Christian Tiedt
· 29.03.2026
Die Einsamkeit war vollkommen, abgesehen von den hoch über ihm kreisenden Seemöwen, während die sinkende Sonne im Westen letzte goldene Strahlen über das ruhende Meer sandte. Am Ufer von Bradford Island, einer unbewohnten sumpfigen Insel vor der Mündung des Suwannee River in den Golf von Mexiko, machte es sich Nathaniel Holmes Bishop ein letztes Mal im Cockpit seiner „Centennial Republic“ bequem. Kleine Wellen glucksten unter dem gewölbten Holzrumpf.
„Die großen Wälder hinter dem Marschland verloren sich langsam in Dunkelheit, als der Tag schwand“, schrieb er später über diesen Märzabend des Jahres 1876 an der Küste Floridas. „Centennial Republic“ bedeutet „Hundertjährige Republik“ – eine Anspielung auf das kurz bevorstehende erste große Jubiläum der Vereinigten Staaten.
Ein stolzer Name für ein noch nicht einmal vier Meter langes Boot. Und doch angemessen angesichts dessen, was es bewältigt hatte: Vier Monate war es her, dass Bishop weit im Norden von einer vereisten Pier in Pittsburgh abgestoßen und auf den winterlichen Monongahela River hinaus gesteuert hatte. Sein Kurs: stromabwärts. Das Ziel: mehr als 4.000 Kilometer entfernt.
Für den damals 38-jährigen Bishop aus Medford in Massachusetts war es jedoch längst nicht das erste Abenteuer gewesen: Schon im Alter von 17 Jahren hatte er Südamerika zu Fuß durchquert und ein Buch darüber geschrieben, später Nordamerika, ebenfalls mit Muskelkraft, in einem leichten Kanu, das mit verleimtem Papier bespannt war.
Doch für seine größte Unternehmung, die ihn den wichtigsten Wasserweg des Kontinents hinabführen sollte, über den Ohio, den mächtigen Mississippi und weiter über den offenen Golf von Mexiko bis nach Florida, wäre sein geliebtes „paper canoe“ weder komfortabel noch seetüchtig genug gewesen. Es hatte etwas Größeres sein müssen.
Dass Bishops Verständnis von Größe jedoch äußerst relativ war, zeigte seine Wahl, die nach ausführlicher Suche auf eine Barnegat Sneak Box fiel. Der Typ war in New Jersey entwickelt worden für die Entenjagd in den flachen, brackigen Marschen entlang der Atlantikküste. Überschaubare zwölf Fuß lang und vier Fuß breit, rundum gedeckt bis auf ein mit Sprayhood und umlaufendem Süll geschütztes Cockpit, war sie nicht nur enorm stabil und leicht, sondern bot Platz zum Schlafen für eine Person, für Vorräte, Schrotflinte, Decken und Kochutensilien. Nach den Maßstäben des genügsamen Abenteurers war sie damit nahezu perfekt geeignet für epische Expeditionen.
Der Preis für die Sneak Box: 75 Dollar – Anker, Ruder und Rigg inklusive. Für diese Summe hatte Bishop bei „Honest George“ Bogart in Manahawkin ein Boot mit löffelförmigem Rumpf erworben, mit Steckschwert statt Kiel, das sich „eher über das Wasser bewegte als hindurch“ – fast wie ein Skiff. Das schnell gestellte Sprietsegel leistete besonders bei achterlichen Winden Beachtliches. Zu allen anderen Zeiten wurde zumindest gerudert – oder die Strömung verrichtete das Tagwerk. Der geringe Tiefgang von nur einem Fuß war dafür nachts wichtig, da dann am Ufer angelandet werden musste.
Am 2. Dezember 1875 begann die Reise der „Centennial Republic“ in Pittsburgh, Pennsylvania. Die Stadt selbst war ein Symbol für ein Land, das sich am Vorabend seines hundertsten Geburtstags im Umbruch befand. Die Narben des Bürgerkriegs und die Mühen der Reconstruction, des Wiederaufbaus der unterlegenen Südstaaten der ehemaligen Konföderation nach den Vorgaben des siegreichen Nordens, waren noch frisch im nationalen Gedächtnis.
Doch hier, inmitten der qualmenden Schlote und des Hämmerns der Hochöfen, zwischen Ruß und Schmutz, nahm schon das Gilded Age Gestalt an – das Vergoldete Zeitalter der USA. Die scheinbar unbegrenzte industrielle Kraft aus Kohle, Stahl und Öl ließ einen Titanen heranwachsen, und Pittsburgh war eine seiner Geburtsstätten.
Sinnbildlich für den sprintenden Fortschritt trafen Boot und Besatzung mit der Eisenbahn am Ausgangspunkt ein. Obwohl der Nachmittag bereits begonnen hatte und nur wenige trübe Stunden Tageslicht verblieben, entschied sich Bishop, dem rohen industriellen Moloch so schnell wie möglich wieder zu entkommen.
„Ohne auch nur einen Freund, der mich verabschiedet hätte“ wasserte er sein winziges Gefährt an der Waterfront und navigierte zwischen riesigen Raddampfern und Lastkähnen hinaus auf den schlammigen Monongahela, einen der beiden Quellflüsse des Ohio, die sich unmittelbar unterhalb von Pittsburgh vereinen.
