Pascal Schürmann
· 20.02.2026
Die Atlantiküberquerung liegt bereits mehrere Tage hinter ihr und ihren zwei Mitstreitern, doch Marlene Brudek ist die Begeisterung immer noch deutlich anzumerken. Während eines Telefonats kurz vor Weihnachten gerät sie derart ins Schwärmen, als ob sie gerade erst auf der Karibikinsel Saint Lucia angekommen wäre. „Das war der Wahnsinn! Wie wir zeitweise mit irrem Schub von achtern die Wellen runtergesurft sind – unbeschreiblich!“, sprudelt es aus ihr heraus. „Und die Wellen waren beeindruckend hoch. Jedenfalls von unserem Boot aus betrachtet. Das ist nicht nur klein und das Heck offen, sondern im Cockpit sitzt du auch echt nah am Wasser. Einmal standen bei so einem Surf 16,5 Knoten auf der Logge. Ui, ui, ui, hab ich da nur noch gedacht, wenn das man gut geht!“
Es ging gut. Sehr sogar für die passionierte Skipperin, die mit ihrer JPK 1030 „Heartbeat 2“ die Mitte Dezember zu Ende gegangene Atlantic Rally for Cruisers (ARC) als eines von nur zehn Booten in der Racing Division absolviert hat. Nach berechneter Zeit reichte es für den vierten Platz. Vor ihr drei Yachten, die allesamt über zehn Meter länger und mit großen, teils angeheuerten Regattaseglern besetzt waren. Allen voran die „NextGen by Jajo“, ein ehemaliger Volvo-Ocean-Racer mit üppig besetzter Crew. Der schaffte die Strecke von Gran Canaria in die Karibik in kaum mehr als zehn Tagen. Das Brudek’sche Trio war gute fünf Tage länger unterwegs. Und damit immer noch schneller als das Gros der ARC-Flotte.
Die anderen knapp 140 Crews hatten es teils gemächlicher angehen lassen wollen; sie waren von vornherein in je nach Schiffstyp unterschiedlichen Cruising-Wertungsgruppen gestartet. Für viele von ihnen ging es lediglich ums Dabeisein und ums sichere Ankommen. Das allein war für viele Herausforderung genug. Denn: Wer von zweieinhalb Wochen gemütlichem Passatsegeln geträumt hatte, wurde eines Besseren belehrt. Erst fehlte gleich nach dem Start der Wind, sodass viele Crews den Motor zu Hilfe nahmen. Auf diese Weise konnten sie sich aus den ärgsten Windlöchern befreien. Und dann kam er mit Macht, der ersehnte Nordostpassat. Zwar nicht so stark wie schon in vergangenen Jahren erlebt. Daher geriet auch der ARC-Geschwindigkeitsrekord nicht in Gefahr. Aber es blies dann doch zeitweise kräftig und dabei teils auch unbeständig genug, um die 2.700 Seemeilen in eine Art nicht enden wollende Buckelpiste zu verwandeln.
Zumindest nördlich der Rhumb Line, die den direkten Weg in die Karibik markiert. Dort war mehr Wind vorhergesagt, den die ambitionierteren Segler nutzen wollten. Unter ihnen zwei Freunde aus Nordrhein-Westfalen. „In unserer schlimmsten Nacht bekamen wir es mit sage und schreibe sieben Squalls zu tun!“, berichtet Henrik Teichmann, 58. „Da bist du stundenlang nur noch mit Segelwechseln beschäftigt. An Schlaf ist nicht zu denken!“
Er und sein Segelfreund Karl-Heinz Henzel, 65, gehen seit 22 Jahren regelmäßig zusammen auf Törn. Eine Transatlantikpassage stand zuvor aber noch nicht in ihrem Logbuch. „Das mal zu machen war ein lang gehegter Traum von uns. Unsere Frauen haben ihr Okay dazu allerdings nur unter der Voraussetzung gegeben, dass wir bei der ARC mitsegeln“, berichtete Henzel kurz vor dem Start in Las Palmas. „Da wähnten sie uns im Pulk mit all den anderen Crews gut aufgehoben.“
Im Ziel angekommen – mit ihrem elf Meter langen Eintonner von 1976 „45 South II“ benötigten sie knapp 18 Tage – erzählen sie dann auch von dem beeindruckenden Zusammenhalt der Teilnehmer und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft. „Schon in Las Palmas brauchtest du nur in die WhatsApp-Gruppe zu posten, dass dir dieses oder jenes Werkzeug fehlt, und ein paar Minuten später stand einer mit dem benötigten Teil vor deinem Schiff“, erzählt Teichmann. Das sei auf See genauso weitergegangen. „Fast alle haben ja Starlink an Bord. Da wurde fleißig gechattet, sogar Videos gepostet, aber auch um Rat gefragt und Hilfe angeboten für Crews, die in Schwierigkeiten geraten waren. Davon gab es ein paar.
