Tatjana Pokorny
· 27.11.2023
Der SSL Gold Cup wirbt mit dem Slogan “Die erste Fußball-WM im Segelsport”. Nie zuvor hat sich ein Segelwettbewerb inhaltlich und optisch – siehe beispielsweise Format, Trikots und Kniestrümpfe – so stark an “König Fußball” angelehnt wie dieser. Die Premiere des 25-tägigen Länder-Wettbewerbs hat nach Vorqualifikationen im Sommer am 10. November vor Gran Canaria begonnen.
Inzwischen ist die Viertelfinalrunde erreicht. Der Startschuss für die besten 16 Teams fällt an diesem Montag, dem 27. November. Qualifiziert haben sich dafür in den vergangenen Wochen acht Teams, zuletzt übers Achtelfinale. Sie treffen auf acht nach der SSL-Weltrangliste gesetzte Teams, darunter auch die deutsche Mannschaft.
“Ähnlich wie im Fußball soll der SSL Gold Cup den Nationalstolz auf sportliche und freundschaftliche Weise zum Ausdruck bringen”, so die offizielle Zielsetzung. Geplant ist eine Austragung im Vier-Jahres-Rhythmus. Nach zweimaliger Verschiebung segelt der neue Wettbewerb, dem der Weltseglerverband World Sailing den Status eines “Special Event” verliehen hat, jetzt in kanarischen Gewässern seinen Finalrunden entgegen.
Mit Team Germany steigen am 27. November in den Viertelfinalläufen auch die gesetzten Nationalmannschaften aus Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden, Neuseeland, Australien, Italien und Spanien in den Wettbewerb ein. Die deutsche Mannschaft trifft in ihrer Viertelfinalgruppe auf die holländische Auswahl sowie die im Achtelfinale siegreichen Teams aus Chile und Ungarn. Vier Tage lang kämpfen diese vier Teams wie auch die Crews in drei weiteren Viertelfinalgruppen um den Einzug ins Halbfinale der besten acht von ursprünglich 56 Nationenmannschaften.
Dabei muss das deutsche SSL-Gold-Cup-Team einen empfindlichen Last-Minute-Rückschlag kompensieren: Team-Co-Gründer, Steuermann, Taktiker und Spielertrainer Markus Wieser ist erkrankt. Er musste seine Teilnahme kurz vor dem Startschuss für Team Germany absagen. Dadurch übernimmt zunächst der olympische Nacra-17-Bronzemedaillengewinner Paul Kohlhoff das Steuer. Bruder Max Kohlhoff, Starboot-Weltmeister dieses Jahres, ist als Taktiker und gemeinsam mit Teamchef Frithjof Kleen im “Powerhaus” am Mast der Kielyachten vom Typ SSL 47 gefordert.
Weitere Crew-Mitglieder sind der zweimalige 49er-Olympia-Dritte Thomas Plößel als Trimmer, der erfahrene Big-Boat-Segler und einstige Co-Gründer des deutschen America’s-Cup-Teams Eberhard Magg, Vorschiffsmann Nick Beulke, Bundesliga-Ass Magnus Simon sowie die 49er-Segler Andreas Spranger und Linov Scheel. Als Coach ist der Hamburger Weltumsegler und zweimalige America’s-Cup-Teilnehmer Tim Kröger mit von dieser vorweihnachtlichen Partie.
Das Motto für die deutsche Teilnahme hatte Markus Wieser vorgegeben, der nun nicht mehr dabei sein kann: “Wir wollen natürlich gerne was reißen, sonst würden wir nicht antreten.” Teamkapitän Frithjof Kleen sagte: “Es ist schade, dass nach den beiden Verschiebungen einige unserer Teammitglieder wie Philipp Buhl, Erik Heil oder auch Michi Müller aufgrund von olympischen Aufgaben und anderen Verpflichtungen nicht dabei sein können. Aber für die Kurzfristigkeit haben wir jetzt ein richtig gutes Team am Start.”
Die Planungen für die ursprünglich für Oktober 2022 vorgesehene Austragung des SSL Gold Cup waren infolge der Corona-Pandemie zwischenzeitlich zum Erliegen gekommen, wurden dann wieder aufgenommen. Die dann in Bahrain angedachte Austragung platzte aufgrund organisatorischer Probleme, bevor der SSL Gold Cup Kurs auf Las Palmas nahm, wo der Real Club Náutico de Gran Canaria nun Gastgeber des Mammut-Events ist.
Markus Wieser wird Team Germany mit seiner RC44-Expertise fehlen, die aber auch Big-Boat- und Matchrace-Segler Eberhard Magg ins deutsche Team einbringt. Die RC44-Rennyachten wurden von den Veranstaltern in goldene SSL-47-Boote verwandelt, auf denen der Wettbewerb ausgetragen wird. “Die Boote sind schnell und wie Miniaturversionen der legendären alten America’s-Cup-Klasse, in der bis 2007 gesegelt wurde”, erzählt Vorsegeltrimmer Thomas Plößel.
Die am stärksten einzuschätzende Mannschaft, so sagte nicht nur Teamkapitän Frithjof Kleen, seien die Italiener. Deren Teamchef Diego Negri kennt Kleen bestens, denn gemeinsam gewannen sie die Starboot-WM in Kiel 2021. Zum italienischen Staraufgebot zählen auch Harm Müller-Spreers “Platoon”-Taktiker Vasco Vascotto und weitere Kenner der SSL-Boote.
In Las Palmas geben sich in diesen Tagen prominente Segler und Seglerinnen aus aller Welt wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest die Klinke in die Hand. Mehr als 25 olympische Medaillengewinner und viele weitere Größen aus anderen Bereichen des Segelsports wie Offshore-Maestro Loïck Peyron (Frankreich) sind am Start. Dabei gibt es auch ein Wiedersehen mit Stars wie den zweimaligen Olympiasiegern Robert Scheidt und Martine Grael (beide Brasilien), deren Team sich übers Achtelfinale für die nächste Runde qualifiziert hatte.
Die bisherigen Rennen waren im Revier vor Las Palmas vor allem von leichten Winden geprägt. Die kurze Trainingschance der deutschen Mannschaft fand am Sonntag ganz ohne Wind statt, doch machte sich die Crew sorgfältig mit dem Boot vertraut. Am Vortag hatte es noch ein intensives telefonisches Team-Briefing mit Markus Wieser gegeben.
“Markus kennt die Boote und hat uns sehr gute Tipps bis ins Detail und für alle Abläufe gegeben”, sagte Thomas Plößel. Der erfolgreiche 49er-Vorschoter von Erik Heil sagte zu den sportlichen Anforderungen: “Es ist ein bisschen wie Bundesliga, hat aber trotz der Vierer-Fleetraces auch Matchrace-Charakter.”
Wir werden alles geben und sehen, wie weit wir kommen können” (Frithjof Kleen)
Frithjof Kleen beschrieb die Stimmung im Team als sehr positiv: “Trotz aller Anlaufschwierigkeiten ist dieser Event eine sehr coole Sache, und wir freuen uns darauf. Natürlich haben die Crews, die übers Achtelfinale weitergekommen sind, schon einen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit den Booten. Aber wir werden alles geben und sehen, wie weit wir kommen können.”
Team Germany trifft in seiner Viertelfinalgruppe auf die ebenfalls gesetzten Niederlande sowie die übers Achtelfinale qualifizierten Herausforderer aus Chile und Ungarn. Hier ein Überblick über das Wettbewerbsformat inklusive Vorrunden:

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