Nationalpark Ostsee“Das ganze Vorhaben ist nicht greifbar für uns”

Lasse Johannsen

 · 16.07.2023

Nationalpark Ostsee: “Das ganze Vorhaben ist nicht greifbar für uns”Foto: YACHT/L. Johannsen
Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt von den Grünen (l.) hört sich auf dem Wassersport-Workshop der Konsultationen zum geplanten Nationalpark Ostsee die Präsentation des Umweltbeauftragten vom Landesseglerverband, dem Flensburger Rechtsanwalt Hans Köster, an
Im Rahmen der Konsultationen zum geplanten Nationalpark Ostsee hatten die Vertreter der verschiedenen Bereiche des Wassersports am vergangenen Dienstag Gelegenheit, sich mit den Mitarbeitern des Umweltministeriums über gegenseitig bestehende Fragen auszutauschen. Der Umweltbeauftragte des Landesseglerverbandes Schleswig-Holstein, Rechtsanwalt Hans Köster aus Flensburg, resümiert im Gespräch mit der YACHT den aktuellen Stand der Diskussion.

YACHT: Wie waren Ihre Erwartungen an die heutige Konsultation und sind sie erfüllt worden?

Da ich mich mit dem Team vom MEKUN schon mehrere Male über dieses Thema auseinandergesetzt habe, wusste ich ja, was kommt, und hatte eigentlich keine großen Erwartungen. Aber ich muss sagen, heute wurden noch mal neue Themen mit inhaltlicher Tiefe vorgetragen, und es wurde mehr Transparenz geliefert als in den vorangegangenen Treffen.

Was genau meinen Sie damit?

Das Thema Befahrensregelungen haben wir beispielweise noch einmal besprochen. Die Erfahrungen mit dem Nationalpark Wattenmeer und dessen neuer Befahrensordnung wurden diskutiert, das war sehr interessant. Und wir haben uns über die Instrumentarien für den Ostseeschutz ausgetauscht, die es bereits gibt, also etwa die FFH-Gebiete und Natura-2000-Gebiete.

Und was genau ist transparenter als bisher?

Die Argumentationsgrundlage, auf der dieser Nationalpark steht, wird langsam etwas klarer für uns. Aber es ist noch nicht wirklich transparent. Wenn mich heute jemand fragen würde: “Sind Sie als Segler dafür oder dagegen?”, muss ich sagen, ich kann derzeit eigentlich nur dagegen sein, weil ich gar nicht weiß, was der Nationalpark konkret für mich bedeuten wird. Ich habe daher heute auch zu einer der Fragen gesagt, die beantworte ich nicht. Denn die bestand aus drei Konjunktiven und mehreren unbestimmten Rechtsbegriffen. Das ganze Vorhaben ist nicht greifbar für uns. Es ist überhaupt nicht klar, was der Nationalpark für Segler bedeuten wird.

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Wie sind denn die Erfahrungen mit dem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer?

Da kann man klar sehen, dass es für die Segler, seitdem es dort den Nationalpark gibt, immer schlechter geworden ist. Zunächst durften wir noch die Priele befahren, wir durften trockenfallen, heute dürfen wir nicht mal mehr 100 Meter ins Watt fahren, und um zu ankern, müssen wir den Anker sozusagen an der Abbruchkante des Fahrwassers fallen lassen. Damit ist das Ankern aber vorbei, weil man ins Fahrwasser schwoien würde. Das sind so die Erfahrungen, die wir gemacht haben.

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Wurde etwas über mögliche Befahrensregelungen gesagt?

Die Entscheidungen darüber würden ja in Berlin getroffen. Für uns ist der Nationalpark daher eine Blackbox. Und daher fällt es mir schwer, dem zuzustimmen.

Was wurde zu möglichen Nutzungseinschränkungen gesagt?

