In Lorient ist der Rumpf für Boris Herrmanns „Malizia 4“ gebacken und wird ausgebaut. Die Taufe der Neuen ist für Ende Juni geplant, bevor es für Team Malizia wieder sportlich zur Sache geht. Im Interview spricht der Skipper über die Zusammenarbeit mit Konstrukteur Antoine Koch, die Vorzüge des neuen Designs und die damit verbundenen Hoffnungen. Teil 2 dieses Interviews erscheint am Ostermontag.
Boris Herrmann ist gerade erst wieder aus Lorient zurück. Die YACHT hatte ihn dort zum Gespräch getroffen und den Neubau in den letzten Monaten begleitet. In einem ersten ausführlichen Interview gibt der 44-jährigen Mitgründer von Team Malizia und sechsmalige Weltumsegler schon einige Einblicke in die Fortschritte.
Für mich ist es am wichtigsten, dass alles nach Plan läuft. Die Hauptarbeit haben wir schon vor zwei Jahren geleistet. Wie das Boot aussieht, das wissen wir seit eineinhalb Jahren. Jetzt ist es vor allem Exekution. Jetzt werden die Aufgaben Schritt für Schritt abgearbeitet. Es gibt kaum noch Fragen. Ich glaube, wir haben jedes Detail besprochen. Sogar die Stärke der Polster auf den Sitzen im Cockpit.
Ich glaube, acht Zentimeter (lacht).
Das ist jetzt ein bisschen anders als bei dem individualistischen Entwurf letztes Mal. Der war sehr stark durch mich getrieben. In einer ganz engen Zusammenarbeit zwischen dem Architekten (Red.: VPLP) und mir. Da gab es ein paar eigenwillige Ideen und auch eine eigenwillige Form. Jetzt ist es mehr Antoine Koch. Aber es ist eben auch mehr als Antoine Koch. Es ist auch: die drei Teams und wiederum deren Teams. Es ist letzlich der Input einer großen Gruppe, aber insgesamt schon sehr stark bei Koch integriert.
Antoine Koch macht im Prinzip sein Schiff.” Boris Herrmann
Antoine Koch ist durchsetzungsstark und hat sein Ding gemacht. Und das war auch unsere Intention. Also meine Intention und die von Thomas Ruyant. Wir wollen uns auch um andere Sachen kümmern und vertrauen ihm. Wir glauben: Er ist der Beste und soll es machen.
Ja, etwa bei den Systemen und bei der Ergonomie. Wo kommt welches Display hin, wo ist welcher Sitz, so Kleinkram eigentlich. Da haben wir mit dem Rumpf die nackte Box, die wir vollenden. Und ich weiß nicht, wie die anderen es machen. Da haben wir auch gar nicht mehr gefragt, weil es für uns logisch und teilweise von Antoine Koch auch so angedacht war. Da gibt es keine 1000 Optionen, es war schon alles recht geradeaus angelegt.
Die Navigation befindet sich mit Blick aufs anstehenden Mannschaftssegeln rechts und links in den Seiteneingängen. Der Navigator läuft dann jeweils auf die Luvseite rüber – wie beim SailGP, wenn man so will.
Das meiste ist Antoine Koch, auch wenn wir ihm während der Entwicklung und der Diskussionen immer wieder Feedbacks gegeben haben. Er hat die Fortschritte in einem regelmäßigen Loop an uns abprallen lassen und geschaut, wie wir alle reagieren. Bei den Segeln haben wir mehr mitdiskutiert.
Die Segel sind schon bestellt. Was man so kennt. Wir haben jetzt ein Segel weniger, nur noch sieben, nicht mehr acht. Und die sind ähnlich zu dem, was wir auf ‚Malizia – Seaexplorer‘ hatten.
