Wird dieses Mal alles anders? Das La Roche-Posay Racing Team ist aufgebrochen, den America’s Cup zu jagen. Die Macher sind schon länger im Spiel, doch haben sie die Weichen neu gestellt. Der Blick auf die Historie zeigt: Frankreich zählt seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den Segelnationen, die um die Silberkanne kämpfen. Die erste Herausforderung hatte 1970 Baron Marcel Bich mit „France“ dirigiert. 1974, 1977 und 1980 folgten weitere Anläufe von Bleu, Blanc, Rouge. 1983 konnte „France 3“ das Halbfinale einer Herausfordererserie erreichen.
Für den vorläufigen Höhepunkt der Grande Nation im Segelsport sorgten Skipper Marc Pajot und sein Team, die 1987 mit “French Kiss” ins Halbfinale der Herausfordererserie um den Louis Vuitton Cup segelten. Das Ergebnis wiederholte die Pajot-Equipe 1992 mit „Ville de Paris“. Ab 1995 blieben die Franzosen weiter vertreten, doch fehlte es an Resourcen und Kontinuität. Bis heute gab es 13 Cup-Editionen mit französischer Beteiligung. Die 14. Herausforderung läuft.
Ihr deutsch-französischer Antreiber ist Stephan Kandler, der 2001 begann, seinen Traum von einer erfolgreichen Cup-Kampagne umzusetzen. Das Projekt baute er zunächst mit seinem Vater Ortwin Kandler auf, der hierzulande auch als Mitgründer der deutschen AeroSail-Kampagne bekannt wurde. AeroSail hatte von 1993 bis 1996 nicht nur deutsche Segeltalente gefördert, sondern sich auch intensiv mit der Hightech-Entwicklung befasst und seine Teams an großen Regatten teilnehmen lassen.
Nach einem damaligen Führungswechsel im Daimler-Benz-Konzern – Jürgen Schrempp folgte Edzard Reuter, der die Segelförderinitiative unterstützt hatte – und dem Rückzug des Unternehmens aus dem Segelsport, wurde das Projekt beendet. Das Kampagnenziel der Formierung einer deutschen America’s-Cup-Kampagne blieb damals unerreicht.
Die Entwicklung aber beflügelte den Deutsch-Franzosen Stephan Kandler. In Frankreich großgeworden, baute er mit seinem Vater Ortwin Kandler ein Team auf, das seit 2004 den Namen K-Challenge trägt. Als Teamchef führte der junge Kandler 2007 die K-Challenge, die mit Sponsor Areva unter dem Namen Areval Challenge im 32. America’s Cup in Valencia startete. Es reichte zu wertvollen Ersterfahrungen und Platz acht.
Mit dem zweimaligen America's-Cup-Sieger Jochen Schümann gründete Kandler 2009 das deutsch-französische Team All4One, das unter anderem im Audi MedCup aktiv war: zwischen 2005 und 2011 das Vorläufermodell der 52 Super Series. So blieb Kandler auch zwischen den großen Cup-Kampagnen im internationalen Spitzensegelsport aktiv.
Beteiligt war Stephan Kandler auch an den Vorbereitungen der französischen Herausforderung im 35. America’s Cup in Bermuda. Dort kam das Groupama Team France 2017 aber nicht über den letzten Platz hinaus. 2021 nahm Kandler dann sein eigenes Projekt wieder stark auf, tat sich für den nächsten Cup-Anlauf mit Bruno Dubois zusammen und belebte die K-Challenge intensiv neu.
So entstand für den 37. America’s Cup in Barcelona das Orient Express Racing Team, unterstützt von der Accor-Marke Orient Express. Hier verantwortete Stephan Kandler den organisatorischen Aufbau, die Finanzierung und die Partnerschaften, während Dubois im sportlichen und technischen Bereich federführend war.
Die französische Last-Minute-Kampagne konnte in der Hinrunde der Herausfordererserie vor Barcelona zwar Alinghi Red Bull Racing schlagen, unterlag den Schweizern aber im dramatischen zweiten und entscheidenden Duell in der Rückrunde und schied aus. Trotz des K.o.-Schlages sagt Stephan Kandler heute: „Da haben wir gemerkt, dass wir wirklich wieder dabei sind.“ Weshalb die Franzosen nach dem Cup in Barcelona keine Atempause einlegten, sondern ihren Rennstall K-Challenge in allen Bereichen weiter vorantrieben.
Als dann im Herbst 2025 die Neuordnung der Machtverhältnisse im America’s Cup kam – weg vom oft unberechenbaren Diktat der Gewinner und hin zum gemeinsamen Management aller Teams –, und die Entscheidung fiel, für den 38. America’s Cup in Neapel nur Rümpfe aus dem letzten Cup zuzulassen, erkannten die Franzosen darin für sich eine Riesenchance.
Bruno Dubois, Vorstandsmitglied der K-Challenge, erklärt: “Letztes Mal haben wir unser Boot in letzter Minute bekommen. Wir hatten nicht die Zeit, um alles zu verstehen. Wir hatten nur einen Satz Segel. Jetzt ist es anders. Wir sind nach dem letzten Cup drangeblieben, haben uns mit den Systemen, den Foils, dem gesamten Zusammenspiel weiter auseinandergesetzt. Und dann kam plötzlich die Regel, dass keine neuen Rümpfe für den nächsten Cup gebaut werden.”
