Im Training mit dem neuen Tudor Team Alinghi hat Steuerfrau Nathalie Brugger die Männer in ihrem Team schon häufig geschlagen. Die 40-Jährige ist ein weibliches Ass im Ärmel der Schweizer Herausforderer im 38. Louis Vuitton America’s Cup. Bekannt als äußerst hartnäckige Wettkämpferin, könnte die in Lausanne geborene ehemalige Laser-Radial- und Nacra 17-Steuerfrau schon bei der ersten Vorregatta vom 21. bis 24. Mai in Cagliari für Aufmerksamkeit sorgen.
Die 1,74 Meter große Sportwissenschaftlerin ist Mitglied im ersten offiziell vorgestellten Kernkader von Ernesto Bertarellis Tudor Team Alinghi. Der Rennstall des zweimaligen America’s-Cup-Gewinners hat Nathalie Brugger als eine Steuerfrau im Team nominiert. An der Seite des furiosen neuseeländischen Angreifers Phil Robertson, der auch im italienischen SailGP-Team als Steuermann aktiv ist, soll sie den Schweizer AC40er schon bei der ersten Vorregatte in Cagliari lenken.
Erste Cup-Erfahrungen hatte Nathalie Brugger beim Women’s America’s Cup 2024 in Barcelona gesammelt. Doch jetzt sind die Vorzeichen andere, bessere. Umgeben von einem Top-Team mit den Weltklasse-Trimmern Pietro Sibello (Italien), Nicolas Rolaz (Schweiz) und dem vielseitigen Steuermann und Trimmer Jason Waterhouse (Australien), kann Brugger als Lenkerin und Denkerin aus dem Vollen schöpfen.
Im Training hat sie schon in Serie bewiesen, dass sie die Männer schlagen kann. Trotzdem bleibt Nathalie Brugger auf Kurs Cagliari bescheiden, sagte zuletzt: „Wir haben gerade sechs intensive Trainingstage in Barcelona absolviert. Das war insbesondere für mich eine steile Lernkurve. Es war unbezahlbar, an der Seite so erfahrener America’s-Cup-Segler zu segeln. Das Team war unglaublich offen und unterstützend.”
Als neue Gruppe entwickeln wir uns nicht nur auf dem Wasser weiter. Wir bauen auch abseits vom Wasser einen starken Zusammenhalt und Vertrauen auf.“ Nathalie Brugger
Nathalie Bruggers Segelkarriere ist beeindruckend: Sie nahm erstmals 2008 an der olympischen Regatta im chinesischen Revier von Qingdao teil, wurde in der hart umkämpften Laser-Radial-Klasse Sechste, als Amerikas Ausnahmeseglerin Anna Tunnicliffe vor Gintare Scheidt Gold gewann. Damals noch einen Platz hinter Brugger: Jo Aleh, die spätere 470er-Olympiasiegerin und heutige starke Frau im Team der neuseeländischen America’s-Cup-Verteidiger vom Emirates Team New Zealand.
Für Olympia 2012 hatte sich Nathalie Brugger erneut im Laser Radial qualifiziert, wurde Vierzehnte. 2016 raste sie bei ihren dritten Olympischen Spielen in Rio de Janeiros Guanabara Bucht in der Nacra-17-Klasse auf Platz sieben. Silber gewann damals hinter Santi Langa und Cecilia Carranza Bruggers aktueller Team-Kamerad Jaso Waterhouse mit SailGP-Reporterin Lisa Damrmanin.
Auf ihrem Weg glänzte Nathalie Brugger 2013 mit Bronze bei der ersten jemals im Nacra 17 ausgetragenen Weltmeisterschaft in Den Haag. Im Anschluss an ihre aktive Olympiakarriere wechselte sie ins Trainerfach, coachte die hochtalentierte Landsfrau Maud Jayet auf ihrem olympischen Kurs.
Als gefragte Seglerin blieb Nathalie Brugger in Klassen wie Decision 35, J70, Diam 24 und TF35 aktiv. Für Team Alinghi war sie schon 2024 die Top-Kandidatin als Skipperin im Women’s America’s Cup. Sie führte das Team zu einem bemerkenswerten Rennsieg und ging am Finaltag unter den Top-Drei in die Rennen. Ein Fehler und das unbarmherzige Tiebreak-System kosteten die Schweizerinnen den Einzug in die Finalrunde.
Nathalie zeigte sich jedoch als vorbildliche Teamführerin und sagte im Nachhinein: „Rückblickend war es unglaublich, ein Team von Grund auf mit Frauen aufzubauen, die vielleicht weniger Erfahrung hatten. Vor ein paar Monaten waren einige von uns noch nie auf einem Foiling-Boot im Einsatz, sind noch nie mit mehr als 10 Knoten Bootsgeschwindigkeit gesegelt – und jetzt sind wir hier.“
Wir haben Erstaunliches geleistet, ein Rennen gewonnen und lagen an den Top-Marken in Führung. Ich denke also, wir können stolz auf unseren gemeinsamen Weg sein.“ Nathalie Brugger
Jetzt ist Nathalie Brugger zurück im neu formierten Tudor Team Alinghi und schon bestens in der Mannschaft integriert. Aktuell dreht sich im Schweizer Rennstall – wie auch bei den anderen America’s-Cup-Teams – fast alles um die Cagliari-Vorregatta. Später im Jahr wird dann auch der große AC75-Foiler der Schweizer zum Einsatz kommen. Fünf der inzwischen sechs America’s-Cup-Teams wollen bei der America’s-Cup-Vorregatta im sardischen Revier mitmischen.
