Am 11. Juni 2026 gab die die US-amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ein El-Niño-Advisory heraus und bestätigte damit, was die japanische Wetterbehörde bereits verkündet hatte: El Niño ist da. Mit einer 63-prozentigen Wahrscheinlichkeit könnte das Ereignis bis zum Herbst dieses Jahres "sehr stark" werden – eine Einstufung, die erst ab plus 2,0 Grad Temperaturabweichung greift. Für Segler bedeutet das: ruhigerer Atlantik, stürmischerer Nordwestpazifik, wenig Änderungen in heimischen Gewässern.
Nach zwei verheerenden Hurrikanjahren können Crews in der Karibik vorsichtig aufatmen. Die NOAA prognostiziert 11 bis 14 benannte Stürme für 2026. Sie bleibt damit unter dem Durchschnitt von 14 und weit entfernt von den 18 Stürmen des Katastrophenjahrs 2024. Verantwortlich ist ein sich verstärkender El Niño, der die Hurrikanbildung im tropischen Nordatlantik hemmt.
Derselbe Klimafaktor befeuert die jedoch Taifunaktivität im Nordwestpazifik. Weathernews Japan prognostiziert 27 bis 29 tropische Wirbelstürme für die gesamte Saison – deutlich über dem Normalwert. Die klassischen Pazifik-Segelrouten entlang der Barfußroute bleiben davon zwar unberührt, dafür können hier die Passatwinde unzuverlässiger werden. An Nord- und Ostsee werden die Fernwirkungen des Pazifik-Phänomens kaum spürbar sein.
Schon im Mai vermeldeten insbesondere große Versicherungsgesellschaften die Wahrscheinlichkeit eines starken El Niño-Phänomens in diesem Jahr. Auch die YACHT hat darüber berichtet. Doch im April und Mai mussten Meteorologen noch mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Der Grund: die sogenannte Frühjahrsbarriere der Vorhersagbarkeit.
El Niño ist nur eine Hälfte des Phänomens ENSO (El Niño-Southern Oscillation), einem gekoppelten System aus Ozean und Atmosphäre im Pazifik, das zwischen Warmphase (El Niño), Kaltphase (La Niña) und einem neutralen Zustand pendelt. Zwischen Februar und Mai klingt ein altes ENSO-Ereignis ab. Welches darauf folgt, steht dann noch nicht fest. Die Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre ist dann schwach, Modelle liefern unscharfe Ergebnisse. Erst ab Juni gewinnen die Prognosen an Schärfe.
Am 11. Juni gab die NOAA ihr offizielles El-Niño-Advisory heraus und erklärte, dass sich El Niño im tropischen Pazifik entwickelt hat und voraussichtlich auf ein moderates bis starkes Niveau im Herbst ansteigen wird. Die Behörde beziffert die Chance, dass die Meeresoberflächentemperatur die Schwelle von plus 2,0 Grad überschreitet, auf 63 Prozent – womit die NOAA das Ereignis als "sehr stark" einstufen würde.
Die japanische Wetterbehörde JMA war noch schneller. In einer Erklärung stufte die JMA El Niño bereits einen Tag vorher als aufgetreten ein und war damit die erste große Wetterorganisation, die diesen Schritt ging. Dass ein El Niño da ist, ist damit gesichert. Ob er wirklich sehr stark wird, bleibt eine Wahrscheinlichkeit – wenn auch eine konkret bezifferte.
Die Folgen der El-Niño-Bedingungen für den Atlantik sind messbar: Die Colorado State University senkte ihre Hurrikan-Prognose am 10. Juni auf nur 11 benannte Stürme (von zuvor 13), wobei sie die durch El Niño verursachte Windscherung als Grund nennt. Die Aktivität wird voraussichtlich etwa 60 Prozent des Durchschnitts von 1991 bis 2020 betragen. Der Atlantik hat bis zum 13. Juni keine einzige tropische Aktivität hervorgebracht.
El Niño-Phasen verschieben die Bedingungen im Atlantikbecken mit kühleren Gewässern und mehr vertikaler Windscherung – keine ideale Umgebung für tropische Systeme.
Wer die Sommersaison in der Karibik verbringt, kann dies 2026 mit statistisch geringerem Risiko tun. Hurricane Holes wie Le Marin auf Martinique oder Rodney Bay Marina auf Saint Lucia bieten relative Sicherheit. Inseln wie Aruba, Bonaire, Curaçao, Barbados sowie Trinidad und Tobago liegen außerhalb des Hurrikan-Gürtels. Doch Obacht: Auch einzelne Stürme können erhebliche Schäden verursachen.
Die vergleichsweise ruhige Atlantik-Prognose ändert nichts an den strengen Versicherungsbedingungen. Die meisten Yachtversicherungen schließen Schäden durch benannte tropische Wirbelstürme zwischen 10°N und 30°N während der Zeit vom 1. Juni bis 30. November explizit aus – also genau im Hurrikan-Gürtel während der Saison.
Einige Versicherungen bieten spezielle Hurrikan-Klauseln an, setzen aber strikte Bedingungen voraus: Das Boot muss entweder auf einem Stahllagerbock an Land gelagert sein oder sich in einem vorab genehmigten "safe port" befinden. Nach den verheerenden Hurrikanen Irma und Maria 2017 haben viele Versicherungen ihre Policen drastisch verschärft. Einige Anbieter versichern Yachten in der Karibik während der Hurrikansaison überhaupt nicht mehr, andere nur noch zu 80 Prozent des Wertes.
