Ohren-ProblemeAuch Segler können das “Surfer’s Ear” bekommen

Stephan Gölnitz

 · 17.11.2022

Ohren-Probleme: Auch Segler können das “Surfer’s Ear” bekommenFoto: YACHT/M. S. Kreplin
Vor allem Jollensegler kennen das Surfer’s-Ear-Problem

Wenn das Ohr dauerhaft schmerzt und entzündet ist, dann könnte das ein Anzeichen für das „Surfer’s Ear” sein. Eine mögliche, langfristige Folge von Wassersport in kaltem Wasser und kaltem Wind, das auch viele Segler kennen.

Das „Surfer’s Ear“ verdankt seinen Namen einem Problem, das verstärkt bei Surfern und Wellenreitern auftritt, von dem aber auch Segler betroffen sein können. Deshalb sind folgende Tipps, die unser Schwestermagazin SURF zusammengestellt hat, auch für viele Segler interessant.

Was ist das “Surfer’s Ear”?

Eine Gehörgangsverengung durch unnormales Knochenwachstum im Gehörgang.

Wer bekommt es?

Vor allem Personen, die über Jahre Wassersport in kaltem Wasser/kaltem Wind betreiben, sind gefährdet.

Wie kann man sich vor einem “Surfer’s Ear” schützen?

Warm halten (Haube) oder Wasseraustausch verringern (Ohrstöpsel).

Verlagssonderveröffentlichung

Was sind die Folgen?

Wasser läuft schlechter heraus, das Entzündungsrisiko steigt dadurch. In extremen Fällen kann das Hörvermögen merklich abnehmen.

Beim “Surfer’s Ear” entstehen knöcherne Verengungen im Hörgang, die den Abfluss des Wassers behindern.Foto: Archiv
Beim “Surfer’s Ear” entstehen knöcherne Verengungen im Hörgang, die den Abfluss des Wassers behindern.

Swimmer’s Ear vs. Surfer’s Ear

Zwei Phänomene, die nicht immer einheitlich zugeordnet werden, muss man bei Ohrenproblemen unterscheiden. Als „Swimmer’s Ear“ wird mal auch die langfristige knöcherne Veränderung im Ohr bezeichnet, meist ist aber lediglich die akute Entzündung des äußeren Gehörgangs gemeint. Das kann jedem passieren, wenn Badekeime durch die angreifbare dünne Haut im Gehörgang eindringen. Man muss vom englischen Gesundheitssystem nicht begeistert sein, aber der von dort ausgeliehene Merksatz „Nichts gehört ins Ohr, was kleiner ist als ein Ellenbogen“ ist zumindest prägnant, denn auch mit Wattestäbchen kann man bereits die Haut beschädigen und angreifbar machen.

Als „Surfer’s Ear“ wird gegenüber dem „Swimmer’s Ear“ nahezu ausnahmslos immer die langfristige Verengung im Ohr durch unnatürliches Knochenwachstum im Gehörgang (siehe Interview unten) bezeichnet. Die Folgen davon sind leider häufigere Entzündungen, weil öfter und länger Wasser im Ohr bleibt – mit dem Risiko, das von jeder Gehörgangsentzündung ausgeht: Ausweitung aufs Mittelohr, schlimmstenfalls bis zum Innenohr. In diesem, allerdings sehr seltenen Fall sind dauerhafte Schädigungen mit Tinnitus und Hörminderung möglich, eine Entzündung des Ohres sollte deshalb möglichst immer medizinisch betreut werden, damit nicht aus einem äußeren Ohrschmerz eine größere Baustelle wird. Vorbeugen ist grundsätzlich allerdings auch beim Phänomen „Surfer’s Ear“ besser als heilen.

