The Ocean RacePhil Lawrence über den Kieler Fly-by und die Imocas

Tatjana Pokorny

 · 05.06.2023

Race Director Phil Lawrence vor der Flotte, die er mit seinem Team dirigiert
Foto: Sailing Energy/The Ocean Race
Regattadirektor Phil Lawrence hat das Ocean Race auffällig gut im Griff. Der 68-Jährige aus Lymington und sein erfahrenes Team tragen dabei enorme Verantwortung. Aktuell planen sie für den Fly-by am 9. Juni in Kiel. Im Interview spricht Phil Lawrence über die Herausforderungen seines Jobs, die Güte der neuen Ocean-Race-Klasse der Imocas und den 24-Stunden-Weltrekord

Phil Lawrence ist Regattadirektor des Ocean Race. Damit hat der 68-Jährige einen der verantwortungsvollsten Posten der internationalen Segelwelt. Sein Zuhause in Lymington hat der extrem erfahrene Regatta-Manager am Tag nach Weihnachten 2022 verlassen. Seitdem war er nur einen Tag daheim. Das 14. The Ocean Race hält den britischen Tee-Liebhaber in Atem. Selbst einst ein erfolgreicher Regattasegler und an der Seite von Starboot-Steuermann und Ben-Ainslie-Erfolgscoach David Howlett 1992 bei den Olympischen Spielen am Start, wechselte er 2010 als Renndirektor für die Extreme Sailing Series auf die organisatorische Seite. Als Renndirektor für das Ocean Race ist er zum zweiten Mal in Folge im Einsatz.

Phil, du hast einen der verantwortungsvollsten und härtesten Jobs der internationalen Segelwelt. Wie bist du zur Rolle des Renndirektors für The Ocean Race gekommen?

Ich habe viele Jahre auf einem recht hohen Niveau gesegelt. Bei den Olympischen Spielen 1992 war ich im Starboot am Start. Dazu habe ich viele Hochseeregatten als Navigator bestritten. Ich bin mein ganzes Leben lang auf hohem Niveau gesegelt. Dann wurde ich 2010 angesprochen, Race Officer für die Extreme Sailing Series zu werden. Was sie suchten, war ein erfahrener Segler, der die Rennen leiten, aber auch den Kontakt zu den Seglern halten konnte.

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Da es sich um eine neue, bahnbrechende Veranstaltung handelte, war es keine herkömmliche Regatta. Viele Wettfahrten über vier Tage, keine perfekten Kurse, weil die so angepasst wurden, dass die Zuschauer maximal viel sehen können. Da gab es damals einen Sinneswandel. Ich war also der Race Officer, und es gab auch eine ganze Menge Sicherheitsarbeit zu leisten.

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Das hast du etwa sechs Jahre lang gemacht …

Ich habe für die Extreme Sailing Series 50 Veranstaltungen auf der ganzen Welt durchgeführt. Dann wurde Mark Turner, der Geschäftsführer von OC Sports, Chef für das Volvo Ocean Race. Er rief mich an und fragte, ob ich Race Director für das Ocean Race werden möchte. Das habe ich gemacht.

Ich habe das Rennen 2017/2018 geleitet. Das war eine ziemlich große Veranstaltung rund um die Welt mit zehn Stopps über neun Monate – ein riesiges Ereignis. Dann wechselte das Unternehmen den Besitzer, gehört jetzt Richard Brisius und Johan Salen und Atlant Ocean Racing. Sie baten mich, die Rennleitung für dieses Rennen zu übernehmen. Dies ist also meine zweite Weltumsegelung. Ich habe auch das Ocean Race Europe geleitet.

Ich habe mein Zuhause seit der Abreise am Tag nach Weihnachten nur einen Tag gesehen.”

Hast du deinen Traumjob?

