SailGPStrategin Anna Barth – “Ich würde es immer wieder so machen”

Tatjana Pokorny

 · 11.08.2026

Arbeiten oft im Doppelpass, auch wenn Anna Barth hier in eher leichten Bedingungen am Grinder ackert: Steuermann Erik Kosegarten-Heil und seine Hamburger Strategin.
Foto: Jason Ludlow for SailGP
​Anna Barth ist seit drei Jahren Profiseglerin im SailGP. Am 22. und 23. August tritt sie zum zweiten Mal nach der Premiere 2025 zum Heimspiel in Sassnitz ein. In Teil zwei des Interviews reflektiert die Kiel lebende Hamburgerin die eigene Karriere, die doppelte Herausforderung in der SailGP- und der olympischen Arena und den Ligasport. Dazu gibt es eine Liebeserklärung an die Sassnitz-Fans.

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​Als Strategin im Team Germany ist Anna Barth mit 21 Jahren eine der Jüngsten unter allen Athleten in der Segel-Formel 1 der weltbesten Akteure. Trotzdem ist sie schon weit gekommen – im F50-Rennsport wie auch im olympischen Segelsport, wo sie als Perspektivkaderseglerin unter dem Dach des Deutschen Segler-Verbandes mit ihrer noch jüngeren, erst 18 Jahre alten Vorschoterin Emma Kohlhoff am Aufstieg im olympischen Frauen-Skiff 49erFX arbeitet.

Die Schwester des Nacra-Olympia-Dritten Paul Kohlhoff macht erst im kommenden Frühjahr ihr Abitur. Das olympische Skiffsegeln hat Anna Barth mit SailGP-Fahrer Erik Kosegarten-Heil gemeinsam. Der Mitgründer des deutschen SailGP-Rennstalls gewann im 49er 2016 in Rio de Janeiro und 2021 in Enoshima zwei olympische Bronzemedaillen. Im zweiten Teil des Interviews – zu Teil eins geht es hier –  spricht Anna Barth über ihre Segelherausforderungen, die Frauen im SailGP, die Ligaentwicklung und das Fanbeben in Sassnitz.

SailGP und Olympia: eine Athletin, zwei Welten

Anna, bist du gerade an einem glücklichen Punkt in deinem Leben?

Ja, jetzt gerade in der europäischen SailGP-Phase sehr. Vorher war es manchmal ganz schön viel in den letzten Monaten mit der US-Tour mit Bermuda, New York und Halifax. Dazu Rio. Das war viermal hin und her über den Atlantik und fast immer ging es im Anschluss direkt zum 49erFX-Segeln. Es war ziemlich krass.

Beide deiner Segelsportarenen – SailGP und Olympia – reizen Dich nach wie vor stark?

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Ja. Es ist auch viel Entwicklung auf beiden Seiten. Im SailGP kommt jetzt mit den Trainings im neuen Langzeittrainingszentrum in Pensacola eine Riesenchance. Das ist total reizvoll. Aber auf der anderen Seite nehmen die Reisen, die Zeitverschiebungen im SailGP nächstes Jahr weiter zu. Man muss sehen, wie es weiter gut zusammenpasst. Aber ich habe schon jetzt mega viel gelernt und schon so viel mitgenommen. Bis hierhin würde ich sagen: Ich würde es immer wieder genauso machen. Mit Emmas Abi im kommenden Jahr sind wir auch erstmal noch etwas gebundener.

Wie sehen deine Überlegungen für die Zeit danach aus?

Das ist nicht leicht zu sagen. Ich habe den SailGP und das olympische Segeln. Es ist total gut, dass ich im SailGP schon so drin bin. Gleichzeitig möchte ich den olympischen Weg verfolgen und da auch erfolgreich sein. Wenn ich mir eine Georgia Lewin-LaFrance ansehe, die auch im kanadischen SailGP-Team war und sich dann erst einmal für das olympische 49erFX-Segeln entschieden hat und da jetzt ein paar Medaillen sammelt… Wenn die zurückkommt, stehen ihr wahrscheinlich alle Türen offen, auch solche, wo sie sich in andere Rollen reinentwickeln kann. Ich bin noch nicht entschieden. Ich glaube, ich könnte nicht dauerhaft nur olympisch segeln. Ich glaube, da würde ich mich total ausbrennen. Doch ich hänge schon sehr am olympischen Skiffsegeln. Aber eben auch am deutschen SailGP-Team hier.

