottner, Navigator auf dem „Roland“ 1936, übernahm den Trip von Ost nach West. Unter den sieben Crewmitgliedern war auch mein Vater.

Es wurde eine legendäre Sturmreise, viermal lag die Yacht tagelang beigedreht. Gemalt hat mein Vater trotzdem. Ab Cowes, dem letzten Hafen vor dem Sprung über den Atlantik, brauchte der „Roland“ gut 28 Tage bis Bristol. Ohne Havarie wurde die Yacht überführt und heil ihrem neuen Eigner übergeben.

​Die Fahrt auf der „Kyloe“ bleibt die heikelste Episode

Auch weil er als freier Künstler verfügbar war, landete mein Vater 1941 als Crew auf der „Kyloe“ – einer der Yachten, die im Auftrag von Admiral Canaris, dem Chef der Abwehr, eingesetzt wurden, um als sogenannte Geisterschiffe Spione nach Übersee zu segeln.

Mit der „Kyloe“ sollten zwei Mann dicht unter der Küste auf See nördlich von Kapstadt abgesetzt werden. Christian Nissen, ein Namensvetter meines Vaters, war die Kontaktperson in Berlin. Die Segler sollten getarnt sein als spleenige amerikanische Yachties, die trotz Krieg auf See ihrem Hobby nachgingen.

Es war ein streng geheimer Auftrag, Skipper „Hein Mück“, wie Christian Nissen genannt wurde, brauchte eine erfahrene Crew. Mein Vater war mit ihm auf „Aschanti II“ die Transatlantik-Regatta gesegelt – man vertraute und schätzte einander, es war eben ein kleiner Kreis.

Mein Vater musste nicht lange überredet werden. Er stand, obwohl frisch verheiratet, natürlich auch deshalb zur Verfügung, weil er als dänischer Staatsbürger nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde, wie etliche der deutschen Hochseesegler. Nur seine Frau, meine Mutter, war informiert, nicht einmal seine eigene Mutter wusste, wo und warum er monatelang unterwegs war.

Die „Kyloe“ war eine 22,10 Meter lange kuttergetakelte Yacht, die in Paimpol in der Bretagne beschlagnahmt wurde. Die sechsköpfige Crew baute Wassertanks ein und stopfte sie bis unter die Decksbalken mit Verpflegung voll. Geld spielte keine Rolle. Am 1. April 1941 begann das Abenteuer. „Kyloe“ segelte mit dem Passatwind weit vor die südamerikanische Küste, bevor sie nach Osten ablief, um den einen der beiden „Gäste“, Robey Leibbrandt, auszusetzen. Der zweite Mann blieb nach Unstimmigkeiten zwischen ihm und Leibbrandt an Bord – dieser hatte gedroht, ihn zu erschießen, sobald sie an Land wären.

Danach ging die „Kyloe“ auf Heimatkurs, und in Villa Cisneros, heute Dakhla, an der spanischen Westsahara war am 22. Juli nach 14.400 Seemeilen und 111 Tagen nonstop unter Segeln Schluss. Nach Frankreich zurückzukehren schien bei dem zugespitzten Seekrieg zu gefährlich.

In Berlin wurde die Crew mit dem Blockadebrecher-Abzeichen ausgezeichnet. Von dieser Ausnahmereise gibt es von meinem Vater keine Zeichnungen oder Aquarelle, obwohl er seine Utensilien an Bord hatte. Er malte jedoch jedem eine Urkunde für die Äquatortaufe und bastelte wöchentlich eine fröhliche Bordzeitschrift. Und: Er schrieb unterwegs ein Tagebuch, was strikt verboten war. Mein Vater war für die deutsche Abwehr schlicht nicht geeignet.

Rückblick mit offenen Fragen

Heute frage ich mich: Was war das für eine Fahrt? Segeln bedeutete meinem Vater alles. Doch für welches System war er unterwegs? Gab es die Freiheit auf See ohne die Realität an Land? Ich habe es leider versäumt, meinen Vater danach zu fragen, ob ihm klar war, was seit 1933 in Deutschland geschah. In der Rückschau, wie ich ihn erlebt habe, war er unpolitisch und naiv. Es ging ihm schlicht ums Segeln. Und ums Malen auf See.

Als es nach dem Krieg wieder losging, segelte mein Vater diverse Rund-Skagen- und Langstreckenregatten zur Kieler Woche. 1953 war er Crewmitglied auf dem Zwölfer „Aschanti III“ von Ernst Burmester bei Rennen vor der US-Ostküste. Seine letzte große Reise war 1963 ein 2.100-Seemeilen-Törn rund Schottland als Wachführer auf der DHH-Yacht „Nordsee“, Ex-„Germania V“. Wie schon oft griff „Rasmus mächtig in die Tasten und spielte meistens forte“, wie es in einem Törnbericht heißt. Danach segelte mein Vater gemütlicher in der Dänischen Südsee. Gestorben ist er 1979.


Über Marianne Nissen

yacht/100062211_ba4ce151ffa9a356dae739920f0f358fFoto: privat

​Die Tochter des Künstlers kam nach dem Abitur in Apenrade und einem Volontariat beim NDR Flensburg zum Verlag Delius Klasing, wo sie das Magazin BOOTE EXCLUSIV gründete. Seglerisch ist sie auf der Flensburger Förde groß geworden, wo sie eine eigene Jolle segelte, später gehörte sie zur Stammcrew der „Kong Bele“.


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Yachtdesign – Die großen Konstrukteure, herausgegeben von Lasse Johannsen, ordnet die Geschichte des Segelsports über die Menschen ein, die seine Boote geprägt haben. Wer sich für die Ästhetik, Entwicklung und Zeitgebundenheit klassischer Segelyachten interessiert, findet hier den größeren segelhistorischen Zusammenhang.

Wilfried Erdmann – von außen nach innen von Johannes Erdmann ergänzt den biografischen Zugang dieses Artikels um die prägende Figur des deutschen Segelsports. Im Mittelpunkt steht hier das Leben eines Seglers, seine Erfahrungen und seine Haltung.


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