Kostenlose Windkarten und GRIB-Daten gibt es reichlich. Die entscheidenden Fragen für die Törnplanung bleiben damit aber offen: Wird die geplante Strecke unter Segeln funktionieren? Ist Kreuzen nötig? Wie lange dauert die Passage realistisch? Und lohnt es sich, ein paar Stunden später abzulegen?
Genau dort setzt OhMyWind an. Das französische Open-Source-Projekt verbindet Wetter und Seegang mit einer vereinfachten Geschwindigkeitsrechnung auf Basis von Bootspolaren. Die Route kann direkt im Webinterface angelegt und berechnet werden. Dort lässt sich auch ein Zeitfenster für den Vergleich mehrerer Start- oder Ankunftszeiten festlegen. Das Webinterface ist leider nur auf Französisch verfügbar, lässt sich aber über die in vielen Webbrowsern integrierte Übersetzungsfunktion nutzen. Alternativ kann die Software mit einem MCP-fähigen KI-Client gekoppelt werden. Dieser übersetzt eine in Alltagssprache formulierte Anfrage in strukturierte Berechnungsaufrufe für OhMyWind und interpretiert sowie erläutert die Ergebnisse.
Damit besetzt OhMyWind eine andere Rolle als die umfangreichen Wetterrouting-Anwendungen, die YACHT in der Übersicht über Wetter- und Routing-Apps 2026 behandelt: Es ist ein frei zugänglicher Passage Planner, nicht das komplette Navigationssystem für den Bordbetrieb.
OhMyWind erzeugt keine eigenen Vorhersagen. Laut der Projektmethodik auf GitHub ruft die Anwendung Winddaten über die Forecast-Schnittstelle von Open-Meteo ab und wechselt je nach Gebiet und Zeithorizont zwischen mehreren Modellen.
Für die französische Atlantikküste und das Mittelmeer ist AROME von Météo-France mit 1,3 Kilometern Gitterweite vorgesehen. Das hochaufgelöste Modell deckt ungefähr 48 Stunden ab und soll lokale thermische Effekte sowie Mistral und Tramontane besser erfassen. Für Europa folgt ICON-EU des Deutschen Wetterdienstes mit sieben Kilometern Gitterweite und etwa fünf Tagen Vorhersage. Für die mittlere und längere Frist nutzt OhMyWind ECMWF IFS und, als Rückfallebene, GFS.
Die Modellkaskade ist sinnvoll. Hohe Auflösung, lange Laufzeit und weltweite Abdeckung liefert kein einzelnes Modell gleichzeitig. Sie ersetzt aber nicht den Vergleich der Wetterlage durch den Skipper. Gerade bei labilen Lagen sollte eine berechnete Passage nicht als präzise Prognose für jede Bucht oder Kapecke verstanden werden.
Für eine Passage teilt OhMyWind die Route in Abschnitte und berechnet für jeden Abschnitt Windwinkel, erwartete Bootsgeschwindigkeit, Zeitbedarf und Warnungen. Im aktuellen Projektstand stehen sieben Polar-Archetypen bereit. Sie reichen vom 20-Fuß-Fahrtenboot bis zur 50-Fuß-Blauwasseryacht, dazu kommen Racer-Cruiser und 40-Fuß-Katamaran. Ein konkreter Bootstyp wird nicht automatisch aus einer Werftdatenbank abgeleitet. Diese Zuordnung kann aber der KI-Client übernehem und anhand von Länge und Beschreibung die beste Polare auswählen.