Viele Wassersportler kennen “Surfer’s Ear”

„Surfer’s Ear“ ist bei Kaltwasser-Wellenreitern so verbreitet wie „Ellenbogen“ bei Tennisspielern. Bei der Recherche landet man sofort bei HNO-Spezialisten an der US-Westküste – ebenfalls ein beliebtes Kaltwasser-Surferparadies. Auch Windsurfer sind davon betroffen, vor allem die erste Generation, die über Jahre häufig und auch ohne Kopfschutz bei kaltem Winterwetter unterwegs war. Doch auch im Segelbereich ist das Ohrenproblem durchaus nicht unbekannt, vor allem bei Seglern, die auch in der kalten Jahreszeit aufs Wasser gehen. Der kalte Wind, der um die Ohren pfeift, kann dabei ähnliche Folgen haben wie kaltes Wasser.

Noch mehr betroffen sind Jollensegler, die auf offenen Revieren mit viel Wellengang trainieren. Die hochgewühlte Gischt und Spray kann einem Intensiv-Duschgang gleichen und findet schnell mal den Weg ins Ohr, ganz zu schweigen von Kenterungen. Muss dabei noch unter das Boot getaucht werden, etwa, um ein eingeklapptes Schwert wieder auszufahren, dringt garantiert kaltes Wasser ins Ohr ein. Beim Besuch des Ohrenarztes wird schnell deutlich, dass man ein richtiges Problem hat oder bekommen könnte. Dabei ist der Verlauf nicht zwangsläufig.

Die besten Mittel gegen das “Surfer’s Ear”

Für Segler ist eine gut sitzende warme Mütze das einfachste und effektivste Mittel, um die Ohren vor dem kalten Wind zu schützen. Daneben gibt es zahlreiche Neopren-Hauben, -Mützen und -Stirnbänder, die auch bei Spritzwasser noch warm halten. Aufwändiger wird es, wenn der Wasserkontakt enger wird, wie etwa bei Windsurfern und Wellenreitern oder den oben geschilderten Jollensegler-Problemen.

Lukas „Luky“ Weber, Wellenreiter und jahrzehntelanger Kapstadt-Wintergast, schwört auf „Swim Ear Cleanser“, eine Lösung, die nach dem Surfen ins Ohr geträufelt wird und das Entleeren von Wasser erleichtert. Der unter „Surfer’s Ear“ Leidende verhindert so weitere Folgen: „Seitdem ich das benutze, habe ich eigentlich keine Probleme mehr, vorher hatte ich ständig Ohrenentzündungen.“

Thomas Ortmann, der vielleicht bekannteste und radikalste Haubensurfer in Südafrikas Wellen, trägt bei 28 Grad Luft und 15 Grad Wasser die Haube „hauptsächlich als Sonnenschutz“, doch mit dem „Surfer’s Ear“ hatte er ebenfalls zu kämpfen: „Ich trage seit fast acht Jahren Ohrenstöpsel aus der Apotheke, die haben drei kleine Membranen, weil der Arzt damals ‚Surfer’s Ear‘ bei mir diagnostiziert hatte. 70 % links und 60 % rechts. Doch seitdem hat es fast aufgehört, ich habe nur ab und zu die Ohren etwas entzündet. Es (Red. das Knochenwachstum) hört auf, wenn du Stöpsel trägst. Ich hatte auch mal Stöpsel, mit denen man noch hören kann, die habe ich aber wieder verloren“.

Die Luxusvariante leistet sich dabei nicht jeder, weiß Tom: „Viele südafrikanische Surfer machen einfach Prestik in die Ohren, das ist so ein klebendes Zeugs, mit dem man Sachen an der Wand festkleben kann, das macht das Ohr komplett dicht. Aber ich weiß nicht, ob das so gesund ist. Andere lassen sich Stöpsel für die Ohren maßanfertigen, doch ich bin eigentlich happy mit den ganz einfachen Teilen aus der Apotheke.“

Tipp der Ärzte

Es werden immer wieder verschiedene Öle empfohlen, von „Ballistol“, einem hochreinen Waffenöl, bis zu medizinischen Olivenölen wie beispielsweise „Earol“ oder „Auridrop“, die man in der Apotheke erhält. Damit wird die Haut im Ohr gepflegt und geschützt, wenn es bereits eng geworden ist. „Trockenfönen“ zielt als Tipp in die ähn­liche Richtung – es soll vermieden werden, dass nach dem Segeln oder Surfen noch lange Wasser im Ohr verbleibt und mögliche Badekeime loslegen können.

