Schon der Weg zur Linie war ungewöhnlich. Einen Tag vor dem eigentlichen Start brachen die 28 Solisten der New York Vendée auf, um die rund 90 Seemeilen bis zur virtuellen Linie abzusegeln, die nur aus zwei GPS-Koordinaten bestand. Keine Fans, keine Team-Boote, und selbst die Wettfahrtleitung war weit weg, in einem Büroraum in Manhattan, an den Computern.
Zwar versuchten die Veranstalter, so etwas wie Live-Atmosphäre zu simulieren, indem Video-Streams von einigen der Imocas die Moderation ergänzten. Doch so wirklich wurde die Übertragung der Bedeutung des Rennens nicht gerecht. Sie blieb schmerzhaft hinter den Bildern zurück, die sonst den Auftakt großer Hochseeregatten nachvollziehbar machen.
Mit Rosalin Kuiper und Will Harris, beide während The Ocean Race Teil von Boris Herrmanns Team Malizia, waren immerhin zwei echte Experten im Freiluftstudio von New York. Sie halfen, die englischsprachige Kommentierung zu bereichern, die freilich an der Oberflächlichkeit des US-Moderators krankte - und daran, dass nicht eine einzige Live-Schalte zu den Skippern auf See klappte. Soviel zur viel gepriesenen Überlegenheit von Starlink. Das Satelliten-Kommunikationsnetz von Tesla-Gründer Elon Musk lieferte jedenfalls mehrheitlich unscharfe Bilder und keinen verwertbaren Ton. Schade!
Tatsächlich fehlte es an allem: Der Moderator verpasste den eigentlichen Start. Eine Rückkanal zum Race Director fehlte, sodass unklar blieb, ob alle Boote sauber über die Linie kamen oder ob es, wie der GPS-Tracker nahelegte, ein paar Frühstarts gegeben hatte.
Und dann natürlich der Wind! Kaum 2 bis 3 Beaufort wehten, als das Feld um 20 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit auf den Kurs ging, der zunächst zu einem Wegpunkt im Südosten führt und dann in einer weiten Schleife nach Nordost, Ost und später Südost gen Les Sables d’Olonne.
Boris Herrmann startete sehr engagiert und ganz in Luv, wo auch viele Favoriten ihr Glück versuchten: Yoann Richomme, Sam Goodchild, Justine Mettraux - während Thomas Ruyant und Jérémie Beyou sich etwas weiter östlich hielten. Boris zeigte anfangs gute Geschwindigkeit und Übersicht; in der ersten halben Stunde sah es so aus, als gehe seine Taktik voll auf.
Dann aber zogen nach und nach die östlich des Feldes platzierten Boote an, insbesondere die Imocas ohne Foils, allen voran Eric Bellions Neubau “Stand as one” von Konstrukteur David Raison, dessen Designs die Mini-Szene beherrschen. Auch Violette Dorange auf “Devenir” kam gut in Fahrt; sie lag nach knapp zwei Stunden auf Platz vier und braucht ein solides, vor allem sicheres Rennen, weil sie noch um die Qualifikation für die Vendée Globe im November kämpft.
Man sollte diese Frühphase freilich nicht überbewerten. Denn spannend wird es erst, nachdem die Skipper morgen den zum Schutz der Wale eingerichteten Wegpunkt passiert haben. Es wird darum gehen, so schnell wie möglich die Front zu erreichen, die derzeit im Osten liegt - und nach Möglichkeit auf deren Vorderseite zu gelangen. Erst dann ist eine merkliche Steigerung des zunächst eher gemächlichen Tempos zu erwarten.
Ganz leicht wird das nicht. Und auch danach stehen etliche taktische Hürden bevor. “In den nächsten Tagen wird es viele herausfordernde Wetterentwicklungen geben”, sagte Will Harris, der gestern noch eine Art Play Book mit Boris entwickelt hat, in dem sie festgehalten haben, wann er Ruhephasen einlegen kann und wann es lohnt, hart zu pushen. Der Hamburger ist jedenfalls bereit dazu, alles zu geben, wie er im YACHT-Interview sagte (zum Direktlink hier klicken!).
Um seine Motivation hoch zu halten, hat er sich wie schon beim Transat CIC besser verproviantiert als die meisten seiner Kontrahenten. Er hat einen Schnellkochtopf dabei, um sich Nudeln machen zu können, und auch einen ausreichenden Vorrat an frischen Eiern. Die dienten in der Schlussphase der Hin-Regatta zur psychologischen Kriegsführung. Als er Yoann Richomme immer näher gekommen war, schickte er dem Führenden ein Foto von einer Pfanne mit Spiegeleiern, die er sich zubereitet hatte. Richomme nahm’s mit einem Lächeln und ließ sich den Sieg dennoch nicht abnehmen. Boris aber genoss die warme Mahlzeit - und den Spaß.
Es scheint, als habe er eine neue Leichtigkeit fürs Solosegeln gefunden, und einen Biss, der ihm anfangs, als “Malizia - Seaexplorer” noch neu und voller Überraschungen war, fehlte. Jetzt aber ist er angekommen auf seinem Boot und im Wettbewerb. Der wird nicht ganz einfach, weil das VPLP-Design trotz neuer Foils noch ein paar kleine Defizite hat, insbesondere im Übergang zum Foilen. Doch der starke Start war schon mal ein gutes Indiz, dass er mitmischen kann.

Herausgeber YACHT