Ich liebe meinen Job. Er ist fantastisch. Aber er bringt auch harte Zeiten mit sich, kann sehr zermürbend sein. Ich habe mein Zuhause in Lymington seit der Abreise am Tag nach Weihnachten nur einen Tag gesehen. Es gab viele durchwachte Nächte. Andererseits kann es auch befriedigend sein, eintreffende Crews bei Sonnenaufgang in eisiger Kälte am Dock in Empfang zu nehmen. Der Job bringt eine sehr große Verantwortung mit sich. Die Sicherheitsaspekte sind enorm. Es ist professioneller Sport auf höchstem Level. Der Standard ist sehr hoch. Wir haben mit World Sailing Race Officer Bill O’Hara, Chief Marshal Tom Ehler, dem Technischen Direktor Neil Cox und weiteren Mitgliedern ein sehr erfahrenes und großartiges Team beisammen, das hart dafür arbeitet, dieses Rennen für die Segler auf höchstem Niveau zu gestalten.

War dein Mobiltelefon seit dem Ocean-Race-Start jemals ausgeschaltet?

Niemals. Das ist etwas, das ich tatsächlich kaum erwarten kann. Es klingelt sehr laut. Auch WhatsApp ist sehr laut eingestellt. Als die Boote in Etappe drei um die Antarktis gesegelt sind, war ich jeden Tag im Büro in Alicante. Es gibt natürlich immer Vorfälle: technische Probleme, Materialbrüche, Verletzungen. Im Südpolarmeer hatten wir viele Probleme mit dem Eis, das ungewöhnlich weit nördlich im Pazifik trieb. Wir hatten eine Woche lang jeden Tag Eis-Meetings, haben die Satellitenbilder beobachtet und ausgewertet. Denn natürlich wollen die Crews so weit südlich segeln wie möglich. Andererseits müssen wir sie vom Eis fernhalten. Es ist jeden Tag was los in der Rennleitung.

Die Zielzeit für die Wendemarke in Kiel liegt bei 16 Uhr, wobei die Imocas im Hauptfahrwasser segeln und die Zuschauerboote außerhalb bleiben müssen.”

Wie ist der Kurs für den Fly-by in Kiel am 9. Juni geplant?

Für Kiel ist geplant, dass das Hauptfahrwasser der Kieler Förde für zwei Stunden für den Schiffsverkehr gesperrt wird. Das kommt nicht sehr oft vor. Auch die Einfahrt in das Hauptfahrwasser wird am 9. Juni für zwei Stunden von 15 bis 17 Uhr gesperrt sein. Die erste Herausforderung für uns besteht darin zu erreichen, dass die Flotte zur richtigen Zeit am Eingang der Förde eintrifft. Deshalb haben wir einen Kurs entwickelt, der sie dorthin führt. Möglicherweise und in Abhängigkeit von den Windverhältnissen bauen wir noch eine zusätzliche Schleife ein, um den richtigen Zeitpunkt für die Einfahrt in die Förde zu treffen, die beim Leuchtturm liegt.

Das Timing ist anspruchsvoll …

Ja, sehr, denn man kann es im Segelsport nicht immer hundertprozentig hinbekommen. Natürlich würden wir es gerne sehen, wenn unsere Flotte um 15.01 Uhr in die Förde reinsegelt. Das könnte klappen, aber ganz genau weiß man es nie. Dann haben wir das Zwei-Stunden-Fenster, um sie rein- und wieder rauszubringen. Unsere Flotte wird den ganzen Weg bis zur Wendemarke vor dem Ufer hineinsegeln. Die Zielzeit für die Wendemarke liegt bei etwa 16 Uhr, wobei die Imocas im Hauptfahrwasser segeln und die Zuschauer an den Seite bleiben müssen. Das ist der Plan. Die einzige Sicherheit besteht darin (lächelt), dass es vermutlich nicht exakt 16 Uhr wird. Die Boote werden eskortiert, und es wird Marshalls geben. Die Polizei wird voraussichtlich mit zehn Booten im Einsatz sein, und ich denke, es werden 25 Boote als Streckenposten auf dem Wasser sein. Wir selbst haben auch ein paar Boote. Das alles, um den Zuschauern zu helfen. Unsere Botschaft ist: Bleibt dem Hauptfahrwasser fern! Ihr werdet großartige Anblicke erleben, aber haltet euch fern.