Man kann erst einmal so einen kleinen Gennaker weglassen, zum Beispiel. Thomas Ruyant ist ja immer extrem mit so einer ganz kleinen Fock rumgefahren. Den Weg sind wir nicht gegangen. Insofern wird sein Boot sicher andere Segel haben als unseres. Und er wird vermutlich auch ein bisschen andere Blöcke an Deck haben, so Schienen für seine Fock und sowas. Das ist so sein Spleen, diese kleine J2. Die kann man sich ein bisschen wie bei einem IRC-Rennboot mit einer Techplate vorstellen, wie er es auf seinem letzten Boot hatte. Das war eigentlich ganz hübsch. Was er wie auf dem neuen Boot macht, wird er selbst vorstellen. Wir glauben aber, dass es für uns nicht der richtige Weg ist.
Das, was Antoine Koch will und glaubt. An der Stelle gehen wir einen anderen Weg, haben uns für unser Boot durchgesetzt gegen Antoine Koch, machen unser eigenes Ding, was die Vorsegel angeht. Da ist aber auch noch nicht das letzte Wort für immer gesprochen. Da wird man am Ende sehen, wer richtig liegt. Man kann sowas auch wieder ändern und umbauen.
Wir glauben, dass eine größere Fock einfacher und vielseitiger einsetzbar, also nicht so ein spezifisches Setup ist, wie er sich das baut. Wir haben vor Augen, dass man möglichst wenig Segelwechsel machen will. Dass man mit sieben Segeln einen möglichst großen Einsatzbereich hat. Wir glauben, das geht besser mit einer großen Fock, wo man dann schön aufkreuzt und wendet und mehr. Und dann eben nicht so schnell den Code Zero zum Einsatz bringen muss. Das hat Einfluss auf die gesamte Segelgarderobe. Wenn man die J2 klein macht, dann müssen sich natürlich auch die anderen Segel dem ein bisschen anpassen.
Genau. Sein Setup ist eher spezifisch. Damit hat er auch die letzte Route du Rhum und das Jacques Vabre (Red.: jetzt Transat Café L’Or) gewonnen. Weil diese Rennen sich für ein Triple-heade-Setup eben gut eignen. Da ist eine große J2 eher ein bisschen störend. Es ist dann eine sehr spezifische Nerd-Diskussion, wie man nun ein solches Triple-headed-Setup optimiert. Aber wenn du Jacques Vabre oder Route du Rhum segelst, wo 80, 90 Prozent der Route von Passatwindsegeln geprägt sind und man das Triple-headed-Setup von Tag drei bis Tag zwölf segelt, dann gewinnt ein Ruyant halt die Route du Rhum. Da ist sein Setup schon das Schnellste. Doch außerhalb dieser speziellen Konstellation, so denken wir, müssen wir vielseitiger sein und in diesem Bereich Kompromisse eingehen.
Ich verstehe seine Intention. Vor allem, nachdem er zwei Rennen damit gewonnen und die ziemlich dominant bestritten hat. Aber beim letzten Transat Café L’Or hat unser Boot (Red.: jetzt „11th Hour Racing“, vormals „Malizia – Seaexplorer“, mit Francesca Clapcich und Will Harris Zweite) mit unserer großen Fock sozusagen Thomas Ruyant (Red.: vormals „Vulnerable“, mit Ambrogio Beccaria auf „Allagrande Mapei Vierte) geschlagen. Da war er nicht mehr so dominant.
Es herrschten ebenfalls Passatwinde. Da sind sie dann aber nicht mehr schneller gewesen. Es ist schwer zu sagen, was da noch eine Rolle gespiegelt hat. Will und Frankie haben im Transat Café L‘Or viel von Hand gesteuert. Das bringt auch viel. Aber die sind mit nur zwei Vorsegeln durch die Gegend gedüst.
