BlauwasserFestgesetzt im Paradies – Langfahrtsegeln in Corona-Zeiten

Kristina Müller

 · 18.03.2020

Blauwasser: Festgesetzt im Paradies – Langfahrtsegeln in Corona-ZeitenFoto: Segeljungs

Wo darf man noch hinsegeln? Geht es vor der Sturmsaison weiter? Wie ist die Versorgungslage? Weltumsegler stellen sich derzeit viele Fragen

Viele wollen jetzt oder in wenigen Wochen lossegeln. Zur großen Reise, zum Abenteuer des Lebens – dürfen nun aber nicht. Andere sind längst in aller Welt unterwegs und wissen nun nicht, wie die Reise weitergehen kann. Dabei drängt bei vielen die Zeit; die Wirbelsturmsaison diktiert schließlich den Zeitplan der Weltumsegler. All denjenigen, die nun unterwegs sind, stellen sich daher große Fragen.

Reisepläne zerplatzen

Die Corona-Krise wirkt sich eben nicht nur auf den Saisonbeginn in Europa aus, sondern vor allem auch auf die Pläne der vielen Langfahrtsegler in aller Welt – und hierzulande.

Der Hochseeseglerverein Trans-Ocean hat alle Vorbereitungsseminare für die große Reise abgesagt, auch das alljährliche Lossegler-Treffen. Große Pläne liegen auf einmal auf Eis, Abfahrtsträume zerplatzen jäh.

Dynamische Lage in aller Welt

Die aktuelle Situation in jedem Land und an jedem Ankerplatz abzubilden ist kaum möglich, da sie sich überall auf der Welt derzeit schnell ändert.

Zwei Beispiele deutscher Langfahrt-Crews aus der Karibik und dem Pazifik zeigen aber, welche Konsequenzen die Corona-Pandemie aktuell für Weltumsegler mit sich bringt und wie sie die Krise erleben.

Endstation Karibik? Interview mit den "Segeljungs"

Eigentlich sollte es der Neustart der großen Reise von Vincent Goymann und Tim Hund werden. Mit zwei weiteren Freunden waren die Abiturienten aus Bayern im Herbst 2018 zur Weltumsegelung aufgebrochen und in die Karibik gesegelt.

  Die "Segeljungs" – noch zu viertFoto: Segeljungs.de
Die "Segeljungs" – noch zu viert

Als der Motor ihres betagten Stahlschiffes jedoch immer wieder Probleme machte und sie von einem Zuschauer ihres Youtube-Kanals eine Aluyacht zum Freundschaftspreis in Frankreich angeboten bekamen, reisten sie kurzerhand zurück nach Europa, um die Reise dort mit neuem Schiff anzugehen.

Nach dem Refit ihrer neuen "Arrya" legten sie also, wenn auch in veränderter Crewkonstellation, Anfang Februar auf den Kanaren zur Atlantiküberquerung ab und erreichen gut zweieinhalb Wochen später Barbados. "Da ging es gerade los mit Corona", erzählt Vincent Goymann, "und wir haben damals schon spekuliert, wie es bei unserer Ankunft wohl sein wird."

Im Interview mit YACHT online erzählt er von der Situation vor Anker auf Curaçao und wie die Corona-Krise das Leben der Langfahrtsegler derzeit verändert.

YACHT: Wie ist die derzeitige Lage auf Curaçao?

Vincent Goymann: Eigentlich ganz okay. Curaçao ist eine niederländische Insel, die Infrastruktur ist gut, wir sind in einer Hurrikan-geschützten Bucht. Segler auf anderen Inseln, die das nicht sind, die dort aber nicht wegkommen, sind schlimmer dran. Aber es fühlt sich alles sehr unwirklich an.

Ist die Ausbreitung des Corona-Virus auch das beherrschende Thema unter den Seglern und auf der Insel?