Für die K-Challenge wirkte diese Entscheidung wie die ultimative Einladung. Bruno Dubois sagt: “Wir hatten ja nicht darum gebeten. Doch für uns hat sich damit alles zusammengefügt. Die Zeit und der Aufwand, die wir in Datenanalysen gesteckt haben, werden jetzt einen Unterschied machen. Dazu haben wir auch französische Experten aus anderen Cup-Teams aus den Bereichen Datenanalyse und Segeldesign zu uns geholt.”
Wir sagen nicht, dass wir den America’s Cup gewinnen. Aber wir werden unser Bestes geben.” Bruno Dubois
Wie einst das Design für die AC75, so kommt nun im aktuellen Cup-Zyklus auch das Design-Paket für die neuen Foils vom Emirates Team New Zealand. Der französische AC75-Foiler gilt ohnehin als schnell, hatte nur in Barcelona noch kein erfahrenes Team und nicht genügend Zeit, um das ganze Potenzial herauszuholen.
Nun ist für den 38. America’s Cup in Neapel das französische Gesamtpaket stark. Die Leistung seines Teams zwischen 2021 und heute beschreibt Dirigent Stephan Kandler so: “Wir haben als K-Challenge mit den Segelteams im America’s Cup und im SailGP, mit unserer Akademie und dem K-Challenge Lab binnen fünf Jahren Teamwerte von insgesamt an die 150 Millionen Euro geschaffen. Von Null.“
Jetzt hat das La Roche-Posay Racing Team als erster Cup-Rennstall die umgerüstete AC75 in Neapel vorgestellt. Die erste Trainingswoche in der Bucht von Neapel ist bereits absolviert. Hier holen sich die Franzosenin ihren ersten Wochen gerade einen Vorsprung vor allen anderen Teams. Dieses Mal sind sie nicht – wie noch 2024 in Barcelona – die Letzten im neuen Cup-Revier, sondern die Ersten.
Wir wissen, wie wichtig es ist, so früh dabei zu sein. Und wir alle sehen jetzt: Es geht los!“ Stephan Kandler
Dass die Franzosen für ihren neuen Cup-Angriff auch die Crew stark verändert haben, ist ebenfalls dem Blick nach Neuseeland und der längerfristigen Planung geschuldet. Stephan Kandler sagt: “Team New Zealand hat sich mit Peter Burling und Blair Tuke damals zwei hochtalentierte Jungs ins Team geholt. Und es lief gut. Bei uns ist es ähnlich: Wir haben zu Quentin mit seiner Cup-Erfahrung Diego Botin, Florian Trittel und Jason Saunders geholt.”
Stephan Kandler vergleicht den Mix mit Neuseelands Crew-Ansatz bei den letzten drei Cup-Siegen in Folge: “Es ist die gleiche olympische Leistungskultur. Diego und Flo haben auch den SailGP schon gewonnen. Das ist so motivierend. Die Typen sind so gut, laufen aber nicht mit großem Ego umher. Quentin hat nicht mehr alle Verantwortung alleine auf den Schultern. Und Diego und Flo müssen diese Verantwortung nicht gleich beim Cup-Einstieg tragen.”
Weiter sagte Kandler: “Mit Enzo Balanger und Lee McMillan ist es ein sehr guter Mix.” Für die vom Reglement vorgeschriebene Frauen-Position an Bord der AC75 stehen mit Amélie Grassi und Nachwuchstalent Maelenn Lemaître zwei starke Strateginnen in den Startblöcken.
Für mich stehen wir genau da, wo Team New Zeland 2013 stand.” Stephan Kandler
Wie gut sich der auf vier Segler komprimierte Mix bei der zweiten Vorregatta zum America’s Cup auf den kleinen AC40-Foilern schon geschlagen hat, zeigt die Ergebnisliste: Die Franzosen platzierten sich unter neun Teams trotz zweier dramatischer Kenterungen in acht Rennen auf Platz drei hinter Italiens Top-Herausforderer Luna Rossa und den neuseeländischen Cup-Verteidigern. Das gelang mit herausragendem Speed, guter Taktik und zwei souveränen Rennsiegen.
Nicht wenige fragten sich im September, wozu das La Roche-Posay Racing Team ohne die Kenterungen (bei einer lagen sie in Führung) schon imstande gewesen wäre. “Wir wurden von den anderen beeindruckt als ‘Rakete’ oder auch ‘Fluggeschoss” bezeichnet. Das war gut zu hören”, berichtete Bruno Dubois in Neapel vom Motivationsschub. Von seinem neuen Sportchef Philippe Presti hat der erfahrene Manager auch dies gelernt: “Es geht im America’s Cup auch darum, wie du auftrittst.”
“Wir haben es geschafft, ein fantastisches Team aufzubauen. Der Zusammenhalt treibt mich an!” Das sagt mit Philippe Presti der Sportchef des La Roche-Posay Racing Teams. Die Franzosen haben am 19. Oktober mit der Präsentation ihrer AC75 das Auftaktkapitel für ihren jüngsten America’s-Cup-Einsatz entschlossen als erstes aller Teams aufgeschlagen:

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