Herzlichen Glückwunsch, Schaalsee: 25 Jahre Unesco-Biosphärenreservat! Das muss gefeiert werden. Ehrlich gesagt tue ich das schon ein paar Jahre. Eigentlich jeden Sommer. Segelnderweise mit meiner Jolle, einer C55 von Pelle Petterson. Sie liegt im ehemaligen Westen des Schaalsees auf der schleswig-holsteinischen Seite.
Lange dachte ich, nur Anwohner mit Seegrundstücken dürften hier mit Sondergenehmigung in See, oder besser: in den See stechen. Die Happy Few. Aber das stimmt so nicht. Segeln ist auf dem Schaalsee grundsätzlich erlaubt, allerdings unterliegt der Wassersport strengen Auflagen, deren Einhaltung auch kontrolliert wird. Die Anzahl der Boote ist limitiert, und es dürfen nur registrierte eingesetzt werden, für alle anderen gibt es Tagesplaketten. Das dient dem Schutz der sensiblen Tier- und Pflanzenwelt.
Der Schaalsee ist ein 24 Quadrakilometer großer See an der Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern und Teil des Unesco-Biosphärenreservats Schaalsee. Als ehemaliges Grenzgewässer im Zonenrandgebiet ist er bekannt für seine wertvolle, unverbaute Natur, insbesondere als Europäisches Vogelschutzgebiet, weshalb die Nutzung der Gewässer reguliert wird. Aber anders, längst nicht so streng wie früher, als auf dem Wasser noch Boote der DDR-Grenztruppen patrouillierten, um Fluchtversuche zu verhindern.
Während der Zeit der deutschen Teilung verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch den See. Das Ufergebiet auf der östlichen Seite war Sperrzone: Nur Anwohner mit Sondergenehmigung oder Grenzsoldaten durften sich dort aufhalten. Für alle ohne Uniform bedeutete das: Zutritt, Baden, überhaupt alles war verboten, touristische oder private Nutzung so gut wie unmöglich.
Glücklicherweise ist diese Episode längst Geschichte. Geblieben ist eine weitgehend unberührte Natur rund um den See, was dem Gebiet nach der Wende einen besonderen ökologischen Wert verlieh. Spoiler: Nicht selten wähnt man sich, ob des unverbauten Ufers, irgendwo in Kanada, zumindest aber in Skandinavien. Vor allem wenn über einem der Seeadler kreist und guckt, ob die schwarzen Wolken von Kormoranen ihm etwas übrig lassen. Das haben der Adler und die Angler in ihren Ruder- oder Elektrobooten auf dem See gemeinsam.
Meine Jolle liegt an einem kleinen, lauschigen Steg mit etwa 30 Booten. Allein das Betreten der Anlage ist jedes Mal eine Freude. Über dem Eingangsgatter könnte stehen: „Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr.“ Schon auf den ersten Metern beginnt die Naherholung, mit Blick ins glasklare Wasser, das sogar Trinkwasserqualität haben soll. Und einsam ist es. Sogar an einem Sonntag im August kann es selbst bei Kaiserwetter passieren, dass man gerade mal drei bis vier Segel auf dem See entdeckt. Maximal! Wenn mal fünf oder sechs Schiffe gleichzeitig im Bild sind, dann ist es schon „voll“.
Das habe ich in fünf oder sechs Jahren ein einziges Mal erlebt. Oft bin ich ganz allein mit Freunden oder mit Hund unterwegs. Das fühlt sich ziemlich exklusiv an. Leinen los, Paddel raus, am Schilf entlang, schnell zur vorgelagerten Tonne und Segel hoch. Kurs Kap Hoorn, wie das hier maßlos übertrieben genannt wird. Eine bewaldete Landzunge als Peilung, an der es manchmal etwas windiger zugeht. Manchmal hacken einem die Böen überfallartig über die Baumwipfel von oben in die Segel, dass man gut dran tut, die Großschot in der Hand zu halten.
