Liebe Leserinnen und Leser,
stellen Sie sich vor, Sie segeln allein mit einem selbstgebauten Boot über den Atlantik. Dieses Boot misst gerade einmal 5,80 Meter und ist aus Sperrholz gefertigt. Als ich in der vergangenen Woche zum Transatlantikrennen der Class Globe 5.80 recherchierte, fiel mir wirklich schwer, das nachzuvollziehen.
Klar, der Platz auf einem Boot ist begrenzt – das ist normal. Aber 5.80 Meter? Das entspricht der Länge eines 4-Personen-Kanus, einer Oberklasse-Limousine oder der zweieinhalbfachen Länge eines Optimisten. Ich finde, das ist äußerst wenig Platz, um 30 Tage allein darauf zu leben, zu schlafen und zu essen, während man über 3.000 Seemeilen zurücklegt – und das unter Bedingungen mit meterhohen Wellen und Winden jenseits der 25 Knoten, versteht sich.
Noch bemerkenswerter ist, dass alle Boote der Globe 5.80 Klasse selbstgebaut sind. Ich würde nicht behaupten, zwei linke Hände zu habe, aber ein ganzes Boot von Grund auf selbst zu bauen, würde ich mir nicht zutrauen. Von Rahmen aus Massivholz über die Sperrholz-Seitenbeplankung bis hin zum Laminieren, Lackieren und Gießen der Kielbombe aus Blei – alles geschieht in Eigenregie. Welch handwerkliches Geschick dafür erforderlich ist.
Geht man nach dem Vater der Bootsklasse, dem Weltumsegler und Abenteurer Don McIntyre, braucht es gar nicht so viel. „Jeder kann das“, sagte er mir im Gespräch. Ein bisschen Erfahrung und einfaches Werkzeug würden genügen. Schwer zu glauben, finde ich. Aber ist das überhaupt sicher? Ich hätte die Sorge, dass jeder Verschnitt, jedes falsch gebohrte Loch an der Sicherheit des Bootes nagt.
Auch hier nahm mir McIntyre die Sorgen. Damit die Konstruktion eben jene Baufehler verzeiht, wurde sie mit einem Sicherheitsfaktor von vier geplant. Das bedeutet: Wandstärken, Rahmen und Verbindungen sind viermal so stabil, wie es für einen Hochseekreuzer erforderlich wäre. „Es ist wie eine Überlebenskapsel, die 100, 120 Seemeilen pro Tag zurücklegt“, sagt McIntyre – und er muss es wissen, schließlich nahm er 2021 am ersten von mittlerweile drei Globe 5.80 Transat-Rennen teil.
Ganz überzeugt war ich allerdings noch nicht. Doch spätestens, als es um die Kosten ging, gab ich meinen inneren Widerstand schließlich auf. So sollen die hochseetauglichen Minis segelfertig zwischen 35.000 und 50.000 Euro kosten. Das DIY-Konzept und der Verzicht auf Hightech an Bord machen die vergleichsweise niedrigen Kosten für einen Offshore-Racer möglich.
Ein sicheres, hochseetaugliches Boot zum Selbstbauen, dass obendrein ohne Sponsoren und großes Budget finanzierbar ist? Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Doch dass dieses Konzept tatsächlich funktioniert, kann man gerade beim Globe 5.80 Transat bestaunen. Insgesamt zwölf Segler sind mit ihren Minis auf dem Weg in die Karibik.
Mit dabei ist auch der Deutsche Christian Sauer. Kurz vor seiner Abfahrt in Lanzarote gewährte er mir einen Einblick in die Faszination des Mini-Selbstbaus. Dreieinhalb Jahre tüftelte er an seiner „Argo“, und erst wenige Tage vor dem Start war sie fertig. Kaum lag das Boot im Wasser, segelte er 550 Seemeilen vom portugiesischen Lagos nach Lanzarote – eine Etappe, die nicht nur als Qualifikation für das Transat-Rennen diente, sondern auch die Feuertaufe des Bootes war, die es erfolgreich meisterte.
Das hat mich beeindruckt, und ich merkte, wie sich mein anfänglicher Zweifel Stück für Stück in Bewunderung wandelte. Was Christian Sauer und die anderen Segler mit ihrem Selbstbau und der Ozeanüberquerung leisten, erfordert Mut und Durchhaltevermögen.
Ja, das Boot bleibt klein, doch es ist schließlich für das Einhandsegeln konzipiert. So bringt die geringe Größe gewisse Vorteile in puncto Kontrolle und Handling mit sich. Und kann man sein Boot besser kennenlernen, als wenn man jede Schraube und jedes Stück Holz selbst in den Händen gehalten hat? Ich glaube nicht.
Inzwischen bin ich mir sicher: Statt Einschränkungen und Sicherheitsbedenken sind es vor allem Potenziale, die das Konzept der Globe 5.80 mit sich bringt. Schließlich öffnet es das Feld des Offshore-Segelns für eine neue Zielgruppe, die ohne große Budgets und Sponsoren die Weltmeere im Rennmodus besegeln möchte.
Es spricht einen Typ Mensch an, der voller Mut und Zuversicht ist; der etwas wagt und Grenzen austestet. So würde ich die Flotte beschreiben, die gerade nördlich der Kap Verden über den Atlantik segelt. Und sind es nicht genau diese Eigenschaften, die auch abseits des Segelns wieder öfter in den Vordergrund rücken sollten?
Wie sich Sichtweisen doch ändern, wenn man sich intensiver mit einem Thema beschäftigt.
Ein schönes Wochenende und bleiben Sie neugierig!
YACHT-Redakteur
P.S.: Auch in den nächsten Wochen werden wir die Globe 5.80-Flotte auf ihrem Weg über den Atlantik folgen und auf yacht.de darüber berichten!
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