Ja, es ist das Thema Nummer eins. Man läuft durch die Straßen und jeder unterhält sich über Corona. Die ganze Welt weiß Bescheid. Dennoch ist das alles so richtig noch gar nicht hier angekommen. Bis vor zwei Tagen waren noch alle Bars geöffnet. Nun sitze ich aber in einem komplett leeren Café mit einem Kaffee aus dem Automaten. Noch haben die meisten Geschäfte geöffnet, aber es wurden schon weitere Maßnahmen angekündigt. Man merkt schon, dass weniger Leute unterwegs sind. Sie haben Angst, und die Touristen reisen ab. All das hat sich innerhalb von ein paar Tagen komplett geändert.
  Sind noch guter Dinge: Vincent Goymann (l.) und Tim HundFoto: Segeljungs
Sind noch guter Dinge: Vincent Goymann (l.) und Tim Hund

Wie wirkt sich die veränderte Lage aus?

Es sind kleine Sachen, noch ist die Lage relativ entspannt. Das liegt vielleicht auch am angenehmen Klima hier. Im Supermarkt muss man sich jetzt die Hände desinfizieren. Als Maßnahme zur Aufklärung wurden Schilder aufgestellt, dass man sich die Hände waschen soll. Und im Supermarkt soll man 1,5 Meter Abstand voneinander einhalten.

Wie ist die Stimmung am Ankerplatz und unter den Seglern?

Ganz gut, die meisten sind froh, hier zu sein. Wir können auch problemlos an Land gehen und uns frei bewegen.

Anfang Februar sind Sie auf den kanarischen Inseln losgesegelt. Wann und wie haben Sie von der Ausbreitung des Virus erfahren?

Wir sind nach der Atlantiküberquerung auf Barbados angekommen. Da hatte sich die Lage in Europa schon verschärft. Dann sind wir über verschiedene Insel bis hierher gesegelt, das heißt, wir haben manchmal drei Tage am Stück keine Nachrichten gelesen und die Entwicklung der Situation dadurch in Schüben mitbekommen. Dann merkt man besonders stark, wie extrem alles voranschreitet.

Gab es beim Einklarieren Probleme?

Nein, da war es noch kein Thema. Wir wurden zwar gründlich gecheckt, und es wurde sichergestellt, dass wir in den letzten zwei Wochen nicht in Europa waren. Aber sonst verlief es problemlos.

Zum Träumen: Unbeschwerter Aufbruch der "Segeljungs" zur Atlantik-Überquerung vor dem Ausbruch der Corona-Krise

Wie verändert sich die Reise nun?

Wir hatten geplant, Anfang Mai durch den Panamakanal zu fahren und vorher noch Kolumbien zu bereisen. Das geht derzeit nicht. Wir sitzen hier fest und können gar nicht weiter, da uns sonst niemand reinlässt. Die meisten Grenzen sind geschlossen. Aber es ist kein schlechter Ort, um festzusitzen. Direkt nebenan ist ein Riff, und wir vertreiben uns die Zeit mit Tauchen oder Kiten.

Gibt es einen Plan B?

Wir gehen gerade unsere Möglichkeiten durch. Es hängt davon ab, ob sich die Situation wieder beruhigt und man wieder irgendwo einreisen kann. Da wir in den Pazifik wollen, haben wir schon überlegt, irgendwie ums Kap Hoorn zu fahren... Aber das ist natürlich auch keine Lösung. Gerade lässt sich gar nichts planen, man weiß ja nichts. In einer Woche kann wieder alles ganz anders sein.

Haben Sie überlegt, die Reise abzubrechen?

Nein, auf keinen Fall. Ein Boot zu haben ist gerade gar nicht so schlecht. Das fühlt sich wie eine relativ sichere Basis an.

"Gefangen im Paradies" – vor Anker in den Gambier-Inseln

Sabine und Joachim Willner segeln mit ihrer Hanseat 42 seit Jahren um die Welt. In YACHT 7/2017 und 12/2019 haben sie von ihrer Reise berichtet, außerdem regelmäßig und umfassend auf ihrem Blog atanga.de.

