Mit Platz zwei bei der Hin-Regatta Transat CIC hinter Yoann Richomme hat Boris Herrmann Anfang Mai ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Zugleich löste er das Startticket für die Vendée Globe, für die er jetzt – anders als einige seiner Konkurrenten – bereits die Qualifikation geschafft hat. Auch die Fähigkeiten seines von VPLP konstruierten Imocas stellte er eindrucksvoll unter Beweis. Was erwartet er für die New York Vendée, die Mittwochabend mitteleuropäischer Zeit beginnt?
Es fühlt sich an wie eine weitere Treppenstufe auf dem Weg. Das Rennen war immer als Vorbereitung, als Training und als Test für die Vendée Globe gedacht. Gleichzeitig war dieses Transat für mich noch ein bisschen mehr, weil ich einen historischen Bezug dazu habe. Weil ich hier 2008 mein erstes Profirennen mit “Beluga Racer” in der Class 40 bestritten habe. Ein schöner Zufall, dass es damals auch Platz zwei war.
Ich denke, diese Zahl, dieser zweite Platz ist gut, aber die Vendée Globe (Anm. d. Red.: Boris Herrmann segelte bei seiner Premiere 2020/2021 auf Platz 5) ist bei Weitem meine größte Leistung. Sie ist so viel länger, fordert so viel mehr. Das Transat CIC hat eine Woche gedauert und gibt mir ein gutes Gefühl dafür, was in diesem Winter kommen wird. Es war ein intensives Rennen in starken Bedingungen.
Das Rennen hat mir Zuversicht gegeben. Das war mein Hauptziel. Ich konnte meine Vendée-Globe-Teilnahme validieren und habe meine Seebeine, meine Solo-Beine wiedergefunden. Mein Boot ist stabil und zuverlässig, kommt sehr gut durchs Meer. Das ist für die Vendée Globe eine gute Sache. Auch mit der Ergonomie und dem Handling komme ich sehr gut zurecht. Ich bin sehr zufrieden mit dem Boot.
Ich hatte nicht allzu viele technische Probleme, die mich gebremst haben. Auf der anderen Seite gab mir das Boot die Möglichkeit, anständig schnell zu segeln, weil es wirklich gut bei Seegang ist. Deshalb war es für mich vielleicht ein bisschen einfacher, dieses Rennen zu fahren. Ich war nicht zu sehr gestresst. Das Gesamtpaket ist besser geworden. Der Autopilot ist zuverlässiger geworden, die Segel besser und auch die Gewichtsverteilung. Und einfach die Kenntnis über das Boot, seine Einstellungen. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Aber die Details stimmen.
Die neuen Foils sind gut und schnell. Ich nutze sie nicht die ganze Zeit in vollem Umfang, die meiste Zeit nur zu 80 oder 90 Prozent. Sicherlich geben sie mir einen Bonus. Aber ich hatte ab knapp über 30 Knoten auch Kavitation. Da muss ich sehen, dass ich die richtigen Einstellungen finde. Das ist ein bisschen trickreich, aber vielleicht der Preis, den man für Performance-Gewinne im Low-End-Bereich zahlt. Ich glaube, die alten Foils sind auch immer noch gut. Wenn jetzt irgendetwas dieses Jahr passiert und ich mit den alten Foils fahren müsste, dann hätte ich kein Thema damit. Bei viel Wind bin ich raumschots mit den alten Foils ein kleines bisschen vertrauter.
Körperlich fühle ich mich ziemlich gut, mental sehr gut. Das überrascht mich, aber ich war wirklich die meiste Zeit über in einem entspannten Zustand. Ich hatte viele angenehme Momente auf dieser Regatta. Ich bin froh, den Flow an Bord gefunden zu haben. Ich habe mich allein sehr wohlgefühlt.
Nein, keine größeren. Das Boot ist gut so. That’s it! “Malizia” ist jetzt ready für die Vendée Globe. Noch einige kleine Pinselstriche, noch etwas perfektionieren. Aber 90, 95 Prozent der Arbeit sind getan. Ich denke, die Regel ist jetzt: ruhig bleiben und nichts mehr vor der Vendée Globe verändern. Wir sollten zufrieden sein mit dem, was wir haben, und von der Zuverlässigkeit profitieren, die wir inzwischen gewonnen haben. Ich habe sehr großes Vertrauen in das Schiff.
Das Schiff funktioniert gut. Auch die Ergonomie. Ich habe sehr viel Platz. Ich habe Licht. Ich habe gute Möglichkeiten zu trimmen und zu arbeiten. Ich komme mit dem Schiff mittlerweile besser zurecht als mit meinem vorherigen. Dann fährt es auch schnell. Es geht gut durch die See. Dafür haben wir es ja konstruiert. Es ist voll konkurrenzfähig.
Im Vergleich zu “Macif” (Red. dem neuen Imoca von Charlie Dalin) bei allem, was höher als 90 Grad am Wind ist, und da in einem Bereich zwischen 13 und 16, 17 Knoten Windgeschwindigkeit. Das ist der Bereich, wo ‘Macif’ durch sehr boxigen Rumpfschnitt das schnellste Schiff sein wird. Und wo Charlie mit seinen weniger toleranten Foils vielleicht auch ein bisschen schneller ins Foilen kommt. Das sind aber alles keine Eigenschaften, die mir für die Vendée Globe wichtig wären. Insofern bin ich sehr zufrieden mit meinem Boot.
