Temu bietet Seglern hunderte Artikel, doch die Produktinformationen sind mangelhaft bis irreführend. Materialangaben? Fehlanzeige. Größen? Unklar. Produktbeschreibungen? Wirre Übersetzungen. Kritische Angaben wie Bruch- und Arbeitslasten bei Schäkeln, Blöcken und Tauwerk sucht man vergebens.
Beispiel Tauwerkschäkel: Erst nach Lieferung stellte sich heraus, dass es ein 35-Zentimeter-Koloss aus zwölf Millimeter starkem Material ist – eher für Forstarbeiten als für die Yacht geeignet. Die Produktfotos, teilweise von etablierten Shops kopiert, helfen kaum weiter.
Der Edelstahlschäkel ist mit 59 Millimeter Länge schon recht groß. Hinweise auf die Bruchlast fehlen im Temu-Shop. Die Verarbeitung sieht aber ganz gut aus. An einigen Stellen sind Unebenheiten nur halbherzig weggeschliffen. Im Belastungstest brach der Schäkel bei 5.700 Dekanewton. Allerdings verbog sich der Bolzen schon bei 2.000 daN sichtbar. Preis: 2,84 Euro.
Hohe Bruchlast
Super Preis-Leistungs-Verhältnis
Bestimmung der Größe im Shop schwierig
Verarbeitung mit Unsauberkeiten
Der Schnappschäkel macht einen sauber verarbeiteten Eindruck. Lediglich der Bügel hat etwas viel Spiel und klappert leicht. Der Mechanismus verriegelt aber zuverlässig und lässt sich auch einfach zudrücken, ohne dass dabei der Verriegelungspin gezogen werden muss. Im Belastungstest zeigte sich der kleine Schäkel als sehr robust. Erst bei 1.200 Dekanewton (etwa 1,2 Tonnen) gab der Verriegelungspin nach, wodurch sich der Schäkel öffnete. Hier stimmt die Qualität. Der Preis pro Stück: 2,29 Euro.
Hohe Bruchlast
Gute Verriegelung
Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Bügel hat etwas Spiel
45-Millimeter-Scheibe, das Design erinnert stark an Lewmar. Laut der Produktbeschreibung im Temu-Shop sollten die Blöcke mit Gleitlagern ausgestattet sein. Nach dem Belastungstest zeigte sich an dem zerbrochenen Modell, dass ein Industriekugellager verbaut ist. Außerdem ersichtlich: Es gibt keine Verstärkungen in den Wangen, es hält nur der Kunststoff. Die Bruchlast liegt bei 900 Dekanewton, bei 500 daN verbiegt sich der Schäkel. Schon vor dem Test fielen Grate von der Spritzgussform in der Lauffläche der Scheibe auf. Zudem liefen die Scheiben nicht bei allen vier Modellen sauber. Schlechte Verarbeitung und schlechtes Testergebnis sind deutlich, vom Kauf für den Einsatz an Bord ist nur abzuraten. Um die Dachbox unters Garagendach zu ziehen, sollte es aber reichen.
Unsaubere Verarbeitung
Anderes Lager als in der Beschreibung
Keine Verstärkung in den Wangen
Geringe Bruchlast
Vier konfektionierte Festmacherleinen für 26,39 Euro. Auf dem Teststand bei Liros zeigte sich, dass die Bruchlast mit 2.170 Dekanewton akzeptabel ist. Die Dehnung entspricht einer schlechten Polyamid-Leine. Der Augspleiß könnte etwas schöner sein, ist aber in Ordnung. Insgesamt eine positive Überraschung, bedenkt man den Preis von 6,60 Euro pro Leine (knapp 5 Meter lang). Dennoch ist Vorsicht angesagt: Die Festmacher sind die wichtigsten Leinen an Bord, fast die ganze Saison im Einsatz. Hier ist die Investition in hochwertiges Material sinnvoll.
Verarbeitung und Bruchlast gut
Eingespleißtes Auge
Nicht die gewünschte Dehnung
Falsche Stelle für Sparsamkeit
Die im Temu-Shop als Gleitring für Segelboote ausgewiesene Kausch macht einen sehr guten Eindruck. Die Verarbeitung ist sauber, die Oberfläche schön glatt. Am Rand finden sich der Schriftzug „QIQU“ und die Größe „10 x 7“. 10 Millimeter bezieht sich auf den Innendurchmesser. Preis: 3,90 Euro.
Gute Verarbeitung
Glatte Oberfläche
Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Ständig wechselnde Händler
Der Tauwerkschäkel sieht bei der Bestellung vielversprechend aus, entpuppt sich aber auch als krasser Fehlkauf. Das Modell misst etwa 35 Zentimeter und ist eventuell für Forstarbeiten einsetzbar, aber nicht an Bord. Hier zeigt sich, dass der unübersichtliche Shop und fehlende oder schlecht übersetzte Produktbeschreibungen einen schnell in die Irre führen können. Kostet zwar nur 3,66 Euro pro Stück, ist aber auch nicht benutzbar.