Weil es sonst zu Gefahrensituationen kommen kann?

Die Sicherheit spielt hier eine Schlüsselrolle. Wir wollen, dass es ein sicherer Event wird. Wir haben großartige Unterstützung der Behörden in Kiel. Das größte Risiko besteht in Kollisionen in der Zuschauerflotte. Die Imocas können wir beschützen. Es sind fünf, die da reinkommen. Es ist eine der herausfordernsten Aktionen, die wir je gemacht haben. Wir haben bei der letzten Auflage einen Fly-by in Aarhus organisiert. Das war extrem erfolgreich. Danach kam Aarhus als voller Etappenstopp für diese Auflage ins Programm. Wir hoffen also, dass der Fly-by in Kiel der Beginn für etwas Ähnliches wird.

Unsere Crews sind im Rennen, können nicht auf das perfekte Wetterfenster warten. Und sie haben den Rekord trotzdem gebrochen.”

Was muss ein Regattadirektor für den Erfolg eines Rennens wie des Ocean Race mitbringen?

Man trägt sehr viel Verantwortung. Also musst du unter Druck ruhig bleiben können. Das ist sicher ein Schlüssel. Ich bin sehr glücklich, dass wir in diesem Rennen bislang keine großen Tragödien erlebt haben. Es gibt keinen Zweifel daran, dass es ein gefährlicher Sport sein kann. Wir tun alles, um diese Gefahren zu minimieren. Wir trainieren die Segler vernünftig und wachen als Rennleitung über sie.

Sind die Ocean-Race-Skipper und ihre Crews Segler und Seglerinnen, mit denen sich gut arbeiten lässt?

Sie sind eine wirklich gute Gruppe von Menschen, aber auch sehr ehrgeizig. Sie sind faire Sportsleute, wollen aber auch gewinnen. Sie erwarten professionelles Top-Management von uns, das wir ihnen liefern. Wir reden mit ihnen, neigen aber nicht dazu, sie zu allem zu konsultieren. Wir treffen unsere Entscheidungen, und wenn sie einmal unzufrieden sein sollten, können sie sich jederzeit an die Jury wenden.

Haben sich die Imocas als Ocean-Race-Klasse bei ihrer Premiere bewährt? Sind sie gekommen, um zu bleiben?

Ich denke, dass diese Boote fantastisch sind. Sie sind so aufregend, so schnell. Wir wussten: Wenn sie gute Bedingungen bekommen, würden sie den 24-Stunden-Rekord brechen. Sie haben es auf spektakulär gute Weise getan! Ich meine: Dieser Rekord war zuvor von einem Hundertfuß-Boot aufgestellt worden. Das war “Comanche”. Deren Rekord hatte acht Jahre lang Bestand! Die haben damals das perfekte Wetterfenster gesucht, sind mit Experten-Crew nur zu Rekordzwecken rausgegangen. Unsere Crews sind im Rennen, können nicht auf ein perfektes Wetterfenster warten. Und sie haben den Rekord trotzdem gebrochen. Und wie! Wir hatten im Büro überlegt, ob sie die Bestmarke brechen und wie sie dann aussehen würde. Mein Tipp lag bei 638 Seemeilen. Damit war ich nahe dran (Red.: Boris Herrmanns “Malizia – Seaexplorer” gelang mit 641,13 Seemeilen die neue Bestleistung).

Hier geht’s zu den Höhepunkten vom Hafenrennen in Aarhus, das am Sonntag das auf Etappe fünf leidgeprüfte Team Biotherm vor “Holcim PRB” und dem US-Team 11th Hour Racing gewonnen hat. Team Malizia segelte auf Rang vier, verteidigte in der Wertung der Hafenrennen Platz zwei hinter 11th Hour Racing:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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