Vendée Globe999 Tage bis zum Start – Boris Herrmann über den Neubau

Tatjana Pokorny

 · 17.02.2026

Boris Herrmann bei einem Aufenthalt in Lorient im Januar.
Foto: Flore Hartout/Team Malizia
Gefühlt herrschte zuletzt Winterpause bei den Imoca-Teams. Aber nur gefühlt. Hinter den Kulissen haben die Rennställe ihre Pläne und Neubauten intensiv vorangetrieben. So auch Boris Herrmann und Team Malizia. Ende Juni soll die Neue vom Stapel laufen. 999 Tage vor dem Startschuss zur 11. Vendée Globe reflektiert Deutschlands bekanntester Weltumsegler das laufende Baupojekt.

1000 Tage noch waren es zu Wochenbeginn bis zum nächsten Vendée-Globe-Start. Die elfte Edition des populären Nonstop-Solos um die Welt soll am 12. November 2008 um 13.02 Uhr starten. Lange vorher wird Ende Juni “Malizia 4” vom Stapel laufen und in Lorient in ihr Element kommen. Fünf Monate davor konzentriert sich Team Malizia aktuell ganz auf den Bau der neuen Imoca.

Dankbar für die Chance, auf Kurs Vendée Globe etwas Großartiges leisten

Zeit für ihren künftigen Skipper Boris Herrmann, sich ausführlicher zu den Fortschritten, vor allem aber zu seinen Erwartungen zu äußern. Er fühle sich „sehr privilegiert, dass wir erneut die Chance haben, ein neues Rennboot zu bauen”, sagte der sechsmalige Weltumsegler.”

Die Möglichkeit, erneut zu versuchen, besser zu werden und etwas Großartiges zu leisten, ist etwas, das wir nicht als selbstverständlich ansehen.“ Boris Herrmann

Es ist weder ein Geheimnis, dass viele Erfahrungswerte aus der Arbeit mit den Malizia-Vorgängerinnen in den Neubau einfließen, noch eines, dass die Neue anders werden soll. Team Malizia erinnert in einer Pressemitteilung daran, dass “die ‘Malizia – Seaexplorer’ (”Malizia 3”) nie als Allround-Kompromiss konzipiert worden” war. Vielmehr sei sie “aus einer ganz bestimmten Erinnerung heraus entstanden: Boris erster Vendée Globe”.

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Bei der Vendée-Globe-Premiere hatte Boris Herrmann nach herausragenden Leistungen den schon greifbaren Podiumsplatz erst in der letzten Nacht in Folge der Kollision mit einem Fischtrawler verpasst. Das Boot bei seiner ersten Vendée Globe war die gebraucht gekaufte “Seaexplorer – Yacht Club de Monaco”, ein extrem flacher und effizienter Bau, der Spitzengeschwindigkeiten um die 32 Knoten erreichte, aber Herrmann als “brutal und gnadenlos” in Erinnerung blieb.

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Vendée Globe ist nicht gleich Vendée Globe

Die dann eineinhalb Jahre nach seiner ersten Vendée Globe im Sommer 2022 vom Stapel gelaufene “Malizia – Seaexplorer” sei in der Folge “ein sehr spezifisches Design für eine sehr spezifische Vision” gewesen. Boris Herrmann erklärt ihr Konzept noch einmal im Rückblick: „Ja, sie ist die Erfahrung aus meiner ersten Vendée Globe 2020–2021, angesichts des damaligen Bootes, das eine sehr effiziente Rumpfform mit sehr geringem Widerstand hatte, aber sehr flach war.”

Seine Erinnerung an das Segelverhalten der “Malizia – Yacht Club de Monaco” bei der Vendée-Globe-Premiere: “Wenn man also mehr Wellengang traf, spürte man jede einzelne Welle. Das machte es wirklich sehr, sehr schwer, die Vendée Globe zu segeln. Ich war sehr gestresst, weil das Boot mit 32 Knoten surfte, manchmal sogar schneller als das neue Boot, weil es so flach war. Und dann stößt man in die nächste Welle und kommt zum Stillstand.”

