YACHT
· 24.04.2026
Senkrechtstart vor der italienischen Küste: Der deutsche Mini-6.50-Newcomer Jannes Llull legt mit seiner Co-Skipperin Juliane Hausmann vor der italienischen Küste einen spektakulären Einstand hin. Die beiden siegten in der Mini-6.50-Proto-Wertung bei der traditionsreichen Hochseeregatta "Roma per Due" im Tyrrhenischen Meer vor der italienischen Westküste. Stürmische Bedingungen zwangen zuvor viele Teilnehmer zur Aufgabe. Doch Llull und Hausmann kämpften sich bis ins Ziel – und fuhren den ersten Platz ein.
Viel Zeit zum Trainieren blieb den beiden nicht. Erst Anfang des Jahres übernahm der 20-Jährige Llull den Mini-6.50-Prototypen. Seit wenigen Wochen erst liegt das Boot im Wasser, gesegelt wird vor der südfranzösischen Küste. Und nun dieses Ergebnis. Für die YACHT hat Jannes Llull seine Eindrücke aufgeschrieben:
“Als einziger Prototyp, der nicht aufgegeben hat, fühlt sich der Sieg etwas seltsam an. Aber rausfahren, durchhalten und heil ankommen, das war die richtige Entscheidung. Die Lernkurve war enorm. Dabei hätte es ganz anders laufen können.
An der Startlinie der Roma per Due gab die Hälfte des Feldes auf, noch bevor ein Segel gesetzt war. Die Vorhersage: 50 Knoten, maximal fünf Meter Wellen, was für die 6,5 Meter Boote sehr stark auf das Material gehen kann. Juliane Hausmann, meine Co-Skipperin, und ich überlegten kurz und starteten trotzdem. Die Strategie war klar: weit nach Westen, konservativ segeln, das Boot heil ins Ziel bringen. Ich bin 20 Jahre alt, das war meine erste Regatta auf dem neuen Boot, nicht der richtige Zeitpunkt für Experimente.
Der Anfang war schön. Delfine begleiteten uns zur ersten Tonne, der Wind war leicht, wir konnten uns bei diesen Bedingungen gut durchsetzen. Die ersten 1,5 Tage ging es für uns Richtung Westen um unseren Wegpunkt, mit dem wir die Düse zwischen Sizilien und dem Festland ausweichen wollten.
Dann die zweite Nacht. Zwischen Sardinien und Sizilien baute sich eine Düse auf, die kein Wettermodell so vorhergesagt hatte, viereinhalb Meter Wellen, Böen um 35 Knoten, nächtliche Gewitter. Da in der Class Mini jeglicher Außenkontakt verboten ist, kein Handy, kein Internet, kein Wetterbericht während des Wettkampfs, hatten wir keine Ahnung, was auf uns zukommt. Im Nachhinein können wir sagen, dass wir recht treffsicher in die Mitte der Starkwindzone gefahren waren, bei dem Versuch, dem vorhergesagten Sturm auszuweichen.
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Die Nacht war hart, denn zwischen starken Gewittern, Verwirrung darüber, wo plötzlich dieser Wind aus dieser Richtung herkam, und zunehmendem Wind mussten wir vom Regattamodus in den Überlebensmodus wechseln. Jedoch ging auch die Nacht vorbei und als Wind und Welle konstanter wurden und wir uns auf das Wetter eingespielt hatten, lief das Boot mit sieben Knoten auf der Kreuz die Wellenberge hoch und runter in Richtung des nächsten Wegepunktes. Nach 35 Stunden rundeten wir schließlich Ustica.
Der Rückweg schien erstmal entspannt, erst unter Code 0, dann unter Gennaker konnten wir schnell die ersten 100 Kilometer hinter uns bringen. Unser Boot wandelte sich indessen zu einem fahrenden Wäscheständer, denn die lange Kreuz bis Ustica hatte uns und das Boot komplett durchnässt und so ließen wir nun erstmal alles auf Deck und im Mast trocknen, während wir mit acht Knoten in Richtung Ziel fuhren.
Auf letzten Hälfte erwischten uns nochmal zwei Flauten und zwei Gewitter. Das Masttop summte vor statischer Spannung, Blitze schlugen keine 50 Meter neben uns ein. Die Bordelektronik mussten wir komplett abschalten, sie spielte bis ins Ziel verrückt.
Das Begleitboot war früh ausgefallen. So hatten wir nicht wie geplant Updates über die Positionen der Konkurrenten sowie die Platzierung bekommen und dreieinhalb Tage kein anderes Boot der Mini-Klasse gesehen. Im Ziel kamen wir jedoch als erster und zugleich einziger Prototyp an, der trotz des Wetters nicht aufgegeben hatte.
Unser konservativer Kurs erwies sich zwar als genau die falsche Entscheidung, weil sich das Wetter während der Regatta so drastisch verändert hatte. Trotzdem sind wir froh, dass wir durchgehalten haben und sicher ins Ziel gekommen sind.
Für eine erste Regatta auf meinem Boot und unter diesen Bedingungen bin ich mehr als zufrieden. Auch mit Juliane hat das Team von Anfang an funktioniert, ohne gute Stimmung an Bord wäre es schnell zur Qual geworden. Die Meilen für meine Mini-Transat-Qualifikation sind gesegelt. Weiter geht es nach Genua, zur ersten Soloregatta über 540 Seemeilen.”
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