Ein Text von Johannes Erdmann
Der Anker fällt im Windschutz der hohen Berge Martiniques, hinter denen es vollkommen still ist. Ruhe, glatte See, Frieden. Hinein in die Koje. Doch was ist das? Mitten in der Nacht, wie aus dem Nichts, beginnt die Yacht zu rollen. Rund ums Schiff ist es zwar weiterhin vollkommen windstill, doch das Geschaukel wird immer wilder. Vermutlich hat auf der Atlantikseite der Karibikinsel der Wind ein klein wenig nach Süden gedreht. Weit genug jedenfalls, dass die Wellen an der Küste entlang und ins Lee hinter der Insel laufen.
In der Pantry klappern Töpfe und Teller. Leebretter sind nötig, am Ankerplatz!, um nicht aus der Koje zu fallen. Das Schiff rollt um 20 Grad zu jeder Seite. Wie kann das passieren? Der Platz ist doch wunderbar abgeschirmt durch eine Landzunge.
Tatsache ist, dass eine solche Landzunge zwar häufig vor Wind schützt, nicht immer jedoch auch vor Wellengang und Dünung. Beide folgen der Küste und können deshalb in anderer Richtung auf das Schiff treffen als der Wind. Um ein Rollen der Yacht am Ankerplatz zu verhindern, ist es deshalb wichtig, das Verhalten der Wellen an Landzungen, im Flachwasser und an Wellenbrechern zu kennen (siehe auch die Grafiken auf der nächsten Seite).
Sollte trotzdem kein geschützter Ankerplatz zu finden sein, ist es nützlich, bestimmte Ankertechniken und den Einsatz von Hilfsmitteln zu beherrschen, die das Rollen vor Anker verhindern.
Erkenntnisse über die Eignung eines Ankerplatzes bei den vorherrschenden Verhältnissen sind meist schon aus der Seekarte zu bekommen. Ankert die Yacht etwa in der Hoffnung auf Schutz vor Seegang hinter einer Landzunge, sollte auch ein Blick auf die Tiefenlinie geworfen werden. Grundsätzlich reduzieren Wellen ihre Geschwindigkeit nämlich, sobald sie in Wassertiefen gelangen, die kleiner sind als die Hälfte ihrer Länge von Wellenkrone zu Wellenkrone.
Wenn sich die Wellen einer Küste nähern und in flaches Wasser gelangen, werden sie deshalb durch die Verlangsamung ihrer Geschwindigkeit gebrochen, abgelenkt und verlaufen fortan parallel zur Küste. Deshalb kann eine Yacht hinter einer Landzunge zwar vor dem Wind geschützt liegen, jedoch anlaufenden Wellen ihre volle Breitseite bieten. Das Schiff wird dann seitlich fortlaufend von den Wellen angeschubst und in eine Rollbewegung versetzt. Bei gleichbleibend tiefem Wasser verändert sich die Wellenrichtung beim Entlanglaufen an einer Landzunge hingegen nicht, und die Yacht kann hinter einem Landvorsprung einen geschützten Ankerplatz finden.
Auch hinter einem künstlich errichteten Wellenbrecher aus Beton oder aufgeschütteten Steinen würde jeder Skipper einen geschützten Ankerplatz erwarten. Doch der Wellenbrecher kann einen ähnlichen Effekt erzeugen wie eine Landzunge in flacherem Wasser: Am seeseitigen Ende des Brechers entstehen durch das Heben und Senken der See kleine Wellen, die in den vermeintlich geschützten Bereich hinter dem Wellenbrecher strahlen. Auch hier wird die Yacht seitlich von Wellen in Rollbewegungen versetzt, obwohl der Wind direkt von vorn kommt.
Auch Felsen oder Betonwände können Wellen ablenken. Wenn die See „über Bande" spielt, können am vermeintlich geschützten Ankerplatz plötzlich reflektierte Wellen von der Seite auftreten. Reflektierte Wellen sind zwar kleiner und kürzer, können jedoch trotzdem unangenehm werden.
Ein Sonderfall ist das Ankern in Gezeitenrevieren, wo durch Einfluss des Stroms Roll-Gefahr möglich ist – etwa wenn beim Ankern in kleinen Buchten nahe eines Tidenstroms oder Flusses sogenannte Eddys entstehen. Das sind Strudel, die mit entsprechenden Verwirbelungen einhergehen. Dann überlagern sich normal ausgerichtete Wellen mit einer Drehbewegung. Meistens richtet sich die Yacht dann nach dem Strom aus und bekommt Wind und Wellen von der Seite.
