Code Zero auswählenWelcher Typ passt zu Ihrem Boot?

Hauke Schmidt

 · 21.10.2026

Ein Code Zero sorgt auch bei Leichtwind für Speed und Segelspaß.
Foto: Gianluca Naphtalina Camporesi; Grand Soleil
​Der Code Zero schließt die Lücke zwischen kleiner Fock und Gennaker. Den einen Code Zero gibt es allerdings nicht. Mittelbreite, Profil, Material und Vorliekskonstruktion entscheiden darüber, welche Auslegung zum Boot und zum gewünschten Einsatzbereich passt.

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​Wer mit einer modernen Yacht am Wind segelt, hat wenig zu klagen: Die nicht überlappende Fock lässt sich eng schoten, das Boot macht gute Höhe und Speed. Wer dann abfällt, wartet vergeblich auf Druck. Das Tuch verwindet und liefert kaum noch Vortrieb. Es fehlen Fläche und Profil. Der Code Zero schließt diese Lücke. Im Schnitt bringt er das Zwei- bis Zweieinhalbfache der Standardvorsegelfläche mit und zählt zu den effizientesten Tuningmaßnahmen für moderne Riggs.

Vom Regattasegel zur ganzen Segelfamilie

Zum ersten Mal tauchten Code Zeros beim Whitbread Race 1997 auf. Ein großes, frei fliegendes Vorsegel, formell als Gennaker vermessen, in der Praxis eine riesige Flautengenua. Seitdem hat sich das Konzept vom formelschindenden Regattasegel zu einer ganzen Segelfamilie für Regatta- und vor allem auch für Fahrtenyachten entwickelt. Sprich: Den einen Code Zero gibt es eigentlich nicht. Das spiegelt sich auch in der Nomenklatur der Segelmacher wider.

Quantum spricht beispielsweise von Apparent-Wind-Segeln, kurz AWA, und hat standardmäßig drei Typen im Programm. Elvström nennt seine Modelle Code 53 bis Code 75 und kommt insgesamt auf sieben Typen. UK Sailmakers orientiert sich wie Elvström an der Mittelbreite des Segels und spricht vom Code 55 oder Code 65, wobei die tatsächliche Mittelbreite auf das Boot und die Vorlieben des Eigners abgestimmt wird. North Sails verwendet ebenfalls Bezeichnungen wie Code 55 und Code 65. Verwirrend.

Die Mittelbreite bestimmt Größe und Einsatzbereich

Als Mittelbreite bezeichnet man den kürzesten Abstand zwischen Vor- und Achterliek auf halber Höhe, ausgedrückt in Prozent der Unterliekslänge. Sie bestimmt Größe, Profil sowie Einsatzbereich und damit, welches Segel zu welchem Segler und Boot passt. Klassische Fahrtencodes liegen heute allerdings bei 53 bis 65 Prozent. Das ergibt universelle Segel mit guten Amwind-Eigenschaften, die sich abhängig von Windstärke und Bootstyp bis in den mittleren Reachbereich einsetzen lassen.

Je schmaler die Mitte, desto leichter rollt das Segel und desto höher am Wind ist es einsetzbar. Umgekehrt gilt: Je breiter die Mitte, desto fülliger wird das Segel und desto weiter verlagert sich der Einsatzbereich Richtung Gennaker.

Ab 75 Prozent Mittelbreite gilt das Segel vermessungstechnisch als Gennaker. Das ist für Regattasegler relevant, da schmale Codes direkt in die ORC-Amwind-Performance zählen und das Rating empfindlich belasten können. Für Fahrtenyachten kommen derart große Codes selten infrage, da sie Crew und Stabilität schnell überfordern und sich zu selten nutzen lassen.

Das Problem an der Einteilung nach Mittelbreite: Die meisten Nicht-Segelmacher können mit dem Wert wenig anfangen und kennen die Mittelbreite der eigenen Segel oft nicht.

