85-Meter-SlupProjekt 410 von Royal Huisman vor Fertigstellung

Sören Gehlhaus

 · 25.09.2026

Pfeilform: Der Argentinier Mani Frers verantwortet Konzept, Exterieurdesign und Konstruktion von Projekt 410, das Royal Huisman Ende des Jahres wassert.
Foto: Royal Huisman
Royal Huisman hat neue Bilder vom 85 Meter langen Projekt 410 veröffentlicht. Die weltgrößte Slup soll im November 2026 an den Tiefwasserstandort bei Amsterdam verlegt, dort zu Wasser gelassen und mit ihrem gewaltigen Carbon-Rigg ausgerüstet werden. Auch Foils könnten an Bord kommen.

Themen in diesem Artikel

Projekt 410 wird im November verholt

Als das YACHT-Schwestermagazin BOOTE EXCLUSIV im Mai 2025 bei Royal Huisman zu Besuch war, blieb die größte Halle verschlossen. Kein Kommentar zu Projekt 410. Streng geheim. Wenige Monate zuvor hatten die Niederländer den 85 Meter langen Alurumpf kielabwärts gedreht. Von Frers Design, das Studio von Mani Frers, gab es lediglich eine Darstellung mit leichtem Strich, die einen negativen Steven erkennen ließ. Nun lüftet Royal Huisman den Vorhang – und zeigt doch noch keine realen Aufnahmen.

Ehe der Auftrag 2021 einging, räumte sich die Werft aus Vollenhove zunächst zwei Jahre ein, um die Machbarkeit zu prüfen. Es sei die größte Herausforderung in der über 140-jährigen Werftgeschichte gewesen. ​​Die niederländische Werft verfolgt mit über 350 Mitarbeitenden einen konsequenten Manufakturansatz. Die Fertigung erstreckt sich über eine Fläche von 30.000 Quadratmetern und reicht innen so weit in die Tiefe, dass Rolltreppen drei Ebenen verbinden. Ihre Rümpfe schweißen die Yachtbauer seit 60 Jahren aus Alu. ​Ebenso wenig gibt Royal Huisman den Innenausbau aus den Händen, sogar Leitungs-, Rohr- sowie einen Großteil der technischen Systeme kreiert man selbst.

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Aus Groß- wird Megabaum

Im November 2026 soll Projekt 410 durch das Hallentor rollen und zu Royal Huismans Tiefwasserstandort bei Amsterdam verholt werden. Dort folgen der Stapellauf und das Stellen des unter 100 Meter langen Carbonmasts mit dem passenden Baum. Für Mast, Baum und die integrierte Segelsteuerung ist die Werfttochter Rondal verantwortlich.

Der Mast wurde in einem Stück laminiert: Lage um Lage erhöhte sich der Durchmesser, und immer wieder ging es in den von 62 auf 95 Meter verlängerten Ofen, wo Rondal-Mitarbeiter die Carbon-Spiere bei 100 Grad temperten. Der dreieckige „Megabaum“ ähnelt Sweeper-Varianten und dürfte bei geborgenem Groß für sich bereits eine signifikante Segelfläche darstellen. Der Lümmelbeschlag fällt großformatig aus, der Mast hat reichlich Rake.

Pfeilform, hoher Freibord – und Foils?

Weder Werft noch Konstrukteure erwähnen den Einsatz von Foils, doch heißt es in der Pressemitteilung: Die Konstruktion verbindet einen geringen Tiefgang mit hoher Stabilität, sodass Ziele auch bei sehr geringen Krängungswinkeln erreicht werden können. Es ist nicht anzunehmen, dass Royal Huisman und Frers Design auf physikalische Wunder setzen. Vielmehr ist auf einer Visualisierung der Stummel eines Armes zu sehen, der mittschiffs schräg nach unten eintaucht und zu einem Hydrofoil gehören könnte.

​Projekt 410 soll innerhalb weniger Minuten segelbereit sein und selbst bei leichtem Wind überzeugende Leistungen liefern. Frers Design konzipierte eine Rumpfform als Grundlage, die genügend Volumen für zwei Decks bietet. Das proportional kleine Deckshaus wirkt mit seiner Stealth-Form wie ein überdimensionaler Dodger. Die Linienführung bleibt dabei auffallend flach und langgestreckt.

