TestLohnt es sich Ausrüstung bei Temu zu bestellen?

Michael Rinck

 · 01.05.2026

Ausrüstung für Boot und Crew gibt es günstig im Temu-Onlineshop aus China. Aber sind die Billigprodukte auch gut?
Foto: Hauke Schmidt
​​Der chinesische Online-Händler lockt mit extrem niedrigen Preisen. Wir haben Ausrüstungsartikel für Segler bestellt und auf Herz und Nieren geprüft. Acht davon stellen wir hier vor. Das Fazit fällt gemischt aus: von überzeugend bis hin zu akut brandgefährlich.

Themen in diesem Artikel

​Temu bietet Seglern hunderte Artikel, doch die Produktinformationen sind mangelhaft bis irreführend. Materialangaben? Fehlanzeige. Größen? Unklar. Produktbeschreibungen? Wirre Übersetzungen. Kritische Angaben wie Bruch- und Arbeitslasten bei Schäkeln, Blöcken und Tauwerk sucht man vergebens.

Beispiel Tauwerkschäkel: Erst nach Lieferung stellte sich heraus, dass es ein 35-Zentimeter-Koloss aus zwölf Millimeter starkem Material ist – eher für Forstarbeiten als für die Yacht geeignet. Die Produktfotos, teilweise von etablierten Shops kopiert, helfen kaum weiter.



​​Wo spart es sich am besten? Acht Produkte im Test

​Schäkel M10

Edelstahlschäkel ...
Foto: Hauke Schmidt

​Der Edelstahlschäkel ist mit 59 Millimeter Länge schon recht groß. Hinweise auf die Bruchlast fehlen im Temu-Shop. Die Verarbeitung sieht aber ganz gut aus. An einigen Stellen sind Unebenheiten nur halbherzig weggeschliffen. Im Belastungstest brach der Schäkel bei 5.700 Dekanewton. Allerdings verbog sich der Bolzen schon bei 2.000 daN sichtbar. Preis: 2,84 Euro.

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Hohe Bruchlast

Super Preis-Leistungs-Verhältnis

Bestimmung der Größe im Shop schwierig

Verarbeitung mit Unsauberkeiten

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​Schnappschäkel

yacht/100207981_1629de2840da5e38c265232a58b2db9fFoto: Hauke Schmidt

Der Schnappschäkel macht einen sauber verarbeiteten Eindruck. Lediglich der Bügel hat etwas viel Spiel und klappert leicht. Der Mechanismus verriegelt aber zuverlässig und lässt sich auch einfach zudrücken, ohne dass dabei der Verriegelungspin gezogen werden muss. Im Belastungstest zeigte sich der kleine Schä­kel als sehr robust. Erst bei 1.200 Deka­new­ton (etwa 1,2 Tonnen) gab der Verriegelungspin nach, wodurch sich der Schä­kel öffnete. Hier stimmt die Qualität. Der Preis pro Stück: 2,29 Euro.

Hohe Bruchlast

Gute Verriegelung

Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

Bügel hat etwas Spiel


​Block mit Wirbel

yacht/100207979_08176567c9441cbf827eb61c79922655Foto: Hauke Schmidt

45-Millimeter-Scheibe, das Design erinnert stark an Lewmar. Laut der Produktbeschreibung im Temu-­Shop sollten die Blöcke mit Gleitlagern ausgestattet sein. Nach dem Belastungstest zeigte sich an dem zerbrochenen Modell, dass ein Industrie­kugellager verbaut ist. Außerdem ersichtlich: Es gibt keine Verstärkungen in den Wangen, es hält nur der Kunststoff. Die Bruchlast liegt bei 900 Dekanewton, bei 500 daN verbiegt sich der Schä­kel. Schon vor dem Test fielen Grate von der Spritzgussform in der Lauffläche der Scheibe auf. Zudem liefen die Scheiben nicht bei allen vier Modellen sauber. Schlechte Verarbeitung und schlechtes Testergebnis sind deutlich, vom Kauf für den Einsatz an Bord ist nur abzuraten. Um die Dachbox unters Garagendach zu ziehen, sollte es aber reichen.