Schön ausgeführter Diamantknoten
Mantelgeflecht als Schutzüberzug
Keine Angaben zu Arbeits- oder Bruchlast
Viel zu groß
Der Markenname Dyneema taucht in der Produktbeschreibung nicht auf, im Temu- Shop heißt es „2,8 mm UHMWPE-Seil“. Der Test zeigt, dass es ähnliche Eigenschaften wie Dyneema hat, allerdings macht es die sehr enge Flechtung schwierig zu spleißen. Dazu kommt, dass die Spule mit 11,28 Euro nicht supergünstig ist. Liros D-Pro (Dyneema SK78) in 3 Millimeter kostet in Schwarz bei SVB 16,95 Euro pro Spule. Im Test brach die Temu-Leine bei 384 Dekanewton (D-Pro: 950 daN) die chinesische Leine lässt sich schlecht spleißen, reckt stark und taugt eigentlich nur als stabile Flaggleine. Dafür ist der Preisunterschied dann doch nicht groß genug.
Hochfeste Faser (UHMW-PE)
Lässt sich schlecht spleißen
Keine Angaben zu Arbeits- oder Bruchlast
Reckt stark
Die Curryklemme macht einen guten Eindruck. Die Verarbeitung ist ordentlich. Es gibt einen Edelstahlbügel als Leinenführung. Ebenso schließt die Klemme nach oben mit einer Kunststoffführung ab. In der Basis sind kleine Edelstahlstangen eingelassen, um hier den Kunststoff vor dem Abrieb durch das Tauwerk zu schützen. Der Lochabstand beträgt 40 Millimeter, damit ist die Klemme mit vielen Modellen anderer Hersteller kompatibel. Der Preis: 5 Euro.
Gute Verarbeitung
Edelstahlbügel als Schotführung
Kunststoffbügel
Kompatibler Lochabstand
Am Ende will man es ganz genau wissen: Wie viel Geld lässt sich wirklich sparen, wenn man bei Temu bestellt? Dafür haben wir Temu-Produkte mit ähnlichen Artikeln aus dem Sortiment von SVB verglichen. Den Softschäkel haben wir aus der Auswertung genommen, weil sie sich als kompletter Fehlkauf erwiesen hat. Das Ergebnis überrascht kaum, fällt aber deutlich aus: Beim deutschen Ausrüster liegt der Preis fast viermal so hoch. Ein klarer Vorteil von SVB sind die sehr kurzen Lieferzeiten – auf eine Temu-Sendung wartet man in der Regel deutlich länger.
Besonders problematisch ist Tauwerk aus Polypropylen – in der Fischerei für Reusen gebräuchlich, an Bord jedoch fehl am Platz. Brauchbare Alternativen zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Eine Temu-Besonderheit: Die Händler hinter den Produkten ändern sich permanent. Was heute von Anbieter A stammt, verkauft morgen Anbieter B – bei identischem Produktfoto kann die Qualität völlig anders sein.
Nach der Bestellung folgt ein E-Mail-Marathon: „Ihre Bestellung wird ins Flugzeug geladen", „Ihre Bestellung ist in Frankfurt gelandet". Die Luftfracht aus China belastet das Umweltgewissen. Die Lieferzeit schwankt zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen.
Die konfektionierte Festmacherleine für 6 Euro zeigte ordentliche Dehnungseigenschaften, eine Bruchlast von 2,1 Tonnen und einen trotz leichter Verdrehungen gut gemachten Spleiß. Auch die Edelstahlschäkel überzeugten im Belastungstest und hielten überraschend gut – allerdings fehlen Bruchlast-Angaben. Die aus Aluminium gefrästen Kauschen waren sauber verarbeitet und kosteten einen Bruchteil von Markenprodukten.
Die Blöcke waren laut Temu-Shop mit Gleitlagern ausgestattet. Nach einer Zugprobe bis zum Bruch auf dem Teststand von Tauwerkshersteller Liros zeigte sich: Es sind Industriekugellager verbaut. Die Wangen sind nicht verstärkt, die gesamte Last hängt am Kunststoff. Bei 900 Kilogramm zerbrachen die Blöcke. Für den Einsatz als Niederholer oder Umlenkrollen am Mast sind sie damit ungeeignet – unter den hohen Lasten können sie plötzlich versagen.
Das Dyneema-Geflecht brach auf dem Teststand bei 384 Kilogramm. Zudem lässt es sich kaum spleißen. Der Einsatzbereich bleibt unklar. Als Flaggleine mag es taugen, für Tauwerkschäkel oder Spleißarbeiten nicht.
Preislich ist Temu unschlagbar. Doch die Niedrigpreise haben ihren Preis: umständliche Bestellung, intransparente Lieferketten, wochenlange Wartezeiten und vor allem fehlende Qualitätskonstanz. Durch ständig wechselnde Händler kann dieselbe Artikelbezeichnung morgen ein völlig anderes Produkt bedeuten – Temu wird zum Glücksspiel.
Nicht alles ist schlecht: Festmacherleinen, Edelstahlschäkel und Kauschen übertrafen unsere Erwartungen. Doch bei sicherheitsrelevanten Artikeln wird es kritisch. Blöcke, die unter Last versagen, oder eine brandgefährliche Leselampe haben auf einer Yacht nichts verloren.
Die zentrale Frage bleibt: Lohnt sich die Ersparnis, wenn Sicherheit und Zuverlässigkeit auf dem Spiel stehen?

Redakteur Test & Technik