FunktionskleidungDie richtigen Klamotten für das Wintercruisen

Nico Krauss

 · 01.11.2022

Moderne Funktionskleidung besteht aus mehreren Schichten, führt die Feuchtigkeit nach außen, aber hält die Wärme innen
Foto: N. Krauss

Immer mehr Segler gehen auch in der kalten Jahreszeit auf Törn, denn mit optimierter Funktionskleidung und guter Vorbereitung kann das Wintercruisen zum Höhepunkt eines ganzen Jahres werden. Wir zeigen, worauf Sie achten sollten

Der Himmel ist blassblau, die Luft klar, und vor der Hafeneinfahrt weht ein frischer Ostwind. Das Thermometer zeigt acht Grad Celsius, die Sonne steht knapp über dem Horizont und schenkt uns nur ein müdes Lächeln, die Bäume ringsherum haben all ihr Laub verloren. Sie ist zu spüren: die Tristesse des Winters im Quadrat.

Doch man kann ihr ein Schnippchen schlagen: die richtigen Klamotten anziehen und raus aufs Meer! Ob für einige Stunden, Tage oder gar Wochen – dieser Perspektivwechsel kann stimmungsaufhellende Wunder bewirken und wohltuende Klarheit im Kopf erzeugen.

Verlagssonderveröffentlichung

Segelsaison ist immer. Ganz nach dem norwegischen Sprichwort: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Worauf es bei guter Kleidung ankommt, erklären wir jetzt:


Funktionskleidung: trocken und warm

Trocken und warm zu bleiben ist das oberste Gebot und essenziell für sicheres und genussvolles Segeln außerhalb der Sommersaison. Anders als unsere nautischen Ahnen, die mit schafwollenen Unterhosen und Pullovern, Leinenhemden, Mützen und geteerten Jacken (daher der Begriff „Ölzeug“) die Kaps rundeten oder Fische aus dem Nordmeer zogen, steht uns heute eine große Auswahl an Funktionsbekleidung für den Wetterschutz zur Verfügung. Wer auf See geht, kann sich in maritimen Fachgeschäften und der gesamten Outdoorbranche mit Hightech-Textilien einkleiden und ohne Gänsehaut die Nordwestpassage oder die Antarktis besegeln.

Das kann eine sinnvolle, wenngleich auch teure Investition werden. Allerdings muss für einen Herbsttörn auch nicht gleich ein großes Leck in die Bordkasse geschlagen werden, denn die Grundidee für ein warmes und trockenes „Out of Season“-Segelerlebnis ist ganz simpel und kann mit vorhandener Segelbekleidung Stück für Stück realisiert werden: mit dem Schichtenprinzip. Diese Idee, viele Kleidungsstücke unterschiedlicher Materialien und Eigenschaften übereinanderzuziehen, hat sich in allen Outdoorbereichen sehr bewährt und ist auch als Zwiebelprinzip bekannt.

Der Zwiebellook

Hierbei werden Textilien aus verschiedensten Materialien und Stärken übereinander angezogen, ähnlich den einzelnen Schalen einer Zwiebel. Der Vorteil dieser Bekleidungsvariante: Die Körperwärme kann optimal gespeichert werden, gleichzeitig wird der Abtransport von Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf vom Körper weg und nach außen ermöglicht. In der Theorie reichen hierfür drei Schichten Textil aus, in der Praxis kann mit weiteren Lagen experimentiert werden, je nach Kälteempfinden, Außentemperatur und Windstärke. Wichtig ist dabei, die spezifische Eigenschaft der Textilfaser zu berücksichtigen und das Material je nach seiner Eigenschaft nah am Körper oder als äußerste Schicht zu tragen.


Funktionskleidung: Der Baselayer

Funktionsunterwäsche: Direkt am Körper anliegend, transportiert der Stoff die Feuchtigkeit nach außen. Auf Langstrecken kann die Crew darin bei Freiwache bequem in die Koje gehen
Foto: N. Krauss

Die Basisschicht (Baselayer) sollte ein eng anliegendes und dünnes Textil sein, welches den Abtransport der Feuchtigkeit vom Körper übernimmt (Funktionsunterwäsche). Hierfür nutzen Hersteller ein Material aus Polyester oder Polypropylen, seit einigen Jahren ist auch Wolle und speziell Merinoschafwolle begehrt. Sie vereint die Vorteile, wärmend, geruchshemmend, feuchtigkeitsableitend und schnell trocknend zu sein. Gegenüber den synthetischen Varianten wärmt Merinowolle auch dann, wenn sie nass ist, noch mit hoher Effektivität. Der Grund: Die Wolle kann bis zu 30 Prozent des Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen und dabei immer noch gemütlich und wärmend wirken. Zudem verhindert das Naturmaterial unangenehmen Mief am Körper, denn der Schafspelz hat von Natur aus einen antibakteriellen Schutz. Schweißgeruch hat keine Chance. Ein Vorteil für die gesamte Crew.

