Revierreport 2022Was Mittelmeer-Chartersegler jetzt wissen sollten

YACHT Online

 · 07.05.2022

Revierreport 2022: Was Mittelmeer-Chartersegler jetzt wissen solltenFoto: Fritsch, Andreas

Der Süden nimmt nach der Corona-Zwangspause wieder Fahrt auf. Die Folge: Es wird voll und teuer in den Häfen. Wie Chartercrews dem Trubel entgehen können

Gestern hatten wir über die vielerorts im Mittelmeerraum angespannte Situation für Eigner berichtet, die kaum noch einen bezahlbaren Dauerliegeplatz fürs Schiff finden. Doch wie sieht die Lage für Chartercrews aus? Einer, der sich in den unterschiedlichen Revieren bestens auskennt, ist Charteranbieter Klaus Pitter.

Der 54-Jährige gründete seine Charterfirma Pitter Yachting zusammen mit seinem Vater 1987 in Kroatien. Vier Jahre später brach an der Adria der Krieg aus. Pitter blieb und hielt durch. Heute betreibt er 450 Charteryachten an 25 Stützpunkten in Kroatien sowie in Griechenland, der Türkei, Slowenien, Italien, den Niederlanden und auf St. Lucia.

  Klaus PitterFoto: Pitter Yachting
Klaus Pitter

YACHT-Autor Thomas Käsbohrer hat mit Klaus Pitter über die aktuellen Aussichten für Segelferien im Süden geprochen.

YACHT: Herr Pitter, sind Ihre Kunden angesichts der derzeitigen Unwägbarkeiten nervös?

Klaus Pitter: Das ist je nach Land unterschiedlich. Für Kroatien etwa sind unsere Kunden relativ entspannt, weil die Ausgangshäfen per Auto erreichbar sind. Gleiches gilt für die Reviere an und vor Italiens Westküste mit dem Tyrrhenischen Meer.

Bleiben wir bei Kroatien. Wird es dort also wieder sehr voll?

Ja, noch mehr Kunden als schon 2021 haben bereits einen Adriatörn für dieses Jahr gebucht.

Auf überfüllte Häfen muss man sich also einstellen, richtig?

Das kommt darauf an. Ich bin im vorigen Jahr zweimal im Süden Kroatiens gesegelt. Zuerst war ich eine Woche um Split unterwegs, da war es erwartungsgemäß voll. Das liegt vor allem am begrenzten Radius bei einem einwöchigen Törn. Später war ich dann erneut von Split aus auf einer zweiwöchigen Chartertour. Da schafft man es dann auch zu den weniger frequentierten Zielen, etwa auf Mljet, Korcula und Vis.

Der Trend geht ja aber zur eher kürzeren Charterdauer. Gibt es für diese Crews nicht doch auch ein Rezept, wie sie dem Trubel entkommen können?

Durchaus! Wir bieten nun zusätzlich zur Samstag-auf-Samstag-Charter auch Mittwoch-bis-Mittwoch-Törns an. So segeln die Crews gegen den Strom.

Wie steht es um die Türkei, rechnen Sie dort allmählich wieder mit mehr Buchungen?

Für die Türkei wird die Situation wohl unverändert bleiben. Die deutschsprachigen Kunden wollen zwar wieder raus und auch neue Reviere erkunden. Sie bleiben dem Land aber weiterhin lieber fern.

  Die Türkei trifft es in diesem Sommer doppelt schwer: Viele Segler aus Westeuropa sind dem Land schon in den vergangenen Jahren fern geblieben. Nun dürften auch noch die russischen Segler ausfallen, die zuletzt Geld ins Land gebracht hattenFoto: A.Fritsch/Yacht
Die Türkei trifft es in diesem Sommer doppelt schwer: Viele Segler aus Westeuropa sind dem Land schon in den vergangenen Jahren fern geblieben. Nun dürften auch noch die russischen Segler ausfallen, die zuletzt Geld ins Land gebracht hatten

Davon müssten doch Länder wie Griechenland profitieren?

Ja, aber davon haben Charterurlauber nichts. Denn da der allgemeine flugabhängige Tourismus eindeutig wieder stärker wird, steht zu befürchten, dass für unsere Chartergäste nicht genug Flugkapazitäten übrig bleiben. Dazu kommt, dass es das Revier, wie man es von früher kennt, so nicht mehr gibt.

Weil sich auch dort die Krisen auswirken?

Nein, es hat eher mit den Wirtschaftsmaßnahmen der griechischen Regierung zu tun. Die hat große Förderprogramme zur Belebung des Chartergeschäfts aufgelegt, die jetzt greifen. Das heißt, es wird zunehmend eng werden in dem Revier. Und wenn es zu eng wird, stimmt meist das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Die alte Rechnung vom günstigen Ägäis- oder Kykladentörn, wo man abends noch kostenlos vor einer Taverne anlegt, wird künftig eher nicht mehr aufgehen.

Die Preise steigen ja gerade in vielen Bereichen massiv. Wie sehr trifft es die Vercharterer?

Auch für unsere Branche wird alles teurer. Allein die Anschaffungskosten für neue Schiffe klettern derzeit zwischen sechs und acht Prozent – vierteljährlich! Die Liegegebühren dürften zudem etwa im Süden Kroatiens mit Preiserhöhungen um die 15 Prozent zu Buche schlagen. Wir müssten längst unsere eigenen Preise anpassen, tun es aber noch nicht.

Wagen wir zum Schluss einen Blick voraus: Welches Revier hat in den nächsten Jahren das größte Potenzial?

Ich will kein Prophet sein, aber ich halte in nicht allzu langer Zeit die Rückkehr der Türkei als das wunderbare Segelrevier, das es nun einmal ist, für wahrscheinlich. Nirgends kann man derzeit ein neues Charterschiff günstiger buchen als dort.

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