Christian Tiedt
· 31.03.2026
Teil 1 der abenteuerlichen Reise der “Centennial Republic” finden Sie hier.
Am Silvesterabend 1875, als nur noch wenige Stunden des alten Jahres verblieben, erreichte Nathaniel H. Bishop mit seiner unterwegs von Bord einer Kohlenbarge als „Kürbiskern“ verspotteten Sneak-Box nach mehr als 1.500 Kilometern den Ort Cairo in Illinois. Hier, am Länderdreieck mit Missouri und Kentucky, mündete der Ohio in den Mississippi.
Auch die letzten hügeligen Ausläufer der Appalachen lagen hinter Bishop, der Mississippi wand sich in engen Schleifen durch sein Stromtal nach Süden. Sandbänke säumten den Verlauf. Es wurde wärmer. An den Ufern wechselten sich Baumwollplantagen, Sandsteinkliffs und dichte Wälder ab.
In der ersten Nacht auf dem Mississippi schlug Bishop sein Camp am Bayou de Chien Creek unter hohen Platanen, Amberbäumen und Schwarzpappeln auf. Auch am folgenden Sonntag blieb er an diesem schönen Flecken und las in seiner Bibel, umgeben vom Gesang unzähliger Vögel, darunter eine kleine Kolonie Karolinasittiche.
Bishop war bewusst, dass diese farbenfrohe Papageienart kurz vor der Ausrottung durch seine „gefühlslos“ zum Spaß jagenden Mitmenschen stand, und freute sich daher umso mehr über das selten gewordene Schauspiel.
Und wenige Kilometer weiter wartete bereits das nächste Naturerlebnis: ein Abstecher auf den Reelfoot Lake. Der Sumpfsee war sechzig Jahre zuvor bei einem Erdbeben entstanden. „Seine Oberfläche ist von einem Teppich aus Vegetation bedeckt, eine grüne Prärie, durchzogen von Wasserwegen, über die sich die toten Stämme gigantischer Zypressen erheben wie Obelisken.“.
Die Anzahl der Shanty Boats, die mit dem Strom trieben oder – wenn ihre Eigner es eilig hatten – sich bei nördlichen Winden auch zusätzlich von selbst genähten Segeln ziehen ließen, nahm stetig zu. Bishop nutzte nun häufiger die Gelegenheit, die großen Wohnboote während der Fahrt als Pantry zu benutzen, besonders wenn eine Familie die Besatzung bildete. Seiner höflichen Anfrage wurde meist freudig entsprochen. Das führte oft zu langen Gesprächen an Bord der Flöße, während die Sneak Box im Päckchen auch ohne Steuermann wohlbehalten den Fluss hinunterkam.
Nur einen Zwischenfall gab es dabei, als die gemeinsame Passage einmal mehrere Tage dauerte: Mitten in der Nacht überrollte der Schwell des stromaufwärts gehenden Schaufelraddampfers „Robert Lee“ das Cockpit des flachen Anhängsels mitsamt seinem schlummernden Skipper. Der blieb pragmatisch wie immer: „Man überschüttete mich mit Wasser und wusch freundlicherweise meine Decken.“
Memphis, Tennessee, wurde am 6. Januar passiert und eine Woche später Natchez, Mississippi. Unterwegs sammelte Bishop Berichte, die hier im tiefen Süden nur eine Dekade zuvor völlig undenkbar gewesen wären, etwa von einem farbigen Friedensrichter, der nun Recht sprach: „de common law ob de state ob Mississippi“.
Oder von Ben Montgomery. Der befreite Sklave hatte so viel Geld zusammengebracht, dass er die in Verfall geratene Plantage seiner ehemaligen Herren selbst hatte kaufen können – unter denen kein Geringerer gewesen war als der einzige Präsident der Konföderation: Jefferson Davis..
Der 20. Januar 1876 begann mit Gewitterwolken über dem Schwemmland Louisianas, die sich jedoch in Wohlgefallen auflösten, je näher Bishop dem Ende seiner Binnenfahrt kam: dem Delta des Mississippi mit seiner schillernden Metropole New Orleans. Fünfzig Tage waren seit dem Start in Pittsburgh vergangen, als die „Centennial Republic“ nach 3.100 Kilometern am Steg des Southern Boat Club festmachte.
Zwei ganze Tage gönnte sich der Ruhelose in dem Schmelztiegel zwischen sizilianischen Obstverkäufern, spanischen Gentlemen, französischen Medames, „Creole ladies“ und „Louisiana indians“, die heißen Gumbo-Eintopf anboten.
Dann riss er sich los vom „Duft der Blüten, den alten Bauwerken, der modernen Zivilisation“, setzte das Geschenk seiner Gastgeber, einen seidenen Clubstander, und verabschiedete sich vom Mississippi und New Orleans. Über einen Kanal erreichte er den lagunenartigen Lake Pontchartrain im Norden der Stadt, der sich nach Osten hin zum Golf von Mexiko öffnet. „Mein schnellster Weg!“, frohlockte Bishop.
Doch das Meer stellte schnell die Verhältnisse klar. Wind und Welle waren zu viel für das kleine Skiff. Es kehrte um und verbrachte die Nacht im Schutz der hohen Bordwand eines Schoners.
Nur eine Etappe verblieb noch, doch die Dimensionen waren andere. Statt verlässlicher Ufer zu beiden Seiten war da die Küste, mal näher, mal weiter entfernt, mitunter im Nebel verborgen. Wenn die „Centennial Republic“ zuvor nur klein ausgesehen hatte – jetzt war sie es auch.
Selbst zwischen dem Festland und den Inseln und Sandbänken davor konnte sich in kürzester Zeit eine Welle aufbauen, vor der die Sneak Box nur davonlaufen konnte. Schon der erste Sturm hielt Bishop drei Tage in der Bay of St. Louis gefangen. Die Einfahrt durch die überall brechende See war ihm gerade so ohne Schiffbruch geglückt. Am prasselnden Lagerfeuer aus Treibholz konnte er sich zumindest darüber freuen, dass der Wind die gierigen Moskitos fernhielt. Als Überträger der Malaria waren sie sein Hauptgrund für die Reisezeit im Winter gewesen.
Doch auch die Stürme schafften es nicht, den Abenteurer in seinem abenteuerlichen Boot aufzuhalten: Am 19. März erreichte Nathaniel Holmes Bishop die Mündung des Suwannee River in Florida, mehr als 4.000 Kilometer von Pittsburgh entfernt. Die schon bald einhundertjährige Republik war um eine Erfolgsgeschichte reicher.
Teil 1 der abenteuerlichen Reise der “Centennial Republic” finden Sie hier.

Ressortleiter Reise