Tatjana Pokorny
· 22.03.2026
Als Boris Herrmann in der vergangenen Woche nach Lorient kam, konnte er sich freuen: Im Basiscamp von Team Malizia im Hafen von La Base waren die Umbauarbeiten in den Büros fast abgeschlossen. Im Hangar erhielt gerade Francesca Clapcichs “11th Hour Racing” (Ex-”Malizia – Seaexplorer”) ihren neuen Look. Romain Attanasio, der unter Malizia-Dach ebenfalls einen Stellplatz und ein Büro gemietet hat und bei der letzten Vendée Globe die frühere “Malizia 2” segelte, schaute auf ein kurzes Hallo herein.
Der große Hangar in Lorients La Base gegenüber vom neuen Maison des Skippers, wo in der vergangenen Woche gerade Frankreichs America’s-Cup-Jäger ihr neues Team vorgestellt haben, wird auch das Zuhause der neuen “Malizia 4” sein. Ihr Stapellauf ist für Ende Juni geplant. Zehn Jahre nach der Gründung von Team Malizia wird die Neue die Teamgeschichte fortschreiben, die das Leben von Boris Herrmann und seinen Mitstreitern seit 2016 prägt.
Den bald fertigen Neubau hat der künftige Skipper inzwischen schon einige Male wie hier kommentiert. Das Koch-Design, Schwesterschiff zweier weiterer Boote für Thomas Ruyant und Loïs Berrehaar aus derselben Form, soll Deutschlands bekanntestem Segler und seinem Team bis 2030 zu Erfolgen bei Transats, im Ocean Race Atlantic 2026, im The Ocean Race 2027 und bei der Vendée Globe 2028/2029 tragen.
Parallel dazu hat das erst im vergangenen Jahr gebraucht gekaufte Forschungsschiff “Malizia Explorer” seine Hoffnungen schon im ersten Jahr mit vielseitigen Missionen auf Anhieb übererfüllt. Vielseitige Projekte und Initiativen, darunter auch die von Birte Lorenzen-Herrmann und ihrem Mann entwickelte Kinder- und Jugendbildungskampagne “My Ocean Challenge”, der Malizia Mangrovenpark auf den Philippinen und weitere Aktivitäten machen Team Malizia ein Jahrzehnt nach seiner Gründung zu einem der aktivsten und stärksten Player der internationalen Segelwelt.
Für den deutschen Segelsport ist das multitalentierte Team Malizia aufgrund der sportlichen Gipfelstürme und der nachhaltigen Arbeit eine Leuchtturmkampagne. Eine, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Zehn Jahre ein Segelteam in einer so breiten Themenvielfalt betrieben und finanziert zu haben, ist eine außergewöhnliche Gesamtleistung. Weitere fünf Jahre sind bis 2030 gesichert.
Ich glaube, wir sind das bestaufgestellte und stabilste Team. Von 2016 bis 2030 werden es fast 15 Jahre sein. Es ist selten, dass so etwas gelingt.” Boris Herrmann
Ob als Meeresstürmer und Überflieger wie bei seiner ersten Vendée Globe 2020/2021, als er das Podium nur durch die Kollision mit einem Fischereifahrzeug in der letzten Nacht verpasste, oder auch als weniger glücklicher Skipper wie bei seiner zweiten Vendée Globe, von der er als Zwölfter zurückkehrte, obwohl er mehr wollte: Boris Herrmann bleibt Deutschlands Segler Nummer eins wie ein Fels in der Brandung.
Gerade erst war der auch bei den großen deutschen Talkshows beliebte Interviewpartner zu Gast bei 3nach9, der “Mutter aller Talkshows”. Dort beschrieb er die Vendée Globe als “Abenteuer ohne doppelten Boden”, für die man nicht bezahlen könne, um daran teilzunehmen. Das Rennen seines Lebens fasziniert Herrmann seit seiner Jugend. Er könne sich sogar noch mehrere Teilnahmen vorstellen, hatte er am Ende seiner zweiten Solorunde um die Welt gesagt.
Das nimmt man dem Mann ab, den die Eltern schon als Säugling zu Wochenendausflügen auf die Nordsee mitgenommen hatten. Er sagt, er sei in seinen Sport in der Kindheit und Jugend “reingewachsen”. Irgendwann war der Traum, die Vendée Globe zu segeln, dazugekommen: “Ich wollte die Faszination dieses schwierigsten Segelrennens unbedingt mal erleben.”
Bei 3nach9 sagte Boris Herrmann auch: “Jetzt ist das Thema immer noch nicht abgehakt, weil es nicht nur darum geht, es einmal zu schaffen, sondern auch… Das ist ja auch ein Wettkampf, ein Wettrennen. Mit großem Ehrgeiz wollen wir da auch vorne mit dabei sein.” Herrmann ist ehrgeiziger, als es mitunter den Anschein haben mag. Er will bei der Vendée Globe aufs Podium. Und im Idealfall The Ocean Race 2027 gewinnen.
