Hauke Schmidt
· 02.04.2026
Navimetrix stammt von den französischen Entwicklern Henri Laurent (bekannt von SailGrib) und Olivier Bouyssou (bekannt von Weather4D). Beide haben ihre langjährigen Erfahrungen gebündelt und das gemeinsame Unternehmen SOFT4SAIL gegründet. Die neue App vereint die Erkenntnisse aus beiden Vorgängern und erweitert den Funktionsumfang erheblich. Anders als bei den meisten Konkurrenten synchronisiert Navimetrix alle Routings, Wegpunkte und Einstellungen automatisch über die Cloud zwischen allen Geräten – unabhängig vom Betriebssystem.
Die Routing-Engine von Navimetrix wurde ursprünglich für Virtual Regatta entwickelt – ein beliebtes Online-Segelspiel mit Millionen Nutzern weltweit. Dort griffen täglich mehr als 100.000 Nutzer auf das Routing zu. Die Entwickler nutzten das Spiel als riesiges Testlabor für ihre Software. Wenn die Infrastruktur diese Last bewältigen kann, sollte sie auch mit der deutlich kleineren Zahl realer Segler problemlos funktionieren. In der Praxis funktioniert die App auf iOS- und Android-Mobilgeräten wie auch als Mac- und Windows-Variante stabil und sehr schnell.
Navimetrix ist klar zweigeteilt: Die App selbst übernimmt das gesamte Wetterrouting auf Basis von GRIB-Wetterdaten, die separat heruntergeladen werden müssen. Die Seekarten stammen jedoch vom externen Anbieter GeoGarage, der ein eigenes Abo erfordert. Für Deutschland kostet das Seekarten-Abo mit BSH-Daten 25 Euro pro Jahr, weitere Regionen werden separat abgerechnet. Die Preisliste ist allerdings nicht immer transparent – so wird Dänemark als „not available“ angezeigt, funktionierte in unserer App aber trotzdem.
Die Seekarten sind Rasterkarten offizieller Anbieter wie dem BSH für Deutschland. Sie sehen auf dem Bildschirm aus wie echte Papierkarten. Ein Nachteil: Der Übergang zwischen Ländern ist nicht nahtlos. Selbst nach dem Download muss für jedes Seegebiet die passende Detailkarte ausgewählt werden. Zwar überlappen sich die Kartensätze – die dänische Karte zeigt auch deutsche Gewässer –, aber die Detailtiefe ist stark unterschiedlich. Hafenpläne und feine Details sind nur in der jeweiligen Länderkarte verfügbar. Das ist deutlich umständlicher als bei Navionics, Orca oder C-Map, wo alles nahtlos funktioniert.
Für die Offline-Nutzung lassen sich Karten in voller Auflösung (Küstenreviere) oder reduzierter Auflösung (Hochseepassagen) herunterladen, um Speicher und Downloadvolumen zu sparen.
Die wahre Stärke von Navimetrix liegt im Wetterrouting. Dazu müssen zunächst GRIB-Wetterdaten heruntergeladen werden. Der Dialog ist relativ intuitiv: Seegebiet auswählen, Datentyp festlegen (atmosphärisch, Gezeiten, Seegang, Ensemble), Auflösung wählen (weltweit oder regional hochauflösend).
Besonders beeindruckend ist die Modellauswahl. In der Free-Version steht nur ein einfaches GFS-Modell mit maximal fünf Tagen Prognosezeitraum zur Verfügung. Mit Premium-Zugang (Navimetrix-Abo: 79,99 Euro pro Jahr) hat man Zugriff auf sechs hochauflösende regionale Wettermodelle:
Arpège Europe 0.1° (11 Kilometer)
Arome 0.025° (drei Kilometer)
Arome HD 0.01° (ein Kilometer)
ICON Europe 0.07° (acht Kilometer)
ICON D2 0.02° (zwei Kilometer)
UKV 0.05° (sechs Kilometer)
Für jedes Modell lässt sich eine Kurzbeschreibung direkt in der App aufrufen. Man kann den Zeitschritt (z. B. stündlich), den Vorhersagezeitraum und die gewünschten Parameter (Wind, Luftdruck, Temperatur, Bewölkung, Niederschlag) individuell auswählen. Die Modellauswahl ist damit deutlich umfangreicher als bei den meisten Konkurrenz-Apps.
Nach dem GRIB-Download kann das Routing starten. Man erstellt mindestens einen Start- und einen Endwegpunkt. Theoretisch berechnet die App die gesamte Route für bis zu 15 Tage im Voraus automatisch. Für lange Offshore-Etappen funktioniert das sehr gut. In engen Revieren hat es sich bewährt, eine grobe Route mit kritischen Wegpunkten vorzugeben – sonst navigiert das System unter Umständen über Untiefen oder ignoriert Brückendurchfahrten.