Ein Schiff meldete Wassereinbruch, ein anderes Probleme mit der Steuerung. In beiden Fällen hätten andere Yachten, die in der Nähe waren, binnen Minuten reagiert und Kurs auf die Havaristen genommen, berichtet Teichmann. „Letztlich haben die Crews ihre Probleme zwar selbst in den Griff bekommen. Dennoch war es gut mitzubekommen, dass du im Notfall da draußen nicht alleine bist.“
Keine akute Notlage, aber doch ein äußerst schmerzhafter Zwischenfall für die Skipperin ereignete sich unterwegs an Bord der „Atlantic“. Eine außergewöhnlich hohe Welle habe ihre immerhin 18 Tonnen schwere Stahlyacht einen derartigen Satz vollführen lassen, dass Julia Merkel unter Deck durch die Luft geschleudert wurde. „Ich saß am Navitisch“, erzählt die 43-jährige Berlinerin, als es mich urplötzlich von der Sitzbank riss. Mit dem Kopf stieß ich hart gegen einen unter der Decke montierten Handlauf.“ Auf ihrer Stirn klaffte danach eine offene Wunde, und es war zunächst nicht klar, ob sie nicht auch eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte.
„Ich habe ihre Wunde versorgt und dann Kontakt zum Medico-Dienst in Cuxhaven aufgenommen. Auch ein für die ARC arbeitender Arzt meldete sich via Funk, nachdem ich den Vorfall der Rennleitung gemeldet hatte“, berichtet Denis Merkel. „Die Situation war für Julia zum Glück nicht bedrohlich. Aber es war doch gut, sich bei einem Mediziner absichern zu können, ob man bei der Wundversorgung an alles gedacht hat. Und auf welche Anzeichen man bei Vorliegen einer Gehirnerschütterung oder Schlimmerem achten soll.“
Ihre Verletzung zog sich Julia Merkel etwa auf halbem Weg zwischen Gran Canaria und Saint Lucia zu. Schon zuvor hatte die Familie – mit an Bord ist neben den Eltern auch Töchterchen Paulina – gleich mehrfach Pech gehabt. Sofort nach dem Start zwang sie ein defektes Netzwerkkabel zur Rückkehr in den Hafen. Später zeigte sich, dass ihre Segelkonfiguration das Boot übermäßig rollen ließ. Sie entschieden sich für einen Zwischenstopp auf den Kapverden, wo sie das Setting überarbeiteten.