Yoann Richommes Boot hat auch ein bisschen eine Schwäche in dem angesprochenen Bereich. Da sind wir sogar etwas stärker als seine “Paprec Arkéa”. Nicht, wenn es ums Foilen geht. Aber, wenn wir noch in Verdrängerfahrt sind, haben wir durch die größere Rumpfbreite einfach mehr Formstabilität und ein bisschen mehr Power. Beim Start in dieses Transat konnte ich gut an ihn ranfahren beziehungsweise in leichten Winden für eine Weile ein bisschen an ihm vorbeifahren. Auch am Wind mit Code Zero sind wir eines der schnellsten Schiffe.
“Paprec Arkéa” scheint eine gute Balance zu haben, gelungene Längspositionen von Kiel und Foils. Die Bugform ist vielleicht auch ein gutes Konzept. Man muss sehen, was sich am Ende durchsetzen wird: Scow- oder Motorbootbug. Der Motorbootbug schneidet vielleicht auch ganz schön durch die Wellen. Beides funktioniert jetzt wohl gut im Seegang. Ich bin froh, dass wir deutlich mehr Platz innen haben. Yoanns Schiff ist innen sehr klein, dennoch hat er den wenigen Platz gut genutzt. Das Schiff ist sehr ergonomisch.
Es war alles ein bisschen wie erwartet – mit Ausnahme von Charlie Dalin, der weit in Führung liegend plötzlich so ein moderateres Tempo eingelegt hat und nicht mehr so diese Dominanz zeigte. Da denke ich mal, dass an Bord was passiert sein wird (Red.: Dalin hat nach dem Zieldurchgang seine diversen technischen Probleme erklärt. Unter anderem war ein Stück vom Backbord-Ruder weggebrochen, der Autopilot funktionierte nur eingeschränkt, ein Windgeber gar nicht). Leid tut es mir für alle, die Schwierigkeiten hatten.
Paul Meilhat hat mich zumindest im ersten Teil sehr beeindruckt, bis er dann einen Foil-Schaden nach einer Kollision hatte. Er hätte das Rennen auch gewinnen können. Nico ebenso, wenn er seinen Bugspriet nicht gebrochen hätte. Wirklich, die Flotte ist insgesamt sehr homogen, sehr stark und sehr beeindruckend. Das gilt nach wie vor auch für Justine Mettraux. Sie musste einmal in einem blöden Moment eine 70-Minuten-Strafe wegen ihres gebrochenen Motorsiegels absolvieren. Da lagen wir fast nebeneinander. Ich glaube, da fing es an, dass sie ein kleines bisschen nach hinten durchgereicht wurde. Eigentlich war sie auf dem Weg nach vorne. Justine kann aus meiner Sicht Rennen gewinnen. Und dann hat Sam Davies nach einer ganzen Weile wieder ihren ersten Podiumsplatz geholt. Sie hat sehr großes Vertrauen in ihr Boot und scheint jetzt wirklich da zu sein, die Vendée Globe gewinnen oder aufs Podium fahren zu können.
Yannick Bestaven würde ich wünschen, dass er noch besser zurechtkommt. Man hört, dass sein Boot und das baugleiche Schiff von Maxime Sorel auf Downwind-Kursen ihre Nasen ziemlich tief ins Wasser stecken und nicht so leicht zu handeln sind. Das sind übrigens mehr oder weniger Schwesterschiffe von 11th Hour Racing, die The Ocean Race gewonnen hat.
Die nächste Treppenstufe in Richtung Vendée Globe, in deren Licht in diesem Jahr alles steht. Noch eine Konfrontation mit einem anderen Kurs und mit neuen Teilnehmern, die beim Transat CIC nicht dabei waren, wie Thomas Ruyant und Sam Goodchild. Und natürlich mit Teilnehmern, die zuletzt gehandicapt waren, wie Paul Meilhat und Nico Lunven. Das sind alles starke Kandidaten, die ganz vorn dabei sind. Wir wollen sehen, ob wir wieder mithalten können. Und wir würden gern weiter Motivation und Selbstbewusstsein sowie Details fürs Sommer-Refit sammeln. Diese Fahrten sind ja immer auch Tests für alle Systeme. Es bleibt wichtig, sie zu validieren. Die Hydrogeneratoren zum Beispiel: Bis zu welcher Geschwindigkeit können sie Strom produzieren und reißen nicht ab vom Heck?
Es ist der Vendée Globe etwas ähnlicher. Wir hatten zwar im Transat CIC mehr Raumschotsanteil als sonst üblich, aber statistisch gesehen sollte die New York Vendée noch mehr Downwind bringen, bis zu 70 Prozent. Das Ergebnis im Transat CIC gibt mir zusätzliche Motivation zu versuchen, den Erfolg zu bestätigen und konstant zu sein. Ich bin heiß auf die New York Vendée.
Ab morgen auf yacht.de: Mehr zum Rennen und den Favoriten, ab Mittwoch dann laufend Updates zum Verlauf der New-York-Vendée-Regatta!

Freie Reporterin Sport