Liebe Leserinnen und Leser,
„Und, was sagst du zu Boris?“ Das werde ich dieser Tage häufiger gefragt.
Erstaunlicherweise kommen die meisten Gespräche mit Freunden, Bekannten oder Nachbarn zustande, die eigentlich nichts mit Segeln zu tun haben und mit denen ich teilweise noch nie übers Segeln gesprochen habe.
Offenbar hat Boris Herrmann es, wieder einmal, geschafft, weit über die Interessensblase der Segelgemeinde hinaus Menschen zu interessieren. In diesen Gesprächen geht es fast nie um seine Platzierung. Der Foilbruch wird angesprochen oder sein Aufentern in den Mast. Großer Respekt wird da deutlich; offenbar können selbst Nichtsegler sich ein Bild machen von der Herausforderung: Mensch gegen Meer, Einsatz gegen Einsamkeit, Angst gegen Aggression. Es ist wohl immer wieder dieser Jules-Verne-Mythos: in 80 Tagen um die Welt. Um-die-Welt. In-80-Tagen. Allein!
Ich sage dann, dass ich das völlig irre finde, was Boris, was alle anderen Teilnehmer da machen. Ich hatte zweimal das Privileg, auf Imocas mitzusegeln. Mich würden keine zehn Pferde auf so eine Kiste bringen, wenn ich allein damit segeln müsste, egal wo, geschweige denn im Südpolarmeer. Und wenn schon, dann nicht mehr als ein paar Stunden und bitte mit Begleitboot.
Nach der vorherigen Vendée, bei der Boris sensationell Fünfter wurde, sah ich einen Film. Er enthielt bis dato unveröffentlichtes Videomaterial von Boris, das bis heute nicht frei zugänglich ist. Darin eine Szene, in der er nach seiner damaligen Reparatur im Masttopp unter Deck saß. Man muss wissen: Der Mann hat Höhenangst. Wie ein Häuflein Elend hockte er da, zutiefst schockiert, völlig fertig, weinend. Ich dachte, der ist fertig mit der Vendée.
Umso größer mein Respekt, dass er es noch einmal gemacht hat. Dass er diesen inneren Schweinehund überwinden konnte. Wie groß muss seine Liebe für das Meer, für das Abenteuer Weite sein?
Und so habe ich bei der aktuellen Vendée viel mehr als zuvor auf die Zwischentöne in seinen Videos oder in seinem Blog hier auf yacht.de geachtet. Mit welcher mentalen Einstellung, mit welchen Bewältigungsstrategien stellte er sich dieser für ihn offenbar enormen psychischen Herausforderung? Mal abgesehen von den körperlichen Strapazen. Da war einiges herauszulesen. Viel war von Sicherheit die Rede, von Ankommen, Durchkommen, nicht zurückblicken. Keine negativen Gedanken zuzulassen, im Moment zu bleiben. Was muss er auch dieses Mal gelitten haben?
Besonders eindrücklich wurde dies für mich, als sie im Südpolarmeer waren, als es kurz vor den Kerguelen galt, ein fieses Sturmtief mit 60-Knoten-Böen mitzunehmen oder zu umschiffen. Das Führungsduo sattelte drauf und enteilte, Boris und ein paar andere wichen nördlich aus. Boris schrieb: „Bedingungen, in denen man nicht sein möchte.“
Und doch hat Boris weitergemacht. Um anzukommen, durchzukommen.
Da tritt der sportliche, der Ergebnis-Aspekt, fast völlig in den Hintergrund. Boris sagt, er habe seine sportlichen Ziele mit Platz zwölf nicht erreicht. Dafür konnte er nur bedingt etwas. Ohne die Materialprobleme im letzten Drittel - zweimal in den Mast, Blitzschäden, Foilbruch, Großsegelriss - hätte er auf dem Ergebnistableau zweifellos weiter oben gestanden. Aber das Podium, auf das viele, auch ich, gehofft hatten, war schon viel früher weg, eigentlich schon im Südatlantik auf der Hin-Tour. Da hat er den Anschluss und damit Wettersysteme verpasst. Na und?
Nur etwas über 60 Skipper haben die Vendée zweimal beendet. Boris ist einer davon. Das kann ihm keiner mehr nehmen.
Boris hat seine nächste, dritte Teilnahme angekündigt. Überlegen wir mal: Bei der ersten war er ein Vendée-Greenhorn, segelte bis kurz vor Schluss ums Podium mit, vielleicht nach dem Motto: „denn er wusste nicht, was er tat.“ Beim zweiten Mal wusste er, was kommen würde, war gewappnet, intensiv vorbereitet, wollte sicher auch beweisen, dass die vorherige Zielankunft kein Zufall oder Glück war. Dass er es kann.
Das hat er nun endgültig bewiesen, muss nichts mehr beweisen. Welche Perspektiven kann das eröffnen? Ankommen, heil durchkommen, klar, das muss immer Teil der Direktive sein, es geht schließlich auch ums Überleben. Was wäre aber, wenn er bei der kommenden Auflage ausscheidet, etwa wegen Materialbruchs? Nichts. An seinen seglerischen Fähigkeiten kann niemand mehr zweifeln. Er kann ab jetzt völlig befreit aufkreuzen. Wie singen noch die „Ärzte“: „Du bist immer dann am besten, wenn's dir eigentlich egal ist.“
Ich wünsche Boris und mir, dass ihm beim nächsten Mal nicht alles, aber viel mehr egal ist. Dass er durchkommt, klar. Aber auch, dass er seine Vendée-Karriere mit einem Podiumsplatz krönen kann. Meinen Respekt hat er allemal, egal wie es ausgeht, und den einer riesigen Fangemeinde sowieso. Etwas Besseres als Boris bei der Vendée konnte uns gar nicht passieren.
Und wenn's in vier Jahren nicht klappt, dann eben 2032, 2036, ...
Chefredakteur YACHT Digital
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