Laut rasselnd rauscht die Ankerkette der „Roald Amundsen“ in die Tiefe, aufmerksam beobachtet von Bootsmann Karlo Schreiber, der die Winde auf dem Vorschiff der Brigg bedient. Als aus dem Kettenkasten der erste Kenterschäkel zum Vorschein kommt – jenes verschraubte, dickere Kettenglied, das zwei sogenannte Kettenlängen miteinander verbindet –, schlägt er ein Mal die nahe der Winde befestigte Schiffsglocke. Auf diese Weise zeigt er dem Kapitän an, dass die ersten 27,5 Meter Kette gesteckt sind. Bis heute wird das so nicht nur auf Traditionsschiffen gehandhabt, sondern auch in der Berufsschifffahrt. Der nächste Schäkel läuft aus, Schreiber schlägt erneut die Glocke.
Schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung wurden in Asien Glocken aus Bronze hergestellt. In Europa verbreiteten keltische Mönche ab dem fünften Jahrhundert schmiedeeiserne Handglocken. Glocken fanden ihren Weg später auch an Bord von Schiffen. „Anfangs für liturgische Zwecke“, erklärt Albrecht Sauer, Leiter der Abteilung Nautik des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.
Kein Wunder, waren die frühen Seefahrer doch meist sehr religiös – schon wegen der vielen Unwägbarkeiten und Gefahren, denen sie sich auf dem Meer ausgeliefert sahen. „Daneben kamen Glocken auch für Signalzwecke von Schiff zu Schiff zum Einsatz“, so Sauer weiter. Handelsgesellschaften wie etwa die niederländische Ostindien-Kompanie führten im 16. Jahrhundert schließlich eine Normierung der Ausrüstung auf ihren Schiffen ein. Sauer: „Fortan gehörte die Glocke zur Standardausstattung.“
Im Wesentlichen hatte beziehungsweise hat die Schiffsglocke drei Aufgaben: Mittels Glockenschlägen wurde beim Glasen die Zeit kundgetan, beim Ankermanöver zeigten die Vorschiffsleute die Länge der ausgebrachten Kette an, und beim Ankern in Dunst oder Nebel wurden und werden andere Schiffe gewarnt. Ihren Platz hat die Glocke daher zumeist auf der Back, dem Vorschiff und damit nahe des Ankerspills und in Reichweite des Ausgucks. Auf größeren Schiffen diente meist eine zweite, kleinere Glocke am Ruderhaus oder nahe der Kommandobrücke zum Glasen.
Auf den meisten Segelyachten hängt heutzutage – wenn überhaupt – lediglich noch eine kleine Schiffsglocke im Salon. Und zwar zur Zier oder bestenfalls, um die Crew zum Anlegeschluck oder Essen zusammenzurufen. Immerhin: „Schiffsglocken werden tatsächlich überwiegend von Eignern gekauft, die sie auf ihrer Yacht anbringen wollen. Oder zu Hause, um dort mit Besuchern über das eigene Boot ins Gespräch zu kommen“, berichtet Jörn Maschewski. Der auf maritime Produkte spezialisierte Online- Händler betreibt in Seevetal bei Hamburg die mit Kapitän Volker Melzer gegründete Navigator Handels GmbH.
„Primär verkaufen wir also Schiffsglocken zu Dekorationszwecken. Doch im Sortiment haben wir auch solche mit BSH-Zulassung. Die Zahl der bestellten Glocken liegt pro Jahr im vierstelligen Bereich“, erklärt Kaufmann Maschewski. Etwa 40 Prozent der Stücke seien zudem inzwischen verchromt statt in klassischer Messingoptik gehalten. „Und jede vierte Glocke wird mit einer Gravur bestellt.“
Auf der Glocke von Marlene und Bert Frisch steht „Heimkehr VII“, der Name ihrer fischkutterartigen Ketsch, mit der sie regelmäßig anspruchsvolle Hochseetörns unternehmen. „Für mich ist die Schiffsglocke traditionell ein unverzichtbarer Ausrüstungsgegenstand an Bord“, sagt Bert Frisch. „Auf sie zu verzichten wäre eine Art Missachtung der Seele des Schiffs.“ Dann allerdings fügt er hinzu, dass die Glocke zwar BSH-zugelassen sei, aber nicht an Deck, sondern im Ruderhaus hänge. „Vor Anker oder bei Nebel habe ich damit noch nie Signale gegeben. Die elektronischen Hilfsmittel wie Radar, AIS und Funk bieten in solchen Situationen doch wesentlich mehr Sicherheit.“
Andere Segler können selbst mit einer Glocke als Dekorationsobjekt an Bord wenig anfangen. Udo Schallenberg sagt zum Beispiel: „Eine Schiffsglocke ist auf einer modernen Yacht doch ein Anachronismus. Die bringt nur unnötiges Gewicht.“ Deshalb habe er schon auf seiner früheren Yacht die vom Voreigner montierte Schiffsglocke entfernt. „Deren Geläut im Seegang hat ständig genervt“, erzählt der gleichfalls erfahrene Küsten- und Hochseesegler. Damit hat Schallenberg zumindest einem Aberglauben den Wind aus den Segeln genommen: Früher deuteten die Seefahrer eine Schiffsglocke, die ohne menschliches Zutun läutete, als Todesomen.