Einen Freund hat es erst kürzlich erwischt. Zack! Durchgekentert und mit dem Mast im Grund stecken geblieben. Aber wenn man schon irgendwo baden gehen muss, dann hier. Und Wasser schlucken ist hier, wie bereits erwähnt, auch kein Problem.
Hinter Kap Hoorn öffnet sich der See, die Brise wird beständiger. Und mit halbem Wind rauscht man dahin. Beispielsweise Kurs Seedorf zum Gasthof oder weiter zur Kutscherscheune in Groß Zecher. Kurs Kuchen oder Wildschweinburger. Die Ausbuchtung nennt sich Küchensee. Ein touristischer Hotspot am Schaalsee. Hier geht es etwas belebter zu, weil man Kanus leihen kann.
Der Eigentümerin des Guts Groß Zecher gehört übrigens das größte Stück vom See. Neben dem Badesteg für Hausgäste gibt es einen Gastanleger. Das Gut wirbt mit dem Spruch: „Ein naturgemachtes Paradies, hausgemachte Spezialitäten selbst gemachte Kuchen, frisch gemachte Betten. Das Gut Groß Zecher ist wie gemacht für eine gute Zeit. Machen Sie einfach mit.“
Meistens mache ich eine Wende und umrunde die Rethwiese, eine Insel mitten im Schaalsee. Ziemlich unzugänglich. Das soll auch so bleiben. Für alle Inseln im Schaalsee gilt: Betreten verboten. Man kann sich gut vorstellen, dass hier noch irgendwelche unentdeckten endemischen Arten leben. Oder ein ehemaliger DDR-Grenzschützer, der die Wiedervereinigung verpasst hat. Es wäre jedenfalls ein Leichtes, sich für die Insel ein Pendant für Nessie, das Ungeheuer von Loch Ness, auszudenken, wollte man den Fremdenverkehr ankurbeln. Aber genau das will man nicht. In der Ruhe und der Abwesenheit des Rummels liegt die Kraft des Schaalsees.
Wenn es ausschließlich nach den Naturschützern ginge, wären der Mensch und speziell Wassersportler gar nicht existent. Geht es aber nicht: Eine Besonderheit des Schaalsees besteht darin, dass das ehemalige Grenzgewässer in Privatbesitz zwischen fünf Parteien aufgeteilt ist, die das Befahren und Beangeln erlauben. Gegen Gebühr, versteht sich. Und unter Auflagen.
Für Elektromotoren braucht man eine Lizenz, die allerdings limitiert und entsprechend begehrt ist. Als Segler kann man sehr gut darauf verzichten. Ein Paddel für die letzten Meter reicht. Wobei ich das Schiff auch gern schwimmend in die Box ziehe. Man muss einfach nur darauf achten, dass man rechtzeitig vor Sonnenuntergang wieder in Stegnähe ist, bevor Wind und Thermik die Puste ausgeht. Alles andere ist ohnehin nicht gestattet. Übernachten auf dem Wasser etwa.
Tagsüber ankern geht, wenn man es nicht allzu dicht am Schilfsaum tut. Abstand halten ist angesagt. Vorgeschrieben sind 50 Meter. Das Gleiche gilt auch beim Wenden oder Halsen. Vögel haben sozusagen Vorfahrt – und Vorzug. Deswegen ist Katamaranen, Surfern oder Kitern das Befahren des Sees komplett untersagt. Ich nehme an, damit die Fische und Frösche keinen Herzinfarkt bekommen und die Enten noch rechtzeitig flüchten können.
Ehrlich gesagt kann ich das nachvollziehen. In der Ruhe liegt die Kraft. Und Erholung. Das Wasser breitet sich so elegisch, ja regelrecht erhaben aus, dass alles, was schneller als sieben oder acht Knoten unterwegs wäre, wie ein Fremdkörper wirkte. Jede Form von Eile wäre ein Stilbruch für die ganze Stimmung, weshalb ich auch noch nie an der jährlichen Pfingstregatta teilgenommen habe.