Gegen die langfristige Wucherung hilft nur Schutz vor der Kälte, mit Haube oder Stöpseln, die einen regen Kaltwassereinbruch und die Auskühlung durch Wind verhindern. Zwei unterschiedliche Stöpselvarianten haben unsere Kollegen der SURF ausprobiert:

  • Die „Surfears“ überzeugen mit sicherem Halt und vor allem dadurch, dass man damit wirklich noch sehr gut hören kann. Eine wasserdichte Membran lässt Töne durch, am Strand kann man sich gut verständigen, beim Sport beeinträchtigen die Stöpsel nicht. Infos: surfears.com
  • Die Ohrstöpsel von „Three Waves“ sind eine Silikonmischung zum Selberformen, es entstehen sehr angenehm zu tragende, maßgefertigte Stöpsel, die allerdings das Hörvermögen recht stark dämpfen. Infos: threewaves.de

Experten-Interview: Prof. Dr. Peter R. Issing

Facharzt für HNO-Heilkunde, Leiter HNO am Klinikum Bad Hersfeld

Herr Issing, ist das Phänomen „Surfer’s Ear“ auch in medizinischen Fachkreisen unter diesem Namen bekannt?

Prof. Issing: In Amerika ist das ein gängiger Begriff, in Deutschland wird hier mehr der Begriff Schwimmer-Ohr benutzt. Die Bezeichnung „Surfer’s Ear“ ist sicher auch zunehmend gebräuchlich, im Grunde gilt das aber für alle Menschen, die viel im Wasser sind: Schwimmer oder Taucher, das ist keine spezielle Angelegenheit, die nur Surfer betrifft.

Anscheinend verengt sich bei diesem Phänomen der Gehörgang. Können Sie erklären, was da passiert und warum der Körper das macht?

Der genaue Mechanismus ist schwierig zu erklären, man weiß eigentlich nur, dass es passiert. Betroffen ist auch nur der Gehörgang. Es sind ja andere Knochen auch noch im Wasser, und die verändern sich nach meiner Kenntnis nicht, zum Beispiel das Schienbein. Es ist in der Tat so, dass Menschen, die viel im Wasser sind, betroffen sind. Offensichtlich spielt dabei die Temperatur eine gewisse Rolle. Kaltes Wasser ist eher geeignet, so etwas hervorzurufen, als warmes Wasser. Es passiert dabei Folgendes: Im knöchernen Gehörgang – der äußere Gehörgang hat zwei Anteile, einen äußeren knorpeligen und einen inneren knöchernen – bildet der innere Anteil dabei sogenannte Exostosen. Das sind kleine Knochenwucherungen, kugelförmige Auswüchse des Knochens, völlig gutartig und im Prinzip völlig harmlos. Aber – wenn diese eine bestimmte Ausprägung haben, dann verengen sie den Gehörgang. Wasser kann aus dem Gehörgang nach dem Baden oder Surfen weniger leicht entweichen. Dies kann häufigere Gehörgangsentzündungen auslösen.

Gibt es Erfahrungen, ob man eine gewisse Zahl von Jahren intensiv mit Wasser in Kontakt gewesen sein muss, damit es zur Bildung der Exostosen kommt?

Das kann ich quantitativ nicht genau beantworten im Sinne, dass man so und so viele Jahre eine bestimmte Anzahl Stunden im Wasser gewesen sein muss oder dass man eine bestimmte „Wasserdosis“ festlegen könnte. Aber es ist mit Sicherheit etwas, das über Jahre entsteht. Nicht kurzfristig. Wenn man eine Woche im Urlaub auf dem Wasser ist, ist es sicher unproblematisch. Wenn man das oft macht, wie wenn man als Schwimmer täglich stundenlang im Wasser ist, kann es sich aber entwickeln.