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Die Mittelbreite des Code Zero bestimmt die Größe und Profilierung. Daraus ergibt sich auch der Windbereich, in dem das Segel nutzbar ist.
Foto: Quantum Sails

​Typen und Einsatzbereiche

Die Quantum-Bezeichnung nach dem scheinbaren Windwinkel, auf Englisch Apparent Wind Angle, ist etwas eingängiger und lässt sich auch auf die Segel der anderen Hersteller übertragen. Ein AWA 40 ist beispielsweise so ausgelegt, dass er besonders hoch am Wind gesegelt werden kann. Daher ist er sehr flach und eher klein. Die Mittelbreite liegt bei etwa 50 bis 60 Prozent. Für die meisten Fahrtensegler ist es ein zu spezielles Segel, das gegenüber dem Standardvorsegel wenig Vorteile bringt.

Ein AWA 60 ist mit einer Mittelbreite von 60 bis 70 Prozent deutlich größer und vielseitiger. Segelmacher Sven Krause von Quantum Sails empfiehlt diese Variante für die meisten Boote: „Wir fahren so ein Segel auf unserer Comfortina 32 bis 12 Knoten Wind und ab einem Einfallswinkel von 55 Grad, fällt man dann weiter ab, geht es richtig vorwärts.“

Mit einer Mittelbreite von 70 bis 80 Prozent und einem Einsatzbereich von 80 bis 130 Grad scheinbarem Wind ist der AWA 80 das breiteste Segel in der Code-Zero-Familie. Das Segel lässt sich unter allen Bedingungen unkompliziert ein- und ausrollen und stellt kaum Ansprüche an Trimm oder Steuermann.

Wer keinen Gennaker möchte, findet im AWA 80 einen robusten Kompromiss, der vom leichten Reach bis in den Raumwindbereich reicht. „Wir empfehlen diese Auslegung für ältere Crews oder Shorthanded-Segler, die nicht mehr auf dem Vorschiff herumturnen und Segel wechseln wollen“, so Krause. Wer mit einem derartigen Code auf maximale Amwind-Leistung hofft, ist allerdings falsch beraten.


Auswahlhilfe für den Code Zero

Segler-TypMittelbreiteWorauf achten?
Sportlicher Fahrtensegler, auch Regatta53 bis 55 Prozentkleiner Einsatzbereich, kann für ranke Boote interessant sein
Allround-Fahrtensegler60 bis 65 ProzentStabilität entscheidend, für ­ranke Boote Fläche reduzieren
Gennaker-Ersatz, einfaches Handling, tiefere Kurse65 bis 75 ProzentFür einfachstes Handling ­Anti-­Torsionskabel empfehlenswert

​Die Werte dienen als Orientierung. Die Mittelbreite allein entscheidet nicht über den Einsatzbereich. Auch Profiltiefe, Segelfläche, Material, Vorliekskonstruktion sowie Form und Stabilität des Bootes spielen eine Rolle.


Rumpfstabilität und Standardvorsegel

Um die Auslegung und Größe des Segels festzulegen, ist nicht nur der gewünschte Einsatzbereich wichtig, sondern auch der Bootstyp und die Rumpfstabilität. Moderne Yachten mit breiter Wasserlinie können erheblich mehr Segelfläche tragen und das Segel auch bei mehr Wind und auf spitzeren Kursen einsetzen. Søren Hansen, Segeldesigner bei Elvström Sails Dänemark, dazu: „Boote wie die Hallberg-Rassy 50 oder die HR 69 segeln bis zu 70 Prozent der Zeit mit Code Zero, weil die Rumpfstabilität es erlaubt, das Segel auch bei mehr Wind und auf sehr spitzen Kursen zu fahren.“

Ein rankeres Boot kommt mit einem großen Code Zero schnell an seine Grenzen und fährt mit einem schlankeren Segel besser, so der Segelmacher aus Dänemark. Wer schon eine große, überlappende Genua an Bord hat, kann mit einem Code Zero nicht viel gewinnen. Je kleiner das Standardvorsegel, desto größer der Unterschied.


Im Artikel über die Grundlagen zu Einsatz und Handling des Code Zero wird erklärt, welche Vorteile das Segel insbesondere auf Yachten mit kleiner Fock oder Selbstwendefock bringt.


Material: Laminat, Membran oder Nylon

Auf großen Yachten sieht man mitunter schicke, durchscheinende Membran-Code-Zeros. Für die meisten Anwendungen sind triradial geschnittene Laminate aber ausreichend. „Aus den Aramidlaminaten bauen wir problemlos Segel für 60-Füßer“, so Krause. Bei den für Fahrtenboote gewünschten tiefen Profilen funktioniert das oft besser als eine Membran.