Die zugrunde liegenden Polaren sind bewusst nicht als Bestzeitrechnung gedacht. Standardmäßig setzt OhMyWind einen Effizienzfaktor von 0,75 an. Damit werden Abstriche durch Trimm, Komfortanspruch, Rudergänger, Beladung und anderen Einflüsse berücksichtigt. Liegt das Ziel in Luv, berücksichtigt die Software das Kreuzen über die VMG. Der in der Karte verzeichnete Kurs bleibt dabei eine gerade Verbindung zwischen Start und Ziel. OhMyWind zeigt also keine realen Kreuzschläge. Der zusätzliche Zeitbedarf beruht auf einer rechnerisch reduzierten Geschwindigkeit in Zielrichtung. Für die Entscheidung, ob eine Strecke bei Gegenwind überhaupt sinnvoll ist, reicht das als erster Hinweis. Für die tatsächliche Kursführung nicht.
Diese Trennung ist wichtig. Auch kostenpflichtige Anwendungen unterscheiden sich erheblich darin, wie detailliert sie Routen berechnen und darstellen. Der Praxistest von Navimetrix zeigt, wie weit professionelle Systeme bei GRIB-Auswertung, Routing und Navigation inzwischen gehen können.
Neben Wind nutzt OhMyWind Daten zum Seegang sowie zu Oberflächenströmungen und Wasserständen aus der Marine-Schnittstelle von Open-Meteo. Diese globalen Daten haben eine Gitterweite von acht Kilometern. Sie eignen sich für die grobe Passageplanung auf offener See und im Mittelmeer, bilden enge Fahrwasser oder lokale Stromkanten aber nicht in der Auflösung einer Revierkarte ab.
An der französischen Atlantikküste greift das Projekt zusätzlich auf MARC-Atlasdaten von Previmer, Ifremer und SHOM zurück. Dort stehen hochaufgelöste Angaben für tidegeprägte Passagen zur Verfügung, etwa im Bereich Finistère, Ärmelkanal, Südbretagne und Aquitanien. Die eigene Methodik weist aber auch auf eine Grenze hin: Die Daten erfassen die Gezeitenkomponente, nicht kurzfristige wetterbedingte Stromänderungen.
Im Mittelmeer bleiben Gezeiten und Strömungen in der aktuellen Version nach Angaben der Entwickler bewusst unberücksichtigt. Für einen Schlag von Marseille nach Porquerolles kann OhMyWind also Wind und Seegang einordnen, aber keine lokale Strömungsrechnung liefern. Für Tidenreviere gilt ohnehin: Eine Passageplanung ersetzt weder Stromatlas noch Revierkenntnis.
Die stärkste rechnerische Funktion des Projekts ist das Durchspielen mehrerer Abfahrtszeiten. Im Webinterface steht dafür der Reiter „Vergleichen Sie Fenster“ bereit. Der Nutzer setzt Beginn und Ende des Zeitraums, wählt die Schrittweite stündlich, alle drei oder alle sechs Stunden und bestimmt den Bootstyp. Anschließend berechnet OhMyWind die einzelnen Routen. Möglich sind stündliche Startfenster bis zu 14 Tage im Voraus, also maximal 336 Varianten. Für jede davon liefert der Dienst Zeiten je Streckenabschnitt, Windeinfallswinkel, Polargeschwindigkeit, Warnungen und eine Komforteinschätzung von eins bis fünf.
Der Vergleich kann ebenso durch einen angebundenen MCP-fähigen KI-Client angestoßen werden. Dort nennt der Nutzer Strecke, Boot und Zeitfenster im Chat. Der Client übergibt die Daten an OhMyWind und kann die zurückgelieferten Varianten anschließend sprachlich zusammenfassen. Ohne KI-Client bestimmt OhMyWind nicht, welcher Termin der beste ist, und spricht keine Auslaufempfehlung aus. Diese interpretative Aufgabe liegt beim KI-Client oder beim Nutzer vor dem Webinterface.
Auch Windys Passage Planner arbeitet mit Mehrfachvergleichen. YACHT hat dort allerdings gezeigt, dass eine gut aufbereitete Abfahrtsanalyse wenig hilft, wenn die berechnete Route selbst unplausibel verläuft. OhMyWind löst dieses Problem anders: Es optimiert den Streckenverlauf gar nicht automatisch. Der Segler oder der KI-Client setzt die Wegpunkte. Damit bleibt die Verantwortung für den sinnvollen Verlauf der Route klar beim Nutzer.