Schon nach wenigen Minuten kam Bishop zum Zusammenfluss und musste überrascht erkennen, dass der von Norden kommende Allegheny River so viel Treibeis mit sich brachte, dass die Sneak Box bald in einem gefährlichen Labyrinth gefangen war, das sich stetig veränderte und sich von Ufer zu Ufer erstreckte. Grund zur Panik sah er nicht – zumindest in seinem späteren Buch „Four Months in a Sneak Box“: „Ein Kanu wäre vom Eis zermahlen worden. Aber dem Boot mit seiner elastischen Beplankung aus Weißer Zypresse fiel es leicht, diesen Angriff abzuwehren.“
Bishop arbeitete sich durch das Pack, vermied gefährliche Strömungsstrudel und kam schließlich wieder in freieres Wasser. Als die Abenddämmerung einsetzte, hatte er 35 Kilometer zurückgelegt. Er glitt mit dem Bug auf einen einsamen Kiesstrand, zog das Boot an Land und sicherte es mit Erdnägeln für den Fall, dass der Strom plötzlich anstieg.
Mit einer dicken Baumwolldecke als Unterlage verwandelte er das Cockpit in eine Koje, seine Reisetasche diente als Kissen. Zu essen gab es Brot mit Butter und Shaker’s Peach Sauce (ein Fruchtgelee), dazu eine „großzügige Scheibe von Wilson’s getrocknetem Rindfleisch“. Danach hüllte er sich schon im Liegen in zwei Decken ein und verschloss das Cockpit – er nannte es sein „Apartment“ – mit einer Abdeckung über sich als Dach. Das Knirschen der Eisschollen und der Ruf einer Eule begleiteten ihn in den Schlaf.
Am dritten Tag passierte das Skiff bei Steubenville die nördlichste Brücke des Ohio, errichtet von der Pittsburgh, Cincinnati, Chicago and St. Louis Railroad Company. Die Erschließung des Kontinents durch die Eisenbahn war noch in vollem Gange, erst sechs Jahre zuvor war die erste Verbindung zwischen Atlantik- und Pazifikküste vollendet worden.
Am Ufer wurde es nun wieder industriell, die kahlen Wälder wichen Backsteinmauern, den Maschinenhäusern und Werkshallen von Wheeling, West Virginia. Über ihnen hing „eine dichte Wolke aus Rauch, immer wieder erhellt von den Flammen, die aus den Schornsteinen der Stahlhütten, Glasereien und Fabriken emporschossen“. Die Szenerie erinnerte den in den Klassikern belesenen Bishop an Dantes Inferno.
Etwa 150 Kilometer hatte die „Centennial Republic“ zurückgelegt. Das treibende Eis verschwand. Dafür schillerte der Ohio nun in allen Regenbogenfarben: Die Region war reich an oberflächennahem Erdöl, das bereits mit viel Profit gefördert wurde.
Auch der Puls auf dem Fluss nahm nun zu, der Verkehr wurde stärker. Allen voran waren es die Sternwheeler „mit ihren gewaltigen Schaufelrädern am Heck, die speziell für flache Flüsse konstruiert waren“, die das Wasser aufpeitschten und deren Dampfpfeifen sie trotz der oft unübersichtlichen Windungen des Stroms schon von Weitem ankündigten.
„Gegen den Strom schoben sie zwei, vier oder sechs Kohleleichter in Paaren vor sich her“, schrieb Bishop bewundernd. „Wie sie es schafften, solche schwerfälligen Verbände durch die tückischen Strömungen zu steuern, blieb mir ein Rätsel.“
Zu beiden Seiten war das sanft gewellte Land nun immer öfter bewirtschaftet, auch wenn die kahlen Felder im Winterschlaf lagen. Trotzdem nahm das Leben auf dem Fluss zu, jedoch nicht zur Freude des einsamen Abenteurers: „Ohio und Mississippi sind der Highway in den Westen für eine ganze Reihe von Vagabunden“, schrieb er: „Tramps, harte Typen und Ganoven jeder Art.“
Dazu kamen die Shanty Boatmen, meist Gruppen von Männern, die auf zusammengezimmerten Hausbooten lebten, aber auch wortkarge Einzelgänger. Selbst dieser Teil des Landes hatte noch eine wilde Ader. Wenn Bishop sich für die Nachtruhe in sein eigenes hölzernes „Apartment“ zurückzog, tat er das auch an verborgenen Orten, nicht ohne „Beil und Colt griffbereit an meiner Seite“.
Der Schneefall nahm zu und blies häufig in so dichten Schleiern über den Fluss, dass Bishop schließlich in echten vier Wänden Schutz suchen musste. So in Cincinnati, Ohio, im Haus eines deutschen Auswanderers. Der war misstrauisch, obwohl ihm Bezahlung versichert wurde: „Dat’s vat dey all says.“ Er hatte schlechte Erfahrungen mit Zechprellerei bei „de Merican beeble“, gemacht. Man einigte sich auf Vorauszahlung, und der Durchgefrorene bekam nicht nur ein warmes Bett, sondern auch Sauerkraut und Schweinebraten. Es war der 17. Dezember. 750 Kilometer hatte er bis hierher zurückgelegt.
Doch die Reise ging weiter. In Louisville überwand Bishop die Stromschnellen des Ohio, das einzige Hindernis für die durchgängige Schifffahrt, allerdings nicht auf dem parallel in den Fels gegrabenen kurzen Kanal, sondern auf einem Pferdewagen über Land.
Teil 2 der Reise der Centennial Republic folgt demnächst.

Ressortleiter Reise