Der Ehrgeiz war schon vor zehn Jahren groß. Da war er kurz zuvor im November 2015 mit Francis Joyon und seiner “Idec Sport”-Crew zu einem Jules-Verne-Rekordversuch gestartet. Die Bestmarke verfehlte das Team damals mit der drittschnellsten Zeit in der Segelsportgeschichte knapp. Boris Herrmann erinnert sich, dass er sich schon während der Rekordjagd mit Malizia-Teammitgründer Pierre Casiraghi darüber ausgetauscht habe, welches Projekt sie als nächstes angehen könnten.
Er erzählt: “Wir hatten überlegt, ob wir einen alten gebrauchten Orma in Gang setzen oder mit der A-Class was machen. Die Extreme Sailing hatten wir verworfen, weil ich dachte, dass diese Show-Rennen für Pierre als Owner-Driver nicht so ein großer Spaß sein würden. Wir hatten auch überlegt, eine TP52 zu chartern. Wir wollten auch immer ein Doublehandrennen machen, vielleicht die Giraglia mal zu zweit segeln.”
Lebendig erinnert sich Boris Herrmann noch an das dann folgende Telefonat mit Pierre Casiraghi nach dem Jules-Verne-Versuch. “Ich weiß es noch genau: Ich saß in Hamburg in der Schanze in einem Café. Er rief mich an und sagte: ‘Kannst du heute nach Monaco kommen?’ Typisch Piere. Moment, ich schaue. Der nächste Flug geht in zwei Stunden. Okay, ich komme.” Tatsächlich flog Boris Herrmann einen Tag später nach Monaco.
Dort überraschte Pierre Casiraghi seinen deutschen Segelweggefährten zunächst mit einem Ausflug an der Seite “eines jungen blonden Typs”. Boris Herrmann stellte sich vor, erzählte, was er machte. Sein Gegenüber nickte anerkennend. Unauffällig machte Herrmann dann ein Foto von sich und dem Gesprächspartner, schickte es nach Hause zu seiner Frau und fragte: “Schau’ mal, mit wem ich unterwegs bin. Wer ist das?” Birte Lorenzen-Herrmanns Antwort kam prompt: “Das ist Nico Rosberg.”
Mit dem finnischen Formel-1-Fahrer und Pierre Casiraghi ging es zunächst auf die Kartbahn, auf der Nico Rosberg trainierte. “Als Trainingsbuddy war Pierre mit auf der Strecke. Die beiden donnerten da mit Racing-Karts über die Strecke, ich stand am Rand, schaute zu und sprach mit den Technikern. Danach sind wir noch zusammen auf die Touristenkartbahn nebenan gegangen, wo es Autoscooter-mäßig über die Bahn ging. Wir haben zu zweit versucht, Nico abzudrängen, aber der hat uns natürlich total ausgelenkt”, erzählt Boris Herrmann.
Der Kart-Spaß war die heitere Ouvertüre zu einem denkwürdigen Tag im Februar 2016. Denn direkt danach ging es zum Gespräch in den Yacht Club de Monaco. In Herrmanns Erinnerung sagte Piere Casiraghi einfach nur: “So, jetzt haben wir ein Meeting mit Bernard und Isabelle.” Herrmann wusste damals noch nicht, dass es sich dabei um des Yacht-Clubs Geschäftsführer Bernard D’Alessandri und Marketing- und Kommunikationschefin Isabelle Andrieux handelte.
Zu viert saßen sie am Tisch. Pierre Casiraghi kündigte den Kauf eines GC32-Rennkatamarans an, der Yacht-Club übernahm die laufenden Kosten und die Pressearbeit. “Und du, Boris, du musst das managen”, hielt Casiraghi noch kurz fest, bevor er diesen Satz sagte: “Es heißt Malizia.” So spontan und entschlossen hatte die Geschichte von Team Malizia vor einem Jahrzehnt begonnen.
Das neue Segelprojekt von Boris Herrmann erlebte die Taufe seines werftneuen GC32-Katamarans am 16. Mai 2016 am Gardasee. Beim den Einsätzen in der Serie bildeten neben Casiraghi und Herrmann der französische America’s-Cup-Steuermann Seb Col und die britischen Mehrrumpfspezialisten Richard Mason und Adam Piggott die Crew. Bei der Premiere erreichte Team Malizia Platz acht. Die Serie bestritten sie zwei Saisons lang. “Daran habe ich schöne Erinnerungen”, sagte Boris Herrmann heute.
