Offshore-WindenergieNordsee-Gipfel beschließt massiven Ausbau

Morten Strauch

 · 29.01.2026

Offshore-Windenergie: Nordsee-Gipfel beschließt massiven AusbauFoto: dpa/pa
Windpark in der Nordsee
Die Nordsee soll zum größten Energie-Hub der Welt werden. Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg haben die Anrainerstaaten einen Investitionspakt beschlossen, der die Offshore-Windenergie bis 2050 verzehnfachen soll. Für Wassersportler bedeutet dies künftig deutlich mehr Windparks in Nord- und Ostsee.

Rund 1.600 Windräder stehen bereits vor deutschen Küsten, doch in den kommenden Jahren sollen tausende weitere hinzukommen. Die Energiegewinnung aus Windkraft in der Nordsee soll bis 2050 fast verzehnfacht werden. Dies haben die Energieministerinnen und -minister der Nordsee-Anrainerstaaten am Montag beim Nordsee-Gipfel in Hamburg beschlossen. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte am Rande des Gipfels die Bedeutung der Nordsee als künftiges Drehkreuz für Offshore-Windenergie: "Die Beschlüsse, die wir in Hamburg getroffen haben, werden unsere Energieversorgung sicherer, kostengünstiger und integrierter machen. Europa wird damit insgesamt widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger."

Milliardenschwerer Investitionspakt für Offshore-Windenergie

Die Energieministerinnen und -minister der Nordsee-Anrainerstaaten unterzeichneten eine Vereinbarung, die unter anderem vorsieht, Offshore-Windenergieanlagen mit Stromanbindungen zu mehreren Anrainerländern zu vernetzen. "Unser Ziel ist es, den größten Energie-Hub der Welt zu entwickeln", erklärte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung sollen grenzüberschreitend verfügbar gemacht werden. Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

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Nach Angaben des europäischen Windverbands Wind Europe können derzeit bereits 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit Strom versorgt werden. Bei 300 Gigawatt im Jahr 2050 könnte die Zahl auf mehr als 330 Millionen wachsen. Neben der Nordsee gibt es auch für die Ostsee ambitionierte Pläne: Bereits im August 2022 verkündeten mehrere Ostsee-Anrainerstaaten, bis zum Jahr 2030 die Produktion von Windenergie in der Ostsee um das Siebenfache auf dann 20 Gigawatt zu erhöhen.

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​Ostsee: Bornholm Energy Island

Auf dem Nordsee-Gipfel wurden auch konkrete Vereinbarungen zur internationalen Zusammenarbeit in der Ostsee getroffen. Wirtschaftsministerin Reiche und ihr dänischer Amtskollege Lars Aagaard unterzeichneten eine Vereinbarung zur "Bornholm Energy Island". Auf der dänischen Insel Bornholm soll ein Stromdrehkreuz entstehen, das Offshore-Windstrom aus der Ostsee nach Deutschland und Dänemark weiterleitet.

Vor der dänischen Nordseeküste sind Areale gewaltigen Ausmaßes ausgewiesen, auf denen nicht nur Windräder, sondern auch künstliche Inseln entstehen sollen. Diese sollen mit riesigen Stromspeichern bestückt werden, um als Puffer für überschüssige Energie zu dienen. Zudem kündigten auch TenneT Germany und der britische Partner National Grid ein Projekt an, welches mehrere Nordsee-Windparks gleichzeitig mit beiden Küsten verbindet.

Auch die Sicherheit der Energie-Infrastruktur in der Nordsee soll gestärkt werden. "Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur", sagte Reiche. Erstmals war deshalb die Nato hochrangig auf dem Gipfel vertreten.

Auswirkungen auf die Schifffahrt und den Wassersport

Für Segler und andere Wassersportler wird der massive Ausbau der Offshore-Windenergie spürbare Folgen haben. Während die meisten Crews, deren Heimatrevier die Nord- oder Ostsee ist, die bislang existenten Windparks nur in Einzelfällen als ernsthaft störendes Hindernis wahrnehmen, wird sich dies in den kommenden Jahren ändern. In zu Deutschland zählenden Gewässern gibt es derzeit etwas mehr als 30 Windparks: zwei Dutzend auf der Nordsee, die anderen in der Ostsee - dort ausschließlich vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns.