Alles, was im Boot nicht festgezurrt ist, fliegt nach vorne, dich selbst eingeschlossen.” Boris Herrmann

Stressverstärkend wirkte, dass es damals viele Wellen und reichlich Wind im Südpolarmeer gab. Boris Herrmann erinnert sich: “Wir hatten sogar ein Boot, das in zwei Hälften zerbrach und, wie gesagt, alles abriss, weil es eine wirklich raue Vendée Globe war.“ Diese Premierenerfahrung habe das Design von der selbst intensiv mitgestalteten “Malizia – Seaexplorer” danach stark mitgeprägt. Sie ist nach Herrmanns Einschätzung “heute das schnellste Boot für windige Vorwindbedingungen”.

Unvergesslich: der furiose Ritt im The Ocean Race

Bei der Vendée Globe 2024/2025 aber waren die Bedingungen eher durchschnittlich, nicht so häufig so intensiv wie noch 2020/2021. Herrmanns Erinnerungen an sein zweites Solo um die Welt: “Es gab viel Reaching, was weniger hilfreich war. Ich glaube, wir konnten die Stärken dieses Bootes bei der letzten Vendée Globe nicht wirklich zeigen. Aber im The Ocean Race konnten wir die Leistungsfähigkeit der ‘Malizia – Seaexplorer’ unter Beweis stellen!“

Boris Herrmann reflektiert in einem ausführlichen Bericht von Team Malizia und in der neuen Video-Serie “Born to Race” darüber, wie man den Erfolg eines Bootes messen könne, sagt: „Mit dem vorherigen Boot (Red.: “Malizia – Seaexplorer” war der Start etwas holprig, wir hatten technische Probleme. Dann haben wir im The Ocean Race die starke Etappe im Südpolarmeer absolviert. Da hatten wir fast das Gefühl, Segelgeschichte zu schreiben, als wir wie nie zuvor über das Südpolarmeer flogen.”

Herrmann- und Malizia-Fans dürfte der fabelhafte Ritt noch im Gedächtnis sein: Ende März 2023 hatte “Malizia – Seaexplorer” im The Ocean Race auf der dritten Südmeer-Etappe Kap Hoorn als erstes Team erreicht und die Königsetappe dann auch gewonnen. Die Leistungen von Crew und Boot waren auf diesem Abschnitt imposant. Dazu kamen zwei starke zweite Plätze für “Malizia – Seaexplorer” im Transat CIC und beim New York Vendée 2024.

​Die Neue für die Vendée Globe soll im Ocean Race siegen

“Das konnte ich bei der Vendée Globe nicht wiederholen”, sagt Boris Herrmann über sein zweites Solo um die Welt 2024/2025. Wenn ich jetzt aber einen Schlussstrich unter eine vierjährige Kampagne ziehe, würde ich sagen, dass ‘Malizia 3’ ein großer Erfolg war. Und es hat immer noch großes Potenzial, das es auszuschöpfen gilt.“ Diese Aufgabe hat inzwischen die neue Skipperin Francesca Clapcich auf dem Kurs zu ihrer Vendée-Globe-Premiere 2028/2029 übernommen.

Boris Herrmann und Team Malizia bauen sich indessen eine neue Plattform für Erfolge im Hochseerennsport. „Bei unserem neuen Boot könnte es ähnlich sein“, sinniert Herrmann im Rückblick auf die bisherigen Imoca-Kampagnen. Er weiß: „Es wird immer Tiefpunkte geben, wenn man ein technisches Problem hat. Aber wir sollten nicht zulassen, dass das die Kampagne bestimmt.“

Malizias neue Imoca-Kampagne wird laut Teamauskunft einem ähnlichen Zeitplan folgen wie die vorherige. Sie beginnt mit Crew-Regatten, in denen der Neubau an seine Grenzen gebracht und seine Systeme optimiert werden sollen. Diese Regattaerfahrungen fließen direkt in die Vorbereitung auf die Vendée Globe ein.

Das beste Boot für den dritten Vendée-Globe-Start

Boris Herrmann will das Rennen seines Lebens zum dritten Mal in Angriff nehmen. Dafür braucht er ein vollständig getestetes, leistungsstarkes Boot, denn die Ziele sind ehrgeizig gesteckt. Herrmann treibt sich auch selbst an, sagt: “Mein Ziel mit diesem Boot ist es, The Ocean Race zu gewinnen und eine großartige Vendée Globe zu fahren.”

