Enzo Ferrari war nie jemand, der den einfachen Weg suchte. Als er 1929 die Scuderia Ferrari gründete, tat er das nicht, weil es vernünftig war – sondern weil er an etwas glaubte, das größer war als Vernunft. Aus einer kleinen Rennmannschaft in Maranello wurde eine der ikonischsten Motorsport-Dynastien der Geschichte. Dutzende Formel-1-Weltmeisterschaften, Siege in Le Mans, Spa und Monza – gebaut auf dem Fundament eines einzigen Prinzips, das bis heute die DNA der Marke prägt: „Das Unbequeme wagen, um Neues zu schaffen.“ Genau dieser Geist lebt im Projekt Hypersail weiter.
Was passiert, wenn Ferrari seine über Jahrzehnte verfeinerte Motorsport-Kompetenz auf die Welt des Segelns überträgt und Geld dabei so gut wie keine Rolle spielt? Die Antwort ist ein 30 Meter langer Offshore-Racer, der die Grenzen zwischen Regattayacht und schwimmendem Technologielabor vollständig verwischt. Wie einst die Scuderia die Formel 1 neu definierte, soll Projekt Hypersail nun den Segelsport revolutionieren. Diesmal allerdings nicht mit Verbrennungsmotor und Schaltsekunde, sondern mit dem konsequenten Verzicht auf fossile Energie.
Der foilende Monohull setzt dabei auf ein intelligentes Zusammenspiel aus Solar- und Windstrom sowie die Muskelkraft der Crew. Herzstück ist ein neu entwickeltes Energiemanagementkonzept, das sämtliche Bordsysteme elektrisch versorgt – vollständig autark, auch unter extremsten Offshore-Bedingungen. Hypersail ist weit mehr als ein Projekt. Die aero- wie hydrodynamisch vom „Magier der schnellen Linien“ (Heft 6/25) Guillaume Verdier optimierten 30 Meter aus Carbon sind längst im Bau und bald bereit für die ersten Flugstunden.
Mit dem Lösen des Rumpfes aus der Form schloss das Team kürzlich die erste Phase des ambitionierten Projekts ab. Dass die Herkunft des foilenden Segel-Boliden unverkennbar ist, dafür sorgte der Head of Design von Ferrari, Flavio Manzoni, in enger Abstimmung mit Konstrukteur Verdier. Wer genau hinsieht, erkennt einige Parallelen aus der Welt des Rosso Corsa, jener roten Farbe, die eng mit der Marke Ferrari verbunden ist.
So erinnert die stromlinienförmige Silhouette des Rekordjägers an die Proportionen des Ferrari Monza SP1/SP2, während das Deckshaus Grafik-Elemente des Le-Mans-Siegers 499P aufgreift. Die Lackierung kombiniert „Grigio Hypersail“ – der natürliche Grauton des Carbon-Rumpfs – mit dem „Giallo Fly“, einem Gelbton mit historischer Bedeutung, der erstmals am 275 GTB auftauchte. Das Gelb an Aufbauten, Foils und Rumpflinien zitiert die Farbgebung des legendären 512 BB und schafft eine emotionale Verbindung zur Ferrari-DNA.
Das Projekt tritt nun in eine neue Phase ein, die sich auf die Installation technischer Systeme, deren Validierung sowie die funktionale Integration konzentriert – begleitet von einer kontinuierlichen Leistungsoptimierung. Profisegler und Ausnahmeathlet Enrico Voltolini ist der Leiter des außergewöhnlichen Offshore-Racing-Projekts. Er arbeitet eng mit dem Head of Vehicle Engineering Ferrari und Chief Technology Officer Hypersail, Matteo Lanzavecchia, zusammen. Außerdem mit an Bord: der technische Teamleiter Marco Ribigini. Das enthusiastische Dreiergespann koordiniert gemeinsam eine der derzeit weltweit anspruchsvollsten One-off-Entwicklungen des modernen Bootsbaus.
Bevor die ersten Kohlefasermatten mit Harz getränkt werden konnten, durchlief das Projekt eine intensive Validierung, wie CTO Matteo Lanzavecchia erläutert. „Wir testeten das Boot über viele Monate in einer komplexen digitalen Simulation. Während dieser langwierigen Simulations- und Validierungsphase mit bis zu 13 Stunden Rechenlaufzeit pro Tag modellierten wir das Verhalten des Foilers unter realen Ozeanbedingungen: Windverläufe, Seegangsmuster, Energieflüsse, Aktuatordynamik und Systemausfallszenarien“, so der Experte aus Maranello. Diese Simulation war kein akademisches Übungsfeld, sondern Grundlage jeder Designentscheidung – von der Platzierung der Solarpaneele über die Dimensionierung der Batterien bis zur Auslegung der Winschen.
Mit dem Ferrari-Hypersail-Projekt werden technologische und leistungsbezogene Maßstäbe in einer der härtesten Umgebungen der Welt neu definiert. Performance-Booster für das knapp 30 Meter lange Ausnahmeboot sind Flügel in vier Varianten: Elevator am Ruder, drehbare T-Foils an den gebogenen Armen und eine horizontale Tragfläche am Ende der Kielbombe. Die wiederum hängt an einem Canting-Kiel, den es bei voll foilenden Seglern dieser Größe noch nicht gab. Sind beide Foil- Arme heruntergeklappt – das kann über Wenden und Halsen hinaus auch bei Starkwind Stabilität verleihen –, kommt der Carbon-Bolide auf eine maximale Breite von 20 Meter. Mit dieser zugleich gewagten wie extremen Mischung dynamischer Auftriebshilfen betritt das Hypersail-Team um Guillaume Verdier Neuland.
Einen Technologietransfer aus der Welt der Sportwagen gibt es in vielerlei Hinsicht. In mehr als 20 Jahren Entwicklungsarbeit bauten die Ferrari-Ingenieure ein tiefes Know-how im Bereich aktiver Fahrwerksregelung auf. Das neue Elektroauto Luce etwa verfügt über vier unabhängige E-Motoren, die jeden einzelnen Reifen in allen drei Freiheitsgraden – Vertikalbewegung, Rotation und Wanken – präzise steuern. Genau dieses Steuerungswissen wird nun auf den Foiler übertragen. Diese Einheit mit zwei integrierten Elektromotoren, ausgelegt für 800 Volt, wurde für Hypersail adaptiert und um 90 Grad gedreht eingebaut. Einerseits treibt der E-Motor den Propeller an, der ausschließlich für das Manövrieren im Hafen genutzt wird. Sobald das Boot auf den Foils fliegt, wird er nicht mehr benötigt. Darüber hinaus versorgt dieselbe Achse eine Hochdruckpumpe, die das gesamte Hydrauliksystem für Foilsteuerung und Trimmsystem speist.
Auch die Aerodynamik-Experten aus Maranello kamen zum Zug. Beim Supercar F80 steht maximaler Abtrieb im Vordergrund, beim Luce minimaler Luftwiderstand. Die Simulationsmethodik, die Ferrari für beide Fahrzeuge entwickelte, wurde direkt auf die Foilgeometrien des Hypersail angewendet.

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv
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