Und auch gegen bestehende Gesetze und Verordnungen hat Schallenberg nicht verstoßen, als er die Glocke von Bord verbannte. Die ist laut Kollisionsverhütungsregeln (KVR) seit 2003 nur noch für große Schiffe ab 20 Meter Länge vorgeschrieben. In der ursprünglichen Fassung der KVR von 1972 musste hingegen noch jedes Schiff ab zwölf Meter Länge zusätzlich zu einer Pfeife auch mit einer Glocke ausgestattet sein.
Heute ist für diese Schiffsgröße hingegen nur noch die fest installierte Schallsignalanlage – meist ein Typhon – Pflicht, die mit dem verwirrenden Begriff „Pfeife“ gemeint ist. Für alle Yachten unter zwölf Meter Länge genügt hingegen die klassische Tröte, sprich, das handliche Nebelhorn, das per Mund geblasen wird.
Die technischen Einzelheiten der Schallsignalanlagen für Fahrzeuge sind in der Anlage III der KVR festgelegt. So muss die für Fahrzeuge ab 20 Meter Länge vorgeschriebene Glocke „in einem Meter Abstand einen Schalldruckpegel von mindestens 110 Dezibel erzeugen“. Und weiter heißt es: „Glocken und Gongs müssen aus korrosionsfestem Material hergestellt werden und einen klaren Ton abgeben. Der Durchmesser des Glockenmundes muss (…) mindestens 30 Zentimeter betragen.“
Über die Einhaltung der geforderten Material- und Klangqualität wacht hierzulande das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH). Stefan Ruff ist dort als Ingenieur für physikalische Navigationsgeräte für die Baumusterprüfungen und Zulassungen zuständig. „Die Glocke ist mit ihrem unverwechselbaren Ton eindeutig vom Typhon zu unterscheiden“, erklärt Ruff, warum verschiedene Schallsignalgeber an Bord sein sollten beziehungsweise müssen. Und er nennt einen weiteren Vorteil: „Bei einem Ausfall der kompletten Elektrik bleibt die Glocke, die laut KVR per Hand bedienbar sein muss, einsatzfähig.“
Hergestellt werden Schiffsglocken seit Jahrhunderten im Sandgussverfahren. Leichtere Glocken entstehen im Messing-Druckguss-, große Kirchenglocken aus Bronze im Lehmformverfahren. Von dem haben Ältere bereits in der Schule während der Lektüre von Schillers „Lied von der Glocke“ gehört.
In Nürnberg führt Frank Bauer in vierter Generation die 1880 gegründete Glockengießerei Ludwig und Georg Bauer. Gemeinsam mit seinem Vater Georg stellt der 55- Jährige jede gewünschte Glockengröße von drei bis 50 Zentimeter Durchmesser her. Das Sortiment umfasst Schweizer Viehglocken, Ausschellglocken für Versammlungen, Tirolerglocken, Souvenirglocken als Andenken anlässlich bekannter Kirchenglockenweihen, Narrenschellen für die Schwäbische Fasnacht oder Pariserglocken für Pferdegeschirre. Und natürlich Signalglocken für Schiffe. Deren Baumusterprüfung erhielten die Bauers vor Jahrzehnten noch vom damaligen Deutschen Hydrographischen Institut (DHI). Die Zulassung wurde 1990 vom BSH übernommen.