Anna Barths Segelkarriere: von Opti und 29er ins olympische Skiff und zum Rennsport

Antonia und Georgia Lewin-LaFrance sind ein interessantes Beispiel. Sie werden von Thomas Berg gecoacht, der einst auch Trainer von Erik Kosegarten-Heil und Thomas Plößel war, als die 2016 die erste ihrer zwei olympischen Bronzemedaillen in Rio de Janeiro gewonnen haben…

Thomas war auch ein bisschen der, der meine Karriere mit in die Wege geleitet hat. Der hatte sich nach 2016 entschieden, hier in Schleswig-Holstein in den Landesverband zu gehen und es mit Familie und Kids erst einmal etwas ruhiger anzugehen. Da hatte er mit den Opti-Kids angefangen. Zu der Zeit bin ich noch Opti gesegelt. Da war ich ihm schon aufgefallen. Dann bin ich in den 29er gegangen und nach Kiel gewechselt, weil es in Hamburg damals keine Strukturen für den 29er gab. Dadurch konnte er mich hier in Schleswig-Holstein in den Kader holen. Er hat mich dann ein paar Jahre trainiert und später auch den Übergang von 29er in den 49erFX begleitet.

Ich glaube, ohne Thomas wäre ich nicht da, wo ich heute bin.” Anna Barth

… als Profiseglerin beim Aufstieg im SailGP und im olympischen Segelsport…

Ja. Aber es ist schon auch noch einmal eine ziemlich große Entscheidung, wirklich 100 Prozent den Weg der Profiseglerin weiterzugehen. Weil das eben ein bestimmter Lebensstil ist, der sich auch nicht mehr stark verändern wird und am Ende auf die Coachbankoder ähnliches führt. Das zählt auch dazu. Da finde ich es bei Erik sehr faszinierend, dass er mit der Medizin ein zweites Standbein hat. Das ist für die mentale Freiheit gut. Es gibt aber andere, denen das nicht so zusagt. Die sind dann besser dran, sich hundertprozentig auf den Sport zu fokussieren. Ich kann mir für mich auch vorstellen, noch einmal zu studieren. Ich habe seit drei Jahren einen Medizinstudienplatz, den ich aber auf Eis gelegt habe. Ich habe noch etwas Zeit, mich da zu entscheiden.

Mit Victoria Schultheis hast Du seit diesem Jahr im Germany SailGPTeam eine zweite Seglerin an Deiner Seite…

Es ist auf jeden Fall sehr cool, Victoria dabei zu haben. Das gibt auch mir weitere Sicherheit im Team. Sie ist ein echt guter Charakter, hat einen guten Blick auf die Dinge.

Die Frauen im SailGP: “Es geht um Willen und Input”

Könntet Ihr Euch künftig auch im Renneinsatz abwechseln?

Wir schauen, wie sich das entwickelt. Das Wechseln ist nicht immer einfach. Ich hatte das in der ersten Saison mit Sophie (Red.: 49erFX-Steuerfrau Sophie Steinlein) gemacht, aber weil man ohnehin so wenig Zeit auf dem Boot hat, war das nicht leicht. Am Ende wird es im SailGPimmer darum gehen, was für das Team am besten ist.

Wie blickst du insgesamt auf die Frauen im SailGP. Siehst du Fortschritte auch vor dem Hintergrund, dass die britische Strategin und Doppel-Olympiasiegerin Hannah Mills im kommenden Jahr ihr eigenes Team in der Liga führen wird?

Ich betrachte es sehr personenabhängig. Ich glaube, dass eine Hannah Mills die Richtige ist. Sie hat auch die Erfahrung aus dem America’s Cup. Die ist auch so selbstbewusst, dass sie es auf dem Boot und mit einem soliden Team um sich herum in den Griff bekommen kann. Da ist aber auch jeder für sich selbst verantwortlich, welchen Weg man gehen will. Langfristig sollten die Leute auf den Booten segeln, die es am besten können. Wenn das teilweise Mädels sind, ist es natürlich cool. Aber noch mehr Quoten einzuführen, das fände ich nicht richtig. Frauen sind ja körperlich in unserem Sport nicht mehr benachteiligt. Es geht mehr um den Willen und den Input, dass man sich selbst dahin pusht.

Den SailGP kennst du inzwischen gut. Wenn Du der Liga einen Wunschzettel schreiben dürftest, was würde draufstehen?