Ob Hightech-Kunstfaser oder Wollprodukte an die Haut gelassen werden, entscheiden der subjektive Tragekomfort, die Bordkasse sowie medizinische Aspekte wie Allergien. Auf keinen Fall als Basisschicht geeignet ist Baumwolle. Dieses Gewebe kann die Körperflüssigkeit zwar aufsaugen, aber ermöglicht keinen Weitertransport nach außen. Ergebnis: Der Körper bleibt nass und kühlt mittelfristig aus, ein Garant für maximales Unbehagen.


Funktionskleidung: Der Midlayer

Zahlreiche Varianten: Die Aufgabe der Midlayer-Lage ist es, die Wärme innen am Körper zu binden, aber die Kälte außen zu halten. Beliebt sind Fleece oder Softshell
Foto: N. Krauss

Bei der Isolations- oder Wärmeschicht (Midlayer, Softshell) soll die innere Wärme gehalten und äußere Kälte abgewiesen werden. Zudem muss die Feuchtigkeit aus der Basislage nach außen abtransportiert werden können. Als Materialien eignen sich hierfür Fleece, Merinowolle oder Kunstfaser in Form einer Jacke oder eines Pullovers, auch gern mit integrierter Mütze.

Fleece ist das am meisten eingesetzte Material am Markt. Die Bekleidung aus der Chemiefaser Polyester hat viele Vorteile für den Verwendungszweck als Midlayer: Es nimmt weder Wasser noch Feuchtigkeit auf, wärmt, ist leicht und dabei sehr resistent. Durch die einfache Verarbeitungsmöglichkeit von Polyester haben die Hersteller viel Freiraum, um das Fleece in unterschiedlicher Form, Stil und Stärke anzubieten. Es gibt sogar Fleece-Kleidung, die nachhaltig aus recycelten PET-Flaschen oder Altkleidern gewonnen wird. Einziger Nachteil: Die Geruchsbildung kann durch schweißbedingte Bakterienbildung relativ schnell unangenehm werden.

Wunderstoff Merinowolle

Merinowolle hat deshalb auch als Midlayer große Bedeutung gewonnen und wird gern als Alleskönner unter den Naturfasern bezeichnet. Denn gegenüber normaler Wolle ist die Merino-Variante wegen einer feineren Struktur fast kratzfrei, und der wasserabweisende Effekt ist durch vermehrte Wollfettbildung größer, bei gleichzeitig geringerem Eigengewicht. Es gibt mittlerweile auch Hersteller, die Wollfaser mit Synthetik zu einem gemeinsamen Gewebe verarbeiten, um eine bessere Passform und Stabilität zu erreichen.

Eine weitere Materialvariante für die wärmende Mittelschicht sind Daunen, allerdings aus Kunstfaser. Echte Daune verklumpt bei Feuchtigkeit und kann dann keinen wärmenden Beitrag leisten, während die Wärmeisolierung des synthetischen Nachbaus aus Mikrofaser selbst bei hoher Feuchtigkeit immer noch sehr hoch bleibt. Wie bei der Gänsedaune hat das Plagiat einen dreidimensionalen Bauplan. Das Gewicht und die Dichte bleiben somit sehr gering, bei einem hohen Tragekomfort aufgrund der Luftigkeit und Wärmeleistung des Materials.


Funktionskleidung: Das Hardschell

Früher war das Ölzeug luft- und wasserundurchlässig, heute besteht es aus einem zwei- oder dreilagigen Laminat, das Feuchtigkeit außen hält, aber atmungsaktiv wirkt
Foto: N. Krauss

Der Wetterschutz (Hardshell) als Jacke und Hose ist die äußerste Schicht, welche die Körper- und Kondensfeuchtigkeit (Wasserdampf ) nach draußen führen muss, aber zugleich keine Nässe und Wind hineinlassen darf. Was wie die Quadratur des Kreises klingt, ist heute in der modernen Textilfertigung möglich. Dass Zauberwort heißt „Atmungsaktivität“ und wird erreicht durch Membrane, die auf das Außenmaterial laminiert werden. Unterschiedliche Membran-Technologien sind am Markt erhältlich (Gore-Tex, Texapore, Sympatex etc.) und schützen auf verschiedene Weise fast vollständig vor eindringenden Wassermolekülen bei Regen, schmelzendem Schnee und Seewasser. Zugleich besteht eine effektive Wasserdampfdurchlässigkeit, was den Abtransport der Feuchtigkeit in Form von Luftmolekülen ermöglicht. 

