Gewachsene Gebührenwelle trifft Regattaveranstalter„Schwerwiegender Eingriff“: Vereine ächzen unter neuer Last

Tatjana Pokorny

 · 25.05.2022

Gewachsene Gebührenwelle trifft Regattaveranstalter: „Schwerwiegender Eingriff“: Vereine ächzen unter neuer LastFoto: Schreiber, Ulrike

Nach der Gebührenexplosion bei der Abnahme von Charter-Yachten sorgen nun auch neue Regatta-Gebührenbescheide für Alarmstimmung bei Clubs und Veranstaltern

Deutschlands Regattaveranstalter ächzen unter einer Gebührenexplosion. Viele stellt die unerwartete und drastische Erhöhung von schifffahrtspolizeilichen Genehmigungsgebühren vor Probleme. Gefährdet ist dadurch vor allem die Ausrichtung kleinerer Regatten, weil die ums Vier- oder Fünffache gestiegenen Gebühren von den Vereinen nicht mehr in vertretbarer Weise auf die Teilnehmer umlegbar oder alleine tragbar sind.

Der Hintergrund zum Schock, der nun mit fortschreitender Saison über eingehende Gebührenbescheide immer mehr Vereine erreicht: Weil der Bundesrechnungshofes transparentere und kostendeckende Gebührenordnungen der Bundesministerien eingefordert hatte, sind diese neu gestaltet worden. Motivation dafür war unter anderem die Mahnung zu einem sorgsameren Umgang mit Steuergeldern. Nun werden die neuen Gebührenordnungen umgesetzt. Den Segelsport treffen die Auswirkungen in Form von Bescheiden der bundesdeutschen Wasser- und Schifffahrtsämter. Die um ein Vielfaches gestiegenen, für Regattaveranstaltungen vorgeschriebenen schifffahrtspolizeilichen Genehmigungen versetzen Vereine und Veranstalter in Alarmstimmung. Beispiele für die eklatanten Erhöhungen gibt es zuhauf. Etwa die aktuelle Zweihand-Regatta Baltic 500. „Bis 2021 haben wir als Verein – egal, für welche Regatta, ob kleines Club-Rennen mit 20 Jollen oder große Baltic 500 – 55 Euro an Gebühren gezahlt. Mit 213 Euro hat sich das nun mal eben vervierfacht. Das kriegen wir bei der Baltic 500 vielleicht weggedrückt, aber bei kleineren Regatten wird es sehr schwer", sagt Organisationsleiter Cord Hall.

  Ein Baltic-500-Start: Auch die Zweihand-Regatta über 500 Seemeilen ist von der Gebührenerhöhung betroffenFoto: blondsign by Eike Schurr
Ein Baltic-500-Start: Auch die Zweihand-Regatta über 500 Seemeilen ist von der Gebührenerhöhung betroffen

Wie viele Kritiker sagt auch der Regatta-Obmann vom Yacht Club Strande: „Man muss sich einmal ansehen, wofür diese Gebühren erhoben werden. Grundsätzlich bin ich bereit, für spezifische, nicht allgemein benötigte Leistung auch zu zahlen, wenn ich sie haben will. Aber Gebührenbescheide mit einem Minimum von 213 Euro? Ich kenne ja den Stundensatz der zuständigen Behördenmitarbeiter nicht genau, aber wenn ich mir ansehe, was da zu tun ist… Es geht bei Eintrag von Datum, globaler Ortsbeschreibung und der Anzahl von Schiffen noch kurz um die Prüfung, ob die Sicherheit des Schiffsverkehrs gewährleistet ist. Was willst du da länger als eine Viertelstunde prüfen? Ob vielleicht Zweit- oder Drittveranstaltungen parallel laufen, muss der Verein sowieso selbst klären. Damit erschließen sich mir die hohen Gebühren nicht wirklich.“

Vergleichbares berichtet Rechtsanwalt Hans Köster aus Flensburg. In Reaktion auf den YACHT-Beitrag zur Erhöhung der Charterboot-Abnahmegebühren (hier geht's zum Bericht – bitte anklicken!) schrieb er: „In ähnlicher Weise haben sich die Gebühren im Bereich der schifffahrtspolizeilichen Genehmigungen, die im Rahmen der Veranstaltung von Regatten erforderlich sind, entwickelt. Wurden beispielsweise im Bereich der Kinder für vier Regatten im Jahr 2021 noch 300 Euro für fünf Wettfahrten einschließlich Auslagen gezahlt, wurde im Jahr 2022 für die gleiche Anzahl von Regatten und 1.140 € verlangt.“ Die Steigerung belastet vor allem kleine und mittlere Vereine enorm. Köster schreibt weiter: „Wir hatten im Rahmen der vergangenen Vorstandssitzung im Segler-Verband Schleswig-Holstein dieses Thema besprochen. Deshalb sind wir dabei, den Sachverhalt zu ermitteln. Bereits jetzt kann jedoch festgestellt werden, dass sämtliche Segel-Sportvereine, die Wettfahrten ausrichten, stark von der Gebührenerhöhung betroffen sein werden. Sowohl im Breitensport wie auch im Leistungssport stehen Regattaveranstaltungen aufgrund des notwendigen Personalaufwandes und des technischen Aufwandes für Sicherheit, Ausrüstung und Technik ohnehin unter wirtschaftlichem Druck. Wir sind uns einig, dass die Gebührenerhöhung in diesem Bereich für den Segelsport einen schwerwiegenden Eingriff darstellt.“