Mit der geplanten Erweiterung der Windparks wird die freie Fahrt in vielen bei Seglern beliebten Bereichen der Nord- und Ostsee künftig eingeschränkt sein. Ein Törn von Helgoland rund Skagen wird in einigen Jahren zwangsläufig durch Windparkgebiete führen, entlang der für die Schifffahrt frei gelassenen Passagen. Besonders problematisch: Jeder Staat verfährt höchst unterschiedlich – sowohl bei der Vergabe und Planung von Windparks als auch bei den Bestimmungen zur Navigation in den Offshore-Anlagen beziehungsweise außen um sie herum.

Der NABU mahnt, nicht unüberlegt in der Nordsee zu bauen. "Wichtig ist, das Ganze naturverträglich zu gestalten, denn wir haben durch die Fischerei, die Schifffahrt und durch Offshore-Windenergie schon eine erhebliche Belastung der Meere. Insofern muss man versuchen, eine vernünftige Balance zwischen den unterschiedlichen Interessen hinzubekommen", sagte Malte Siegert vom NABU Hamburg.

Für Segler stellt sich zudem die Frage nach der Sicherheit beim Befahren von Windparkgebieten. Bislang ist zwar noch kein Fall bekannt, in dem eine Yacht mit solch einer Anlage kollidiert wäre. Doch mit der absehbar steigenden Anzahl der Windräder wächst auch das damit einhergehende Unfallrisiko. Immerhin: Ab- oder gefährliche Fallwinde, unvorhersehbare Winddreher oder auch turbulente Strömungsverhältnisse auf der Wasseroberfläche, hervorgerufen durch die sich drehenden Rotorblätter, gibt es in den Windparks nicht. Die einzelnen Anlagen sind in einem so großen Abstand zueinander aufgestellt, dass sie sich nicht gegenseitig beeinflussen.

Unterschiedliche Befahrensregeln in europäischen Gewässern

Die Regelungen zum Befahren von Windparks unterscheiden sich stark zwischen den europäischen Ländern. In Großbritannien ist die Durchfahrt durch die Windparks grundsätzlich erlaubt. Sperrzonen bestehen nur in einem Radius von 50 Metern um die einzelnen Windräder. Nur in wenigen Ausnahmefällen gibt es vorgeschriebene Korridore durch die Felder, von denen man nicht abweichen darf.

In Deutschland und seinen Nachbarländern hingegen gibt es keine einheitlichen Lösungen. Sind in einem Park Korridore einzuhalten, ist Vorsicht geboten, denn diese nutzen dann alle Schiffe, gegebenenfalls sogar die Berufsschifffahrt. Es kann voll werden, und eine Verkehrstrennung für die jeweiligen Fahrtrichtungen gibt es in der Regel nicht. Langfristig wäre eine Harmonisierung der Befahrensregeln für Wassersportler wünschenswert, doch bisher fehlen entsprechende Initiativen.

Bestehende Windparks:

  • Deutschland: Etwa 30 Windparks (zwei Dutzend in der Nordsee, der Rest in der Ostsee)
  • Dänemark: Verstreute kleinere Windparks in Belten und Sund sowie in Kattegat und Skagerrak
  • Schweden: Wenige Windparks vor der Ostküste

Befahrensregeln:

  • Großbritannien: Durchfahrt grundsätzlich erlaubt, 50-Meter-Sperrzone um einzelne Windräder
  • Deutschland und Nachbarländer: Uneinheitliche Regelungen, teilweise vorgeschriebene Korridore

Geplante Erweiterungen:

  • Nordsee: Verzehnfachung der Windenergie bis 2050
  • Ostsee: Siebenfache Steigerung auf 20 Gigawatt bis 2030
  • Dänemark: Künstliche Energieinseln mit Stromspeichern geplant

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