NavigationSo funktioniert gute Routenplanung

Sven M. Rutter

 · 24.06.2026

Wenn die Route erst ins Gerät eingegeben ist, hat im Regelfall bereits eine Menge Törnvorbereitung stattgefunden.
Foto: Klaus Andrews
​Navigation ist mehr als ein Kurs zwischen Start und Ziel. Wer seine Route durchdacht plant, hat unterwegs den Kopf frei. Ein Wegweiser, worauf es dabei ankommt.

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​Eine gute Route entsteht nicht am Bildschirm, sondern im Kopf. Der Plotter kommt immer erst zum Schluss ins Spiel. Bevor er mit Weg- und Zielpunkten gefüttert wird, füllt der Navigator erst einmal den Kopf mit allem, was für die Törnplanung relevant werden könnte. Dieser gedankliche „Ballast“ verbessert die Stabilität, wenn später konkrete Entscheidungen getroffen werden müssen.


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Navigation ist das Werkzeug, um stressfrei und sicher ans Ziel zu kommen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, gibt es einiges zu bedenken – wovon sich vieles schon im Vorfeld abklären lässt. Je weniger Gedanken man sich später an Bord noch machen muss, desto entspannter ist man unterwegs und desto mehr kann man sich den anderen Aspekten widmen.

Freiheit ohne Risiko

Viele begnügen sich damit, den Plotter unterwegs lediglich mitlaufen zu lassen und gelegentlich die Position zu checken. In einem bekannten Revier, wo man mit jeder Untiefe und allen sonstigen Tücken vertraut ist, mag das ausreichen. Doch gerade wenn es in unbekannte Gefilde geht, etwa auf einen Chartertön in ein neues Revier oder auf einen ausgedehnten Urlaubstörn mit der eigenen Yacht, zahlt sich eine eingehende Vorplanung aus. Solche Vorplanungen schränken auch nicht die Entscheidungsfreiheit ein, sondern reduzieren lediglich den Abwägungs- und Entscheidungsstress. Man ist schlicht bewusster unterwegs – und bleibt trotzdem flexibel, sofern hinreichend Alternativen bedacht wurden.

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Vom Fußboden an den Kartentisch

Der Begriff des „Routings“ lässt sich vielfältig interpretieren. Bei mir setzt es spätestens dann ein, wenn ich mich im Wohnzimmer auf dem Fußboden ausbreite – mit Seekarten, Törn- und Revierführern, Reiseberichten und Etappenvorschlägen aus Zeitschriften und Online-Beiträgen sowie sonstigen nützlichen Unterlagen. Denn dafür reicht die Fläche einer Tischplatte oft gar nicht aus.

Was dann vor mir liegt, ist das Ergebnis einer vorangegangenen Recherche – ein weiterer wichtiger Baustein der Törnplanung. Oft entsteht dabei zunächst eine Linkliste zu Revier­informationen und Bezugsquellen, die sukzessive verfeinert wird. Mal kommt noch ein Tipp hinzu, mal fällt etwas wieder heraus, weil sich eine bessere Alternative gefunden hat. Und mit jeder Stunde, die in diese Vorarbeit investiert wird, steigt die Vorfreude.

Habe ich mir einen hinreichenden Überblick verschafft, geht es ans Bestellen, Downloaden und Abspeichern. Die Auswahl der Unterlagen treffe ich pragmatisch: Wo werden mir viele relevante Informationen geboten, wo fallen diese eher lückenhaft aus? Wo gibt es deutliche Überschneidungen? Welche Quellen sind aktueller? So sollte ein guter Revierführer zum Beispiel neben Hafenplänen und Landgangstipps ebenso rechtliche Aspekte berücksichtigen: Gibt es spezielle Befahrensregeln oder -beschränkungen im Revier? Was muss ich diesbezüglich beachten und gegebenenfalls im Vorfeld klären?

Je tiefer man in die Thematik eintaucht, desto mehr wird man ein Gespür dafür entwickeln, was nützlich ist. Zudem helfen Kundenbewertungen und Erfahrungsberichte. Bei Chartertörns verlasse ich mich nie darauf, welche nautischen Unterlagen schon an Bord sein sollen. Denn das schränkt meine Vorbereitung ein und macht mich unnötig abhängig. Mir sind an Bord schon häufiger veraltete Hafenhandbücher und Seekartensätze begegnet – und das ist dann keine gute Arbeitsgrundlage.

In jeder Hinsicht mobil

Das Medium ist eher zweitrangig: Ob Revier- und Hafenführer als E-Books oder in gedruckter Form vorliegen, stellt primär eine Geschmacksfrage dar. Bei den Seekarten liefern Papierkartensätze für eine erste Orientierung wohl unbestreitbar den besseren Überblick. Aber auch hier gilt: Das Ob ist wichtiger als das Wie.