Die Produkte aus Nürnberg gehen an Schiffsausrüster in Deutschland und in den Niederlanden. Die größten bringen es auf ein Gewicht von 60 Kilogramm und einen Preis von knapp über 2000 Euro. „Früher haben wir noch jede Woche eine große 50-Zentimeter-Glocke für eine Reederei gegossen, etwa für Tanker“, erzählt Frank Bauer. Heute gehe eine solche Glocke höchstens noch an eine Mission irgendwo im fernen Ausland. Selbst von der KVR-gemäßen 30-Zentimeter-Variante gossen die Bauers nur noch etwa 15 Stück pro Jahr. Erst nachdem 2017 eine der wenigen anderen verbliebenen Gießereien hierzulande, die Firma Kunstguss Harms im niedersächsischen Oldenburg, den Betrieb einstellte, sind es bei den Bauers inzwischen wieder rund 60 mittlere Schiffsglocken jährlich.
Von alters her hat man meist den Schiffsnamen und dessen Baujahr auf dem Klangkörper verewigt. Wurde ein Schiff außer Dienst gestellt, nahm oft ein Mannschaftsmitglied die Glocke als Andenken mit nach Hause. Daher finden sich heute zig Exemplare in zahlreichen Hafenbüros, maritim dekorierten Kneipen und Restaurants, in den Räumen von Segelclubs und natürlich in Museen.
Eine der berühmtesten Schiffsglocken ist die der 1799 gesunkenen Fregatte „Lutine“. Sie hängt seit ihrer Bergung 1858 auf einem Podest im sogenannten Underwriting Room bei Lloyd’s in London, dem ersten und größten Seeversicherer weltweit. Traditionell wurde die Glocke früher ein Mal geschlagen, wenn ein Schiff verloren gegangen war, und zwei Mal, wenn ein verloren geglaubtes Schiff wieder auftauchte. Heute wird bei Lloyd’s nur noch zu besonderen Anlässen geläutet, etwa beim Tod eines Mitglieds der britischen Königsfamilie.
Ob die Schiffsglocke ins Museum gehört oder nicht doch noch ihren berechtigten Platz an Bord hat, darf jeder Besitzer einer herkömmlichen Yacht selbst entscheiden. Im Zweifel ist sie – sollte man unversehens in dichten Nebel geraten – ein Sicherheitsplus.
Im klassischen Dreiwachen-System beginnt die erste vierstündige Wache um 00:00 Uhr. Die gläserne Sanduhr brauchte 30 Minuten für einen Durchlauf. Um 00:30 Uhr wurde die Schiffsglocke entsprechend ein Mal geschlagen und danach die Sanduhr umgedreht. Nach der ersten Stunde der Wache wurde die Glocke zwei Mal (als Doppelschlag) geläutet. Mit jeder halben Stunde kam ein Schlag hinzu. Zum Ende der ersten Wache schlug der Ausguck oder Rudergänger dieser Wache also „acht Glasen“, vier Doppelschläge. Damit begann die zweite Wache, in der um 04:30 Uhr wieder mit einem Glockenschlag geglast wurde.
Anders als in der Sportschifffahrt, in der die Länge der Ankerkette in Metern angegeben wird, verwendet man in der Berufsschifffahrt bis heute den Begriff Schäkel oder Kettenlänge als Maßeinheit. Dabei macht man sich den Umstand zunutze, dass Ankerketten aus mehreren gleich langen Teilen bestehen, die mithilfe von Kenterschäkeln miteinander verbunden sind. Die Länge der Abschnitte, also der Schäkel oder die Kettenlänge, variiert von Land zu Land. So schreibt Eduard Krieger 1910 in seinem „Johows Hilfsbuch für den Schiffbau“, dass ein Schäkel in England 21,95 Meter misst, in Deutschland 25 Meter und in Frankreich gar 30 Meter. Weit verbreitet, auch auf deutschen Traditionsschiffen wie etwa der Brigg „Roald Amundsen“, ist das Maß des italienischen Schäkels: 27,5 Meter. Je ausgelaufenem Schäkel wird die Glocke ein Mal geschlagen.
In Dunst oder Nebel vor Anker liegend müssen Schiffe ab 20 Meter Länge mindestens jede Minute fünf Sekunden lang die Glocke rasch läuten. Ein Fahrzeug, das auf Grund sitzt, muss zusätzlich vor und nach dem raschen Glockenläuten drei scharf voneinander getrennte Glockenschläge abgeben. In der Binnenschifffahrt gibt es zudem weitere Glockenwarnsignale.