YACHT
· 19.05.2026
Text und Fotos von YACHT-Leser Marcus Brandt
Unsere Füße baumeln über den Rand der von der Sonne aufgewärmten Kaimauer. Hinter uns flanieren Touristen an der bunten Häuserfront am Nyhavn vorbei. Ich blinzele in den blauen Himmel und beobachte die kreischenden Möwen, während mir das Aroma des dampfenden Kaffees in unseren Händen in die Nase steigt. Er schmeckt noch besser als erhofft – was wahrscheinlich daran liegt, dass ich in den vergangenen zehn Tagen immer häufiger daran zweifelte, dass wir in den Genuss dieses Moments kommen würden.
Alles begann vor ein paar Monaten an einem Winterabend mit der Idee, mit den Kindern von Berlin bis Kopenhagen und wieder zurück zu segeln. Seit fünf Jahren machen wir mit unserer Hallberg-Rassy 310 „Hartmutson vom Wannsee“ die Havel rund um den Wannsee unsicher. Doch diesen Sommer soll es auf die Ostsee und bis nach Dänemark gehen. Die Herausforderung: Wir haben nur 16 Tage Zeit für unser kleines Familienabenteuer. Mein Versprechen an Christin: „Wenn wir es trotz der knappen Zeit schaffen, lade ich dich in Kopenhagen zu einem richtig guten Kaffee ein.“
An einem sonnigen Nachmittag im August machen wir in unserem Heimathafen, dem Seglerverein am Stößensee, die Leinen los. Die ersten Kilometer kommen wir zügig voran. Wir passieren die erste Schleuse in Spandau und fahren über die Havel-Oder-Wasserstraße, bis wir am Abend unser Tagesziel, die Schleuse Lehnitz, erreichen. Sie markiert ungefähr den Übergang von der Havel in den künstlichen Oder-Havel-Kanal. Ab hier geht es in weiten Strecken schnurgeradeaus. Ideal zum Kilometermachen. Und das ist wichtig in den folgenden Tagen: schnell Richtung Oder kommen. Daher startet der nächste Morgen auch früh um sechs Uhr. Während die Kinder noch schlafen, genießen wir die monotone, fast meditative Fahrt über den von Bäumen eingerahmten Kanal.
Bei mehr als 30 Grad legen wir unterwegs mehrere Badestopps ein, bevor wir in den Trog des Schiffshebewerks Niederfinow einfahren. Eine Fahrt mit dem modernsten Hebewerk Europas hat etwas Magisches: Rechter Hand ragt die historische Stahlkonstruktion von 1934 in den Himmel, und während es 36 Meter in die Tiefe geht, können wir sogar von Bord gehen und den Blick auf das vor uns liegende Odertal genießen. Ab hier verändert sich die Aussicht merklich. Die Landschaft wird weiter, der Fluss auch. Deiche und Auenlandschaft lösen die dichten Wälder am Ufer ab. Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass wir uns auf einer Ländergrenze fortbewegen. Ab und zu ein Schild in deutscher Sprache links, ein polnisches zur Rechten.
Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich Gartz an der Oder. Geprägt von Backsteingotik und seiner Grenzlage zu Polen, lockt uns der kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Ort mit seiner historischen Altstadt und einer alten Stadtmauer. Am nächsten Tag erreichen wir gegen Mittag den Akademischen Segelverein in Stettin – ein beliebter Anlaufpunkt für Fahrtensegler aus Berlin, die auf dem Weg zur Ostsee ihren Mast stellen wollen. In Stoßzeiten staut es sich hier. Doch wir haben Glück und sind ohne Voranmeldung schon nach einer halben Stunde dran. Am Nachmittag drängen sich mit uns Tausende Besucher an der Hafenpromenade. Um uns herum Stimmengewirr aus Polnisch und Deutsch, Musik ertönt an jeder Ecke, vor uns ein Meer aus Masten. Zu unserem Glück findet gerade die Sail Szczecin statt, eines der größten maritimen Festivals Polens. Ein beeindruckendes Spektakel, doch jetzt, wo unser Mast steht, können wir es kaum erwarten, morgen den Trubel hinter uns zu lassen.
