Die Regatta war abgesagt, bevor sie begann. Was Jannes Llull daraus machte: eine spontane 1.000-Seemeilen-Qualifikation für die Mini Transat. Für die YACHT hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben. Sie handeln von Hackwellen hinter dem Cap Corse, einem Elektrik-Problem zum Haare-Raufen und wertvollen Erkenntnissen, die den Newcomer seinem großen Ziel Mini Transat 2027 näher bringt.
“Eigentlich sollte es meine erste Solo-Regatta werden. Stattdessen saß ich im Flixbus nach Genua, als das Gerücht die Runde machte: die Regatta ist abgesagt. Die Veranstalter hatten vergessen, Tracker zu organisieren. Zehn Boote, die aus ganz Europa angereist waren lagen in Genua für eine Regatta die nicht stattfinden sollte.
Statt den Rückweg anzutreten, habe ich die Situation genutzt. Die Zeit war freigehalten, das Boot lag in Genua, und die 1000-Seemeilen-Qualifikation für die Mini Transat ist zeitlich flexibel. Also beantrage ich kurzfristig eine eigene Route bei der Classe Mini. Start in Genua, Ziel in Sanary-sur-Mer und bekomme die Bestätigung am selben Tag, an dem ich losfahre. Kurz vor knapp, wie immer.
Das Boot war vollgeladen. Ich hatte eigentlich für eine Regatta gepackt, mit allem, was an Land bleiben sollte, noch an Bord. Laufsachen, ein noch nicht eingebautes Ersatz-GPS, Kram in allen Ecken. Noch nie so schwer gesegelt. Aber los geht's.
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Die ersten drei Tage laufen gut. Viel Flaute, aber die Stimmung an Bord ist entspannt. Ich habe Eier dabei, einen Eimer Obst, Snacks in Massen. Man könnte es Luxusessen nennen für ein Mini 6.50. Die Route führt die italienische Küste runter, rüber zur korsischen Küste, dann hoch zum Cap Corse und dann beginnt der erste richtige Test.
Die Vorhersage hatte 20 bis 25 Knoten angekündigt. Was mich hinter dem Kap empfängt, sind 25 Knoten mit Böen bis 35, dazu eine Strömung, die gegen den Wind läuft. Das Ergebnis: eine Welle, kurz und steil, über zwei Meter hoch, eine Hackwelle, wie ich sie noch nie gesehen habe. Auf der Kreuz alles andere als lustig.
Dazu kommt, dass ein USB-Kabel im Boot nass wird. Nichts lädt mehr. Kein Barometer, keine Stirnlampen, kein Handy, kein Laptop, kein Wetterbericht - mit noch 850 Seemeilen vor mir. Ich drehe um. Hinter dem Cap liegt eine kleine Ankerbucht, geschützt, auf der Karte zumindest. In Wirklichkeit ist der Sandboden voll mit Algen, und es dauert ewig, bis der Anker hält.
Zwei Uhr nachts, vier Stunden Schlaf, dann versuche ich das Kabel zu reparieren. Was ich dabei nicht sofort merke: Ich greife zur falschen Sprühdose. Statt Kontakt-Spray landet Teflon-Spray auf allen Steckern. Zwei Tage später fällt mir der weiße Film über allem auf. Beide Dosen sind weiß, beide sehen ähnlich aus.
Das macht man nur einmal falsch.
Ich liege 20 Stunden vor Anker. Mental bin ich am Ende. Im Nachhinein kommt mir die Station fast lächerlich vor, aber ehrlich gesagt war ich kurz davor, einfach in den Hafen zu fahren. Der Hafen war direkt vor mir, die Hafenmole zum Greifen nah. Ich hatte das Wetterfenster verpasst, das ich mir für die Überfahrt nach Mallorca rausgesucht hatte. Die Routings sprangen von neun Tagen auf vierzehn, fünfzehn. Das war schwerer zu verdauen als der Wind.