​Unsaubere Verarbeitung

​Anderes Lager als in der Beschreibung

​Keine Verstärkung in den Wangen

​Geringe Bruchlast


​Festmacherleinen aus Nylon

Überraschung in der Temu-Bestellung.
Foto: Hauke Schmidt

Vier konfektionierte Festmacherleinen für 26,39 Euro. Auf dem Teststand bei Liros zeigte sich, dass die Bruchlast mit 2.170 Dekanewton akzeptabel ist. Die Dehnung entspricht einer schlechten Polyamid-Leine. Der Augspleiß könnte etwas schöner sein, ist aber in Ordnung. Insgesamt eine positive Überraschung, bedenkt man den Preis von 6,60 Euro pro Leine (knapp 5 Meter lang). Dennoch ist Vorsicht angesagt: Die Festmacher sind die wichtigsten Leinen an Bord, fast die ganze Saison im Einsatz. Hier ist die Investition in hochwertiges Material sinnvoll.

Verarbeitung und Bruchlast gut

Eingespleißtes Auge

Nicht die gewünschte Dehnung

Falsche Stelle für Sparsamkeit


​Aluminium-Kausch

yacht/100207942_7863e1de4268acdba0cc33237c1396a5Foto: Hauke Schmidt

Die im Temu-Shop als Gleitring für Segelboote ausgewiesene Kausch macht einen sehr guten Eindruck. Die Verarbeitung ist sauber, die Oberfläche schön glatt. Am Rand finden sich der Schriftzug „QIQU“ und die Größe „10 x 7“. 10 Millimeter bezieht sich auf den Innen­durchmesser. Preis: 3,90 Euro.

Gute Verarbeitung

Glatte Oberfläche

Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

Ständig wechselnde Händler


​Tauwerkschäkel

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Der Tauwerkschäkel sieht bei der Bestellung vielversprechend aus, entpuppt sich aber auch als krasser Fehlkauf. Das Modell misst etwa 35 Zentimeter und ist eventuell für Forst­arbei­ten einsetzbar, aber nicht an Bord. Hier zeigt sich, dass der unübersichtliche Shop und fehlende oder schlecht übersetzte Produktbeschreibungen ­einen schnell in die Irre führen können. Kostet zwar nur 3,66 ­Euro pro Stück, ist aber auch nicht benutzbar.

Schön ausgeführter Diamantknoten

Mantelgeflecht als Schutzüberzug

Keine Angaben zu Arbeits- oder Bruchlast

Viel zu groß


​Chineema

yacht/100207932_61d5200998db8041a5ea73e0a1b9c2a2Foto: Hauke Schmidt

Der Markenname Dyneema taucht in der Produktbeschreibung nicht auf, im Temu- Shop heißt es „2,8 mm UHMWPE-Seil“. Der Test zeigt, dass es ähnliche Eigenschaften wie Dyneema hat, allerdings macht es die sehr enge Flechtung schwierig zu spleißen. Dazu kommt, dass die Spule mit 11,28 Euro nicht supergünstig ist. Liros D-Pro (Dyneema SK78) in 3 Millimeter kostet in Schwarz bei SVB 16,95 Euro pro Spule. Im Test brach die Temu-Leine bei 384 Dekanewton (D-Pro: 950 daN) die chinesische Leine lässt sich schlecht spleißen, reckt stark und taugt eigentlich nur als stabile Flaggleine. Dafür ist der Preisunterschied dann doch nicht groß genug.

Hochfeste Faser (UHMW-PE)

Lässt sich schlecht spleißen

Keine Angaben zu Arbeits- oder Bruchlast

Reckt stark


​Kugellager-Camcleat

yacht/100207926_f6fad0fa996d83965804bdc0130d97d3Foto: Hauke Schmidt

Die Curryklemme macht einen guten Eindruck. Die Verarbeitung ist ordentlich. Es gibt einen Edelstahlbügel als Leinenführung. Ebenso schließt die Klemme nach oben mit einer Kunststoffführung ab. In der Basis sind kleine Edelstahlstangen eingelassen, um hier den Kunststoff vor dem Abrieb durch das Tauwerk zu schützen. Der Lochabstand beträgt 40 Millimeter, damit ist die Klemme mit vielen Modellen anderer Hersteller kompatibel. Der Preis: 5 Euro.

Gute Verarbeitung

Edelstahlbügel als Schotführung

Kunststoffbügel

Kompatibler Lochabstand


Der große Preisvergleich des Warenkorbs

Hier zählt nur der Preis. Qualität spielt in diesem Vergleich keine Rolle.