  Gebührenbescheide für Meisterschaften wie hier eine IDM der Folkeboote sind künftig deutlich teurerFoto: SV03Berlin/Soeren Hese
Gebührenbescheide für Meisterschaften wie hier eine IDM der Folkeboote sind künftig deutlich teurer

Diesen Eingriff sieht auch Sören Sörensen, Stellvertretender Vorsitzender im Blankeneser Segel-Club: „Die Regattagebühren haben sich mal eben um 600 Prozent erhöht. Bis 2021 zahlte man für eine normale Regatta um die 50 Euro. Und nun kommt unser Finanzchef Dierk Stein zu mir und sagt, wir haben hier eine Rechnung über 350 Euro für dieselbe Regatta. Da sind wir mal so richtig wachgeworden und haben festgestellt, dass das Verkehrsministerium noch unter Andreas Scheuer eine neue Gebührenrichtlinie aufgestellt hat, die nun zentral aus Bonn für alle Bundesländer über die Wasser- und Schifffahrtsämter durchgesetzt wird. Da gibt es nun zwei Möglichkeiten: Entweder, sie finden nicht mehr statt oder sie entstehen durch eine Art „Segel-Mob“ wie Flashmobs spontan und ohne organisatorisches Dach.“

Fakt: Brot- und Butterregatten, wie Sörensen die Masse der ganz normalen Vereins-Wettfahrten nennt, haben bis gerade eben um die 50 Euro an Gebühren gekostet und drücken nun mit einem Vielfachen auf die Vereinsbudgets im ganzen Land. „Da musst Du 10 Euro Meldegeld pro Person zusätzlich für eine rein rechtliche Genehmigung nehmen, die ja keinen Mehrwert hat“, erklärt Sörensen das Problem, dass sich bei kleinen Feldern und besonders im Kinder- und Jugendbereich nicht mal so eben auf die Starter umlegen lässt. Weshalb nicht nur der BSC nun beispielsweise zumindest auf die offizielle Ausrichtung von Mittwochsregatten verzichtet. Alternativ führen in vielen Clubs nun spontane Verabredungen zu sportlichem Gruppenspaß. Dafür braucht es in WhatsApp-Zeiten keine offizielle Regatta-Organisation.

  Sogar angemeldete Kutterregatten schlagen künftig mehr ins Veranstalter-BudgetFoto: YACHT/B. Scheurer
Sogar angemeldete Kutterregatten schlagen künftig mehr ins Veranstalter-Budget

Die Konsequenzen der enormen Gebührenerhöhung haben mittel- und langfristig durchaus das Zeug zur Dezimierung der vereinsgesteuerten Regattalandschaft. Es mache ohnehin herzlich wenig Spaß, sagt ein ehrenamtlicher Organisator über diese und andere bürokratische Hürden, für die Genehmigungen schon drei Wochen vor einer Regatta beispielsweise einen Kapitän für das Begleitboot namentlich nennen zu müssen, wenn man noch gar nicht weiß, ob sich überhaupt jemand findet, der seine Freizeit dafür investiert.

Im Deutschen Segler-Verband (DSV) ist das Problem bekannt. Andreas Löwe, Vizepräsident für den Geschäftsbereich Umwelt und Recht, sagt: "Was jetzt bei den Vereinen und uns als Dachverband aufschlägt, sind die Gebühren für Handlungen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen im Bereich der Seeschifffahrt. Die Folgen daraus treffen unsere Mitgliedsvereine über die erhebliche Erhöhung für die schifffahrtspolizeilichen Genehmigungen. Der DSV hat im Verbund mit dem Wassersportforum des Deutschen Olympischen Sportbundes gegen die relevante neue Gebührenordnung und für eine deutliche Senkung der Gebühren für gemeinnützige Vereine argumentiert, doch das Bundesministerium für Verkehr hat das strikt abgelehnt. Es gab aber das Signal, der Arbeit der gemeinnützigen Vereine immerhin insofern Rechnung zu tragen, dass man immer in den untersten Bereich der Gebührenspanne greifen wolle. Wenn also der Spielraum zwischen 213 und 550 Euro für eine schifffahrtspolizeiliche Regatta-Genehmigung liegt, dann bleibt es in der Regel eher bei 213 Euro.“

  Die Gebühren für Varianta-Regattaspaß werden ebenfalls teurerFoto: Stefan Fricke/Varianta KV
Die Gebühren für Varianta-Regattaspaß werden ebenfalls teurer

Das positive Signal wird viele Vereine kaum darüber hinwegtrösten, dass sie ihre Budgets unter der neuen Last neu planen und ihre Regatta-Aktivitäten überdenken müssen. Löwe sagt: „Der DSV ist sich bewusst darüber, dass diese starke Gebührenerhöhung Vereine bei der Ausrichtung vor allem kleinerer Regatten sehr treffen kann und berät sich aktuell mit den Partnern aus anderen Wassersportverbänden im Wassersportforum des DOSB darüber, wann und auf welchem Weg hier möglicherweise eine Milderung erreicht werden kann. Klar ist, dass der Bund haushaltsrechtlich an die seit Herbst geltenden Gebührenverordnungen für Kostendeckung und mehr Transparenz auch im Umgang mit Steuergeldern gebunden ist. Hier kann nur eine Initiative auf höchster DOSB-Ebene Gehör finden, denn Verordnungsveränderungen können nur aus dem Bundestag kommen. Es ist ein richtig dickes Brett, das da gebohrt werden muss."

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