Mini-TransatWie Caroline Boule als erste Frau auf Foils Geschichte schreiben will

Jochen Rieker

 · 22.12.2022

Caroline Boules Mini 6.50 ist ein Design von Sam Manuard, einem der gefragtesten Konstrukteure für Boote auf Foils. Er hat neben ihrem Mini auch einige der schnellsten Imoca 60 gezeichnet, darunter die spektakuläre "Charal 2" mit V-Rudern
Foto: Polaryze/Y. Riou
Spektakuläre Bilder von den frühen Tests des derzeit heißesten Mini 6.50 in der Klasse der Protos

Bisher haben sich Foils in der Mini-6.50-Klasse nicht durchgesetzt. Noch nie gewann ein Proto mit Tragflügeln das Mini-Transat. Caroline Boule will das ändern, gleich bei ihrer Premiere – mit einem radikalen Ansatz

Bei den Imoca 60, die Mitte Januar in Alicante zum Ocean Race starten, liegt die Quote der Foiler bei 100 Prozent. In der Prototypen-Wertung der Mini 6.50 dagegen schien es fast so, als sei das Thema Tragflügel abgehakt.

Zwar dominierte Tanguy Bouroullec, Sohn von Pogo-Structures-Chef Christian Bouroullec, mit seinem „Pogo Foiler“ in nahezu allen Qualifikationsregatten fürs Mini-Transat 2021, doch nicht beim entscheidenden Saison-Höhepunkt, wo er nur Platz 3 erreichte.

Jörg Riechers, der 2017 seinerseits mit einem Foiler antreten wollte, gab seine ursprünglichen Pläne auf und belegte damals mit seinem Plattbug-Mini „Lilienthal“ trotz der Konfiguration mit herkömmlichen Steckschwertern Platz 2 bei den Protos. Für ihn war das Kapitel damit abgeschlossen. „Im Seegang sind Foils keine Lösung“, sagte er überzeugt. „Der Mini ist zu klein, um auf Tragflügeln zu segeln.“

Ingenieurin und Seglerin, beides aus großer Leidenschaft: Caroline Boule Foto: carolineboule.com
Ingenieurin und Seglerin, beides aus großer Leidenschaft: Caroline Boule

Caroline Boule glaubt das nicht. Im Gegenteil: Für sie sind Foils die Zukunft, auch und gerade in der Mini-6.50-Klasse. Und sie ist dabei, es zu beweisen. Ihr neuer, bei Multiplast gebauter Proto mit Bug-Nummer 1067 hat bereits etliche Flugstunden hinter sich, bei Geschwindigkeiten von bis zu 25 Knoten. Was aber fast noch mehr beeindruckt: Er funktioniert auch bei Leichtwind!

Die Konstruktion stammt von keinem Geringeren als Sam Manuard, der gerade in allen Offshore-Klassen vom Mini über Class 40 bis zu den Imoca 60 zu den gefragtesten Architekten zählt – und so ganz nebenbei auch im America’s Cup mitmischt. Mit ihm hat Caroline Boule einen Bruder im Geiste gefunden, der wie sie fest an die Machbarkeit und Überlegenheit von Minis mit Foils glaubt.

„Wir haben noch nicht gesehen, wozu foilende Boote wirklich imstande sind“, sagt die Ingenieurin, die in der Moth-Klasse ihr Faible fürs Fliegen entdeckt und ihre laufende Promotion an der Ecole Polytechnique in Paris derzeit ausgesetzt hat, um genug Zeit für ihr jüngstes Projekt zu finden. Für sie ist der Mini ein Kulminationspunkt, in dem sie ihre beiden größten Leidenschaften zusammenbringen kann: komplexe Entwicklungsaufgaben zu lösen – und schneller zu segeln als der Wind.

