Ohne Hafenmanöver läuft nichts beim Fahrtensegeln. An- und abzulegen gehört dazu wie das Setzen der Segel oder das Ankern in der Bucht. Trotzdem treibt es manch einem Skipper die Schweißperlen auf die Stirn. Nicht zuletzt weil ein missglücktes Manöver reichlich Stoff fürs Hafenkino liefert: Dann fliegen Flüche durch die Luft und Festmacher ins Wasser, während das Boot wie ein Flipperball über Bande in die Box ruckelt.
Dabei sind die Gründe für ein verpatztes Manöver vielfältig. Das kann die unerfahrene Crew oder die mangelnde Vertrautheit mit dem Boot sein. Oder es ist ein enger Hafen, der Fingerspitzengefühl am Ruder erfordert. Dazu kommen oft noch widrige Bedingungen, etwa viel Wind von der Seite oder starker Strom. Besteht die Crew dann auch nur aus zwei Personen – und das ist eher die Regel als die Ausnahme –, summieren sich die Probleme schneller, als Dominosteine fallen können.
Doch das muss nicht sein. Mit der gleichen Technik gelingen An- und Ablegemanöver mühelos, unabhängig von den Bedingungen. Denn: Beide folgen derselben Logik. Wer den Trick einmal beherrscht, kann ihn sowohl beim Ein- als auch beim Auslaufen anwenden.
Jan Philip Leon, 37, Ausbilder beim Deutschen Hochseesportverband Hansa (DHH), hat uns gezeigt, wie es geht. Mit ihm und Skipperin Mira Marx, 27, haben wir die Zweihand-Hafenmanöver einen Tag lang geprobt.
Das Prinzip dahinter ist schnell erklärt: Es fußt auf einem Kräftedreieck, das von Boot, Vor- und Achterspring um den Luvpfeiler gebildet wird.
In der Ziel- und Ausgangsposition soll das Boot mit dem Heck zum Steg liegen. Es geht also rückwärts in und vorwärts aus der Box. Anders als beim klassischen Anleger treibt das Boot jedoch nicht unkontrolliert in die Box, wo hektisch die Festmacher auf die Pfähle geworfen werden, um möglichst ohne Rums zum Stehen zu kommen. Mit dem Kräftedreieck behält die Crew während der gesamten Zeit die Kontrolle – ohne Eile, ohne Stress. Darin liegt der große Vorteil dieser Technik.
Sie fußt auf simpler Physik. Denn: Drückt Wind oder Strom den Bug nach Lee, dampft man vorwärts in die Vorspring. Das zieht den Bug wieder nach Luv. Im umgekehrten Fall, wenn das Heck nach Lee driftet, dampft man rückwärts in die Achterspring ein, um es zurück nach Luv zu ziehen. So kann der Rudergänger das Dreieck aus Springleinen und Boot beliebig schnell um den Luvpfeiler drehen. Je stärker Wind und Strom drücken, desto mehr bedient er sich der Dreieckslogik. „Wenn die beiden Leinen auf dem Pfahl liegen, hat man alle Zeit der Welt“, erklärt Ausbilder Leon. Zeit, in der die zweite Person in Ruhe die Heck- und Leeleinen ausbringen kann.
Allerdings wartet das Manöver mit ein paar Stolpersteinen auf, die zu beachten sind. Deshalb zählt die Vorbereitung, vor allem bei den Leinen. Sie müssen klar liegen und dürfen sich nicht an Heckkörben oder Radarmasten verheddern. „Vor allem wenn mal etwas schiefgeht, kauft man sich durch ein vorbereitetes Boot die nötige Zeit“, sagt Leon.
Ein neuralgischer Punkt ist die Achterspring. Sie führt aus dem Cockpit über eine Winsch zu einem Auge oder einem Block am Heck. Von dort führt sie zum Luvpfeiler und wird mit einem großen Palstek darübergelegt. Die Achterspring sollte lang genug dafür sein, dass der Rudergänger sie von der Pinne oder dem Steuerrad aus bedienen kann. Wichtig ist, dass sie frei läuft. Schon der kleinste Impuls lässt das Heck des Bootes nach Luv klappen.
Auch die spätere Vorleine wird mit einem Palstek über den Luvpfahl gelegt. Sie führt zur Bugklampe, entweder direkt oder durch eine Klüse oder Lippklampe. Beim Manöver wird sie zunächst zur Vorspring und von der zweiten Person an Deck bedient.