Als es dann endlich weiterging, sei zuerst einer der beiden Vorsegelbäume gebrochen. Später sei durch ein Kajütfenster Wasser eingedrungen. Und schließlich habe sich das Ruderblatt der Windsteueranlage verabschiedet. „Julias Kopfverletzung war dann echt der Tiefpunkt unserer Atlantiküberquerung“, sagt Denis Merkel. „Danach wurde es dann aber jeden Tag besser“, wirft Julia Merkel ein und kann über all das Malheur schon wieder lachen. Vor allem habe Tochter Paulina die Tage auf See geliebt. „Wir haben für Weihnachten gebacken und gebastelt, Paulina hat gemalt, Hörbücher gehört oder Bücher angeschaut. Und Angelerfolg hatten wir auch!“
Als die „Atlantic“ schließlich als eine der letzten Yachten am späten Abend des 21. Dezember in der Rodney Bay Marina festmacht, ist die Preisverleihung gerade vorbei – und damit die ARC 2025 offiziell zu Ende. „Dafür war der Empfang umso herzlicher. Jede Menge Leute, die von der Abschlussparty kamen, schauten spontan vorbei, um uns zu beglückwünschen“, erzählt die Skipperin. „Ein Gänsehautmoment!“
Ungleich entspannter als auf der „Atlantic“ ging es auf der „Adrienne“ von Tanja Bräuer und Thomas Volnhofer zu. Beide sind Segellehrer und können auf über 140.000 Seemeilen im Kielwasser zurückblicken. 14-mal waren sie schon bei der ARC dabei, diesmal starteten sie mit sechs Kojenchartergästen.
„Die Tage an Bord waren gekennzeichnet vom Wachrhythmus. Zudem bringen wir allen, die Lust haben, unterwegs ein wenig Astronavigation bei. Und geangelt wird natürlich auch“, erzählt Tanja Bräuer nach der Ankunft in Saint Lucia. Thomas Volnhofer ergänzt ein wenig stolz, dass sie zwar nicht unter den schnellsten Schiffen waren, aber „wir haben von allen den kürzesten Weg genommen: 2.670 Seemeilen standen im Ziel auf der Logge.“
Es sind unterschiedliche Geschichten wie diese, die den Geist der ARC ausmachen. Wer bei der nächsten Auflage dabei sein will, sollte sich sputen: Die Meldeliste auf der Internetseite des World Cruising Club füllt sich bereits.
Anfangs waren nicht nur einige Einhandsegler dabei, sondern generell viele kleinere Crews, vom Pärchen bis zum Freundes-Trio oder -Quartett. Mit der zunehmenden Bootsgröße wuchsen in den vergangenen Jahrzehnten auch die Mannschaften.
Die Crews segeln nonstop von Las Palmas nach Saint Lucia. Die kürzeste Entfernung beträgt 2.700 Seemeilen, markiert durch die rote Rhumb Line. Meist gibt es aber nördlicher oder auch südlicher besseren Wind.
Holz- und Stahlyachten waren bei den ersten Auflagen der ARC keine Seltenheit, sondern Normalität. Beide Bootstypen sucht man heute beinahe vergebens. Längst dominiert GFK, und viele Explorer- Yachten haben Aluminium-Rümpfe. Und eine weitere Entwicklung ist zu verzeichnen: Es sind immer mehr Katamarane dabei. 2025 waren es über 30. Dass die Anzahl der ARC-Teilnehmerboote heute insgesamt niedriger ist als 1986, liegt daran, dass vor 13 Jahren die ARC-plus hinzukam. An dieser Variante, die die Crews mit einem Zwischenstopp auf den Kapverden in die Karibik führt, nahmen diesmal 86 Boote teil.
Seinerzeit mit dabei waren die YACHT-Redakteure Klaus Bartels und Michael Bohmann. Sie heuerten auf der Bianca 107 „Wann-O-Zeven“ eines dänischen Segelfreundes an. Der in Teilen heute haarsträubend zu lesende Bericht von Bartels erschien in YACHT 4/1987. Bartels berichtet darin von unheimlichen Begegnungen mit vermeintlichen Piraten, von nicht enden wollenden Nachtwachen, gerissenen Segeln, Kollisionen und einem nervenzehrenden Rollen des Schiffs. Tagelang geht nichts, ohne sich festzuklammern, anzuschnallen, einzukeilen. Eine Tortur. Doch es gibt auch faszinierende Erlebnisse, die das Leiden vergessen machen. Allen voran die Ankunft: unbeschreiblich!

Textchef YACHT