Mit leichtem Wind überqueren wir am nächsten Morgen den See Dabie. Kurz vor ihrer Mündung verbreitert sich die Oder hier in einen offenen See. Wir setzen das erste Mal die Segel. Als wir gegen Mittag schließlich das Stettiner Haff erreichen, sind die Bedingungen perfekt: Wir machen herrliche Fahrt unter Großsegel und Code Zero bei neun bis elf Knoten Wind und purem Sonnenschein. Die Laune ist in Bestform. Am frühen Abend erreichen wir den erfreulicherweise nicht sehr vollen Hafen von Mönkebude. Gleich vorn belegen wir eine Box und gehen mit den Kindern an den Strand direkt neben den Bootsanlegern – perfekt für Familien.
Am sechsten Tag unserer Reise entscheiden wir uns trotz des engen Zeitfensters wegen des schwachen Windes, einen Landtag einzulegen. Gern wären wir auch länger geblieben, doch unser Ziel, die dänische Hauptstadt noch zu erreichen, wirkt immer unwahrscheinlicher. Denn auch für Donnerstag, wo wir den Absprung aus Barhöft oder Kloster eingeplant hatten, sind nur zwei bis drei Knoten Wind vorhergesagt und wir wollen nicht unter Motor über die Ostsee juckeln, sondern segeln! Insgeheim verabschiede ich mich bereits von der Idee und freunde mich mit dem Gedanken an, dass es vielleicht doch eher eine Rund-Rügen-Tour werden könnte. Doch eins nach dem anderen.
Unser nächstes Ziel ist Peenemünde. Gleich nach der Hafenausfahrt setze ich wieder das Großsegel und den Code Zero. Wir machen gute Fahrt bei glatter See. Am Horizont taucht zügig die imposante Hubbrücke Karnin auf. Bei tollen Windbedingungen rauschen wir weiter in Richtung Peenebrücke nach Wolgast, wo wir eine kurze Pause in einer Eisdiele nur wenige Meter vom Hafen entfernt einlegen. Kurze Zeit später öffnet sich die Klappbrücke und nach einer spontanen Wettfahrt mit den anderen wartenden Booten erreichen wir als ungekürte Regatta-Sieger Peenemünde. Wir besuchen das sowjetische Museums-U-Boot und kehren am Abend im „Zum dünnen Hering“ ein, einem sehr empfehlenswerten und gemütlichen Restaurantschiff.
Während wir auf unseren frischen Fisch warten, checke ich zum gefühlt hundertsten Mal die Wettervorhersage. Denn ob wir es bis nach Dänemark schaffen oder nicht, hängt von den Windbedingungen ab. Mit wenig Hoffnung auf Veränderung öffne ich die App. Und siehe da: Für Donnerstag sind plötzlich Windstärken von vier bis fünf Beaufort aus Nordwest, später leicht drehend auf West vorhergesagt. Voller frischer Hoffnung starten wir in Richtung Barhöft. Der Wind kommt aus Ost und soll ab acht Uhr auf fünf Beaufort aufdrehen. Wir fahren durch die Fahrrinne raus auf den Greifswalder Bodden und segeln bei Raumwindkurs und leichtem Regen. Die Welle von achtern hat bereits eine beachtliche Höhe. Christin ist an der Pinne und stellt einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf: 10,2 Knoten zeigt unsere Logge im Surf an – die Crew jubelt. So haben wir uns das vorgestellt! In Barhöft angekommen genießen wir die restlichen Sonnenstunden am traumhaften Strand, und als am Abend der Fischer einläuft, kaufen wir bei ihm eine Makrele und zwei Flundern direkt vom Kutter – spätestens jetzt kommt echtes Ostseeurlaubs-Feeling auf.
Am nächsten Morgen werfen wir schon in der Morgendämmerung die Leinen los und nehmen Kurs auf die Südwestspitze Schwedens. Vor uns liegen 65 Seemeilen bis nach Falsterbo. Die Wettervorhersage ist jetzt ideal: drei bis vier Beaufort aus Nordwest, am Nachmittag weiter auf West drehend – bei strahlendem Sonnenschein. Die Kinder schlafen noch, als die Segel hochgehen und über Hiddensee langsam die Sonne in die Höhe steigt. Wir segeln mit rund sieben Knoten durch das Verkehrstrennungsgebiet. Plötzlich tauchen über uns zwei Eurofighter auf – ein seltsames Gefühl mitten auf der Ostsee. Schiffe sind nur vereinzelt in Sicht, doch eines etwa drei Seemeilen voraus kommt mir verdächtig vor. Ich nehme das Fernglas zur Hand – und tatsächlich: Die russische Flagge am Schornstein und der kyrillische Schriftzug am Bug weisen es als eines der Forschungs- und Spionageschiffe aus, über die seit einiger Zeit in den Medien berichtet wird.
