12. Route du RhumFür Top-Favorit Caudrelier wird ein Kindheitstraum wahr

Tatjana Pokorny

 · 04.11.2022

12. Route du Rhum: Für Top-Favorit Caudrelier wird ein Kindheitstraum wahrFoto: Eloi Stichelbaut/polaRYSE/Gitana S.A.
Charles Caudrelier ist mit “Maxi Edmond de Rothschild” Favorit in der Giganten-Klasse der Ultim-Trimarane – gleichzeitig ist es seine erste Route du Rhum

Der zweimalige Ocean-Race-Sieger Charles Caudrelier startet am 6. November in seine erste Route du Rhum. Er ist einerseits “Rookie”, andererseits der Top-Favorit. Wie ihn dieser Spagat fordert, motiviert und inspiriert, erzählt der Franzose im Interview mit YACHT online.

Nach einer letzten Auszeit mit seiner Familie, hat sich Charles Caudrelier bereits in seine “Routing-Zelle” zurückgezogen. Mit seinen Beratern bereitet sich der 48-jährige zweimalige Ocean-Race-Gewinner (2011/2012 mit “Groupama”, 2017/2018 als Skipper im Dongfeng Race Team) auf seine Premiere beim Transatlantik-Klassiker Route du Rhum vor. Mit “Maxi Edmond de Rothschild” gilt Caudrelier als Favorit in der Ultim-Klasse der fliegenden Trimarane, obwohl es seine Premiere beim Transat-Klassiker sein wird.

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“Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper Charles Caudrelier ist so sympathisch wie ehrgeizigFoto: Marin LE ROUX/polaRYSE/GITANA S.A.
“Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper Charles Caudrelier ist so sympathisch wie ehrgeizig

Charles, wo ordnest du das bevorstehende Abenteuer der Route du Rhum für dich ein, wenn du es mit den vielen Höhepunkten deiner Karriere vergleichst, zu denen sicher die Siege im Volvo Ocean Race, aber auch viele andere Erfolge zählen?

Die Route du Rhum ist für mich ein wahrgewordener Kindheitstraum. Es ist wirklich das Rennen, das mein Leben und dann meine Karriere in Richtung Hochseerennen gelenkt hat. Indem ich die großen Helden dieses Rennens beobachtet habe, ist meine Leidenschaft gewachsen und hat sich gefestigt.

Teil dieser Leidenschaft ist der Ultim-Trimaran “Maxi Edmond de Rothschild”, mit dem du jetzt in deine erste Route du Rhum startest?

Mehrrumpfboote waren immer sehr präsent in meinem Kopf. Ich konnte mit Pascal Bidégorry auf ‘Banque Populaire’ oder auch mit ‘Gitana’ im Jahr 2013 ein wenig segeln. Die Möglichkeiten haben mich aber zuerst eher in Richtung Einrumpfboote geführt. Zuerst war ich auf kleinen Booten unterwegs, habe 2004 die Solitaire du Figaro gewonnen. Dann gab es die Imocas und natürlich das Volvo Ocean Race und meine beiden Siegen bei diesem großen Mannschaftsrennen um die Welt. Das Ocean Race ist mehr als ein Rennen und ich war am Ende leer, müde und hatte weniger Lust zu segeln, glaube ich.

Zu dieser Zeit rekrutierte das Gitana-Team neue Skipper. Die Chance, wieder mit einem Mehrrumpfboot starten zu können, und dann auch noch mit Gitanas ‘Maxi Edmond de Rothschild’, dem ersten fliegenden Maxi seiner Generation, einem so innovativen und bahnbrechenden Boot, war eine riesige neue Motivation. Umso mehr, als diese neue Geschichte zu zweit und mit Franck Cammas geschrieben werden sollte. Franck und ich kennen uns schon ewig, wir haben schon viele Rennen zusammen gesegelt und gewonnen. Er ist ein Spezialist für Mehrrumpfboote und das Fliegen. Das waren eine große Chance und ein Beschleuniger für mein Lernen an Bord.

“Ich hatte nur Mehrrumpfboote und die Route du Rhum im Kopf”

Du gehst am Sonntag als Rookie und als Favorit ins Rennen. Das ist eine ungewöhnliche Mischung. Wie bestimmen diese beiden normalerweise eher konträren Positionen deine Herangehensweise an die Route du Rhum?