Stutzig sollte man werden, wenn ein Nylongewebe angeboten wird. „Das ist bestenfalls ein Reacher. Damit kann man Halbwind fahren, aber das hat nichts mit einem echten Amwind-Segel zu tun. Das Material ist günstig, dehnt sich aber viel zu stark“, so Krause.

Mit Kabel lässt sich gut wickeln, ohne besser trimmen

Der Code Zero wird frei fliegend gesetzt und praktisch immer mit einem Endlosroller kombiniert. Dabei muss das Vorliek erhebliche Kräfte aufnehmen. Drei grundsätzlich verschiedene Ansätze stehen zur Wahl. Der Begriff „kabellos“ deckt davon gleich zwei ab, was für Verwirrung sorgen kann.

Die klassische Variante ist ein im Vorliek eingezogenes Torsionskabel. Dabei handelt es sich fast immer um eine mit PU getränkte Dyneema-Leine, die dem Vorliek Stabilität gibt und das Segel eng einrollbar macht. Die Kabel sind bewährt, langlebig und ermöglichen enges Aufrollen. Sie haben aber auch Nachteile: Das steife Kabel begrenzt die Trimmmöglichkeiten und hat Einfluss auf das Segelprofil. Zudem benötigt es auf spitzen Kursen sehr viel Fallspannung, um nicht zu stark nach Lee zu sacken, und erhöht das Gewicht des Segels. Hinderlich beim Verstauen: Aufgerollt verwandeln sich Laminatsegel und Kabel in eine störrische Wurst, die einen langen Sack benötigt.

Was Cableless-Systeme anders machen

Der Gegenentwurf sind sogenannte Cableless-Systeme, bei denen Carbon- oder Aramidfasern vom Hals bis zum Kopf durch das Vorliek laufen und die gesamten Längslasten übernehmen. Oft handelt es sich dabei um Membrankonstruktionen. Ohne das Kabel kann das Vorliek leicht nach vorne gerundet geschnitten werden. Dadurch projiziert sich das Segel bei reduzierter Fallspannung nach Luv und hängt weniger stark durch. Bei passendem Trimm kann ein Cableless-Code einen größeren Windwinkel abdecken. Außerdem wird das Segel leichter und besitzt ein deutlich kleineres Packmaß.

Für Fahrtensegler ist es trotz aller Vorteile nicht unbedingt die beste Wahl. „Das Cableless-Konzept ist für viele schwierig. Das Segel verhält sich gesetzt deutlich dynamischer, fast wie ein Gennaker. Es braucht entweder aufmerksameres Trimmen oder aufmerksameres Steuern. Autopiloten kommen mit dem dynamischen Verhalten nicht hinterher wie bei einem Kabelsegel. Bei Welle und auffrischendem Wind muss man fünf Grad tiefer fahren als theoretisch möglich, weil das Segel sonst killt“, sagt Krause.

Ein weiterer Nachteil: Ohne steifes Kabel rollt das Segel oben nicht kompakt genug zusammen, um dauerhaft gesetzt bleiben zu können. Einen Preisvorteil gibt es nicht. Was beim Kabel gespart wird, muss in Konstruktion und Material investiert werden. Am Ende ist das kabellose Segel oft sogar teurer.

Hybridlösungen zwischen Kabel und Cableless

Zwischen klassischem Kabel und vollständig kabellosem System hat sich ein Hybridansatz etabliert. North Sails nennt diese Technologie Helix, UK Sailmakers spricht von ISL, kurz für Integrated Structural Luff.

Wie bei einem kabellosen System übernehmen Verstärkungen im Vorliek und das Segel selbst die Längslasten. Das Kabel wird dünner oder entfällt. Aerodynamisch bieten die Hybridlösungen ähnliche Vorteile wie kabellose Codes.

Das Vorliek projiziert sich bei reduzierter Fallspannung nach Luv. Der Code steht auf tieferen Kursen besser und wird weniger stark vom Großsegel abgedeckt. Die in das Vorliek integrierten Strukturen sollen zugleich das Einrollen erleichtern.