Wir wollen wirklich gewinnen, mit diesem neuen Boot suchen wir nach jedem halben Kilo, das wir einsparen können. Wir pushen alle!” Boris Herrmann

An einen Kurswechsel im Team glaubt Herrmann nicht, sagt: “Ich würde nicht sagen, dass sich die Mentalität zwischen dem Bau der ‘Malizia 3’ und der ‘Malizia 4’ wirklich geändert hat. Wir versuchen immer, das beste, schnellste und solideste Boot zu bauen. In diesem Umfeld gibt es so viele talentierte Menschen. Wir arbeiten jetzt mit anderen Leuten zusammen, daher ist es ein anderer Prozess und es gibt in gewisser Weise andere Philosophien und Mentalitäten. Aber das übergeordnete Ziel ist das gleiche.“

„Wir haben dieses neue Boot so konstruiert, dass es viel leichter ist. Das Gewicht ist ein wichtiger Teil der Strategie, alles muss leichter sein.“ Boris Herrmann

Der 44-Jährige erklärt knapp drei Jahre vor der nächsten Vendée Globe: „Es gibt im Grunde zwei Dinge, die wir beeinflussen können, wenn wir ein schnelles Rennboot bauen wollen: Wir können es leistungsstärker machen, mehr PS geben oder den Widerstand verringern. Unter bestimmten Bedingungen hatte ‘Malizia – Seaexplorer’ aufgrund ihrer Rumpfform und der geringen benetzten Oberfläche den geringsten Widerstand der Flotte, insbesondere in sehr leichten Winden.”

Wird das Bau-Trio mit den Imoca-Drillingen für richtig liegen?

Man brauche allerdings ein Boot, “das unter allen Bedingungen vielseitig einsetzbar ist”. Die Neue werde “schmaler, spitzer” und habe “aggressivere Linien”, so Boris Herrmann. Und weiter: “Es könnte unter sehr welligen, komplizierten Bedingungen etwas mehr Widerstand haben, aber insgesamt sollte es schneller und hoffentlich besser sein.”

Im vereinten Bau-Trio mit TR Racing und Team Banque Populaire war die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks im Bauprozess ebenfalls ein Ziel. Herrmann sagt: “Wir haben uns mit zwei anderen Teams, TR Racing und Team Banque Populaire, zusammengetan und bauen drei fast identische Boote. Dadurch sparen wir Energie und Materialkosten, aber wir verwenden auch unser Design wieder und teilen unser Know-how.”

Ob die drei Teams mit ihren vereinten Design-Ideen richtig liegen werden, könnte sich im ersten Eindruck bereits nach einer Viertelstunde im Wasser zeigen, meint Boris Herrmann. Er sagt: “Nach 15 Minuten Segeln am ersten Tag werden wir eine gewisse Vorstellung davon haben, ob wir mit dem Boot zufrieden sind. Und dann, nach vier Jahren, werden wir Bilanz ziehen und sehen, ob dieses Konzept richtig war.“

Mit viel Vertrauen und einer kleinen Sorge in die Saison

Er glaube, “heute weniger besort zu sein als bei der letzten Kampagne”, erzählt Boris Herrmann, “ich vertraue dem Prozess viel mehr. Ich vertraue unserem Designteam und unserem eigenen Malizia-Designbüro viel mehr. Ich bin weniger in Details und Entscheidungsprozesse involviert.”

Ich verfolge die Entwicklung, ich bleibe dran, aber ich vertraue den Leuten wirklich.” Boris Herrmann

Gelassener beim Bau, treiben den Boris Herrmann andere Gedanke eher um. “Was mir mehr Sorgen bereitet, ist das Ökosystem mit unseren Konkurrenten. Es gibt eine Reihe von Teams, die ihre Sponsoren verlieren. Ich möchte mehr Teams für The Ocean Race. Das ist also meine einzige kleine Sorge, aber im Allgemeinen bin ich sehr zuversichtlich.”

Teil 1 der Serie “Born to Race” mit Boris Herrmann und Team Malizia:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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