Die drei „Großmächte“ treten mit jeweils zwei Booten an: Die Cup-Verteidiger vom Emirates Team New Zealand, Sir Ben Ainslies britisches Team GB1 und die “Hausherren” von Patrizio Bertellis Team Luna Rossa schicken ein A-Team und einen Mix aus Nachwuchskräften und Seglerinnen an den Start. Spannend: Werden die Frauen und der Cup-Nachwuchs den Etablierten Paroli bieten, sie vielleicht sogar schlagen können?
Das französische La Roche-Posay Racing Team und die Schweizer treten mit jeweils einem Boot zur Vorregatta an. Für die gerade erst gemeldete Last-Minute-Kampagne des American Racing Challenger Teams USA, die eben die Verpflichtung von Doppel-Olympia-Sieger und SailGP-Steuermann Giles Scott als Segel-Direktor bekanntgegeben haben, kam die Vorregatta noch zu früh.
Die 38. Louis Vuitton America’s Cup Vorregatta bringt damit ganz neue Chancen für Seglerinnen. Erstmals treten sie auf einer gemeinsamen Bühne gegen die männliche Cup-Prominenz an. Der nächste Schritt auf die AC75-Cup-Yachten wurde dadurch verkürzt. Wie sich das anfühlt?
Es fühlt sich wie ein riesiger Schritt nach vorne für Frauen im Segelsport an.“ Nathalie Brugger
Warum sie das so sieht, erklärte Brugger auch: „In den letzten 50 Jahren gab es keine Frauen auf diesen Booten, und plötzlich haben wir die Chance, aufzuholen. Ich glaube, die Jungs merken gar nicht, wie viel wir aufzuholen haben, denn in den letzten Tagen waren sie total offen, haben über das Projekt gesprochen, und manchmal dachte ich: ‚Leute, ich habe das und das und das noch nie gesehen.‘”
Als die YACHT 2024 in Barcelona bei einer Pressekonferenz in Barcelona die auf der Bühne versammelten Skipperinnen für den Women’s America’s Cup fragte, wer schon einmal auf einer AC75-Yacht war, konnte nicht eine mit „Ja“ anwtworten. Das solle sich ändern.
Nathalie Brugger weiß: „Jetzt liegt es an mir, mich durch die Daten und den technischen Teil zu arbeiten und zu versuchen, aufzuholen. Die Erfahrenen helfen mir dabei. Das ist wirklich cool. Sie wollen wirklich, dass ich auf dem gleichen Niveau bin. Und für mich ist das eine riesige Chance. Ich lerne jeden Tag dazu. Es ist auf jeden Fall eine steile Lernkurve.“
Was auch daran liegt, dass die Datenanalyse an Bord der kleinen und großen Cup-Yachten eine wichtige Rolle spielt. Nathalie Brugger sagt: „Mir wurde schnell klar, dass ich mich mit Zahlen auseinandersetzen muss – und zwar mit vielen! Und schon die AC40-Erfahrung mit all der Datenanalyse ist für mich eine große Sache und eine Premiere. Selbst als Olympionikin schaut man sich diese Daten an und denkt: ‚Das gibt’s doch nicht.‘
Das ist einfach eine ganz andere Liga. Und wir haben 2024 nur einen kleinen Vorgeschmack auf dieses Niveau der Datenanalyse bekommen.“ Nathalie Brugger
Auch die anderen Teams haben starke Frauen in ihre Crews integriert. Es ist Pflicht geworden, die Cup-Yachten mit mindestens einer Frau in der Mannschaft zu bestreiten. Das motiviert die Teams zu Verpflichtungen und zur Intensiv-Ausbildung von Frauen im America’s Cup. Wer an der Vorregatta mit zwei AC40ern teilnimmt, hat das zweite Boot sogar mit einem 50:50-Mix aus Nachwuchs und Frauen zu besetzen. So geht es Schritt für Schritt voran für die Seglerinnen, die eine Cup- und Profikarriere anstreben.
Die Cup-Teams müssen ihr Aufgebot laut Reglement erst kurz vor Beginn der ersten Vorregatta vor der Küste Sardiniens bekanntgeben. Schon jetzt aber ist klar, dass namhafte Athletinnen im Einsatz sein und wertvolle neue Erfahrungen sammeln werden.
Unter sind beispielsweise Doppel-Olympiasiegerin und SailGP-Strategin Hannah Mills in Sir Ben Ainslies Team GB1, die Neuseeländerin Jo Aleh im Emirates Team New Zealand oder – im französischen La Roche-Posay Racing Team – Offshore-Ass, Ocean-Race-Europe- und Globe40-Gewinnerin Amélie Grassi, die schon von ihrem „Biotherm“-Skipper Paul Meilhat aufgrund ihrer starken Datenanalyse-Fähigkeiten ins Team geholt worden war.
Im italienischen Team Luna Rossa ist die Sportwissenschaftlerin Margherita Porro neben Ausnahmesegler Peter Burling, Doppel-Olympiasieger Ruggero Tita und Jungstar Marco Gradoni die vierte Steuerfrau für die beiden AC40er. Sie hatte sich mit Giulia Conti und Italiens Frauen im Finale des ersten Women’s America’s Cup gegen Hannah Mills Britinnen gewonnen. Auch dieser Kampf wird nach aktuell intensivem Training bald schon auf dem Wasser fortgesetzt. Von Männern und Frauen in einem Boot.

Freie Reporterin Sport