In ihrem jüngsten Blogbeitrag skizziert Sabine Willner die Entwicklung in Französisch-Polynesien, wo sie derzeit auf der Insel Mangareva vor Anker liegen.

"Die Regierung von Französisch-Polynesien erlässt seit Tagen neue Anweisungen im Stundentakt. Die Schulen sind ab heute geschlossen, zunächst bis Ostern – auch auf den kleinen, abgelegenen Inseln wie bei uns in Gambier. Heute werden die Kinder, die in Tahiti zur Schule gehen, hier eingeflogen. Ob es das letzte Flugzeug hierher sein wird? Das ist noch offen. Es gibt Diskussionen darüber, den Flugverkehr zwischen den Inseln einzustellen. Mit den Flugzeugen kommen dringende Artikel aus Tahiti wie Medikamente und Post. Lebensmittel, Diesel, Gas zum Kochen und Benzin liefern die Versorgungsschiffe. Hier sind keine Einschränkungen im Gespräch."

Auch der Flugverkehr nach Europa sei komplett eingestellt worden, es sei ein merkwürdiges Gefühl, quasi im Ausland gefangen zu sein und nicht mehr jederzeit nach Hause zu können, berichtet Sabine Willner weiter. Ursprünglich habe es keine Quarantäne-Vorschriften für die derzeit aufgrund der Jahresezeit zahlreich anreisenden Yachten gegeben, da diese eine mehrwöchige Pazifiküberquerung und damit Isolierung an Bord hinter sich hätten. Doch auch damit ist nun wohl Schluss.

"Einreiseverbot für Ausländer, heißt es nun. Außerdem wurde beschlossen, dass der Verkehr zwischen den Inseln für Segelboote untersagt ist. Ob das bedeutet, dass wir auch in Gambier nicht mehr die Inseln wechseln dürfen? Wir wissen es nicht. Das erste Mal sehen wir heute die Gendarmerie mit einem Boot durch den Ankerplatz ziehen."

Und auch das Thema Versorgungslage thematisiert die erfahrene Langfahrtseglerin.

"Bleibt die Versorgung so bestehen wie bisher? Die Polynesier neigen nicht zum Hamstern. Ihnen ist eine Denkweise, weit in die Zukunft zu planen, fremd. (...) Spätestens auf den Kapverdischen Inseln lernt man als Weltumsegler: Du musst Dinge dann kaufen, wenn du sie siehst, nicht, wenn du sie brauchst. Am nächsten Tag kann der Artikel für Monate aus den Läden verschwunden sein. Diese Regel haben wir uns in den letzten Jahren zu eigen gemacht. Außerdem haben wir häufig schon für Monate gebunkert, weil wir wissen, dass im neuen Land die Preise deutlich höher sind. Zur Planung, wenn man Tahiti verlässt, gehören volle Schränke dazu. Auf Gambier gibt es zwar vieles, aber Haferflocken, Nüsse oder Vollkornmehl bekommt man einfach nicht. Wir haben immer für bestimmt vier Wochen Nahrungsmittel an Bord, weil man auf einem Boot nie weiß, ob man nicht für etliche Tage an Bord bleiben muss oder schnell einen Ort verlassen muss."

Die Sorge und Verunsicherung unter den Seglern ist derzeit beträchtlich. Unbeschwert ist die große Reise mit einmal nicht mehr, wie Willner beschreibt:

"Wie lange wir hier gefangen sein werden – wir wissen es nicht. Großraum-Quarantäne würde ich es nennen. Gefangen im Paradies trifft es auch. Und ganz plötzlich bekommt das Paradies einen Beigeschmack. (...) Bleibt gesund in eurer Quarantäne."

Informationsmöglichkeiten zum Thema Corona-Virus für Langfahrtsegler:

Trans Ocean e.V.
(fortlaufende Aktualisierung von Einreisebestimmungen auf Basis der Stützpunktmeldungen)

World Cruising Club
(Informationen für Teilnehmer der ARC-Veranstaltungen)

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