Ich glaube, unser altes Boot ist bei 18 Knoten Wind und Welle immer noch das schnellste Boot raumschots. Da werden wir in Zukunft nicht stärker sein, es eher etwas schwerer haben…
Sagen wir so: Bei einem oder sogar mehreren Rennen hat sich die „Malizia – Seaexplorer“- Stärke nicht so gelohnt, wie der Nachteil bei mittleren Bedingungen ins Gewicht fiel. Auf jeden Fall ist es sicherer, ein Boot zu bauen, was bei Mittelbedingungen und in den Übergängen vom Leichtwind zum Mittelwind als erstes losfährt. Wir glauben, dass das heutzutage wichtiger ist als die als der Bereich „Wind und Welle Downwind“.
Das war natürlich mit unserem alten Boot im Ocean Race 2023 ein bisschen trügerisch. Da haben wir die Südmeeretappe dominant gewonnen. Eben mit dem Raumschots-Welle-Schiff. Aber auf vier anderen Etappen mussten wir hart kämpfen, zum Teil härter als die anderen Crews, um mitzukommen. Wir konnten uns am Ende nicht so richtig durchsetzen. Das Schiff haben wir aber seitdem besser gemacht. Ich glaube, dass ‚Malizia 3“ weiter ein ganz starkes Schiff bleiben wird.
‘Malizia 3’ wird mit der neuen „Malizia 4“ unsere erste Messlatte sein, da überhaupt erstmal ranzukommen. Dann werden wir sehen, was geht.” Boris Herrmann
Wenn man zurückblickt auf die letzte Vendée Globe, etwa eine Woche nach dem Start, als ich da raumschots vor dem Senegal am Kreuzen war, da lag ich nochmal kurz an dritter Stelle. Danach fuhr ich zwar genauso schnell wie die anderen, aber immer fünf Grad höher, weil ich es nicht hinbekommen habe, genauso tief zu foilen wie die anderen. Diese fünf Grad schlechterer Downwind-Winkel waren dann 130 Seemeilen am Äquator. In dem Bereich haben wir danach deutlich gearbeitet.
Das neue Schiff ist einen Meter schmaler. Das wirkt vielleicht nicht so einleuchtend, bringt aber weniger Widerstand im Wasser. Wir verlassen uns zu 100 Prozent auf die Foils. Die Foils können einen kleinen Tick gestreckter sein, wenn du schmaler wirst. Wir hoffen, mit dem Schiff schon bei etwas weniger Wind ins Foilen zu kommen. Und wenn der Rumpf dann mal auf dem Wasser aufsitzt, hat er eben weniger Widerstand.
Das Boot hat weniger ‘Rocker’ (Red.: Längsrundung des Rumpfes, heißt: das Boot hat ein flacheres Unterwasserschiff). Dieses Weniger an ‘Rocker’ macht es halt schwerer bei Seegang und Downwind, dann kommst du aber mit einem schmaleren Rumpf wieder besser durch die See. Dazu ist da jetzt ein sehr spitzer Bug dran. Das ist ein anderer Ansatz, dieses Problem zu lösen, dass man auch raumschots fahren kann. Beim alten Schiff gab es viel ‘Rocker’ und einen runden Bug. Jetzt sind es weniger Rocker und ein spitzer Bug.
Es ist eine Weiterentwicklung von „Arkéa“ und dem letzten Ruyant-Boot. Wir glauben, dass da jetzt schon wieder ein guter Schritt gemacht wurde. „Arkéa“ ist bei der Vendée Globe Zweite geworden, war extrem stark dabei. Die waren Erste bei Kap Hoorn, hatten dann eine Speedschwäche bei diesem Reaching-Hoch in Südamerika. Das war viel Segeln bei vielleicht 70 Grad zum Wind. Nicht so ganz einfache Bedingungen. Da glauben wir, dass wir jetzt ein paar Sachen gefunden haben, so dass wir das Speed-Defizit, das die alte Koch-Konstruktion zu „Macif“ (Red.: die Vendée-Globe-Siegeryacht) hatte, mindestens kompensieren.
Es sind vor allem die Foils, die wir später noch ausführlich vorstellen.

Freie Reporterin Sport