In den Köpfen der Segler sind die Erinnerungen an den Fly-by am Tag nach dem Kieler Gipfel am Freitag noch sehr lebendig. “Guyot”-Skipper Robert Stanjek erzählt am Morgen nach dem deutschen Ocean-Race-Gipfel, wie sehr ihn und sein Team das Heimspiel beeindruckt hat: “Was war denn da gestern los? Das war ja wirklich der blanke Wahnsinn. Auch an Land, wenn mal Zeit zum Rauszuschauen war, hat man ja so viele Leute gesehen. Also wirklich der Wahnsinn, sehr, sehr beeindruckend und berührend.”
Da reinzufoilen und die Bootsmuskeln spielen zu lassen, das war ein Traum” (Robert Stanjek)
Stanjek verglich das Erlebte auch mit anderen Etappenstopps im Ocean Race und sagte: “Ich glaube, dass es keine andere gastgebende Stadt mit so einem Enthusiasmus gelebt hat. Das war wirklich krass und hat wohl alle beeindruckt. Das hat keiner so erwartet. Das ist das i-Tüpelfchen auf so einer Regatta, wenn man einmal um die Welt jagt: dann einmal so durch die Heimat zu fahren. Und die Windrichtung passte auch. Dazu die Windstärke. Dann da reinfoilen und einmal die Bootsmuskeln spielen lassen. Das war ein Traum. Auch das Wetter. Wir waren alle sehr, sehr geflasht.”
Weniger glücklich agieren die gestern noch stürmisch gefeierten deutschen Segler in der laufenden sechsten Etappe. “Wir hatten leider eine nicht ganz so eine gute Nacht. Aber wir hängen noch drin und kämpfen. Unsere erwartete Ankunftszeit in Den Haag ist Sonntagabend”, vermeldete Stanjek. Das weniger schöne Gefühl des Hinterhersegelns teilt der “Guyot”-Co-Skipper aktuell mit Team Biotherm und Team Malizia. Das Verfolger-Trio ist mit rund 50 bis 70 Seemeilen Rückstand hinter die Spitzenreiter vom Team 11th Hour Racing zurückgefallen.
Am frühen Samstagnachmittag rangen die Crews auf “Biotherm”, “Malizia – Seaexplorer” und “Guyot” auf den Rängen drei, vier und fünf nördlich der Jammerbucht um Anschluss, während 11th Hour Racing vorn bei nur noch gut 300 Seemeilen bis nach Den Haag Tempo machte. Neben den offensichtlich starken wieder eingebauten Originalfoils, dem nach zwei Erfolgen in Serie gewachsenem Selbstbewusstsein und Neuzugang Franck Cammas führt das US-Team auch ein gelungenes sportpsychologisches Coaching als einen Grund für die jüngsten Erfolge im Ocean Race an.
Charlie Enright und sein Team haben die niederländische Sportpsychologin Anje Marijcke van Boxtel für den Erfolg im Ocean Race angeheuert. “Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Vorstandsteams und Führungskräfte in großen Unternehmen zu coachen”, erklärt sie. Dann wagte sie den Sprung in die Welt des professionellen Segelns.
Ihr seid fürs Segeln verantwortlich, ich für die mentalen Prozesse” (Anje Marijcke van Boxtel)
Ocean-Race-Rekordteilnehmer Bouwe Bekking nahm vor dem Start des Volvo Ocean Race bereits im Jahr 2014 Kontakt zu seiner Landsfrau auf. “Bouwe ist natürlich ein sehr erfahrener Skipper, aber er hatte damals Bedenken, wie er die unter 30-jährigen Crew-Mitglieder, die nach den Regeln Teil des Teams sein mussten, auswählen und mit ihnen kommunizieren sollte. Er bat mich um Rat, wie er den Prozess gestalten sollte”, erzählt Anje Marijcke van Boxtel.
“Als ich anfing, sagte ich zu Bouwe und der Crew: ‘Ihr seid für das Segeln verantwortlich, ich bin nur für die mentalen Prozesse zuständig.’ Aber ich habe mir die Zeit genommen zu beobachten, wie die Segler auf dem Boot arbeiten. Das muss man, um zu sehen, wie sie kommunizieren, wo sie feststecken, wo sie zusammenarbeiten, wo ihre Ängste und wo die Chancen liegen. In der Vorstandsetage ist es das Gleiche, der Prozess beginnt mit der Beobachtung.”
