10 Jahre MaliziaDer Imoca-Aufbruch und die ersten Förderer – Teil 2

Tatjana Pokorny

 · 29.03.2026

Die Boote von Team Malizia seit der Teamgründung 2016.
Foto: Montage/Team Malizia
​2017 bekam Boris Herrmann ein Jahr nach der Gründung von Team Malizia seine erste gebrauchte Imoca. Aus der vormaligen „Gitana 16“ wurde „Malizia 2“ mit der Segelnummer MON 10. Sie beflügelte ihn bei seiner Vendée-Globe-Premiere, auch wenn der Aufbruch kein leichter war.

​Wie wurde Team Malizia, was es heute ist: Deutschlands bekanntester Segelrennstall mit internationaler Strahlkraft. Der Blick zurück zu den Anfängen zeigt, dass auch Boris Herrmann nichts in den Schoss fiel. Seine erste Imoca, die mit ihm bei der Vendée-Globe-Premiere berühmt wurde, war ein vom Gitana-Rennstall gebautes VPLP-Verdier-Design. Im August 2015 vom Stapel gelaufen, übernahm das sich gerade erst im Aufbau befindliche Herrmann-Team das Boot im März 2017 in Lorient.

„Unser Projekt war damals erstmal total unterfinanziert. Pierre (Red.: Teamgründer Pierre Casiraghi) war ja nie Sponsor oder Finanzier. Der Yacht Club de Monaco war Sponsor unseres GC32-Projekts, der laufenden Kosten. Dann gab es eine Erweiterung zum GC32-Vertrag: Ja, wir finanzieren jetzt auch noch die Charter und die Versicherung für die Imoca“, erinnert sich Boris Herrmann an die Anfänge.

Ein Jahr nach der Teamgründung folgte der Imoca-Aufbruch

Als er die Ex-”Gitana 16” im Frühjahr 2017 bekam, „hatten wir das Boot, aber null laufendes Budget“. Auf Basis eines „minimalen Overheads“ vom GC-Projekt, das Boris Herrmanns Gehalt trug, ging es los. „Ich musste also mich schon einmal nicht bezahlen. Ein Auto konnte ich mir davon leisten. Das waren schon einmal 50 Prozent der Kampagne: Ich und ein Auto“, erinnert sich Boris Herrmann an das wichtige zweite Jahr in der Teamgeschichte, die 2016 zunächst mit dem zwei Jahre währenden GC32-Projekt an der Seite von Pierre Casiraghi begonnen hatte.

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In seinem Auto wohnte Boris Herrmann 2017 am Strand von Kernevel. Die Crêperie Boo’t A Boo wurde sein Wohnzimmer. Der Boris-Herrmann-Crêpe mit Speck, Champignons und Eifüllung, den sie ihm dort gewidmet haben, steht immer noch auf der Karte. Herrmann lernte in dieser Zeit auch den aktuellen Imoca-Präsidenten Antoine Mermod kennen und schätzen. „Der hatte damals noch eine andere Rolle, war aber irgendwie schon ein cleverer Typ mit Überblick. Ich finde den ganz toll. Der hatte eine Vision und hält sich nicht so an den kleinen Dingen auf“, sagt Herrmann.

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Seine Gedanken schweifen im Gespräch zurück zur Aufbruchszeit mit „Malizia 2“: „Wir waren mit dem Boot im Bâtiment Défi (Red.: heute Maison des Skippers) und Antoine hat mir ein bisschen geholfen. Ihn konnte ich fragen: Wann muss ich meine Kielhydraulik mal warten? Was muss ich sonst machen?“ Mermod beriet Boris Herrmann. Und der wollte von ihm auch wissen, wen er nun als erstes Teammitglied holen könnte. Denn: Noch war Boris Herrmann in seinem neuen Imoca-Projekt alleine.

Mit einer Gitana-Imoca in die Malizia-Zukunft

Herrmann beschreibt die Übernahme der Gitana-Imoca heute so: „Gitana hat uns das Boot ins Wasser gesetzt. Der Kaufvertrag besagte: einmal Probesegeln in deren Regie, dann war das Boot am Steg meins. Die haben alles geregelt mit Reinsetzen, Segelsetzen, einmal Probesegeln. Damals war Seb Josse noch dabei. Dann lag es am Steg. Matze Steiner und Albert Schweizer (Red.: langjährige Wegbegleiter von Boris Herrmann) waren da. Wir haben am Steg mit Sekt angestoßen. Das war dann die Taufe unter vielleicht vier, fünf Freunden. Dann war ich alleine mit meinem Boot.“

Um am nächsten Tag überhaupt segeln gehen zu können, schrieb Boris Herrmann in die Imoca-WhatApp-Gruppe: „Wer möchte mal wieder mit der alten ‚Gitana‘ segeln gehen?“ Seine Hoffnung auf neugierige Mitstreiter hatte einen guten Grund, sagt Herrmann: “Das Boot war vorher immer total geheimgehalten worden. Team Gitana hatte Vorhänge gemacht, so dass man nicht reinschauen konnte.“