Ich träume vom Mehrrumpfbootfahrten, seit ich mit dem Regattasegeln begonnen habe. Einige meiner jüngeren Kameraden sind mit dem Traum von der Vendée Globe aufgewachsen, aber ich hatte nur Mehrrumpfboote und die Route du Rhum im Kopf. Ich trete in Saint-Malo tatsächlich als Rookie an, denn die Rhum wird mein erstes großes Einhandrennen am Steuer eines Mehrrumpfbootes sein.

Gleichzeitig habe ich aber viel Erfahrung auf der ‘Maxi Edmond de Rothschild’ gesammelt. In den letzten drei Jahren hatten wir mit Franck Cammas Zeit, alles richtig zu machen. Und wir haben mit diesem Boot fast alles gewonnen. Die vielen Meilen, die ich in diesen drei Jahren gesammelt habe, und die Zeit, die ich in die Entwicklung und Feinabstimmung investiert habe, haben es mir ermöglicht, mein Boot perfekt zu kennen. Ich weiß, dass ich bei der Route du Rhum mit allen Karten in der Hand ankomme und dass es nun an mir liegt, mein Blatt auszuspielen.

“Solorennen sind meine große Liebe”

Solo- oder Teamrennen – wir nehmen an, dass du beides magst. Was ist es, dass dir an Solorennen besonders gut gefällt und was vielleicht weniger?

Ich habe schon sehr lange keine Solorennen mehr bestritten, aber sie sind meine große Liebe. Ich habe mit Einhandsegeln angefangen und das war wirklich das, was mich zum Regattasegeln und zum Wettbewerb hingezogen hat. Meine Karrieremöglichkeiten haben mich mehr in Richtung Mannschaft geführt, wo ich die Möglichkeit liebe, Boote an die Spitze ihres Leistungspotenzials zu bringen. Aber ich habe wirklich eine Schwäche für das Einhandsegeln.

Das Format und der Anspruch der Übung, als Einhandsegler zu segeln, stimulieren mich sehr. Das Einhandsegeln, umso mehr auf unseren großen fliegenden Trimaranen, ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mental große Herausforderung. Man muss bei einem Einsatz von so enormer Intensität zu 100 Prozent bei der Sache sein. Das Solosegeln bleibt ein Abenteuer und ich glaube, das ist es auch, was mir besonders gefällt.

“Die Route du Rhum ist die Königin der Transatlantikregatten! Für uns als französische Segler ist sie unser Erbe.”

Gitana-Skipper Charles CaudrelierFoto: Yann Riou/polaRYSE/Gitana S.A.
Gitana-Skipper Charles Caudrelier

Wie würdest Du die Route du Rhum und ihre Magie Laien in Kürze beschreiben?

Die Route du Rhum ist ganz einfach die Königin der Transatlantikregatten! Als französischer Segler ist sie unser Erbe. Alle großen Segler sind bei diesem mittlerweile legendären Rennen an den Start gegangen. Es hat alle Zutaten eines großen Rennens: eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Strecke, dazu einen Starthafen und eine Zielinsel, die schon immer dabei waren und einen wesentlichen Teil der Atmosphäre ausmachen, die das Rennen ausstrahlt. Das sieht man auch in diesem Jahr wieder an den zahlreichen Zuschauern an den Kais von Saint-Malo, die bei der Route du Rhum eine magische Wirkung entfalten.

Welche Segler haben Sie in Ihrer Karriere inspiriert?

Der erste ist sicherlich Laurent Bourgnon als Legende der Route du Rhum. Ich erinnere mich noch genau an die Bilder von ihm, als er 1994 Fréhel überholte. Ich wollte dieser Mann werden. Ich hatte das Glück, in meiner Karriere sehr großen Seglern zu begegnen, die mich auf meinem Weg sehr inspiriert haben. In den Anfängen gab es einen Mann wie Marc Guillemot, mit dem ich meine ersten Regatten im Figaro bestritten habe, dann Michel Desjoyeaux, der ebenfalls in Port-la-Forêt segelte, und natürlich Franck Cammas. Seit über 20 Jahren sind unser Leben und unsere Karrieren sehr eng miteinander verbunden. Wir sind zusammen um die Welt gereist und haben einen tiefen gegenseitigen Respekt füreinander.

Eine typische Fan-Frage vor der Route du Rhum ist diese: Wie können ein Mann oder eine Frau eine solche Maschine wie deinen Giganten alleine erfolgreich und sicher bedienen?

Ein Boot wie der ‘Maxi Edmond de Rothschild’ ist ein kraftvolles und körperlich anstrengendes Boot, aber die größte Stärke, die man haben muss, um eine solche Maschine zu führen, ist sicherlich die Fähigkeit, vorausschauend zu denken und gründlich zu sein.