Über das Model Context Protocol kann OhMyWind mit KI-Clients wie Claude, ChatGPT oder anderen unterstützten Anwendungen verbunden werden. Eine Anfrage könnte lauten: „Ich möchte am Freitag mit meiner X-3 von Gelting nach Lyö segeln“ Der KI-Client ordnet das genannte Boot einem der sieben Polar-Archetypen zu und übergibt Strecke, Zeit und Bootstyp an OhMyWind.
OhMyWind berechnet daraufhin die Passage und gibt strukturierte Daten zurück: Zeiten je Streckenabschnitt, Windwinkel, Polargeschwindigkeit, Warnungen, Komplexitätswert und einen Link zur Planansicht. Unterstützt der Client die MCP-Apps-Spezifikation, kann er diese interaktive OhMyWind-Ansicht direkt im Chat darstellen. Andernfalls fasst er die gelieferten Werte als Text zusammen und verweist auf die Webansicht.
Die Bewertung entsteht erst im KI-Client. Er erklärt die Daten, vergleicht bei mehreren Startzeitpunkten die berechneten Varianten und kann Vor- und Nachteile eines Zeitfensters sprachlich einordnen.
Die größte praktische Einschränkung liegt in der Karte. OhMyWind ist ein Planungswerkzeug, keine elektronische Seekarte. Tiefen, Fahrwasser, Sperrgebiete, Verkehrstrennungsgebiete und lokale Gefahren müssen vor dem Routing mit aktuellem, amtlichem Kartenmaterial geprüft werden. Die Anwendung kann deshalb auch nicht wissen, ob eine gerade Verbindung zwischen zwei Wegpunkten navigierbar ist.
Ebenso fehlen derzeit eine iterative Hochpräzisionsrechnung und eine automatische Routenoptimierung. Die Zeitberechnung erfolgt als Einzeldurchlauf. Verändert sich der berechnete Ankunftszeitpunkt, wird das Wetter entlang der Passage nicht mehrfach neu angepasst, bis sich Zeit und Prognose angenähert haben. Küsteneffekte an Kaps, Düseneffekte und Umwege um ungünstige Windfelder müssen durch eigene Wegpunkte abgebildet werden.
Das ist keine Kleinigkeit, aber eine ehrliche Begrenzung. Der Vergleich mit PredictWind und seinen Routing-Funktionen zeigt, wie viel Zusatzaufwand und kostenpflichtige Infrastruktur hinter umfangreicheren Lösungen stehen können. OhMyWind will diesen Funktionsumfang derzeit nicht kopieren.
Segeln in Gezeitengewässern erklärt, wie sich Ebbe, Flut und Strom bei der Planung konkreter Törns einsetzen lassen. Im Mittelpunkt stehen Informationsquellen, technische Hilfsmittel, Methoden zur Bestimmung der Gezeiten und typische Probleme im Küstenbereich. Das ergänzt die Einordnung von OhMyWind besonders dort, wo die Anwendung mit hochaufgelösten Daten für französische Tidenreviere arbeitet, aber keinen klassischen Stromatlas ersetzt.
Wetter auf See ordnet Wetterbeobachtung und Vorhersagen umfassender ein. Das Buch behandelt unter anderem lokale und regionale Wetterereignisse, Seegang, Meeresströmungen, meteorologische Törnplanung und Wettsegeln. Für Leser, die ein Wetterrouting-Ergebnis nicht nur übernehmen, sondern mit eigener Einschätzung von Wetterlage und Revierbedingungen prüfen wollen, liefert es die notwendigen Grundlagen.
Welche Aufgaben sollte ein kostenloses Wetterrouting aus Ihrer Sicht erfüllen, und wo beginnt für Sie die Verantwortung, die keine Software übernehmen kann?

Redakteur Test & Technik
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