Hardshell-Jacken oder -Hosen gibt es in verschiedenen Ausführungen: Dreilagiges Material besteht aus einem Außengewebe, der Membran und dem Innenmaterial, sodass die Membran geschützt ist. Die Schichten sind so miteinander laminiert, dass sie wie ein einziges Element wirken und Vorteile für den Tragekomfort bringen. Zweilagiges Material besteht aus der Membran und dem Außenmaterial, laminiert zu einem Stoff. Das schützende, feinmaschige Gewebe der Innenseite ist nicht mit dem Außenmaterial verbunden, deshalb entsteht der Eindruck von mehr Volumen, was faktisch aber keine Verbesserung der Eigenschaften gegenüber der dreilagigen Version bedeutet.

Je nach Verwendungszweck und Einsatzort sind die Oberflächen der Hardshell-Schicht unterschiedlich robust ausgeführt, jeder Hersteller nutzt sein spezielles Material- und Design-Konzept.

Das gilt auch für die Abschlüsse an Armen und Beinen, an denen mit Neoprenmanschetten oder Klettverschlüssen das Eindringen von Wasser verhindert werden soll.

Auf Nähte wird bei modernen Bekleidungssystemen weitgehend verzichtet, denn sie würden an den Einstichstellen der Nadel wie ein kleines Leck dem Wasser einen Weg nach innen bahnen. Aus diesem Grund werden die Komponenten stattdessen mit Folie geklebt oder verschweißt.

Fazit: Es gibt nicht „die“ perfekte Kleidung für den Törn in der kalten Jahreszeit. Vielmehr tragen verschiedene Komponenten zu einem warmen und trockenen Ergebnis bei. Das Zwiebelschalenprinzip ermöglicht dabei eine große Flexibilität, um auch auf jeweilige Temperatur- und Witterungsveränderungen zu reagieren. Selbst bei kurzfristigen, aber schweißtreibenden Arbeitseinsätzen wie Reffen, Segelbergen oder einem Ankermanöver kann die Anpassung an die körperliche Temperaturveränderung schnell erfolgen, indem eine textile Schicht entfernt wird. Grundsätzlich fällt bei dieser Bekleidungsstrategie dem Midlayer die Schlüsselrolle zu, denn der Wetterschutz (Hardshell) sollte bei niedrigen Temperaturen immer getragen werden, um Wind und Wasser abzuhalten.


Funktionskleidung: Schutz für Hände und Füße

Neopren-Handschuhe mit Lederbesatz Liegt die Lufttemperatur knapp über null, sind auch Steuerrad und Pinne nicht viel wärmer. Gute Handschuhe sind essenziell
Foto: N. Krauss

Ein ungeschützter Kopf, Hände oder Füße verursachen große Wärmeverluste, deshalb sind Mützen, Stirnbänder, Schals und Handschuhe weit mehr als nur modische Accessoires und ihre Funktion für einen Wintertörn essenziell. Über den Kopf kann der Mensch bis zu 50 Prozent seiner Körperwärme verlieren. Das verhindert eine Mütze oder ein Stirnband (z. B. Fleece), außerdem die Kapuze und Halsklappe der Hardshell-Jacke. Handschuhe aus Neopren sind für Fahrtensegler eine gute Wahl, um mit Ankerketten, Festmachern oder Schoten zu hantieren. Beim Steuern oder während der Freiwache im Cockpit sind wasserabweisende Fäustlinge hingegen eine gemütliche Variante.

Für guten Grip an Deck, warme und trockene Füße sorgen die Seestiefel aus atmungsaktiven Materialien. Die Größe sollte so gewählt werden, dass auch dicke Socken und wärmende Sohlen Platz finden. Beim langen Sitzen im Cockpit unterstützen Einlegesohlen oder Wärmepads zur Einmalverwendung mit aktiver Wärme den Temperaturhaushalt des Körpers.

Auf längeren Törns können praktische Handwärmer, die mit Benzin, Aktivkohle, Wasser oder Strom betrieben werden, die Fingerfertigkeit der Crew erhalten. Auch die klassische Wärmflasche ist stets ein guter Begleiter: Zwischen die Schichten der Klei- dung gesteckt, wird für mindestens eine Stunde gemütliche Wärme abgegeben. Lang anhaltende Wärme bringen außerdem auch Wärmepflaster mit dem Wirkstoff von Chili und ätherischen Ölen (dabei allergische Reaktionen beachten), die direkt auf die Haut geklebt werden.


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