Ankerlieger in einem stark strömenden Fluss oder Tidenstrom sollten damit rechnen, dass sich die Lage radikal ändern kann. Wenn die Yacht etwa bei ablaufend Wasser noch mit dem Bug im Wind und in der Wellenrichtung liegt, kann es sein, dass sie bei auflaufendem Wasser vom Strom quer zu Wind und Wellen gedrückt wird und dann zu rollen beginnt. Ist der Strom stärker als der Wind (wie häufig in der Bretagne), richtet sich das Schiff im Strom aus und kann von Wind und Wellen immer wieder zum Rollen gebracht werden.
Starke Strömungen können aber auch von Nutzen sein. Wenn Wellen nämlich gegen einen Strom laufen, treffen sie an seinem Rand auf einen schwächeren Nebenstrom, der den Wellen weniger Widerstand bietet als der Hauptstrom. Deshalb können sich die Wellen dort plötzlich schneller fortbewegen und wenden sich zurück in den Strom – sie können ihn nicht verlassen. Eine weitere Regel lautet also: Laufen Wellen gegen Strom, wirken die Außenkanten des Stroms als Wellenbrecher. Deshalb befinden sich neben starken Strömen häufig wellenarme Ankerplätze.
Auch Riffe oder Sandbänke können geschützte Ankerplätze schaffen. Im Gegensatz zu tiefem Wasser, in dem Strom-gegen-Wind-Situationen meist konfuse, hohe, kurze Seen erzeugen, haben Riffe oder Sandbänke im flachen Wasser den größten wellenglättenden Effekt, wenn der Strom gegen die Wellen steht. Was unlogisch klingt, ist leicht zu erklären: Ein Strom erzeugt keine Wellen, sondern bündelt die Energie existierender Wellen. Wenn ein Strom über eine Sandbank oder durch eine Meeresenge läuft, wird der Wasserstrom im Nadelöhr beschleunigt und erzeugt hinter der Sandbank – dort, wo er auf die anlaufenden Wellen trifft – eine aufgewühltere See, weil er die Wellen verstärkt. Im Umkehrschluss sind die Wellen stromaufwärts flacher und ruhiger.
Rollen vor Anker kann eine Tortur sein. In jedem Fall ist Stampfen angenehmer, wenn also der Bug, notfalls auch das Heck, gegen die Welle gerichtet ist. Das kann, wie ausführlich beschrieben, einerseits durch die Wahl eines geeigneten Platzes erreicht werden oder durch die Anwendung von speziellen Ankermanövern.
Die Amerikanerin Jessica Johnson, 33, segelt seit 2012 auf ihrer Sabre 34 „Serendipity" um den Atlantik und hat an den Hunderten Ankerplätzen ihrer Reise mehrere Male an suboptimalen Plätzen vor Anker gehen müssen – aber sie fand Lösungen: „An manchen Ankerplätzen war das Gerolle kaum auszuhalten. Um Abhilfe zu schaffen, haben wir eine zweite Leine an der Ankerkette befestigt und das Schiff mit dem Bug in die Wellen gewinscht"
Ein ähnlicher Effekt kann mit einem unter Langfahrtseglern beliebten Trick erzielt werden. Dazu wird eine lange Leine in die Kette eingeschäkelt und nach achtern auf die Schotwinsch geführt. Zwischen Bugbeschlag und Schotwinsch bildet sich dabei ein Dreieck. Nun kann das Schiff gegen die Wellenanlaufrichtung gestellt werden. Selbst wenn Strom und Wind Richtung und Stärke ändern, kann regelmäßig nachjustiert werden.
Nach demselben Prinzip funktioniert der Einsatz eines seitlich ausgebrachten Heckankers. Beide Ankerketten und -leinen werden nun so geholt und gefiert, bis der Bug in Anlaufrichtung der Wellen steht. Das kann im Übrigen in Strömungsgewässern manchmal schon mit dem Legen und Festsetzen des Ruders erreicht werden.
Sollte es nicht gelingen, den Bug gegen die Wellen zu halten, so lassen sich zumindest die Auswirkungen minimieren. Dazu wird vor Anker das Groß so weit gesetzt, dass es die Wirkung eines Stützsegels entfaltet. Auf diese Weise werden die Rollbewegungen gedämpft.
Auch an Zubehör und Skipper-Tricks gibt es zum Thema Roll-Vermeidung einiges. Im Gegensatz zu hydraulischen Stabilisatoren auf großen Schiffen und Megayachten oder gar Luxussystemen wie dem automatischen Gyro-Rollstabilisator Seakeeper sind auf Segelyachten ohne Generator lediglich mechanische Hilfssysteme einsetzbar. Und deren Wirkungsgrad sind physikalische Grenzen gesetzt.
Genauere Aufschlüsse soll ein Test vor Anker mit der Contest 33 „Maverick too" liefern, 9,83 Meter lang, 3,15 Meter breit.