Nach ein paar Stunden dreht der Wind wie angekündigt auf West und wir können direkt auf Falsterbo Kurs nehmen. Leider werden Teile der Crew kurz darauf seekrank und wir haben alle Hände voll zu tun. Wir versuchen sie mit der Vorfreude auf den versprochenen Besuch des Tivoli-Parks in Kopenhagen bei Laune zu halten. Als wir endlich den Eingang des Falsterbo-Kanals erreichen, der die Strecke nach Kopenhagen verkürzt, ist die Erleichterung groß. Hinter der Klappbrücke am Ende des Kanals liegt die Marina Höllviken. Während wir die Gegend erkunden und uns von der Überfahrt erholen, frischt es deutlich auf. In der Nacht hören wir es in den Wanten heulen, und als wir am nächsten Morgen aufwachen, haben wir Starkwind.
Also beschließen wir, von der Bushaltestelle an der Marina nach Malmö zu fahren. Wir schlendern über den historischen Marktplatz Lilla Torg und staunen über den spiralförmig in den Himmel gedrehten Wolkenkratzer Turning Torso. Am Nachmittag geht es zurück zum Boot. Der Hafen und die Strände rund um Skanör gefallen uns ausgesprochen gut. Doch so schön es hier auch ist – nachdem bereits 250 Seemeilen in unserem Kielwasser liegen, wirkt unser Ziel zum Greifen nah. Allerdings müssen wir noch über den Öresund, und die Wettervorhersage sagt auch für morgen fünf Beaufort Wind an, zunehmend ab 14 Uhr, und das auch noch genau von gegenan aus Nordwest. Das wird kein einfacher Ritt. Doch unser Ehrgeiz ist geweckt und wir wollen es zumindest versuchen.
Unterwegs müssen wir den Jockel mehrfach unterstützend einsetzen. Der Wind bläst kräftig zwischen 23 und 30 Knoten. Nur dank der Maschine kommen wir mit gerade mal zwei bis drei Knoten Fahrt gegen den Wind in Richtung Öresundbrücke voran. Links und rechts ist es überall flach. Am Ende der Fahrrinne setzen wir die Segel, knüppeln hart am Wind in Richtung Nordost und haben dazu noch Gegenströmung. Das Schiff stampft in den Wellen. Überall um uns herum lauern Fischernetze. Nach sechs Seemeilen kommen uns erste Zweifel: Vielleicht doch lieber wieder in den Hafen zurückkehren oder nach Malmö ausweichen? Nur sehr mühsam kämpfen wir uns Meter für Meter gegen den Wind. Zusätzlich geht wieder die Seekrankheit an Bord um. Wir müssen uns entscheiden: Wenn wir heute abbrechen, schaffen wir die Rückreise nach Berlin nicht in unserem Zeitfenster. Doch plötzlich zeigt sich Rasmus doch noch gnädig: Der Wind dreht auf Ost. Endlich können wir den Motor abstellen und Kopenhagen unter Segeln ansteuern.
Mit dem Ziel unserer Reise in Sichtweite kehrt langsam das Lächeln auf die Gesichter der Crew zurück. Zehn Tage nachdem wir in Berlin unsere Leinen losgemacht haben, erreichen wir die Marina Kastrup. Zwar bleiben wir nur einen Tag in der dänischen Hauptstadt – gerade genügend Zeit für den versprochenen Kaffee am Wasser und den Besuch im Tivoli-Park –, aber am Ende ging es ohnehin mehr um den Weg als um das Ziel. Doch diesen einen Tag genießen wir in vollen Zügen – weil er sich mehr als verdient anfühlt. Und als wir dann nach 16 Tagen wieder am Steg unseres Heimathafens am Stößensee festmachen, fühlt es sich an, als wären wir einen ganzen Monat unterwegs gewesen.