Als Grundlage benötigt das Routing Bootsdaten. Navimetrix bietet eine große Datenbank mit Polardiagrammen, zudem kann man eigene Polardaten hochladen oder mit einem integrierten iPolar-Tool ein einfaches Polardiagramm aus wenigen Eckdaten erstellen. Das ist nicht so präzise wie ein VPP-generiertes Polar, aber besser als nichts.
Das Routing ist nicht nur für Regattasegler gedacht. Man kann einstellen, dass bei Wind unter einer bestimmten Geschwindigkeit (z. B. sechs Knoten) die Maschine eingesetzt wird und mit welcher Marschfahrt weitergefahren werden soll. Auch für Nachtabschnitte lässt sich die polare Leistung reduzieren oder das Routing anders gestalten. Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, beizudrehen. Damit kann man die Software anweisen, kurzfristige Starkwindperioden, die das gewählte Windlimit überschreiten, auszusitzen und nach dem Durchzug der Front weiterzusegeln. Herkömmliche Routing-Systeme versuchen unter solchen Bedingungen in der Regel, dem Starkwind auszuweichen, und generieren große Umwege.
Eine Funktion, die sonst nur professionelle Routing-Programme wie Expedition (über 1.000 Euro) bieten: Navimetrix zeigt Isochronen an – Linien gleicher Zeit, die alle möglichen Positionen nach beispielsweise einer Stunde Fahrt darstellen.
Der große Vorteil: Man kann den Cursor einfach über die Karte bewegen und bekommt sofort eine Route angezeigt, wie man zu diesem Punkt kommt. Klickt man auf den Punkt, wird in wenigen Sekunden eine neue Route von dort aus berechnet. Das ist extrem praktisch, wenn man unterwegs merkt: „Ich will doch auf der anderen Seite der Insel vorbei.“
Noch beeindruckender: Man kann diverse alternative Routen parallel im Display anzeigen lassen und die „Böötchen“ per Animation fahren lassen. So lässt sich schnell erkennen, auf welcher Route man wann wo wäre und welche Route in welchem Abschnitt schneller ist. Entlang jeder Route werden Wind, Bootsgeschwindigkeit und ein eventueller Motoreinsatz angezeigt. Wie schnell die Software arbeitet, zeigt eine Testroute von Kiel nach Oslo: Die rund 300 Seemeilen lange Strecke wurde in knapp elf Sekunden berechnet. Orca benötigt für die gleiche Rechnung rund dreimal so lange.
Ein echtes Alleinstellungsmerkmal sind die „Zones of Interest“. Man kann mit der Maus (oder dem Finger) einfach Sperrbereiche in die Seekarte klicken. Das Routing umfährt diese Bereiche dann automatisch. Das ist ein perfekter Workaround, wenn Seekartendaten unvollständig sind und Verkehrstrennungsgebiete, Windparks oder Schießgebiete nicht so digitalisiert wurden, dass sie von der Routing-Software erkannt werden. Bei anderen Programmen ist das ein lästiges Problem – Navimetrix löst es mit wenigen Klicks elegant.
Absolut neu und bisher in keiner anderen Wetterrouting-App verfügbar: Navimetrix erstellt per KI ein automatisches Briefing für jede berechnete Route. Man erhält eine ausformulierte Zusammenfassung mit:
Einmal erstellte Routings bleiben gespeichert und können nachträglich detailliert analysiert werden:
Das ist besonders hilfreich, wenn man mehrere Routings mit unterschiedlichen Parametern vergleichen möchte. Eine direkte Verbindung zum Kartenplotter ist nicht möglich; die Routen müssen als GPX-Datei exportiert und händisch in den Plotter geladen werden.
Navimetrix zeigt AIS-Daten (Internet-AIS oder eigener Empfänger an Bord) mit Vorausvektoren in der Seekarte an. Die App geht aber deutlich weiter als andere Programme: In einer Listenansicht lassen sich AIS-Ziele mit umfangreichen Filtern sortieren:
Zusätzlich gibt es ein freies Suchfeld, mit dessen Hilfe man den gesamten AIS-Stream durchforsten kann. Damit ist auch eine Rückwärtssuche wie bei MarineTraffic möglich: Schiffsnamen suchen, draufklicken, und die Karte zoomt automatisch zum Ziel. Ein weiteres Feature: AIS-Ziele lassen sich in Gruppen zusammenfassen (z. B. Regattateilnehmer), um nur diese Schiffe anzuzeigen und deren Geschwindigkeit und Kurse zu vergleichen.