“Maxi Edmon de Rothschild” im FlugmodusFoto: polaRYSE/Gitana S.A.
“Maxi Edmon de Rothschild” im Flugmodus

Kannst du die "Maxi Edmond de Rothschild" kurz beschreiben?

Nach einigen Segeltörns an Bord habe ich mich in dieses Boot verliebt. Für mich ist es außergewöhnlich! Der Flug und die Gefühle, die es vermittelt, sind unglaublich. Der ‘Maxi Edmond de Rothschild’ ist revolutionär, kraftvoll, leistungsstark und sehr lebendig.

Welches sind die drei bemerkenswertesten Eigenschaften dieses Bootes, das die Gegenwart und Zukunft des schnellen Hochseerennsports repräsentiert?

Die Maxi Edmond de Rothschild ist das Ergebnis einer kühnen Arbeit zwischen einem Designer, Guillaume Verdier, der für mich ein Visionär des Yachtdesigns ist, und einem Team, das von seinen Eignern - Ariane und Benjamin de Rothschild - angetrieben wurde und bis zum Ende seiner Überzeugungen gegangen ist. Heute mag es einfach erscheinen, aber als das Gitana-Team das Projekt ‘Maxi Edmond de Rothschild’ startete, waren viele Beobachter sehr skeptisch. Ich gehörte zum Zeitpunkt des Stapellaufs im Jahr 2017 noch nicht zum Team. Es stimmt, dass die Konstruktionsentscheidungen sehr innovativ waren und viele Fragen aufwarfen. Heute ist die ‘Maxi Edmond de Rothschild’ die Referenz.

“Die größte Angst sind Ufos und Kollisionen”

Wie groß ist die Sorge, dass ein erfahrener und erfolgreicher Skipper wie du mit einem fantastischen Boot wie dem deinen aufgrund eines technischen Problems, einer Kollision mit einem Ufo oder anderem Unglück scheitern könnte? Und wie gehst du mit dieser Sorge um?

Hochseeregatten sind ein technischer Sport und Bruch gehört zum Spiel! Wir tun alles, um unsere Boote gut vorzubereiten und ihn zu vermeiden. Auch an Bord tue ich alles, um mein Boot zu schonen und mit guter Seemannschaft zu segeln. Aber meine größte Angst sind natürlich Ufos (Red.: Kürzel für “Unknown floating objects”) und Kollisionen. Wir versuchen, uns in diesem Punkt zu verbessern, beispielsweise mit Infrarotkamerasystemen an der Mastspitze oder mit Pingern im Schwert, aber das ist alles noch nicht zuverlässig, sodass das Risiko bestehen bleibt.

Auf wie viel Schlaf wirst Du während der Route du Rhum Schnitt pro 24 Stunden kommen?

An Bord unserer Boote passen wir uns immer dem Wetter an. Unsere Schlafzeit hängt vor allem von den Wetterbedingungen ab, die wir antreffen. Ich versuche, mindestens vier Stunden Schlaf pro 24 Stunden in 15- bis 20-minütigen Abschnitten anzusammeln. Meiner Meinung nach ist das Schlafmanagement einer der Schlüssel zum Erfolg. Ich habe mich in der Vorbereitung intensiv damit beschäftigt.

Welche Segelzeit habt ihr im Sinn – auch vor dem Hintergrund, dass Francis Joyons Rekordzeit mit “Idec Sport” bei 7 Tagen, 14 Stunden, 21 Minuten und 47 Sekunden liegt?

Wir streben je nach Wetterlage zwischen 7 und 9 Tagen an. Im Moment scheinen die Wetterbedingungen nicht günstig zu sein, um die Zeit von Francis Joyon zu schlagen. Aber das kann sich noch ändern.

Das Boot wird hauptsächlich vom Autopiloten gesteuert? Wie oft steuerst du noch selbst, was sind die Hauptaufgaben während des Rennens?

Im Rennen steuert der Autopilot tatsächlich 90 % der Zeit. Aber an Bord gibt es viel zu tun: Ich muss die Segel, Foils und vieles mehr einstellen, mich mit meinen Routern über das Wetter und die Strategie austauschen. Ich muss mich ausruhen, sobald die Bedingungen es zulassen, mich ernähren und mit der Welt kommunizieren, damit möglichst viele Menschen mein Rennen miterleben können.

Charles Caudreliers Arbeitsplatz an BordFoto: Yann Riou/polaRYSE/Gitana S.A.
Charles Caudreliers Arbeitsplatz an Bord

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