Irgendwann hat das Kabel halbwegs wieder funktioniert. Ich hänge alles ran, lade die wichtigen Geräte, und fahre weiter. Mit dem Handy gehe ich so sparsam um wie möglich, kurz an, Wetterbericht laden, wieder aus. Die Nächte sind hell genug, um auf die Stirnlampe zu verzichten.
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Was folgt, sind zwei Tage Flaute auf offenem Meer, irgendwo vor Korsika. 0,7 Knoten Wind. 60 Seemeilen in zwei Tagen. Kein einziges Boot weit und breit, kein Containerschiff, kein Fischer, nichts. Dafür Delfine. Ich versuche, das zu akzeptieren. Irgendwann gelingt es. Als es ankam, fange ich an, das Boot aufzuräumen: ein kleines Loch in der Fock geflickt, Teile im Cockpit foliert, Spisack repariert. Einen Tag werkle ich einfach, weil es etwas zu tun gibt und ich sonst nichts tun kann.
Sobald ich auf der Höhe von Sardinien bin, kommt Wind. Endlich. Zehn, dann fünfzehn Knoten, 36 Stunden Spinnaker und auf einmal ist die Welt eine andere. Thunfische. Barracudas. Eine Art Schwertfisch, der neben dem Bug aus dem Wasser springt. Schildkröten. Kurz vor Mallorca tauche ich sogar unter das Boot, um einen Metalllöffel zu bergen, der sich in der Kielbox verkeilt hatte und die ganze Zeit an meinem Kiel vibriert hat. Mitten auf See, im klaren blauen Nichts, unter meinem eigenen Boot. Eine seltsame, schöne Erfahrung.
Auf Höhe der spanischen Küste, kurz nach Sonnenuntergang, Spinnaker gesetzt, zehn Knoten Wind, eine Wasserfontäne vor der Sonne. Finnwale. Das war ein echter Moment. Und dann fahre ich versehentlich bei bei 5 kn wind auf der Kreuz auf einen Strand. Eingeschlafen, Wecker nicht gehört, Boot dreht sich dank gekäntetem Kiel automatisch ich bin wieder weg. Vor mir Land, hinter mir Meer, neben mir ein älterer Herr, der ruhig weiter baden geht. Manche Momente lassen sich nicht planen.
Die letzten 100 Seemeilen sind wieder zäh. Der Wetterbericht kippt über Nacht, der erwartete Westwind kommt nicht. Stattdessen: zwei Stunden Wind aus einer Richtung, dann Flaute, dann Wind aus der anderen Richtung. Alle Segel kommen irgendwann zum Einsatz Genacker, Spinnaker, Sturmspinnaker, nur Groß und Fock. Morgens des 29. Mai laufe ich in Sanary ein. 14 Tage, 3,7 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit, 1170 Seemeilen. Qualifier bestanden.
Was bleibt? Vor allem das: Man muss lernen, die Routings loszulassen. Nicht die Wetterprognosen ignorieren, aber aufhören, die eigene Stimmung daran zu koppeln. Wenn der Countdown von neun auf vierzehn Tage springt und man sich jeden Abend fragt, “wann komme ich endlich an”, das ist das Erschöpfendste, nicht die Flaute selbst.
Und das Entspannendste war die Zeit ohne Empfang. Fünf Tage zwischen Korsika und Minorca, zweieinhalb zwischen Mallorca und Spanien, das waren die ruhigsten Abschnitte der ganzen Passage. Man segelt einfach.
Das Wetter wird, wie es wird. Man kann es nicht mehr neu berechnen.
Die Mini Transat wird fünfzehn bis zwanzig Tage Atlantik sein, ohne Wetterservice, ohne Internet. Das Qualifying war, ohne es so zu planen, die beste Vorbereitung dafür, nicht weil es die gleichen Bedingungen waren oder viel wind war, aber weil es vor allem mental anspruchsvoll war.