Bauarten im Vergleich

SystemStärkenEinschränkungen
Torsionskabeleinfaches Handling, kann gesetzt bleibenhohe Fallspannung nötig, steif beim Stauen
Hybrid/ISLtrimmfreundlich, breiterer Einsatzbereich, leichtersollte nicht gesetzt bleiben, muss aktiver gesegelt werden
Kabelloskleinstes Packmaß, leichtestes Segelsiehe Hybrid/ISL

​Welche Voraussetzungen an Rigg und Deck nötig sind

Ein Bugspriet ermöglicht größere Segel, und auf bestimmten Kursen kann die Fock zusätzlich zum Code ausgerollt werden
Foto: Hersteller

Bevor man sich für ein Segel entscheidet, lohnt ein Blick auf das eigene Rigg. Gibt es ein nutzbares Fall oberhalb des Vorstags? Gerade bei Toppriggs ist vor dem Stag oft kein Platz, um einen aufgerollten Code zu setzen. Schwierig sind auch 7/8-Riggs. Oberhalb des Vorstags ist der Mast häufig zu stark verjüngt, um den Code sicher tragen zu können.

An Deck muss ebenfalls genügend Platz sein. Der Anschlagspunkt für den Furler sollte mindestens 20 Zentimeter vor dem Vorstag liegen und muss solide verankert sein. Wer ein vorhandenes Spinnakerfallrouting nutzt, muss auf eine Umlenkung unterhalb des Fallenkastens achten. Ohne Führung wird die Fallscheibe schief belastet, was in der Regel zu Problemen führt.

Ab etwa 43 Fuß wird man bei einem Kabel-Code um ein 2:1-Fallsystem kaum herumkommen. Bei Hybridsystemen mit einem gut designten Vorliek hält sich der nötige Zug dagegen in Grenzen. Wichtig ist in jedem Fall ein dehnungsarmes Fall, das beim Segeln am besten auf der Winsch bleibt. Ebenfalls zur Pflichtausrüstung gehört ein Endlosfurler mit Rücklaufsperre. „Das ist ein echter Gamechanger“, sagt Krause, „gerade für Leute, die beim Ziehen verkrampfen.“ Wer je erlebt hat, wie sich ein Code Zero beim Umgreifen wieder abrollt, wünscht sich nie wieder einen Furler ohne Sperre.

Ein Code Zero oder zwei Leichtwindsegel?

Optimal sind zwei Segel: ein Code Zero mit etwa 60 bis 65 Prozent Mittelbreite für die Amwind-Kurse und ein voller A2-Gennaker für die tiefen Kurse. Der A2 ist auf Kursen um 155 bis 160 Grad zum wahren Wind in seinem Element und steht ruhig und stabil. „Der kümmert sich um sich selbst“, so Krause.

Wer nur ein Segel will, wählt einen Code mit 65 bis 75 Prozent Mittelbreite. Der deckt erstaunlich viel ab und kann auf sehr tiefen Kursen in Schmetterlingsstellung gefahren werden.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Vor- und Raumwindsegeln sind in der Typenkunde zur Segelgarderobe für Fahrtenyachten ausführlicher eingeordnet.


Buchtipp

Segel- und Riggtrimm von Ivar Dedekam erklärt die aerodynamischen Grundlagen und den praktischen Trimm von Vorsegel, Großsegel, Spinnaker und Gennaker. Mehr als 150 Farbillustrationen zeigen, wie Einstellungen an Segeln und Rigg das Profil und die Leistung verändern.


Schmal und sportlich oder breit und unkompliziert: Welcher Code Zero gehört für Sie an Bord? Diskutieren Sie mit.

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Hauke Schmidt

Hauke Schmidt

Redakteur Test & Technik

Hauke Schmidt zog bereits im Opti-Alter an die Küste und wuchs auf Jollen und Dickschiffen auf. Seit 2006 ist der Diplom Ozeanograf als Redakteur im Ressort Test & Technik tätig. Zu den Kernaufgaben gehören Ausrüstungs- und Bootstest, aber auch Praxisthemen rund um Elektronik, Seemannschaft und Refit. Als leidenschaftlicher Selbermacher verbringt er die Sommer am liebsten mit seiner Familie auf dem Wasser und die Winter mit Arbeiten am Boot.

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