Der SailGP ist sehr stark von Russell Coutts und seinen Vorstellungen geprägt. Natürlich: Er hatte die Vision und hat es mit Hilfe von Larry Ellison stark umgesetzt. Als einer der besten Segler macht er mit dem SailGP nun ein ganz neues Format erfolgreich. Das ist auch für den Segelsport großartig. Es würde dem SailGP aber wahrscheinlich guttun, wenn es in einigen Entscheidungsbereichen auch ein paar weitere starke Leute gäbe. Beispiel New York: Da hatte das Komitee entschieden, dass der kleinere Wing benutzt werden soll. Dann hat Russell sich die Vorhersage angeschaut und gesagt: Nee, es wird der mittlere Wing benutzt. Am nächsten Tag war das Kranlimit für den mittleren Wing nicht erfüllt und dann sind wir nicht gesegelt.

Ich denke es wäre gut, wenn die Verantwortung in einigen Feldern etwas verteilter wäre und Sicherheit der Segler stärker gewichtet wird. Es fühlt sich schon manchmal so an, als wären wir ein bisschen die Versuchskaninchen. Wir sind inzwischen 13 Boote und erstmal mit voller Flotte weitergesegelt. Alle an einer Linie! Da ist ein Crash nach dem anderen passiert. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis die geteilte Flotte kam.

Warum die geteilte Flotte im SailGP Sinn macht

Gefällt dir das Segeln in den geteilten und damit kleineren Flotten?

Ich finde das ziemlich richtig. Weil es seglerisch taktisch-strategischer wird. Es ist nicht mehr so: Die ersten zwei sind weg und dahinter gibt es dann Gemetzel. Jetzt ist es wieder viel mehr so, dass wir nach den Drehern segeln müssen. Bei 13 Booten auf dem Kurs waren cleane Lanes kaum mehr zu finden. Die geteilte Flotte macht gerade auf den kurzen und kleinen Kursen Sinn und ist auch vor dem Sicherheitsaspekt sinnvoll. Und es ist ja auch ganz cool, dass die ganze Zeit Rennen stattfinden, weil es kaum Pausen gibt.

Wenn Du auf die Top-Vier für Sassnitz setzen solltest, welche Teams wären es?

Ich würde natürlich auf uns setzen. Das würde ich wahrscheinlich immer tun. Ich kann mir vorstellen, dass die Neuseeländer wieder da sind. Die Spanier haben gerade echt ein Hoch, segeln auch so richtig solide. Vielleicht noch ein Underdog-Team dazu? Bei den Kanadiern kann ich mir vorstellen, dass sie das gute Portsmouth-Event vielleicht nutzen können, um wieder vorne zu sein.

Finale für Euch?

Das ist immer das Ziel. Es wäre gigantisch, vor dieser Fankulisse das Finale erreichen zu können.

Wird Euch das Wissen helfen, dass ihr letztes Jahr in Sassnitz gut gewesen seid und mit dem Heimevent eure starke europäische Phase begann, die danach in den Sieg auf dem Genfersee mündete? Oder wird auch etwas Nervosität im Spiel sein?

Ich glaube, ‚nervös‘ ist Erik wahrscheinlich gar kein Begriff. Aber ein bisschen Druck ist natürlich schon auf dem Kessel. Wir haben einfach Bock, gut zu segeln. Und wir werden viel Rückenwind haben!

Den nehmt Ihr wie wahr?

Es ist einfach die Atmosphäre in Sassnitz, die so schön war und auf die wir uns jetzt so freuen. Es ist auch toll, dass wir in Sassnitz in der Natur und nicht in einer Großstadt sind. Alle, die da sind, sind für den SailGP da und wissen, was es ist. Klar hat man auch in anderen Städten davon gehört, aber es geht mehr unter.

In Sassnitz herrscht so richtiges Fieber.” Anna Barth

Und Ihr könnt die tobenden Fans auf dem Wasser hören?

Es kommt ein bisschen auf die Bedingungen an. Mit sowas wie 70 Prozent Wahrscheinlichkeit haben wir mit dem SailGP wieder ablandigen Wind. Das bedeutet: Augen aus dem Boot und mit den Drehern segeln. Das können wir auch ganz gut. Und der ablandige Wind bedeutet, dass man das Publikum dann auch auf dem Wasser ein bisschen hört. Letztes Jahr war das schon so, vor allem, als wir das erste Rennen gewonnen hatten. Es war wirklich krass, wie sehr es da gebebt hat, obwohl wir ja die In-Earsfür die Kommunikation an Bord in den Ohren haben. Es war der Wahnsinn.

Viele Segler sind abergläubisch. Bist auch Du im SailGP und auf dem 49erFX mit einem persönlichen Glücksbringer im Einsatz?

Ich habe eine Kette mit einer alten griechischen Münze als Anhänger von meiner Mama. Da ist ein Delfin drauf, auf dem Poseidons Sohn Taras reitet. Die begleitet mich.

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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