Persönlich setze ich nach wie vor auf die Kombination von elektronischen und Papierseekarten, und da am liebsten auf komplette Sportbootkartensätze. Auf Chartertörns kommt zudem ein mobiler Plotter mit, ein handliches Gerät auf einem Holzsockel mit rutschfester Unterseite und diversen Adaptern für unterschiedliche Stromanschlüsse. Er wird ergänzt durch eine externe GNSS-Antenne, die sich mit Saugnäpfen und Kabelbindern an einem Ort mit guter Rundumsicht platzieren lässt.

Der Vorteil ist, dass ich mit diesem System vertraut bin und weiß, wie ich die Aktualität und Qualität der Daten einzuschätzen habe. Wer lieber ein Tablet nutzt, sollte sich der etwas eingeschränkten Robustheit bei der Positionsermittlung bewusst sein und muss je nach verwendeter App teilweise einen etwas eingeschränkten Funktionsumfang hinnehmen. Aber auch hier gilt: Das Ob steht über dem Wie.

In einem Tidenrevier gehören obendrein Unterlagen zu den setzenden Gezeitenströmen sowie den Hoch- und Niedrigwasserzeiten und -höhen dazu. Hier sollte man sich wiederum nicht auf den Abruf von Online-Informationen vor Ort verlassen – womöglich ist gerade im entscheidenden Moment kein Netz vorhanden. Grundsätzlich gilt: Jede autarke Lösung trägt ebenfalls zur Entspannung bei, indem sie unnötige Sorgen nimmt.

Anpassung an die Realitäten

Zurück auf den Fußboden: Hier verschaffe ich mir zunächst einen grundlegenden Überblick über die Eigenheiten des anpeilten Reviers – etwa Topografie, Wassertiefen, Brücken, Schleusen, Beschränkungen, Häfen und Ankerbuchten. Dabei sind bereits ­Daten der Yacht wie Tiefgang, Durchfahrtshöhe und Geschwindigkeits­potenzial im Hinterkopf.

Nun wird das Routing konkreter: In welchem Radius werden wir uns vo­raussichtlich bewegen? Welche Häfen und Buchten liegen in diesem Gebiet? Welche Streckenabschnitte kommen vor diesem Hintergrund infrage? Wo gibt es Gastliege- und Ankerplätze mit hinreichender Tiefe? Wie ist es dort um den Schutz – auch vor Schwell – bei verschiedenen Windrichtungen bestellt? Welche Versorgungsmöglichkeiten werden geboten?

Neben nautischen Aspekten spielen auch touristische Gesichtspunkte eine Rolle: Wo ist es besonders schön, wo lohnt sich ein Landausflug? Es entsteht eine Liste mit möglichen Etappen und Zielen. Könnte es je nach Wind und Wetter in verschiedene Richtungen gehen, ergibt sich eine entsprechend breit angelegte Auswahl.

Top oder Flop

Dabei findet auch gleich eine Priorisierung statt: Welcher Hafen oder welche Bucht wäre die erste Wahl? Welche Ausweichmöglichkeiten bieten sich in der Nähe an, falls die Top-Destination bereits belegt ist? Unter welchen Bedingungen – Wind und Seegang – wäre welche Variante die günstigste?

Dabei geht es auch um den möglichen Weg: Welche grundlegende Route würde sich zwischen den jeweiligen Destinationen empfehlen? Wo lauern potenzielle Gefahren wie flache Abschnitte oder niedrige Brücken? Auch dazu entstehen Notizen, die abweichende Rahmenbedingungen berücksichtigen: Wo und wann könnte etwa ein tückischer Düseneffekt oder eine gefährliche Grundsee auftreten?

Dabei helfen die topografischen ­Informationen der Seekarte – etwa zu Steilküsten und Tiefenverläufen – sowie statistische Daten zu den typischen Wetterverhältnissen im Revier. Letztere lassen sich im Internet recherchieren. Diese Validierung im Vorfeld – Was wäre überhaupt möglich und unter welchen Bedingungen die richtige Wahl? – nimmt später viel Druck aus der tatsächlichen Entscheidungsfindung.

So entsteht ein erster vorläufiger Törnplan, der anhand der Top-Destinationen und -Routen quasi einen Idealverlauf skizziert. Tatsächlich ist es mir zwar noch nie gelungen, diesen später eins zu eins abzusegeln – aber das stellt die Vorplanung keineswegs infrage. Im Gegenteil, es hat sich stets bewährt, auf bereits validierte Alternativen zurückgreifen zu können.

Denn im Idealfall gibt es zu jedem A-Ziel eben auch ein B-Ziel. Auf meinem jüngsten Törn musste ich beispielsweise zweimal abwettern, wobei ich auf entsprechende B- und sogar C-Ziele zurückgegriffen habe – der bessere Schutz gab am Ende den Ausschlag für die jeweilige Entscheidung.

Kompromiss zwischen Weg und Ziel

In den letzten Tagen vor dem Törn klopfe ich meine Planungen noch mal anhand der tatsächlich zu erwartenden Wetterentwicklung ab. Dabei sehe ich mir nicht nur Wind- und Wetterprognosen an, sondern auch die Entwicklung und Verlagerung der Druckgebilde, die diese verursachen.

