Tatjana Pokorny
· 28.11.2023
Die finale Imoca-Regatta des Jahres ist die härteste. Die Retour à la Base führt 33 Imoca-Solisten und Vendée Globe-Kandidaten nach dem abgeschlossenen Transat Jacques Vabre nun zurück in die Heimat. 3500 theoretische Seemeilen sind auf dem Kurs von Fort-de-France in Lorients Seglerwiege La Base zu meistern. Nicht mehr zu zweit wie eben noch im Transat, sondern alleine. Der Startschuss fällt am 30. November um 17 Uhr deutscher Zeit.
Boris Herrmann freut sich in Fort-de-France auf den “Jahresgipfel”, sagte bei einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag: “Ich bin dieses Jahr noch nicht solo gesegelt. Ich bin neugierig, wo ich stehe. Ich fühle den Hunger danach.” Das zu Ende gehende Jahr hat der 42-jährige Hamburger als Transition empfunden: erst The Ocean Race mit Crew, dann Défi Azimut und Transat Jacques Vabre zu zweit mit Co-Skipper Will Harris und nun die Solo-Herausforderung.
“Wenn alle vor dem Start von Bord springen, bin ich erstmals in diesem Jahr alleine auf dem Boot unterwegs”, sagte Boris Herrmann zwei Tage vor dem Startschuss am Donnerstag. 33 Skipper und Skipperinnen werden nach dem gerade beendeten Zweihand-Rennen Transat Jacques Vabre alleine mit ihren Booten an den Start gehen. Unter ihnen ist auch die in München geborene Isabelle Joschke auf “Macsf”.
Ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht in die Top-Ten käme.” Boris Herrmann
Herrmanns sportliche Zielsetzung bleibt nach Platz sieben im Transat-Rennen im Rahmen: “Ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht in die Top-Ten käme.” Für ihn sei es das Wichtigste, “aus diesem Rennen zuversichtlich in den Winter zu gehen und im Winter gut schlafen zu können”. Er wolle sich “nicht irgendwelche Sorgen machen über Probleme, die plötzlich auftauchen” und wünscht sich “ein solides Rennen”. Auch wenn das Ergebnis zu diesem Zeitpunkt nicht essentiell sei, so stellte Boris Herrmann doch klar: “Je weiter vorne ich sein kann, je mehr Motivation gibt es mir und dem gesamten Team für unseren Winter-Refit und das kommende Jahr.”
Um zu verhindern, dass die Flotte bei der Rückregatta im Norden den Eisregionen zu nahe kommt, hat die Rennleitung der Retour à La Base zwei Tore in den Kurs gesetzt. “Wäre die Routenwahl völlig freigestellt”, so Boris Herrmann, “könnte das sehr weit nach Norden ins Eis führen. Die meisten Szenarios zeigen das. Die Westwinde im Norden werden immer stärker, je weiter du im Norden segelst. Weshalb das sehr oft die schnellste Route ist.” Gleichzeitig bieten die Tore die Möglichkeit einer Zeitnahme für die Flotte, so dass es auch im Fall einer Bahnverkürzung Ergebnisse geben kann.
Momentan sieht es wie ein schnelles Rennen von nur acht, neun Tagen aus.” Boris Herrmann
“Das hat die Rennleitung im Vendée Arctic Race 2021 gelernt, als sie am Ende einen riesigen Sturm hatten. Da war das Rennen bei Vorhersagen von 80 und mehr Knoten Wind nicht mehr sicher und musste abgebrochen werden. Sie waren damals nicht ganz sicher, wie sie nun werten sollen.” Die beiden virtuellen Linien befinden sich nahe der Azoren und auf dem Weg ins Ziel dichter vor der Küste.
Herrmanns Überblick über die bevorstehende Route: “Die ersten zwei, drei Tage werden wir es noch mit tropischer Hitze und Passatwinden zu tun haben. Dann wird es kälter. Wir werden einen Übergang erleben und uns dann in eines der Tiefdruckgebiete einklinken. Momentan sieht es wie ein schnelles Rennen von nur acht, neun Tagen aus.” Demnach könnten die Boote bereits um den 8. Dezember im Ziel vor Lorient eintreffen.
“Es wird überwiegend ein relativ windiges Rennen mit viel Seegang sein.” Boris Herrmann
Zum Wetter sagte Herrmann: “Wir segeln im Prinzip durch drei Klimazonen: Aus den Subtropen, wo wir hier die Passatwinde haben, durch die Rossbreiten – Flautenzone – in die Westwindzone. Das ist die gleiche Klimazone, die wir in Hamburg, Deutschland und Nordeuropa haben: Tiefdruckgebiete, Kaltfronten und kalte winterliche Luft. Die wird unser Rennen überwiegend prägen. Es wird also ein relativ windiges Rennen mit viel Seegang sein. Wir hoffen, raumschots recht schnell über den Atlantik zu segeln.”
Die anfänglich angenehmen und gleichmäßig wehenden Passatwinden, so Herrmann, gäben den Seglern die gute Chance, “erst einmal ins Rennen zu kommen, ohne gleich am ersten Tag uns mit einem großen Sturm konfrontiert zu sehen”. Der fünfmalige Weltumsegler erwartet dann vor allem für die zweite Rennhälfte einen eher ruppigen Atlantik-Ritt, der seinem Boot bei passenden Winden durchaus entgegenkommen könnte.
Als Favoriten für die Einhand-Rückregatta nannte Boris Herrmann Transat-Sieger Thomas Ruyant (”For People”), “den Transat-Zweiten Yoann Richomme (”Peprec Arkéa”) und den Transat-Vierten Jérémie Beyou auf “Charal”. Über seinen ehemaligen Ocean-Race-Navigator Nico Lunven und dessen Chancen im ersten Solo-Rennen mit “Holcim-PRB” sagte Boris Herrmann: “Ich glaube, er kann sehr gut sein. Er kann das Rennen sogar gewinnen.”
Boris Herrmann selbst freut sich darauf, nach intensiver Vorbereitung “mit unserem Schiff ein gutes Rennen segeln zu können”. Für eine kleine Verbesserung Lebens an Bord hat er einen Dampfkocher dabei. “Gegen Ende des Jahres nähere ich mich nun rund 400 Malzeiten auf gefriergetrockneter Basis. Ich hoffe also, etwas Abwechslung in meinen Essensplan zu bekommen”, sagte er lächelnd.
Gleichzeitig räumte der nun wieder in den Solomodus wechselnde Skipper ein, dass er den neuen Kocher im Transat noch nicht habe einsetzen können, weil es bei Bootsgeschwindigkeiten zwischen 20 und 30 Knoten zu rau zugegangen sein. Als Zusatzmotivation ist für den Tag vor dem Start ein Einkauf in Fort-de-France geplant, wo das Team frisches Karibik-Obst und Gemüse für den Boss einkaufen wird.
Inzwischen stehen nach einigen Ausfällen wie beispielsweise der Absage von Phil Sharp nur noch 33 Skipper und Skipperinnen auf der Starterliste:

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