Wer in den betroffenen Gebieten segeln will, muss entweder einen detaillierten Hurrikan-Plan mit der Versicherung vereinbaren, die Yacht während der Saison aus dem Risikogebiet bringen oder das finanzielle Risiko selbst tragen.
Weathernews, das nach eigenen Angaben weltweit größte private Wetterdienstunternehmen mit Hauptsitz in Chiba, Japan, prognostiziert mit der aktuellen Saisonanalyse eine überdurchschnittliche Taifunsaison für den Nordwestpazifik, mit geschätzten 27 bis 29 tropischen Stürmen oder Taifunen für das gesamte Jahr. Ein sich entwickelnder El Niño, der potenziell zu den stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen gehören könnte, ist der dominante atmosphärische Antrieb für die Saison.
Bis zum 24. Mai haben sich bereits sechs Taifune gebildet – etwa drei mehr als das normale Tempo für diesen Zeitraum. Die erhöhte Aktivität betrifft vor allem Gewässer um Japan, die Philippinen und Taiwan – keine typischen Reviere für Weltumsegler auf der klassischen Barfußroute.
Auch wenn die Barfußroute im Südpazifik nicht von erhöhter Zyklonaktivität betroffen ist, kann einer seiner Effekte Seglern längere Überfahrten bescheren: El Niño kann die Südost-Passatwinde abschwächen, die für die klassische Route von den Galapagos oder Panama zu den Marquesas entscheidend sind. Cruising World weist ausdrücklich darauf hin, dass El-Niño-Jahre Windrichtung, Timing und Strömungen beeinflussen können. Besonders in den frühen Monaten der Saison fallen die „Trade Winds“ tendenziell schwächer aus.
Hinzu kommt eine Verschiebung der Südpazifischen Konvergenzzone (SPCZ), die sich in El-Niño-Jahren nach Nordosten verlagert. Das kann für unbeständigere Wettermuster entlang der nördlichen Route sorgen. Wer in den kommenden Monaten die Barfußroute plant, sollte flexibel bleiben und mehr Zeitpuffer einplanen als in neutralen Jahren.
Für heimische Segler ist die Nachricht beruhigend: Die Effekte von El Niño fallen in Europa deutlich geringer aus als in den Tropen. Laut dem Online-Portal cleanthinking.de rechnet der Deutsche Wetterdienst im Fall eines ausgeprägten El Niños mit Fernwirkungen im Spätwinter 2027: starke arktische Kälteeinbrüche, ausgelöst durch atmosphärische Wellen, die sich mit Verzögerung bis nach Mitteleuropa ausbreiten.
Die Hauptsegelsaison von Mai bis September dürfte davon weitgehend unberührt bleiben. Für das europäische Wetter ist die Nordatlantische Oszillation bestimmender; so kann ein starker El Niño auch mit einem schwachen Sommer bei uns einhergehen.
Studien zeigen, dass die stärksten Auswirkungen auf Europa zeitlich verzögert eintreten. Für Segler auf Nord- und Ostsee ändert sich wenig: Die bewährte Törnplanung mit Wetterbeobachtung bleibt das A und O. Anders als in tropischen Gewässern, wo El Niño die Hurrikan- und Taifunaktivität direkt beeinflusst, sind die Auswirkungen auf das Segelwetter in deutschen Gewässern eher gering und indirekt.
Die Dimension der Entlastung wird erst im Vergleich deutlich. 2024 waren die atlantischen Winde mit 18 benannten Stürmen, 11 Hurrikanen und 5 schweren Hurrikanen extrem aktiv. Die wirtschaftlichen Verluste wurden auf über 140 Milliarden Dollar geschätzt, 378 Menschen starben. Beryl wurde zum frühesten jemals aufgezeichneten Kategorie-5-Sturm, Helene forderte 248 Todesopfer, Milton entwickelte sich in weniger als 24 Stunden vom tropischen Sturm zum Kategorie-5-Hurrikan.
2025 brachte drei Kategorie-5-Hurrikane. Melissa verwüstete Westjamaika mit 295 km/h Windgeschwindigkeit. Laut Weltbank entstanden Schäden von 8,8 Milliarden Dollar. Größere Häfen und Marinas erlitten totale oder nahezu totale strukturelle Schäden.
Doch die Wissenschaft warnt vor falscher Sicherheit: Auch unterdurchschnittliche Saisons können katastrophale Einzelereignisse hervorbringen. Flexible Törnplanung und mehrere Wettermodelle im Blick zu behalten, bleibt wichtiger denn je.
Viele Medien sprechen bei dem nun bestätigten Phänomen von einem "Super El Niño". Doch dieser Begriff existiert in der Klimaforschung schlicht nicht.
Die wissenschaftliche Klassifikation kennt vier Stufen: schwach (plus 0,5 bis 0,9 Grad), moderat (plus 1,0 bis 1,4 Grad), stark (plus 1,5 bis 1,9 Grad) und sehr stark (ab plus 2,0 Grad). Die höchste offizielle Kategorie ist "sehr stark" – "super" kommt in der Klassifikation nicht vor. Derzeit bewegen die Prognosen noch Wahrscheinlichkeiten, die sich in den kommenden Monaten verdichten werden.
Für 2026 zeigt sich das exemplarisch. Noch im April sah die JMA die Wahrscheinlichkeit eines El Niño im Sommer bei 70 Prozent. Im Juni-Advisory stuft sie das Ereignis als gesichert ein, mit einer Meeresoberflächentemperatur von plus 1,2 Grad im Mai – ein moderater El Niño. Ob daraus ein sehr starker wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten.

Redakteurin Panorama und Reise
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.