Sturmtief “Harry" meteorologisch betrachtet

YACHT-Redaktion

 · 23.01.2026

Sturmtief “Harry" meteorologisch betrachtetFoto: EUMETSAT
Das Sturmtief "Harry" am 19.01.2026 über dem Mittelmeer
Das Sturmtief „Harry“ hat im Mittelmeerraum eine außergewöhnliche Zerstörungskraft entfaltet, die vor allem auf die gleichzeitige Entfesselung mehrerer Naturgewalten zurückzuführen ist. Neben meterhohen Wellen brachte das Tiefdruckgebiet Windstärken von bis zu 130 km/h und extreme Niederschlagsmengen mit sich. Besonders dramatisch war die Situation in Kalabrien, wo in nur drei Tagen die Hälfte der Regenmenge fiel, die normalerweise in einem ganzen Jahr registriert wird. Wie es zu dem Extremwetter kam und ob es sich um einen „Medicane“ gehandelt hat.

Was „Harry“ meteorologisch war

Im Alltag wird schnell der Begriff „Zyklon“ verwendet, wenn von einem Sturm die Rede ist, der über warmem Wasser entsteht. Meteorologisch betrachtet ist dieser Begriff jedoch viel breiter gefasst. Ein Zyklon ist schlicht ein rotierendes Tiefdrucksystem, also eine großräumige Windzirkulation um ein Tiefdruckzentrum. Auf der Nordhalbkugel dreht sich diese Zirkulation gegen den Uhrzeigersinn. Damit fallen auch die Tiefs, die unseren Winter in Europa prägen, unter diese Definition – wir nennen sie allerdings meist „Tief“ oder „Sturmtief“, nicht Zyklon. Bei „Harry“ handelt es sich präzise formuliert um ein benanntes, kräftiges Mittelmeer-Tief, also einen mediterranen Zyklon. Der Begriff „Medicane“ (Mediterranean Hurricane) wäre möglich, wenn ein stabiler Warmkern und eine relativ symmetrische Struktur nachgewiesen werden – dies ist jedoch eine nachträgliche Diagnose aus Analysen und nicht aus spektakulären Satellitenbildern ableitbar.

Die Entstehung des Extremwetters

Die besondere Intensität von Sturmtief „Harry“ erklärt sich durch ein Zusammenspiel verschiedener meteorologischer Faktoren. Das Tief etablierte sich über dem westlichen Mittelmeer und zapfte dabei sehr feuchte und warme Luftmassen an. Diese Luftmassen nahmen über dem vergleichsweise warmen Mittelmeer zusätzliche Energie auf, was die Intensität des Sturms verstärkte. Ein entscheidender Faktor für die Extremwetterlage war die Blockade durch stabile Hochdruckgebiete weiter nördlich, die einen raschen Abzug des Systems verhinderten. Dadurch blieb das Tief über mehrere Tage nahezu ortsfest, und immer wieder zogen Regengebiete über dieselben Regionen hinweg. Viele starke Mittelmeerlagen starten nicht „tropisch“, sondern klassisch dynamisch. Häufig liegt zunächst ein Kaltlufttrog in der Höhe, der sich als sogenanntes Cut-off-Low vom Hauptströmungsband abkoppelt. In Bodennähe bildet sich dazu ein Tief, das von Temperaturgegensätzen und Hebung an Fronten lebt.

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Klimawandel als Verstärker

Der italienische Meteorologe Mattia Gussoni vom Wetterdienst ilMeteo.it betont, dass Winterstürme über dem Mittelmeer an sich kein ungewöhnliches Phänomen darstellen. „Winterstürme habe es über dem Mittelmeer schon immer gegeben“, erklärt der Experte. Allerdings würden solche Stürme infolge des Klimawandels „häufiger und heftiger“ auftreten. Als Hauptursache für diese Entwicklung nennt Gussoni die überhöhten Wassertemperaturen des Mittelmeers, die den Stürmen zusätzliche Energie liefern. Im Fall von „Harry“ spielten die milden Wassertemperaturen eine entscheidende Rolle: „Die milden Wassertemperaturen sind eine Energiequelle und führen zu einer höheren Verdunstung. Aus diesem Grund wurde ‚Harry‘ zu einem Extremereignis, wie wir es in der Vergangenheit nur selten erlebt haben“, betont der Meteorologe. Die höhere Verdunstungsrate über dem warmen Wasser führte zu mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, die sich schließlich als Starkregen entlud.

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Woher die hohen Windgeschwindigkeiten kamen

Wind ist im Kern die Antwort der Atmosphäre auf Druckunterschiede. Luft will vom höheren zum niedrigeren Druck, wird auf der rotierenden Erde abgelenkt und strömt dann um das Tief herum. Je dichter die Isobaren, desto stärker der Druckgradient, desto höher das Windpotenzial. Im Mittelmeerraum kommt noch ein Verstärker hinzu, der Skippern sehr vertraut ist: Düseneffekte und Kanalisierung. Zwischen Inseln, entlang von Kaps und in Engstellen wie der Straße von Sizilien beschleunigt der Wind lokal, auch wenn die großräumigen Mittelwerte weniger dramatisch klingen. Für „Harry“ sind konkrete Spitzenwerte zumindest für Malta gut dokumentiert. Der maltesische Wetterdienst meldete in Valletta 56 Knoten, rund 104 Kilometer pro Stunde – eine Windstärke, bei der in Marinas nicht mehr „nur“ Leinen arbeiten, sondern Infrastruktur kritisch wird.

