1.805 Seemeilen, 32 Boote, 182 Seglerinnen und Segler aus fünf Kontinenten – und mittendrin eine sechsköpfige Bremer Crew zwischen 21 und 30 Jahren. Das Round Britain & Ireland Race 2026 hielt alles bereit, was dieses Rennen legendär macht: Atlantiktiefs, Windlöcher, meterhohe See, spiegelglatte Flauten und Nächte, in denen man nur noch auf das Licht eines Leuchtturms starrt. Zwölf Tage lang segelten Skipper Frederick Nabor und seine Mannschaft an Bord der “Löwe von Bremen” durch eine der kompromisslosesten Segelprüfungen, die Europa zu bieten hat. Sie kamen mit einem reparierten Zebrasegel, einem Platz im Mittelfeld und Erinnerungen fürs Leben zurück.
Das Round Britain & Ireland Race wird vom Royal Ocean Racing Club (RORC) alle vier Jahre ausgerichtet: 1.805 Seemeilen im Uhrzeigersinn von Cowes um die britischen Inseln – vorbei an Land's End, entlang der irischen Westküste, hinauf nach St. Kilda und Muckle Flugga auf den Shetlands, dann zurück durch Nordsee und Ärmelkanal in den Solent.
Zum 50. Jubiläumsstart am 9. August 2026 gingen 32 Yachten mit 182 Seglerinnen und Seglern aus 22 Nationen auf die Strecke – eines der internationalsten Felder der Renngeschichte, darunter vier deutsche Crews und mittendrin die “Löwe von Bremen” in der Gruppe IRC Two.
PredictWind-Meteorologe Arnaud Monges hatte beim Skippers' Briefing die Komplexität der Wetterlage vorgezeichnet: Es würde nie eine Vorhersage geben, die für alle gleichermaßen galt. Die schnellsten Boote konnten ein atlantisches Wettersystem erreichen, während es sich noch entwickelte – kleinere Yachten würden Tage später ankommen und etwas völlig anderes vorfinden. Dazwischen: Fronten, Hochdruckrücken, Küsteneffekte, Tidengrabenlinien und mehr als 2.000 Seemeilen voller Möglichkeiten.
Auch Commodore Deborah “Deb” Fischer vom Royal Ocean Racing Club ordnete schon vor dem Start die besonderen navigatorischen Herausforderungen ein: “Das Round Britain & Ireland Race ist zweifellos die anspruchsvollste Regatta im RORC-Kalender. Es sind 1800 Seemeilen voller Landzungen, felsiger Küsten, Gezeitenströmungen, Verkehrstrennungsgebiete, Sandbänke, Windparks und allem anderen, was diese außergewöhnliche Küstenlinie zu bieten hat.” Skipper Frederick Nabor fasst das pragmatisch kurz zusammen: „Die Navigation ist einfach: Wenn Land auftaucht, warst du zu weit rechts."
Der Auftakt im Solent verläuft für die Bremer zunächst vielversprechend. Bei leichter östlicher Brise positioniert sich die „Löwe“ weit in Luv und überquert die Linie der Royal Yacht Squadron pünktlich mit gutem Speed. Das Feld liegt dicht zusammen. Die ersten Meilen fühlen sich nach ihrer Beschreibung eher nach einer Inshore-Regatta als nach dem Beginn eines Hochseerennens an.
In der ersten Nacht kommt ein erwarteter Winddreher. Die Crew wendet gemeinsam mit der Sun Fast 3600 „Fujitsu British Soldier“ – nach eigener Einschätzung aber rund zehn Minuten zu spät. Zunächst kostet das nur wenige Meilen. Am Folgetag zeigt sich die Wirkung: Die „Löwe“ gerät in ein anderes Windsystem mit mehr Flauten. Die Aufholjagd beginnt früh. Andere Teams finden zeitweise deutlich mehr Wind. Die Bremer Crew aber arbeitet sich tagelang bei schwachen Winden unter A2 nach Nordwesten.