Bevor das Manöver gefahren wird, sind Absprachen und klare Aufgabenverteilung wichtig. Bei zwei Personen ist das einfacher, aber nicht minder relevant. Wenn jeder seine Aufgaben und die des Partners kennt, schafft das Sicherheit und bringt Ruhe ins Schiff.
Beim Anlegemanöver beginnt diese Vorbereitung mit der Suche nach dem geeigneten Liegeplatz. Dabei sollte ein langer Anfahrtsweg eingeplant werden. Da die Box rückwärts angefahren wird, wird das Ruder nicht vom Propeller angestrahlt. Um das Boot trotzdem vernünftig steuern zu können, bedarf es daher einiger Fahrt achteraus. Bei Saildrive-Antrieben funktioniert das besser als bei Wellenantrieben, wo der Radeffekt stärker ausfällt. Da der Bug beim Rückwärtsfahren ausschert, sollte dafür Platz eingeplant werden.
Schließlich sollten die Fender eingeholt werden. Sie könnten sonst an den Pfählen hängen bleiben. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann am Heck in Lee einen Fender bereithalten. Dort ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass ein anderes Boot touchiert wird. Ist die Dreieckslogik verstanden und alles vorbereitet, steht dem erfolgreichen Manöver nichts mehr im Weg.
Anlegen (Schritt 1): Zunächst den richtigen Liegeplatz auswählen und genügend Anfahrtsweg einplanen. Langsam anfahren. Die Augen von Vor- und Achterspring werden auf Höhe des Cockpits zum Überlegen bereitgelegt. Leeleinen nicht vergessen.
Ablegen (Schritt 6): Das Boot ist vom Pfahl gelöst. Das Ruder bleibt mittschiffs, mit Fahrt voraus geht es aus der Boxengasse. Die Deckshand klart die Leinen auf.
Anlegen (Schritt 2): Kurz bevor das Heck den Luvpfahl erreicht, auskuppeln und in die Box manövrieren. Die Deckshand positioniert sich in Luv etwas hinter der breitesten Stelle und legt, sobald möglich, beide Springs gleichzeitig auf den luvwärtigen Pfahl.
Ablegen (Schritt 5): Hat sich das Boot weit genug nach Luv gedreht, auskuppeln. Die Springs entspannen sich und werden vom Pfeiler genommen. Ist die Achterspring noch fest, etwas fieren.
Anlegen (Schritt 3): Das Heck taucht in die Box ein. Sobald die Springs fest sind, geht die Deckshand nach vorne und holt die Lose aus der Vorspring. Die Achterspring wird kontrolliert gefiert. Achtung: Jeder Impuls der Springs führt zur Bewegung des Bootes!
Ablegen (Schritt 4): Während der Drehung kann die Vorspring bei Bedarf gefiert werden. Ansonsten wird sie auf der Klampe belegt. Die Deckshand geht zum Pfeiler.
Anlegen (Schritt 4): Reißt der Bug nach Lee aus, korrigieren mit der Vorspring. Der Rudergänger fiert die Achterspring. Treibt das Heck zu weit nach Lee, leichter Impuls auf Achterspring. Mithilfe des Kräftedreiecks wird das Boot um den Pfahl gedreht.
Ablegen (Schritt 3): Sobald der Pfahl auf Höhe des Cockpits liegt, wird die Vorspring festgesetzt. Das Boot dampft in die Vorspring ein und dreht sich in Richtung Luv um den Pfahl.
Anlegen (Schritt 5): Sobald die richtige Länge der Vorleine erreicht ist, wird diese belegt. Dann geht die Deckshand nach achtern und bereitet das Übersteigen vor. Mit der Achterspring wird nun der Abstand zwischen Heck und Steg bestimmt – und belegt.
Ablegen (Schritt 2): Die Vorleine, nun Vorspring, wird gefiert, während die Lose aus der Achterspring geholt wird. Das Boot fährt langsam aus der Box.
Anlegen (Schritt 6): Die Deckshand steigt über und belegt die Achterleinen. Schwoit das Heck, leicht in Achterleine eindampfen. Danach die leewärtige Vorleine überbringen. Sie muss geworfen werden. Das ist mit der richtigen Technik kein Problem.
Ablegen (Schritt 1): Beide Festmacher am Heck sowie Leefestmacher am Bug einholen. Die Deckshand übernimmt die Vorleine, der Rudergänger die Achterspring. Einkuppeln. Ruder steht mittschiffs.