Ihre Analyse der bisherigen Mini-Foiler fällt messerscharf aus: „Die Tragflügel waren zu klein oder zu instabil.“ Weder T- noch C-Foils seien die richtige Lösung, weil Erstere zu instabilen Auftrieb liefern und Letztere zu viel Abdrift, was zusätzliche Schwerter nötig macht, die wiederum mehr Komplexität und Gewicht mit sich bringen

Womit Caroline beim zweiten Problemfeld angelangt ist: dem Gewicht. „Die bisherigen Mini-Foiler waren zu schwer, weshalb die Boote bei Leichtwind chancenlos blieben.“ Ihre Baunummer 1067 dagegen wiege weniger als die aktuellen Protos von David Raison – trotz der enorm weit ausladenden Tragflügel, die pro Stück „deutlich unter 20 Kilogramm“ blieben. Zudem lassen sie sich so weit einziehen, dass sie bei Leichtwind die benetzte Fläche praktisch nicht vergrößern.

Die bisherigen Tests vor Lorient, bei denen auch Sam Manuard an Bord war, seien extrem vielversprechend verlaufen, sagt Boule, deren Begeisterung mühelos die mindestens ebenso beeindruckende Rationalität der Forscherin überflügelt. „Wir sind von Beginn an stabil gefoilt“, sagt sie. Dank der T-förmigen Trimmklappen an den sehr tief reichenden Ruderblättern, den sogenannten Elevatoren, funktioniere ihr Mini ungeachtet seiner Größe problemloser als ein Imoca.

Schon ab sechs Knoten Wind produzieren die Foils genug Auftrieb, um den Rumpf so weit aus dem Wasser zu heben, dass er nur noch leicht die Oberfläche berührt. Ab acht Knoten Wind hebt er komplett ab. Bei frischer Brise hat er mühelos 20, in der Spitze 25 Knoten Fahrt erreicht – allerdings noch von Hand gesteuert. Das aber soll bald auch unter Autopilot gelingen, sagt Caroline Boule.

Auf ihrem Boot arbeitet die neueste Hard- und Software von NKE, die selbstlernend ist und über „Super Modes“ verfügt, die innerhalb definierter Bandbreiten radikale Kursänderungen zulassen, um beim Foilen noch schneller zu werden. Nur bei grobem Seegang hat die in Polen geborene Tochter eines Franzosen ihren Mini 6.50 noch nicht getestet. Das steht als Nächstes auf dem Programm. Ihr Vertrauen in die Konstruktion ebenso wie in die Bauqualität und Festigkeit ist aber so groß, dass sie sich deswegen keine Sorgen macht.

Als Novizin im Einhand-Hochseesegeln wie in der Mini-Klasse hat sie sich ein simples Vorbereitungsprogramm fürs Mini-Transat verordnet: „Mein Plan ist es, so viel wie möglich zu segeln, auch im Winter.“ In ihrem ungekünstelten Auftritt, ihrem erfrischenden Selbstvertrauen und in ihrer Überzeugungskraft erinnert sie an Clarisse Cremer, die – ebenfalls ohne Vorerfahrung im Mini – 2017 aus dem Stand Zweite der Serienwertung wurde (und voriges Jahr Zehnte und damit beste Frau bei der Vendée Globe!).

Das große Rennen, auf das Caroline Boule hinarbeitet, startet im September in Les Sables-d’Olonne und führt über einen Zwischenstopp in Gran Canaria nach Guadeloupe. Sie will im Ziel gleich zwei Missionen erfüllen: Die erste Frau zu sein, die das Transat gewinnt, und die Erste, die auf einem Foiler siegt. „Der einzige Weg dahin führt über Training“, sagt sie.

Außer ihr hat vor wenigen Wochen auch Carlos Manera einen Foiler zu Wasser gelassen, den Sam Manuard gezeichnet hat. Anders als Boule setzt der 24-jährige Spanier jedoch auf einen Kompromiss: Sein Boot hat C-förmige Foils und ist daher am Wind auf Schwerter angewiesen. Manera hat 2021 bereits das Mini-Transat gesegelt, bringt also mehr Erfahrung in der Klasse mit. Es wird spannend sein, die beiden Newcomer in der Proto-Wertung zu verfolgen.

Mehr zu Caroline Boule und ihrem jüngsten Projekt auf ihrer Homepage (hier klicken!)