Da bestehen Unklarheiten über die Begrifflichkeiten. Wir wissen aktuell ja noch gar nicht, was Nutzung nachher heißt. Wir wissen, dass wir nichts einbringen und nichts entnehmen dürfen. Bringe ich aber schon etwas ein, wenn ich den Motor anschmeiße? Also mein Abgas? Oder nehmen Sie das Ausbaggern von Hafenzufahrten. Das soll erlaubt bleiben, weil die Infrastruktur an der Küstenlinie nicht zum Nationalpark gehören wird. Aber was ist mit dem Baggergut? Dürfen wir das noch verklappen? Und wenn ja, wo? Und wer trägt eventuell entstehende Mehrkosten? Wenn dafür jetzt fünf Seemeilen gefahren werden und später 30 gefahren werden müssen, werden die Kosten immens. Das sind Befürchtungen, die Hafenbetreiber verständlicherweise haben.

Wie schätzen Sie aktuell den möglichen Ausgang des Vorhabens ein?

Ich weiß es nicht. Aber wichtiger finde ich, dass wir Segler nicht als Verhinderer von Umweltschutzmaßnahmen dastehen. Kein Wassersportler will, dass es der Ostsee schlecht geht, oder schadet ihr gar bewusst. Das macht keiner. Ich möchte aber gerne wissen, ob es ein Alternativszenario gibt und wenn ja, wie das aussieht. Stattdessen wurde erst mal in eine Richtung losgelaufen, ohne andere Möglichkeiten zu prüfen.

Sie meine in Richtung Nationalpark …

… ist ja auch ein cooles Label. Aber wenn man es sachlich angehen würde, müsste man erst mal fragen, wo stehen wir, was haben wir, und was können wir auf der Grundlage des vorhandenen Instrumentariums tun, um die Ostsee intensiver zu schützen? Und wenn dann fachlich festgestellt wird, dass es nicht reicht, dann muss ich sagen, okay, was gibt es für eine Alternative. Und wenn das dann der Nationalpark ist, dann ist das fachlich begründet. Aber diese Fragen haben wir landauf, landab gestellt, und die wurde nicht beantwortet.

Was sind denn die anderen, die nicht fachlichen Argumente?

Ich habe beispielsweise schon gehört, dass man in Berlin mehr Aufmerksamkeit hätte, wenn Munition in einem Nationalpark liegt und nicht in einem gewöhnlichen Naturschutzgebiet. Ich habe auch gehört, dass es einfacher sei, Fördermittel einzuwerben, wenn man einen Nationalpark hat. Und natürlich gäbe es auch eine Nationalparkverwaltung, die eine personelle und finanzielle Ausstattung hätte. Aber das Geld käme natürlich vom Land, aus dem gleichen Topf, der jetzt andere Umweltschutzmaßnahmen finanziert.

Was waren denn im Workshop die heißesten Fragen, waren alle Wassersportler immer gleicher Meinung?

Wir haben schon unterschiedliche Interessen. Alles, was surft, kitet, wingfoiled, SUPed, ist natürlich näher am Strand dran als wir Segler, und die haben Angst um ihre Spots und deren Erreichbarkeit. Wir Segler haben Angst um unsere Infrastruktur und vor Befahrensregelungen. Ist das Durchmotoren noch möglich, wie ist es mit dem Ankern? Und wir sehen natürlich die großen Sportveranstaltungen und den Breitensport, also auch jede Mittwochabendregatta. Auf der Flensburger Förde haben wir 14 Regattatonnen dafür ausgelegt, die liegen alle ganz dicht unter Land. Ich sehe das Opti-Segeln, wir haben Vereine, die starten vom Strand aus. Die Katamaransegler auf der Halbinsel Holnis oder in Strande, die haben alle Angst davor, dass sie ihren Sport nicht mehr ausüben können.

Warum wurde die gesamte Lübecker Bucht aus der Potenzialkulisse ausgenommen, das ist beispielsweise ein Revier, in dem überdurchschnittlich viele Motorboote fahren, auch sehr große. Da wäre es leicht nachvollziehbar, wenn das Gebiete aus Umweltschutzgründen unter größeren Schutz gestellt würde als bisher …