Warum so viel Regen fiel

Starkregen braucht zwei Dinge: viel Wasser in der Luft und einen Mechanismus, der diese Luft kräftig anhebt. Mittelmeer-Tiefs liefern beides. Über dem Meer wird die untere Luftmasse durch Verdunstung ständig mit Feuchte nachgeladen. Trifft diese feuchte Luft in die Zirkulation des Tiefs und wird an Fronten, in Konvergenzzonen oder an Orographie gehoben, kondensiert sie aus. In extratropischen Zyklonen ist der wichtigste Regenmotor oft der sogenannte Warm conveyor belt, ein breiter, aufsteigender Luftstrom, der große Feuchtemengen in Wolken und Niederschlag umsetzt. Studien zu mediterranen Zyklonen zeigen, dass Warm conveyor belt und tiefe Konvektion zentrale Rollen für die Starkniederschläge spielen. Im Einflussbereich von Sturmtief „Harry“ lagen vielerorts Warnungen vor sehr hohen 24-Stunden-Mengen. Medienberichte nannten in Süditalien und auf Sizilien Größenordnungen von über 100 Millimetern in 24 Stunden als erwartete Mengen in den Warngebieten.

Warum die Wellen so hoch wurden

Die Wellenhöhe ist kein Zufallsprodukt und auch nicht nur von der Windstärke abhängig. Drei Faktoren bestimmen, wie viel Energie in den Seegang gepumpt wird: Windgeschwindigkeit, Dauer und Fetch, also die ununterbrochene Strecke, über die der Wind aus einer Richtung über Wasser weht. Große Wellen entstehen erst, wenn alle drei Faktoren zusammenkommen. Im Mittelmeer ist der Fetch oft begrenzt, weil Landmassen schnell im Weg sind. Umso wichtiger ist die konkrete Windrichtung. Langer Ost- bis Südostwind kann über Stunden bis Tage über offene Wasserflächen laufen, bevor er auf Küsten trifft. Dann wird aus Windsee eine schwere See mit ausgeprägtem Schwell, der auch nachlässt, wenn der Wind bereits dreht oder abflaut. Genau deshalb sind Häfen manchmal gefährlicher als die offene See. Schwell kann um Kaps laufen, über Molen greifen und sich im Hafenbecken aufschaukeln.

Vielfältige Gefahren durch das Sturmtief

Besonders problematisch an diesem Tief waren die intensiven Regenfälle, die lokal außergewöhnliche Mengen erreichten. In Küstenregionen und im bergigen Hinterland führte dies rasch zu Sturzfluten, überlaufenden Flüssen und Hangrutschungen. Die Gefahr wurde durch teils schwere Sturmböen noch weiter verstärkt. Der hohe Wellengang erschwerte den Schiffsverkehr erheblich und führte zu Schäden an der Küsteninfrastruktur. In sizilianischen Wetterkanälen wird unter Verweis auf eine Messboje des ISPRA-Wellenmessnetzes von einer maximalen Einzelwelle von rund 16 Metern im Kanal von Sizilien berichtet – ein Wert, der erklärt, warum selbst robuste Hafenanlagen an ihre Grenzen kamen. Hinzu kommt der Wasserstand: Bei niedrigem Luftdruck steigt der Meeresspiegel lokal etwas an (inverser Barometereffekt), und starker Wind drückt zusätzlich Wasser an die Küste.

Auswirkungen auf Küsten- und Binnenregionen

Die Auswirkungen des Sturmtiefs „Harry“ trafen sowohl die Küstenregionen als auch das Landesinnere mit voller Wucht. An den Küsten sorgten meterhohe Wellen für Erosion sowie Schäden an Stränden, Promenaden und Hafenanlagen. Viele Schiffe wurden an Land geworfen. Die starke Brandung drang teilweise bis in die ersten Straßenreihen der Küstenorte vor und überflutete Geschäfte und Wohnhäuser. Gleichzeitig führten die extremen Niederschläge im Hinterland zu einem rapiden Anstieg der Wasserstände in Flüssen und Bächen. In Catanzaro, der Hauptstadt Kalabriens, die etwa 20 Kilometer landeinwärts liegt, verwandelten sich Straßen in reißende Ströme. Mehrere Menschen mussten aus ihren Häusern oder aus ihren Autos gerettet werden, die von den Wassermassen eingeschlossen worden waren. Die Kombination aus Starkregen und den aus den Bergen kommenden Wassermassen verstärkte die Überschwemmungen zusätzlich. In städtischen Gebieten verschärften die versiegelten Flächen die Überflutungsgefahr deutlich, da das Wasser nicht versickern konnte und sich in Straßen sowie tiefer gelegenen Bereichen sammelte.


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