Die schönsten Momente sind, wenn man mit einem zarten Hauch und flüsterndem Heckwasser den Schilfsaum abfährt und eine Ringelnatter das Kielwasser kreuzt. Oder wie bei mir neulich erschöpft hinterherschwamm und an der Pinne Halt suchte, was ihr auch gelang. Erst dachte ich, die ringelt sich an Bord, was trotz aller Ungiftigkeit irritierend wirkte.
Bei wenig Wind hört man aus den Baumkronen das Vogelgezwitscher und in der Ferne die Glocken der Kirche von Seedorf. Da wird Segeln zur Meditation. Viel göttlicher kann es für mich kaum zugehen.
Es gibt diese Volksweisheit, die in Zeiten der Klimakrise mehr Gültigkeit bekommt denn je: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah ist.“ Was den Schaalsee betrifft, war das mit der Ferne allerdings lange so eine Sache. Einer meiner ersten Törns führte mich in den ehemaligen Osten, nach Zarrentin. Ganz im Süden des Sees. So ziemlich die längstmögliche Passage vom Liegeplatz der Jolle aus.
Das Segeln bis dahin war fantastisch, das Ankommen leider weniger. Erst gab es einen Rüffel vom Fischbrötchen-Mann, dass wir einfach an seinem Steg festmachten, was uns aufgrund der Tonart den Appetit verdarb. Dann kam ein Parkranger und machte den Freund und mich – etwas freundlicher – darauf aufmerksam, dass im Zarrentiner Teil des Sees eine andere Genehmigung erforderlich sei.
Das war zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, wohlgemerkt. Zwei Rüffel auf den ersten Metern, als hätten wir illegal rübergemacht. Etwas frustriert legten wir ohne Brötchen und Landgang gleich wieder ab. Das Ende der Geschichte und gleichsam die gute Nachricht: Das Problem hat sich inzwischen erledigt. Kann sein, dass die schlechte Laune des Fischbudenbesitzers geblieben ist. Einen zweiten Versuch kriegt er noch. Seit Kurzem langt jedenfalls eine einzige Plakette, um den ganzen See zu besegeln. Zumindest an den Stellen, die dafür ausgewiesen sind und nicht ganzjährig unter Naturschutz stehen oder als Gewässersperrzone markiert sind.
Apropos Markierungen: So was wie Seezeichen oder Seekarten gibt es nicht. Höchstens improvisiert. Untiefen muss man sozusagen intuitiv erfassen oder kennen. An manchen Stellen guckt das Ende eines Stocks aus dem Wasser. Schon bei etwas Wind und leichtem Seegang kaum zu erkennen. Glücklicherweise ist der See sehr klar. Bei gutem Wetter erkennt man die Stellen, an denen es flacher wird, an der Wasserfarbe.
Oder man fragt am besten jemanden vor Ort, bevor man sein Schiff samt Tageslizenz ins Wasser lässt. In der Mitte des Sees kann allerdings nichts schiefgehen, die tiefste Stelle ist 72 Meter. Und für grobe Orientierung hilft das Satellitenbild von Google Maps. Die helleren Stellen sollten man meiden. Bisher ist mir eine Grundberührung erspart geblieben – was bei meinem Hubkiel auch gern so bleiben darf.
Ich fasse zusammen: Segeln auf dem Schaalsee ist kein Sport – es ist ein Innehalten. Eine Einladung zur Entschleunigung, zur Demut gegenüber der Natur. Wer hier segelt, wird stiller. Beobachtet mehr. Denkt weniger an Geschwindigkeit oder Kurs. Am Abend kehrt man zurück zum Steg. Die Sonne versinkt langsam hinter den Bäumen, der Wind schläft ein, die Wasserfläche wird ruhiger und wird zum Spiegel. Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte. Heute fühlt sich ein Tag auf dem Schaalsee vor allem nach einem an: Freiheit.