… ich weiß es nicht, und ich will auch keine Vermutungen anstellen. Man könnte sich genauso fragen, in welchem Verhältnis der geplante Nationalpark zu den großen Bauprojekten steht. Auf Lolland entsteht gerade die größte Betonfabrik Europas direkt am Wasser, da werden die Tunnel für die Fehmarnbeltquerung gebaut und die Dänen beabsichtigen, die Fabrik stehen zu lassen, um sie für weitere Infrastrukturprojekte zu verwenden: eine Querung von Kalundborg über Samsø nach Aarhus. Eine Kombi aus Tunneln und Brücken. Die Dänen sind außerdem sehr stark in der Windenergie und wollen in der Fabrik auch die Betonfundamente für neue Windkrafträder gießen, die dann in der Ostsee aufgestellt werden. Und da muss man sich schon die Frage stellen, in welchem Verhältnis es dazu steht, wenn wir mit dem Nationalpark die Wasserfläche an 0,6 Prozent der Ostseeküste unter Schutz stellen. Wenn Dänemark nebenan eine solche Fabrik errichtet, für die die angrenzenden Gewässer als Infrastruktur für die Schiffe benutzt werden, die es dafür braucht. Gut, man kann dann natürlich sagen, jetzt erst recht …

… es wird argumentiert, wir müssten alle unseren Teil beitragen …

… ja, heute wurde gesagt, wir gehen voran. Als Vorbild für die anderen Länder. Aus Gründen der Biodiversitätsstrategie. Dazu müssen wir einen bestimmten Anteil, ich glaube, etwa 30 %, unter Schutz stellen. Dabei haben wir das schon erfüllt, wenn ich es richtig verstanden habe. Und die anderen Anrainer nicht. Aber wir reiten vor. Es ist ja auch richtig, dass wir die Ostsee schützen, aber die Mittel müssen auch geeignet sein. Und wäre es da nicht viel effektiver, mal mit den anderen Anrainern zu sprechen, um zu erreichen, sozusagen ein Schutznetz aufzusetzen? Es gibt schon Eigner, die ihre Schiffe ans Mittelmeer legen und dort mit dem Flugzeug hinpendeln. Das ist der gegenteilige Effekt vom angestrebten Umweltschutz.

Für die Segler an der deutschen Ostseeküste ist das Thema immens wichtig. Wie gut fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit unterstützt?

Wir sind sehr gut aufgestellt. Und ich kann für die Mitgliedschaft in einem DSV-Verein nur werben. Da haben wir Hauptamtliche wie Michael Stoldt, die sich von Berufs wegen um solche Themen kümmern. Und das Gleiche gilt für den Landes-Sportverband, mit dem wir auch ganz eng zusammenarbeiten. Da gibt es auch gute Fachleute, die sich um dieses Thema kümmern. Hinzu kommt das Engagement der Kreisseglerverbände und der großen Clubs, da ziehen wir an einem Strang. Und es ist gut, dass wir jetzt auch den DOSB mit im Boot haben, denn es geht auch um den Leistungssport auf internationaler Bühne, ich denke etwa an World Sailing, die hier ihre großen Wettkämpfe austragen. Und wenn Schleswig-Holstein mal Olympia-Austragungsort werden möchte, dann wird es nur passieren, wenn wir ein entsprechendes Revier vorweisen können.

Rechtsanwalt Hans Köster aus Flensburg. Der leidenschaftliche Segler ist ehrenamtlich im Vorstand des Schleswig-Holsteinischen Landesseglerverbandes für Umweltfragen zuständigFoto: YACHT/L. JohannsenRechtsanwalt Hans Köster aus Flensburg. Der leidenschaftliche Segler ist ehrenamtlich im Vorstand des Schleswig-Holsteinischen Landesseglerverbandes für Umweltfragen zuständig

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Lasse Johannsen

Lasse Johannsen

Stellvertretender Chefredakteur YACHT

Geboren in Kiel, aufgewachsen am Wasser und an Bord, seglerisch ausgebildet im Verein und beim Segeln auf Nord- und Ostsee. Nach Schule, Marine und juristischer Ausbildung 2007-2009 Volontariat bei der YACHT im Ressort Panorama, welches er heute leitet. Daneben verantwortet er die Sonderausgabe YACHT classic, veröffentlichte mehrere Bücher im Verlag Delius-Klasing und ist stellvertretender Chefredakteur der YACHT. Johannsen ist begeisterter Fahrtensegler auf eigenem Kiel und aktiver Begleiter der deutschen Klassiker-Szene.

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