Hierbei helfen Bodendruckkarten, die bei den nationalen Wetterdiensten – etwa dem deutschen DWD – abgerufen werden können. Dadurch lässt sich die Wahrscheinlichkeit der Pro­gnose deutlich besser einschätzen.

Dann nehme ich wieder meine Notizen zur Hand und ordne sie anhand dieser Wahrscheinlichkeit neu. Mancher Hafen wandert nun trotz seiner schönen Lage nach hinten, weil er wahrscheinlich doch nicht erreichbar sein wird oder keinen hinreichenden Schutz für die voraussichtlichen Bedingungen bietet. Dafür rücken andere Destinationen nach vorn, weil sie nun unterm Strich die bessere Wahl verheißen.

Dabei gilt es, die richtigen Kompromisse zu finden – insbesondere zwischen Weg und Ziel. Denn was nützt der schönste Hafen, wenn der Weg dorthin sehr anstrengend oder gar gefährlich werden könnte? Ist es das wirklich wert? Mitunter kommen dann auch Destinationen wieder ins Spiel, die ich ursprünglich schon verworfen hatte, weil sich die Prioritäten entsprechend verschoben haben.

Vom Kopf aufs Wasser

Die eigentlichen Wegpunkte stecke ich derweil erst an Bord ab – am Vorabend jedes Törntags oder morgens vor dem Ablegen. Denn erst zu diesem Zeitpunkt kann ich wirklich belastbar die Bedingungen abschätzen, die mich unterwegs erwarten werden. Somit fällt jetzt auch erst die finale Entscheidung für das nächste Tagesziel und die beste Route dorthin.

In diese Entscheidungsfindung fließen zudem die Motivation der Crew und die Möglichkeiten der Yacht mit ein, die man bei einem Charterboot ebenfalls erst vor Ort abschätzen kann. Vielleicht hat die Crew heute keine Lust auf einen langen Seeschlag, sondern bevorzugt ein nahes Ziel – mit einem ausgedehnten Badestopp unterwegs. Oder die Yacht läuft nicht die erwartete Höhe am Wind, weil der Zustand der Segel dies nicht hergibt.

Gute Entscheidungen entstehen immer aus einer Mischung aus situativen Einschätzungen und einem soliden Fundament. Letzteres stützt sich auf Wissen und Erfahrung – Erstere übertragen diese ins wahre Leben. Und das Leben spielt nach eigenen Regeln. So musste ich schon öfter von meinem ­eigentlichen Traumziel unterwegs wieder Abstand nehmen – statt es übers Knie zu brechen, fand sich ein anderer Verlauf, mit dem am Ende alle besser fuhren.

Bei der Routenprogrammierung am Plotter setze ich überall dort Wegpunkte, wo meine Aufmerksamkeit erforderlich ist – etwa wegen einer Gefahrenstelle oder einer anstehenden Kursänderung. Hier sollte man nicht am falschen Ende sparen.

Zugegeben, die Programmierung des Plotters vor dem Ablegen kostet Zeit – trägt aber gleichsam zur Entspannung bei. Wenn mir der Plotter später anzeigt, dass ich auf Kurs bin und der nächste Wegpunkt noch 30 Minuten entfernt liegt, kann ich mit gutem Gewissen das Segeln genießen – in dem Wissen, navigatorisch nichts Wichtiges zu verpassen.

Fairer Deal

Meine Törnplanung hat sich im Laufe der Zeit stetig weiterentwickelt. So sind etwa Online-Reservierungsmöglichkeiten für Liegeplätze hinzugekommen, über die ich mich ebenfalls bereits im Vorfeld informiere. Entsprechende Apps und Accounts lege ich mir schon vor dem Törnstart zu. Der Grundgedanke ist derweil derselbe geblieben: den Kopf schon vorher füllen, um ihn später für die schönen Aspekte des Segelns frei zu haben – das ist kein Widerspruch.

Die Investition in eigene Unterlagen wie Seekarten, ob auf Papier oder in elektronischer Form, sowie Revier- und Hafenführer habe ich ebenfalls noch nie bereut. Das ist ein vergleichsweise geringer Preis für die Freiheit, unbeschwert unterwegs sein zu können. Dasselbe gilt für die im Vorfeld investierte Zeit – sie dehnt den Urlaub letztlich sogar aus, indem sie einen zumindest im Kopf schon deutlich früher ablegen lässt.

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Sven M. Rutter

Freier Mitarbeiter

Sven M. Rutter ist Fachjournalist, Buchautor und unabhängiger Berater für Yachtkäufer und Eigner. Als erfahrener Fahrtensegler und langjähriger Yachttester ist er mit unterschiedlichsten Yachttypen und Revieren vertraut. Sein Themenspektrum umfasst die gesamte Yachttechnik – mit besonderem Schwerpunkt auf Navigation und Bordelektronik.

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