Für Gezeitenreviere lassen sich nicht nur die Vorhersagen der GRIB-Daten nutzen. In Deutschland sind zudem alle BSH-Pegel direkt abrufbar. Auch Live-Wetterstationen an Land (z. B. von Flughäfen), Satellitenmessungen und Schiffsmessungen werden in der Seekarte angezeigt – mit einem Klick auf die Station erhält man Windgeschwindigkeit und Lufttemperatur.
Als Kartenhintergründe stehen nicht nur Seekarten zur Verfügung, sondern auch OpenStreetMap, Bing-Satellitenbilder und Echtzeit-Satellitendaten (Wetter). Man kann zwischen globaler Abdeckung oder hochauflösenden regionalen Bildern wählen und so Live-Bewölkung sehen. Das gibt es bisher in keiner anderen Navi-App.
Die Wetterdarstellung ist stark individualisierbar: Man kann zwischen mittlerem Wind, Böen, Böendifferenz, Luftdruck, Temperatur, Niederschlägen, Bedeckung, Blitzen und Regenradar wählen. Das Windfeld lässt sich als klassische Windpfeile oder wie bei Windy als moderne Partikelanimation darstellen.
Ein großer Vorteil: Alle Routing-Daten werden auf dem Server gespeichert. Meldet man sich auf einem anderen Gerät mit denselben Nutzerdaten an, sind alle Routings, Gefahrenzonen und Einstellungen automatisch verfügbar. Das funktioniert zwischen Android, iOS, macOS und Windows 11. Linux und Windows on Arm sind in Planung. Wir haben die Software auf iPhone, iPad, MacBook und einem Windows-11-Rechner ausprobiert.
iPhone und iPad: Die App läuft flüssig und stabil. Auf dem iPhone ist das Display allerdings klein, filigrane Funktionen wie das Setzen von „Zones of Interest“ werden schnell fummelig (Wurstfinger-Problem). Das iPad ist ein guter Kompromiss: ausreichend großes Display, stabile Performance, Touch-Bedienung funktioniert gut.
MacBook Air: Hier gibt es Vor- und Nachteile. Der große Vorteil ist die Mausbedienung: Filigrane Funktionen wie das Setzen von Zonen oder Detailansichten sind mit der Maus deutlich präziser und komfortabler. Allerdings ist die Anpassung an macOS noch nicht optimal. Das Fenstermanagement ist unintuitiv: Wo auf dem iPad ein „Abbrechen“-Button einen Dialog schließt, öffnet sich auf dem Mac ein neues Fenster, das man separat schließen muss – das wirkt wie ein Hänger, ist aber nur eine Bedienungseigenheit.
Windows 11: Die Installation läuft problemlos, und auch das Herunterladen der Basisdaten ist schnell erledigt. Die App läuft stabil und lässt sich dank Maus sehr gut bedienen. Das Fenstermanagement ist sogar etwas besser gelungen als auf dem Mac, da sich öffnende Unterfenster klar als solche erkennen lassen. Das sorgt für weniger Verwirrung beim erstmaligen Umstieg vom Mobilgerät zur Desktop- beziehungsweise Notebook-Variante.
Navimetrix ist eine beeindruckend leistungsfähige Wetterrouting-App mit Funktionen, die sonst nur professionelle Software für über 1.000 Euro bietet. Die Isochronen-Darstellung, das interaktive Routing, die KI-Segelanweisungen und die extrem detaillierte AIS-Integration sind Alleinstellungsmerkmale. Die plattformübergreifende Cloud-Synchronisation funktioniert sehr gut.
Die Seekarten-Integration ist etwas umständlich, da sie an Landesgrenzen nicht nahtlos funktioniert und ein separates GeoGarage-Abo nötig ist. Die macOS-Version hat Stabilitätsprobleme, und die Windows-Variante benötigt leistungsfähige Hardware.
Navimetrix kostet 79,99 Euro pro Jahr, GeoGarage ab 25 Euro pro Region. Das ist deutlich günstiger als Profi-Software und vergleichbar mit anderen Premium-Apps mit deutlich einfacherem Routing. Damit ist Navimetrix nicht nur für Regattasegler interessant, die professionelles Wetterrouting nutzen wollen, ohne 1.000+ Euro für Expedition auszugeben, sondern auch für ambitionierte Fahrtensegler.
GeoGarage (Seekarten, separates Abo):

Redakteur Test & Technik