Die irische Westküste bleibt für die Crew so etwas wie ein Phantom. Seenebel wird ihr ständiger Begleiter. Die Küste ist nur auf dem GPS zu erahnen. Der legendäre Fastnet Rock, eine der ikonischsten Wegmarken des Offshore-Segelns, bleibt außer Sichtweite. Die Crewmitglieder Gyde Hansen und Caro Bosselmann schreiben: „Wir sehen weiterhin nichts von Irland und schwimmen in einer Suppe von Nebel und hoher Luftfeuchtigkeit.“ Etwas weiter nördlich, auf Höhe der Beara-Halbinsel in County Cork, schiebt sich der Bull Rock kurz aus dem Nebel. Das wars.
Dafür begleiten Delfine die “Löwe” immer wieder auf ihrem Weg nach Norden. Mitten im grauen Einerlei wird eine Sonnenfinsternis zum gemeinsamen Ereignis der gesamten Flotte – per WhatsApp-Chat geteilt, mit kreativen Fotos aus allen Booten. Auch auf der “Löwe” erhascht die Crew einen kurzen Blick zwischen zwei Wolken. „In solchen Momenten vergisst man für einen Augenblick, dass man seit Tagen auf See ist“, beschreibt es die Crew.
Im weit auseinandergezogenen Feld bleibt einzig die „Fujitsu British Soldier“ auf dem Weg nordwärts meist in Reichweite. Mal gewinnt die „Löwe“ einige Meilen, mal das britische Armeeteam. Selten trennen die beiden Boote über weite Strecken des gesamten Rennens mehr als fünf Seemeilen. Der direkte Vergleich wird zum wichtigen Ansporn in den ansonsten leeren Weiten der See.
Was die Crew der “Fujitsu” dabei erlebt, dürfte in die Annalen des Offshore-Segelns eingehen. Rund 70 Seemeilen vor der Küste versucht eine erschöpfte Schleiereule wiederholt, das Boot zu erreichen. Sie fällt dreimal ins Wasser, bevor sie schließlich auf Deck kollabiert. Die Soldaten taufen sie „Little Regina“, richten eine eigene Eulenwache ein – und segeln dabei weiter ihr Rennen.
Skipper Naylor nennt das RBIR den „Segler-Ultramarathon“: Man müsse wissen, wann man pushen darf, wann man Boot und Crew schützen muss – und in diesem Jahr auch, wann man eine Eule rettet. Regina wird kurz vor Great Yarmouth von einem Rettungsboot übernommen und in spezialisierte Pflege übergeben.
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Die „Löwe“ trifft derweil eine ernste Krise: Der Code Zero reißt im unteren Drittel mehrere Meter weit ein. Die erste Reaktion: Resignation. Gerade unter Reaching-Bedingungen ist der Code Zero der wichtigste Vortriebslieferant der Sun Fast 3600. Aufgeben ist dennoch keine Option. Skipper Frederick und Cam übernehmen die Reparatur, während die anderen das Wachsystem aufrechterhalten – bei zunehmend ruppigem Wind und steigender Welle. „24 Stunden, viele Patches und eine Rolle Duck-Tape später ist unser Segel wieder in einem Stück“, halten Hansen und Bosselmann fest. Die schwarz-weiß gestreifte Naht verleiht ihm seinen neuen Namen: den „Zebra-Code-Zero“.
Zugute kommt der Crew in solchen Momenten ihre Grundhaltung, wie sie der Skipper nach dem Rennen beschreibt: „Es gab Momente, die haben viel Energie gekostet, aber dafür sind wir gestartet, um das Boot jederzeit zu pushen. If you're still enjoying it, you're probably not going fast enough!" Und mit einem Augenzwinkern zur Schadensbilanz des Rennens: „Wir hatten keine größeren Probleme. Die kleineren waren dafür sehr engagiert."
Die Reparatur muss sich sofort bewähren. Nach der Passage von St. Kilda - ebenfalls nicht sichtbar in dunkler Nacht - setzt die Crew das Segel wieder. Die Naht hält. Bei 20 bis 25 Knoten Wind, in Böen mehr, geht es unter Gennaker weiter Richtung Shetlands. Die „Löwe“ erreicht dabei Geschwindigkeiten von bis zu 15 Knoten über Grund und holt ihren direkten Konkurrenten „Fujitsu British Soldier“ erneut ein.
Eine Woche nach dem Start rundet die „Löwe“ Muckle Flugga, den nördlichsten Wegpunkt des Rennens. Sichtbar ist in der pechschwarzen Nacht vor allem das Licht des Leuchtturms; die Felsen zeichnen sich nur schemenhaft ab. Damit ist auch das letzte Wahrzeichen des westlichen Teils der Regatta ungesehen passiert.