Herrmann erinnert sich noch gut: “Als erster Imoca-Skipper erschien am nächsten Tag Conrad Colman. Mit Armand de Jacquelot, der jetzt bei Antoine Koch unser neues Boot mitdesignt. Am zweiten Tag kamen dann Charlie Dalin und Seb Col.“ Charlie Dalin, weiß Herrmann, „war damals noch Figaro-Segler. Herrmann wunderte sich: „Was ist das für ein Typ? Der will die ganze Zeit steuern. Und Seb Col hat Charlie die ganze Zeit gemanagt. Alan Gautier habe ich immer gefragt, ob er mit seinem Schluchboot kurz beim Ab- und Anlegen helfen kann.”

Wir hatten einfach nichts.“ Boris Herrmann

Mit dem Kauf hatten hatte das Einmannteam Malizia noch die Festmacher bekommen. Einen alten Container hatte Boris Herrmann von den Leuten in seinem Hamburger Gym gekauft, die auch mit Containern handelten. “Unserer war völlig verrostet und auch nicht ganz wasserdicht. Der stand dann hier im Hafen in Lorient. Da haben wir unsere Sachen drin gelagert. Wir hatten einfach kein Budget.“

Wir haben bei Aldi Saucen gekauft, an Bord gekocht und ich habe im Bulli gepennt.“ Boris Herrmann

Zwischendurch half zwar in den Anfängen mit „Malizia 2“ der eine oder andere GC32-Kollege, doch war Boris Herrmann klar, dass er beständigere Unterstützung brauchen würde. „Antoine empfahl mir Milena, seine Riggerin auf ‚No way back‘. Das Projekt hatte er zu der Zeit gemanagt. Ich habe Milena angerufen. Sie war dann zwei Jahre unser Boat Captain. Sie hat die Rollen einer Projektmanagerin, eines Boat Captains, einer Überführungsskipperin und viele mehr ausgefüllt.“

Boris Herrmann hat die zupackende Unterstützung noch heute beeindruckt vor Augen: “Milena war damals erst Mitte Zwanzig. Sie hat die Kielhydraulik ausgebaut und nach La Rochelle gebracht. Sie hat das alles allein gemacht. Sie hat nie gesagt: ‚Nee, kann ich nicht’. Sie hat immer gesagt: ‘Ja, mache ich.‘ Bei Fragen hat sie einfach jemanden angerufen.”

Das Malizia-Mini-Team wächst über sich hinaus

Diesem Anfang wohnte trotz vieler Hürden auch ein Zauber inne, der Boris Herrmann unvergessen geblieben ist: “Es war unglaublich, wie wir damals erst einmal zu zweit diese ‚Gitana‘ betrieben haben (lacht), um die vorher mindestens zwölf Leute und zwei Schlauboote drum herum scharwenzelt sind. Die hatten mir auch gesagt, es sei ganz komplex, ich bräuchte eine richtige Struktur, einen technischen Direktor und ganz viele Leute.“

Die reale Situation damals beschreibt Boris Herrmann heute so: „Wir haben das elaborierteste Boot vom tollsten Segelteam bekommen. Das war nach drei Jahren Gitana so toll auf den Punkt perfektioniert, dass es einfach zuverlässig eineinhalb Jahre ohne Probleme funktionierte. Wir konnten es einfach ohne Riesenteam nutzen. Ich bin mit den alten Segeln noch die Route du Rhum gesegelt.”

Boris Herrmann betrachtete „Malizia 2“ als „mein Leben und mein Zuhause“. In seinem Buch „Nonstop“ erzählte er damals: „Ich habe Angst, dass ihr etwas passieren könnte und finde Frieden tatsächlich nur, wenn ich an Bord bin.“ Er empfindet es als Privileg, dieses Boot segeln zu dürfen, auch wenn es am Anfang „wild zusammengestrickt“ war.

Die Malizia-Förderer in der Aufbruchszeit

Wichtig in diesen ersten Jahren, so Boris Herrmann, sei auch der Hamburger Geschäftsmann Claus Löwe gewesen. Mit dem Förderer bestritt Herrmann die Atlantic Anniversary Regatta auf „Malizia“. Das Rennen führte 2018 von Bermuda nach Hamburg. Löwe übertrug Herrmann das Management für die Regatta, kam selbst mit befreundeten Regattaseglern aus seiner Crew dazu und unterstützte die Malizia-Kampagne.