Mani Frers sagt über den Riss: „Die klaren Deckslinien bilden vom Bug bis zum Heck eine einheitliche Pfeilform, in die das verglaste Steuerhaus integriert ist, während der geneigte Mast und der einzigartig konstruierte Baum das dynamische Profil der Yacht unterstreichen.“

Erst Innenräume, dann die Linien

Die Innenräume wurden von Wetzels Brown gestaltet. Anders als bei vielen Superyachtprojekten begann der Entwurf mit dem Interieur und der gewünschten Nähe zum Meer. Erst danach wurden die Silhouette und schiffbauliche Elemente weiterentwickelt.

Die Amsterdamer Kreativen konzentrierten sich auf die wichtigsten Wohnbereiche auf der Ebene unterhalb des Deckshauses. Große Fenster sollen den Horizont in den Salon holen. Oberlichter und großzügige Raumhöhen sorgen für Tageslicht und einen direkten Blick auf das Rigg.

Achtern verbindet eine Veranda den Innenraum mit dem Beachclub. Dadurch entsteht ein fließender Übergang zwischen Salon, Schattenbereich, Sonnendeck und Wasser. Der hohe Freibord soll zusätzliche Privatsphäre schaffen und die Außenbereiche vor Seegang schützen.

Energie aus dem Segeln

Technisch greift Projekt 410 auf Lösungen aus Royal Huismans Nachhaltigkeitsprogramm Tidal Shift zurück. Dazu gehören die Rückgewinnung von Energie während des Segelns, ein Batteriesystem mit hoher Kapazität sowie ein leiser Betriebsmodus. Die Anlagen sollen den Energieverbrauch an Bord reduzieren und zugleich den Komfort erhöhen. Konkrete Angaben zur Segelfläche oder den Dimensionen des Riggs hat Royal Huisman bislang nicht veröffentlicht. Auch Details zu Tiefgang und Verdrängung sind noch nicht bekannt.

Peter Naeyé, CEO von Royal Huisman, sagt zu Projekt 410: „Das Ziel war nie einfach nur, die größte Slup der Welt zu bauen, sondern eine atemberaubende Segelyacht zu schaffen, die sich der Freude am schnellen Segeln verschrieben hat. Sie nun kurz vor der Fertigstellung zu sehen, erfüllt uns mit großem Stolz. Sie ist eine außergewöhnliche Teamleistung.“

Projekt 410: Der Mast bleibt unter 100 Meter Länge und wird mit reichlich Rake gestellt.Projekt 410: Der Mast bleibt unter 100 Meter Länge und wird mit reichlich Rake gestellt.
Technische DatenProjekt 410
Länge85 m
TypSlup
RumpfAluminium
Konzept, Außen- und YachtentwurfFrers Design
InnenarchitekturWetzels Brown
Mast und BaumRondal, Carbon
SegelsteuerungRondal Integrated Sailing System
BauwerftRoyal Huisman

Buchtipp zur Bestätigung

Vorgeschlagen wird Traumyachten von François Chevalier und Gilles Martin-Raget. Der großformatige Bildband stellt 18 ikonische Segelyachten vor und verbindet historische Einordnung mit 349 Fotografien. Das Buch zeigt, wie stark Yachtentwurf, Konstruktion, Ästhetik und die Geschichte großer Segelyachten zusammenwirken.


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Sören Gehlhaus

Sören Gehlhaus

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV

Sören Gehlhaus wurde 1981 in Berlin geboren und besegelte auf Jollen die Unterhavel, in den Ferien den Ratzeburger See und die Ostsee auf „Dickschiffen“. Zeitgleich mit dem Beginn des Studiums in Lübeck trat 2001 das Kitesurfen auf den Plan, und die intensive Ausübung des neuen Sports sorgte für den beruflichen Schwenk zum Journalismus. Nach Volontariat beim b&d Verlag in Hamburg folgten viele Jahre der redaktionellen Arbeit für ein Kitesurf-Magazin und 2018 der Wechsel zu BOOTE EXCLUSIV.

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