Die Crew muss sich ohnehin auf Manöver konzentrieren. Mit einem schnellen Wechsel von der Fock auf den A2 statt Sightseeing erarbeiten sich die Bremer einen Vorteil. Aus einer Seemeile Abstand zu „Fujitsu British Soldier“ werden innerhalb von 24 Stunden rund 15 Seemeilen Vorsprung.
Der anschließende Kurs über die Nordsee entlang der Ostküste wird für die Crew zum taktischen Parcours. Ein ausgedehntes Tief mit großem Windloch, wechselnde Vorhersagen, Windparks, Ölplattformen, zunehmender Schiffsverkehr und später die Sandbänke vor dem Solent verlangen permanent neue Entscheidungen. In einem Squall erreicht die „Löwe“ mit 15,7 Knoten über Grund ihre höchste gemessene Geschwindigkeit des Rennens.
Der Schluss bleibt dennoch zäh. In den letzten 24 Stunden bauen sich Cumulonimbus-Wolken über dem Kanal auf. Erstmals im gesamten Rennen setzt die Crew die J3 und erreicht Dover – völlig durchnässt.
Vor dem Eingang zum Solent kommt die letzte Geduldsprobe: Gegenstrom und fast vollständige Flaute kosten die Crew vor No Man’s Land Fort rund drei Stunden. Die letzten Meilen nach Cowes fühlen sich für sie länger an als viele der vorangegangenen Nächte.
Am 21. August um 15:22:19 BST überquert die „Löwe von Bremen“ nach zwölf Tagen, einer Stunde, 52 Minuten und 19 Sekunden die Ziellinie der Royal Yacht Squadron. Der reparierte Code Zero steht sauber, sieht man einmal von kleinen Klebefalten ab. Der Sieger Johnny Vincents mit seiner Volvo 70 „Pace“ ist zu diesem Zeitpunkt schon seit sechs Tagen wieder im sicheren Hafen. In der IRC-Gesamtwertung belegt die Crew der “Löwe” Platz 14 von 29 gewerteten Yachten.
RORC Sporting Director Ben Willows fasst zusammen, was dieses Rennen ausmacht: „Jedes Boot und jeder Segler, der an diesem Rennen teilgenommen hat, hat etwas Außergewöhnliches geleistet. Über 1.805 Seemeilen trotzen sie jeder Art von Wetter, technischen Problemen und unzähligen Herausforderungen.“ Für die junge Crew des Bremer Vereins, die erstmals an einem der härtesten Offshore-Rennen Europas teilnimmt, gilt das mehr als für die meisten.
Für sie bleibt auch etwas anderes hängen als die reine Platzierung: zwölf Tage ohne Dusche, ein dauerhaft verschobenes Zeitgefühl und das Bewusstsein, das Rennen als eingespieltes Team beendet zu haben. Und am Ende, schreiben Hansen und Bosselmann, „können wir uns alle kaum vorstellen, ab morgen nicht mehr zu sechst auf der Löwe zu segeln."
1.802 Seemeilen. Erledigt.
Regattasegeln erklärt die taktischen und strategischen Entscheidungen, die eine Wettfahrt weit vor der Startlinie prägen und auf dem Kurs immer wieder neu bewertet werden müssen. Das Buch behandelt Vorbereitung, Start, Wettfahrt und anschließende Analyse mit klaren Abbildungen und einer Checkliste. Zum Bericht der „Löwe von Bremen“ passt es besonders wegen der kleinen Entscheidungen über Winddreher, Strom und Segelwechsel, die auf 1.805 Seemeilen große Folgen haben können.
Wetter auf See widmet sich den Wetterlagen, Seegang und Strömungen, die bei einer Offshore-Regatta über Taktik und Belastung entscheiden. Das Buch erläutert außerdem die meteorologische Törnplanung und richtet sich ausdrücklich auch an ambitionierte Regattasegler. Damit ergänzt es den Rennbericht um das fachliche Fundament für die beschriebenen Flauten, Fronten, Squalls und den schwierigen Weg durch die Nordsee.

Redakteurin Panorama und Reise
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