Unter vielen Wassersportlern hört man Klagen häufig in der Generation 35 plus. Entspricht das Ihrer Erfahrung, dass es in dem Alter erst losgeht?

Ja, wir haben ganz selten ganz junge Leute, keine 18-Jährigen. Die betrifft das in der Regel nicht.

Haben Sie eine Empfehlung, wie man sich am besten schützt?

Ich würde Stöpsel verwenden. Denn wenn man annimmt, dass die Kälte des Wassers eine Rolle spielt, dann helfen wasserabweisende Mittel gegen die Temperatur wenig bis nichts. Man sollte seinen Gehörgang mechanisch davor schützen, dass kaltes Wasser überhaupt eindringt.

Alternative Empfehlungen bezüglich Öl und anderem sind einer anderen Sache geschuldet, die mit den Exostosen direkt nicht unbedingt zu tun hat. Das kann Ihnen auch im warmen Wasser passieren, nämlich eine Gehörgangsentzündung. Im Wasser haben Sie immer Keime, auch daheim in der Dusche (z. B. Pseudomonas aeruginosa). Wenn die Haut dem Wasser länger ausgesetzt ist, wird sie spröde und büßt ihre Schutzfunktion ein Stück weit ein; Keime können so leichter eindringen. Die Empfehlung, die Haut zu pflegen, mit Ölen oder Ähnlichem, zielt genau darauf ab, eine externe Gehörgangsentzündung zu verhindern.

Welche Rolle spielt dabei das „Surfer’s Ear“?

Wenn Sie jetzt bereits Exostosen haben, also diese Verengungen, dann haben Sie sicherlich ein etwas höheres Risiko, so eine Gehörgangsentzündung zu entwickeln, weil das Wasser schlechter rausgeht. Manche raten auch, das Ohr trockenzufönen. Diese Keime lieben Feuchtigkeit, und wenn man das Ohr trocken hält, ist das Risiko geringer.

Mittel zur Gehörgangspflege wären zum Beispiel „Vaxol“, da ist ein medizinisches Olivenöl drin. Oder „Otodolor soft“. Das ist ein Präparat auf Glycerinbasis – als Tropfen, die man in den Gehörgang träufeln kann. Salben sind eher nicht zu empfehlen, da das Einbringen problematisch sein kann: Mit Wattestäbchen manipulieren Sie beispielsweise ohne visuelle Kontrolle, die Haut im Gehörgang wird zusätzlich gereizt, und Sie leisten der Ausbildung einer Gehörgangsentzündung noch Vorschub. Es bilden sich kleine Risse, über die Bakterien eintreten. Noch ein praktischer Tipp: Der Gehörgang – der knöcherne und knorpelige – ist im Übergang nicht ganz gerade. Wenn man die Ohrmuschel nach hinten oben zieht, dann gleicht man diesen Knick etwas aus und das Wasser, das eventuell im Ohr ist, kann leichter raus.

Wenn die Exostosen schon da sind, was macht man dann?

Exostosen kündigen sich oft mit Gehörgangsentzündungen an oder auch mit einer Hörminderung, wenn das Ohr sich nicht mehr selbst von Ohrenschmalz reinigt.

Als Behandlung ist nur die operative Entfernung möglich. Eigentlich ist das ein unproblematischer Vorgang. Die Exostosen werden dabei weggebohrt. Das Problem ist allerdings, dass alles sehr eng ist und man im Gehörgang die extrem dünne Haut über den Erhebungen lösen muss. Dann höhlen Sie diese „Berge“ aus und tragen diese ab, in der Absicht, die Haut zu erhalten. Das ist wichtig, weil es sonst hinterher zu narbigen Veränderungen kommen kann. Die möchte man natürlich nicht haben. Die Haut wird benutzt, um den frei liegenden Knochen am Ende wieder präzise zu bedecken. Da muss der Operateur darauf achten, ansonsten ist das kein aufsehenerregender Eingriff.


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