Am Ende will man es ganz genau wissen: Wie viel Geld lässt sich wirklich sparen, wenn man bei Temu bestellt? Dafür haben wir Temu-Produkte mit ähnlichen Artikeln aus dem Sortiment von SVB verglichen. Den Softschäkel haben wir aus der Auswertung genommen, weil sie sich als kompletter Fehlkauf erwiesen hat. Das Ergebnis überrascht kaum, fällt aber deutlich aus: Beim deutschen Ausrüster liegt der Preis fast viermal so hoch. Ein klarer Vorteil von SVB sind die sehr kurzen Lieferzeiten – auf eine Temu-Sendung wartet man in der Regel deutlich länger.


​Besonders problematisch ist Tauwerk aus Polypropylen – in der Fischerei für Reusen gebräuchlich, an Bord jedoch fehl am Platz. Brauchbare Alternativen zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Eine Temu-Besonderheit: Die Händler hinter den Produkten ändern sich permanent. Was heute von Anbieter A stammt, verkauft morgen Anbieter B – bei identischem Produktfoto kann die Qualität völlig anders sein.

Nach der Bestellung folgt ein E-Mail-Marathon: „Ihre Bestellung wird ins Flugzeug geladen", „Ihre Bestellung ist in Frankfurt gelandet". Die Luftfracht aus China belastet das Umweltgewissen. Die Lieferzeit schwankt zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen.

Überraschendes von Temu

Die konfektionierte Festmacherleine für 6 Euro zeigte ordentliche Dehnungseigenschaften, eine Bruchlast von 2,1 Tonnen und einen trotz leichter Verdrehungen gut gemachten Spleiß. Auch die Edelstahlschäkel überzeugten im Belastungstest und hielten überraschend gut – allerdings fehlen Bruchlast-Angaben. Die aus Aluminium gefrästen Kauschen waren sauber verarbeitet und kosteten einen Bruchteil von Markenprodukten.

Die Blöcke waren laut Temu-Shop mit Gleitlagern ausgestattet. Nach einer Zugprobe bis zum Bruch auf dem Teststand von Tauwerkshersteller Liros zeigte sich: Es sind Industriekugellager verbaut. Die Wangen sind nicht verstärkt, die gesamte Last hängt am Kunststoff. Bei 900 Kilogramm zerbrachen die Blöcke. Für den Einsatz als Niederholer oder Umlenkrollen am Mast sind sie damit ungeeignet – unter den hohen Lasten können sie plötzlich versagen.

Das Dyneema-Geflecht brach auf dem Teststand bei 384 Kilogramm. Zudem lässt es sich kaum spleißen. Der Einsatzbereich bleibt unklar. Als Flagg­leine mag es taugen, für Tauwerk­schä­kel oder Spleißarbeiten nicht.


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​Temu wird zum Glücksspiel

Preislich ist Temu unschlagbar. Doch die Niedrigpreise haben ihren Preis: umständliche Bestellung, intransparente Lieferketten, wochenlange Wartezeiten und vor allem fehlende Qualitätskonstanz. Durch ständig wechselnde Händler kann dieselbe Artikelbezeichnung morgen ein völlig anderes Produkt bedeuten – Temu wird zum Glücksspiel.

Nicht alles ist schlecht: Festmacherleinen, Edelstahlschäkel und Kauschen übertrafen unsere Erwartungen. Doch bei sicherheitsrelevanten Artikeln wird es kritisch. Blöcke, die unter Last versagen, oder eine brandgefährliche Leselampe haben auf einer Yacht nichts verloren.

Die zentrale Frage bleibt: Lohnt sich die Ersparnis, wenn Sicherheit und Zuverlässigkeit auf dem Spiel stehen?

Michael Rinck

Michael Rinck

Redakteur Test & Technik

Michael Rinck war das Kind, das nach der Schule direkt aufs Wasser wollte – Segeltraining, Regatten, Hauptsache nass. Diese Vorliebe machte er zum Beruf: Erst als Segellehrer auf der Alster (während des Studiums), dann ab 2014 in der YACHT-Redaktion. Dort hat er im Bereich Test & Technik seine Berufung gefunden: Segelboote und Sicherheitsequipment testen. Was besonders bei Rettungswesten und MOB-Systemen bedeutet, dass er mehr Arbeitsstunden im Wasser treibend verbringt als die meisten Menschen im Büro sitzend. Höhepunkt: eine ganze Nacht in der Rettungsinsel auf der Ostsee. Seine Familie hat inzwischen durchgesetzt, dass Urlaubstörns auf der eigenen Fahrtenyacht deutlich trockener ablaufen.

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