Nach Pierre Casiraghi war Claus Löwe für Boris Herrmann ein weiterer wichtiger „Stepping Stone“, ein Förderer auf Kurs Zukunft. „Und dann war da noch Gerhard Senft“, sagt Boris Herrmann über Team Malizias Entwicklungszeit. Der Stuttgarter Immobilienunternehmer Gerhard Senft, den Boris Herrmann über Wegbegleiter und Ratgeber Arno Kronenberg kennenlernte, der zuletzt auch das Forschungsschiff “Malizia Explorer” entdeckt hatte, hatte mitentscheidendenden Anteil an der Teamentwicklung.

Auf Gerhard Senfts CNB 76 hatte Boris Herrmann 2016 den CNB Owner’s Cup vor Sardinien bestritten. Am letzten Sonntag der Regatta – diese Story hat Herrmann auch gerade noch einmal Loïck Peyron bei einem zufälligen gemeinsamen Flug erzählt – schaute noch einmal der CNB-Regattadirektor bei allen Teilnehmern am Steg vorbei. Auch ins Senft-Boot steckt er seinen Kopf und rief: „Ah, Boris, du musst unbedingt die Vendée Globe segeln!“

Wie sich das Malizia-Imoca-Puzzle zusammenfügte

Da sagte Gerhard Senft zu Boris Herrman: „Was ist das Vendée Globe und wieso sagt er, dass du das segeln sollst? Wieso kennt der dich und was hast du da vor?“ Herrmann erklärte Senft das Rennen, die Boote, erzählt von beteiligten Rennställen, Eignern und Investoren-Modellen. Gerhard Senft ist interessiert, sagt: „Schick‘ mir Montag mal Informationen in mein Büro.“ Noch am Montagabend antworte Senft Boris Herrmann etwa so: „Du musst mir mal so ein Boot zeigen, wir müssen mal die Details besprechen, aber im Grundsatz: Ja, können wir machen.“

„Das war er wieder“, sagt Boris Herrmann in der Retrospektive, „dieser Über-Nacht-Erfolg, der aber eigentlich 20 Jahre Vorgeschichte hat. Wo die Zufälle doch auf fruchtbaren Boden fallen, und alles ineinandergreift.“ Im Sommer 2016 wurden so die Weichen gestellt. „Wir sind nach Lorient und haben mit ‚Pifou‘ (Red.: Team Malizias Technikdirektor Pierre Francois Marie Dargnies) auf ‚Maître Coq‘ gesegelt, damit Gerhard Senft einmal eine Imoca erleben kann.“

Gemeinsam schauten sie sich auch den Vendée-Globe-Start im Herbst 2016 an. „Dann kam alles zusammen: Ein Claus Löwe, der ein bisschen beim Budget half. Pierre, der mit Gerhard den Handschlag machte: Wir zahlen Charter und Versicherung. Christoph Enge, der sagte, wir machen die Versicherung. Und Gerhard Senft, der die Bank war. So kam die Konstellation der Planeten, so kam das Puzzle zusammen.“

Mit Hausmitteln, aber ohne Chichi auf Kurs Vendée-Globe-Premiere

Es folgten vier Jahre, „in denen wir sehr viel gesegelt sind“, erzählt Boris Herrmann. „Jedes Jahr zwei Transats. Wir sind von allen Teams am meisten gesegelt und haben das Boot während der Covid-Pandemie mit Stu (Red.: Boat Captain Stu Maclachlan) umgebaut. Da war Stu federführend. Da haben wir total den Malizia-Spirit walten lassen. Wir haben die Sachen mit wenigen Hausmitteln und ohne Chichi auf den Punkt umgesetzt.“

Das geschah in den Jahren 2019/2020 bis zum Start in Boris Herrmanns legendäre Vendée-Globe-Premiere. Aktiv war dabei auch das Unternehmen Schütz als technishcer Partner. 2018 war zuvor die heutige Teamdirektorin Holly Cova an Bord gekommen. Die Freundin eines Freundes, studierte Juristin aus Großbritannien, war nach Hamburg gekommen, um einen Job bei einem Start-up zu finden. Sie startete als Assistentin bei Team Malizia durch, erwies sich aber schnell als kluger Kopf.

„Sie ist alles mit Pragmatismus und ohne große Schnörkel angegangen. Sie hat sich nicht lange mit großen Präsentationen aufgehalten, sondern einfach die Leute angerufen. Wir merkten alle, dass es mit ihr richtig gut läuft. Dann ist sie geblieben”, erzählt Boris Herrmann. Das gilt bis heute.

Die Serie “10 Jahre Malizia” setzen wir in loser Reihenfolge mit verschiedenen Schwerpunkten fort.

​Ein Zeitsprung in Team Malizias und Boris Herrmanns aktuelle Welt – in Episode 3 der Serie „Born to race“ drehte sich in dieser Woche zehn Jahre nach der Teamgründung alles um Foils und die neue “Malizia 4”, die Ende Juni vom Stapel laufen soll:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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