Pierre Casiraghi wusste von Beginn der Freundschaft an, dass Boris Herrmann für die Zukunft die Vendée Globe im Visier hatte. 2015 schon hatte der Sohn von Caroline von Monaco eine Kieler Woche besucht und in Interviews gesagt: “Boris hat diesen Traum und ich würde das gerne unterstützen, wenn ich kann.” Er tat es.
Der Anfang der Malizia-Teamgründung mit einer professionellen Struktur war mit der GC32-Kampagne ein Jahr später gemacht. “Zumal der Yacht Club de Monaco dann auch erster Partner im Imoca-Projekt geworden ist”, zeichnet Boris Herrmann die Entwicklung nach. Seine erste gebrauchte Imoca, die ehemalige “Gitana 16”, bekam er im März 2017 in Lorient. Die erhielt damals noch ein Upgrade mit den Foils von Isabelle Joschke.
Die Geschichte, die dann 2020/2021 bei Boris Herrmanns erster Vendée Globe folgte, kennt jeder Segel- und Herrmann-Fan. Mitten in der Corona-Pandemie servierte Deutschlands historisch erster Vendée-Globe-Teilnehmer dem rasant wachsendem Publikum ein aufregendes neues Abenteuer. In unzähligen Presseberichten oder auch im Herrmann-Buch “Nonstop” ist das dramatische Ende nachzulesen, bei dem die Kollision mit einem Fischereifahrzeig in der letzten Nacht vor der Ankunft den Podiumsplatz kostete.
Sein Bekanntheitsgrad wuchs in dieser Zeit sprunghaft. In der Retrospektive ist es Boris Herrmann aber auch wichtig, die zwei Jahrzehnte vor der Malizia-Teamgründung nicht zu vergessen: “Die 20 Jahre vorher mit der Umtriebigkeit, dem vielen Segeln, den beständigen Versuchen, hier und da kleine Sponsoren zu finden, das war auch alles ein wichtiger Bestandteil dessen, was dann folgte.”
Ein Freund, Dirk Mennewisch, habe ihm einmal einen Spruch gesagt, den Boris Herrmann gerne zitiert: “Es dauert 20 Jahre harte Arbeit, um einen Über-Nacht-Erfolg zu kreieren.” Bei der Gründung von Team Malizia war Boris Herrmann 34 Jahre alt. Zehn Jahre später kann er heute in nicht leichter gewordenen Sponsoring-Landschaften auf eine blühende Teamgeschichte zurückblicken.
“Zum Beispiel ist unser Forschungsschiff ‘Explorer’ so ein bisschen wie ein Über-Nacht-Erfolg. Wir haben das Schiff gekauft, es ging los, super gut. Tolle Presseresonanz, das ZDF an Bord. Eine Doku. Und jetzt entsteht ein Buch. Das ist toll, wäre aber auch ohne dieses Netzwerk und die 20 mühseligen Jahre vorher, in denen alles ganz langsam voranging, nicht so”, weiß Boris Herrmann. Auch erinnert er sich daran, dass seine erste Imoca-Kampagne anfangs “total unterfinanziert” war.
Pierre Casiraghi sei dafür kein Sponsor gewesen, der Yacht Club de Monaco habe sich um die laufenden Kosten gekümmert. In einer Ergänzung zum GC32-Vertrag gab es noch den Zusatz, dass der Yacht Club auch die Charter und die Versicherung für die Imoca übernehmen würde.
“Damit hatten wir das Boot, aber kein laufendes Budget. Mein Gehalt war über die GC-Kampagne bezahlt. Davon konnte ich mir ein Auto leisten, in dem ich dann hier am Strand von Kernevel in Larmor-Plage gewohnt habe. Da ist ja auch die Crêperie Boo’t A Boo, in der ich jeden Abend gegessen habe. Deswegen gibt es da jetzt einen Boris-Herrmann-Crêpe. Das war mein Wohnzimmer”, erzählt Boris Herrmann im Gespräch am Malizia-Biertisch, einem Original aus dem Gründungsjahr.
Zwei dieser zuverlässigen Teambegleiter steht mitsamt Bänken auf ein paar schmalen Holzplanken auf dem Dach von Team Malizias Hauptquartier in Lorient. Von dort fällt der Blick auf die Docks von La Base und ein Stück Hafen. Für Boris Herrmann steckt er voller Erinnerungen. Man kann hier oben gut mit ihm über Team Malizias Geschichte und den eigenen Werdegang sprechen. Seine Hündin Lilly hat sich ein paar Meter weiter indessen so clever auf dem flachen schwarzen Dach positioniert, dass nur ihr Kopf bei frischen Frühlingstemperaturen in der bretonischen Sonne liegt, der Körper im Schatten.

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