Erster Versuch, ein alter Seglertrick: eine abgelassene Schlagpütz, an der Fußreling festgebunden. Diese Rollbremse erweist sich im Test als wirkungslos. Die Bewegungen der Pütz unter Wasser sind offenbar zu gering, ebenso der Widerstand, sodass das Rollen des Schiffs nicht gemindert wird.
Eine Variation dieser Maßnahme zeigt aber tatsächlich Wirkung: das Ausbaumen der Pütz. Am Spibaum drei Meter vom Schiff entfernt versenkt, erzeugt der Eimer an dem langen Hebel bei seinen Auf- und Abwärtsbewegungen unter Wasser eine gewisse Dämpfung der Rollbewegungen. Eine spürbare Verbesserung des Lebenskomforts an Bord ist jedoch nicht festzustellen.
Ein weiteres Hausmittel vor Anker ist das Ausbaumen des Dingis am Großbaum. In den Rollbewegungen des Schiffs wird es immer wieder aus dem Wasser gehoben und abgesetzt. Tatsächlich werden die Rollbewegungen der Yacht merklich reduziert, aber die Wechselbelastung auf Baum und Beschläge durch das 60 Kilogramm schwere Schlauchboot ist so groß, dass es keinesfalls als Dauerlösung angewendet werden kann.
An kommerziell vertriebenen Lösungen für das Problem sind vor allem zwei Systeme zu nennen: „Rocker Stopper” von Davies sowie die Edelstahl-Stabilisatoren von SwiTec.
Die Rocker Stopper (16 Euro/Stück) sehen aus wie plattgedrückte Pylonen, haben einen Durchmesser von 33 Zentimetern und sollen an der Bordwand festgebunden sowie ins Wasser abgesenkt das Rollen minimieren. Für das Testboot werden pro Bordwand vier Stück empfohlen, die etwa 44 Zentimeter voneinander entfernt an einer Leine befestigt und am Ende mit einem 2 bis 4 Kilogramm schweren Gewicht versehen werden sollen. Es erweist sich im Versuch, dass der Effekt ähnlich bescheiden ist wie bei der Schlagpütz.
Der Zweierset Stabilisatoren aus dem Schweizer Blauwasserversand SwiTec kostet 322 Euro, ist weit größer als die Rocker-Stopper und soll für Schiffe bis zu zehn Tonnen Gewicht geeignet sein. Die Konstruktion ist einfach, aber funktionell: Die Basis bildet ein solider Rahmen aus Edelstahl, auf den zwei große Klappen aus Hartgummi geschraubt sind. Der Rahmen kann über vier in einem Auge zusammenlaufende Leinen an der Bordwand befestigt werden. Rollt das Schiff vor Anker, wird der Stabilisator durch das Eigengewicht in die Tiefe gezogen. Dabei öffnen sich die Gummiklappen, um weniger Widerstand zu erzeugen. Rollt das Schiff zur gegenüberliegenden Seite, schließen sich die Klappen des Stabilisators – die Folge: Er erzeugt Widerstand im Wasser und bremst das Schiff in der Rollbewegung.
Beim Test werden zunächst beide Stabilisatoren wie vom Hersteller beschrieben an der Bordwand befestigt und ins Wasser abgesenkt. Ein Verminderung der Rollbewegung ist fast nicht bemerkbar. Vermutlich, da die Stabilisatoren bei einer Schiffsbreite von 3,15 Metern einfach zu dicht beieinander sind.
Im nächsten Versuch werden die Stabilisatoren an zwei Spinnakerbäumen befestigt und außenbords geschwenkt – eine Montagelösung analog zum Ausbringen der Pütz, die der Hersteller aber nicht erwähnt. Bei einem auf etwa sieben Meter vergrößerten Abstand zueinander ist die Wirkung der Stabilisatoren nun weit größer und eine Minderung des Rollens deutlich. Ist das Schiff vorher etwa 15 Grad auf jede Seite gerollt, sind es jetzt noch etwa 7 Grad je Seite.
Eine vollständige Rolldämpfung vor Anker ist auch mit dem kostspieligsten Zubehör nicht möglich, wie der Praxistest zeigt. Die SwiTec-Stabilisatoren müssen zunächst durch die Rollbewegungen des Schiffes je Seite etwa 20 bis 30 Zentimeter nach oben gehoben werden, ehe sich die Klappen vollkommen schließen und die Stabilisatoren durch ihren Widerstand Funktion zeigen.
Was die Rollbewegungen angeht, gilt also: Ein Fehler, der bei der Wahl des Ankerplatzes gemacht wurde, lässt sich durch die gängigen Accessoires nicht kompensieren.
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