Mit ihrer Arbeit zog Anje Marijcke van Boxtel seitdem die Aufmerksamkeit mehrerer anderer Teams auf sich. Ihre Arbeit führte sie im 14. Ocean Race zum Team 11th Hour Racing. Hier wirkt sie mit zunehmender Ocean-Race-Erfahrung als Mental-Coach und in weiteren Funktionen.
Ein Beispiel aus ihrer Arbeitspraxis: “Wir hatten eine Situation in Brasilien, in der wir einen neuen Segler in unserer Crew hatten. Einen sehr netten und respektvollen Kerl. Ich bat ihn, SiFi (Red.: Navigator Simon Fisher) eine Menge Fragen zu stellen. Es sei mir egal, wie dumm sie sind, sagte ich, aber SiFi liebt es, mit Fragen gefordert zu werden werden, denn dann wird sein Gehirn herausgefordert und arbeitet auf einem höheren Niveau. SiFi hat eine Wachstumsmentalität, er will lernen und sich entwickeln, er liebt es. Aber der Typ, den ich gebeten hatte, ist explodiert und sagte, ich sei nicht in der Position, SiFi infrage zu stellen.”
Schlechte Ergebnisse schaffen Dringlichkeit und Raum für Veränderungen” (Anje Marijcke van Boxtel)
Van Boxtel stellte klar, worum es wirklich ging: “Ich sage nicht, dass du ihn infrage stellen sollst. Aber stelle ihm Fragen, kitzle sein Gehirn, hilf ihm, auf einem höheren Niveau zu arbeiten.” Nach einem “Turnaround” mit Bouwe Bekkings Team im letzten Rennen gelang van Boxtel im Zusammenspiel mit 11th Hour Racing Vergleichbares: “Als wir in Brasilien ankamen, war der Anblick des Klassements nicht so gut, wie wir es erwartet hatten. Und in solchen Momenten hat man als Mentaltrainer metaphorisch und buchstäblich viel mehr Raum, um mit dem Team zu arbeiten.”
Anje Marijcke van Boxtel erklärt, warum das so ist und wie ein Team wieder aus dem Tief kommen kann: “Schlechte Ergebnisse schaffen Dringlichkeit, und genau das macht uns bereit, aus unserer Komfortzone herauszutreten. Manchmal ist es so einfach, wie uns daran zu erinnern, dass wir in großen Dimensionen oder außerhalb der normalen Grenzen denken müssen, weil wir nichts mehr zu verlieren haben. Wenn man früh mit einem Team anfängt und die Leute einem vertrauen, kann man seine Komfortzone erweitern. Das haben wir getan. Aber um wirklich einen großen, mutigen Schritt aus der Komfortzone heraus zu wagen, braucht es immer Dringlichkeit.”
Jetzt ist es an der Zeit, Druck, Druck und nochmals Druck zu machen” (Charlie Enright)
Letztere war für die Vorstartfavoriten angesichts einiger Rückschlage und den aus ihrer Sicht unbefriedigenden Platz drei im Klassement gegeben. Auf dieser Basis und mit weiteren Faktoren gelang der gemeinsame Wechsel in den Angriffsmodus.
So sieht es auch Skipper Charlie Enright: “Die Frage ist, wie viel Risiko sind wir bereit einzugehen? Alle wissen, wie viele Probleme wir auf Etappe drei hatten, wie viele technische Schwierigkeiten. Was bedeutete, dass wir nicht in der Lage waren, das Rennen so zu fahren, wie wir es wollten. Die vierte Etappe hat gezeigt, dass wir in der Lage sind, unsere Leistung zu erbringen, und dass wir in Bezug auf die Zuverlässigkeit auf dem richtigen Weg sind. Jetzt ist es an der Zeit, Druck, Druck und noch mal Druck zu machen.”
Diesen Vorsatz setzt das Team 11th Hour Racing aktuell entschlossen um. Dass dazu auch ein sehr schnelles Boot und eine fehlerarm agierende Crew gehören, versteht sich im wichtigsten Mannschaftsrennen um die Welt von selbst. Charlie Enrights Motto: “Wir haben immer gesagt, dass wir das Team sein wollen, das dieses Rennen am stärksten beendet. Wir hatten nicht den beeindruckendsten Start, aber wenn man sieht, wo wir jetzt stehen, fühlt es sich gut an.” Einen Tag vor dem Etappenfinale in Den Haag hält dieser Zustand an Bord von 11th Hour Racings “Malamā” an.

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